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Central-Verein-Zeitung · 1930-11-14 · 46 (14.11.1930) · p. Seite 594

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
46 (14.11.1930)
Date
1930-11-14
Page
Seite 594 (sequence 6)
Language
German
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594 A. Herrmann&Sohn BERLIN W 50 Ansbacher Strasse 42/43. B 4, BAVARIA 5947. Schokoladen / Gebäck / Tee Feines Teegebäck von M. 0,98 an Dr. Fromm’s Nährmittel für Zuckerkranke. Bedrohung des staatlichen Bestandes durch bewaffnete Haufen und die Fügsamkeit der staatlichen Organe gegenüber diesen Drohungen. Der Ministerpräsident Graf Lerchenfeld, der die Begriffe eines Rechtsstaates in Bayern zu erhalten suchte, mußte weichen. Woche für Woche riefen die Plakate der Hitler-Partei offen zum Putsch, zur Aechtung aller republikanischen Bürger, zur Verfolgung der Juden aus. Das; bayerische Richter sich so hartnäckig der Aushebung des unhaltbaren Fechenbach-Urteils widersetzten, zeigte ihre parteipolitische Voreingenommenheit. Partikularistische und separatistische Gedankengänge mischten sich mit dem amtlich beschützten ertremen Nationalismus. Am 1. Mai 10*2-3 durste Hitler auf Oberwiesenfeld mit Kanonen und Maschinengewehren seine Truppen versammeln, um die legale Demonstration der Arbeiter in Blut zu ertränken. Rur der Entschlußkraft eines einzigen Mannes von Rechtsgefühl, des Innenministers Schm eher, war es zu danken, daß diese Trupps nicht etwa entwaffnet, aber wenigstens an der Ausführung ihrer Absicht gehindert wurden. Und als die Hitler-Bewegung der Regierung selbst über den Kopf wuchs, als sie Herrn v. Kahr mit Generalvollmacht zu ihrer Bekämpfung betraute, was geschah da? Kahr suchte Hitler zu übertrumpfen, er riß den bayerischen Staat, das bayerische Heer los von der Reichsautorität, er vertrieb Menschen, Juden, die seit Jahrzehnten in München ansässig gewesen wareu> und die auf ihre vollkommen einwandfreie Führung schon bei den großen Ausweisungsaktionen im Frühjahr 1919 und 1020 geprüft worden waren, aus der Stadt und aus dem Lande, er enteignete sie — die Beschlagnahmeversügungen über solche jüdischen Geschäfte klingen nündestens so „bolschewistisch" wie irgendwelche Aktionen der bayerischen Räterepublik —, man nahm keine Rücksicht auf die Verzweiflung derer, die anderswo keine Erwerbsmöglichkeiten finden konnten, aus guten Ruf und moralische Verdienste. Das alles geschah gewiß nicht, weil Herr Kahr etwa ein fanatischer Antisemit gewesen wäre, sondern weil er seine völkische Gesinnung aus politischen Gründen beweisen wollte. An dem halben Tag, den die Alleinherrschaft Hitlers über München dauerte, sind Republikaner, weil sie verfassungstreu waren, sind Juden, weil sie Juden waren, und sind ganz gewöhnliche, harnckose Bürger, weil sie den Hitler-Leuten aus irgendeinem Grunde aufgefallen waren, von Banden mit Handgranaten und Gewehren aus ihren Wohnungen geschleppt, in Sammelstellen gebracht unb mit dem Tode bedroht worden. Als aber Herr v. K a h r die Macht wieder in der Hand hatte, als er schließlich diese- Macht abgeben mußte an eine neue bayerische Regierung, da sind diese Taten nicht etwa bestraft worden, sondern das Nechtsbewußtsein hatte sich damit zu begnügen, daß Herr Hitler selbst und einige seiner nächsten Mitarbeiter auf sehr kurze Frist in ehrenvolle Hast wunderten und daß der General v. Lossow in Pension gehen mußte. Man kann es Leuten, die, wie Herr Tim Klein denken, nicht deutlich genug sagen: Jedes Ressentiment, jedes Rachegefühl, jede Leidenschaft wäre bei einem Juden, bei einem Re- ' publikaner, der diese Zeiten in Bayern erlebt hat, menschlich gerechtfertigt. Herr Klein weift Feuchtwanger darauf hin, „daß von 17S9 an die edelsten Frauen und Männer Frankreichs aufs Schafott steigen mußten in der Form Rechtens — weil sie der Gegenrevolution verdächtig waren oder nur weil sie überhaupt da waren". Feuchtwanger müsse auch wissen, „daß int Rußland der Sowjets Millionen unschuldiger Menschen verhungert, gernnrtert, ermordet worden sind". Daß der Kritiker dem Verfasser des Buches „lebhafte Sympathien für die Sowjetrevolution und für die Sowjetrepublik" unterstellt, zeugt von einer weniger genauen Lektüre, als inan sie von einem so strengen Richter erwarten sollte. Denn Feuchtwanger spricht in seiner Chronik des unmenschlichen Zeitgeschehens ausdrücklich von den Grausamkeiten der Sowjets, und wenn es in seinem Roman auch zwei sehr sympathische Konununisten gibt, so wird ihr Kommunismus und besonders ihre materialistische Geschichtsauffassung überhaupt nie erwähnt, ohne daß Feuchtwanger sich offenkundig darüber lustig macht. „Er muß wissen", so erklärt Tim Klein, „daß immer und überall in solchen Zeiten ,Gerechtigkeit stets nur auf der Seite der gerade siegreichen Partei steht.^und daß unsühnbare Verbrechen von beiden Zeiten geschehen." Warum ist es denn im übrigen Deutschland in der gleichen Zeit gelungen, den Widerstand der Staatsgewalt gegen solche „unsühnbaren Verbrechen" so wirksam zu organisieren, daß die dortigen Zustände mindestens von 1921 an mit den bayerischen Zuständen nicht mehr vergleichbar waren? Aber einmal angenommen, Herr Klein hätte recht: Würde er einem französischen Emigranten, der der französischen Revolution nicht gerecht zu Werden versteht, oder einem russischen Bürger, der gegen die Sowjets nichts zeigt als Haß, etwa das menschliche Verständnis versagen? Er würde gewiß, wie wir alle, finden, daß es mindestens kein Laster ist, wenn jemand durch ein solches Erleben seine Unparteilichkeit einbüßt. Er würde höchstens meinen, daß der literarische Wert eines Buches, nicht der menschliche Wert seines Autors, unter dieser Einseitigkeit leiden kann. Hätte er nichts weiter als dieses gegen Feuchtwanger gesagt, so hätte er damit ebenso recht gehabt, wie er mit seiner menschlichen Herabwürdigung unrecht hat. * Feuchtwanger hat, wie Klein richtig feststellt, weder ein leidenschaftliches Raeeuse noch eine kühl abwägende Darstellung mit der Distanz des guten Geschichtsschreibers geschrieben. Warum hat seine Leidenschaft einen Bruch erlitten, die sie nicht zur flammenden Anklage werden läßt? Es bedarf keiner sachkundigen literarischen Kritik, zu der ich mich nicht berufen fühle, um das zu sehen: Feuchtwanger hat als Geschichtsschreiber Thesen aufgestellt, die das Handeln der Menschen, über die er als Romanschriftsteller schreibt. Zeitgeschichtlich erläutern, erklären, unterstreichen sollen. Als Geschichtsschreiber will er anklagen: er verweigert dem Land und der Epoche Verständnis und Entschuldigung. Nur an wenigen Stellen ist da ein Ansatz erkennbar, über die Polemik hinaus die Ursachen des Geschehens nuszuzeigen. Die Menschen aber handeln keineswegs so, wie es nach diesen Thesen sein müßte. Sie sind lebendig, sie folgen ihrem eigenen Gesetz, Feuchtwanger hat sie verstanden, sie sind gut und richtig gesehen, und Feuchtwanger schafft ihr Dasein und Handeln aus einem sehr liebevollen Gestaltungswillen. Würde man sich alle politischen Thesen aus dem Buch wegdenken samt den Aeußerlichkeiten, die Feuchtwanger seinen Personen anhestet, um die von ihm als Geschichtsschreiber postulierte unglaubliche Spießigkeit der Bayern genügend darzustellen — zum Beispiel, daß sie jeden ihnen unsympathischen Menschen als „Schlawiner" bezeichnen und in keiner Lebenslage irgend jemanden anders anreden als mit „Herr Nachbar" — würde mau also das Land Bayern nur aus dem Wesen der Menschen kennenlernen wollen, die Feuchtwanger hinstellt, daun käme man zu dem Urteil: Bayern ist ein herrliches Land. Die Dummköpfe sind noch nicht einmal so dumm wie anderswo, die Intriganten sind nicht ganz so bösartig und haben jedenfalls mildernde Umstünde, weil sie viel kultivierter sind, die anständigen Leute aber sind so unglaublich tapfer und — bei aller oberflächlichen. Untreue — so treu, daß sich eigentlich alle- Bayern bei Feuchtwanger sehr bedanken, müßten. Als geborener und leidenschaftlicher- Münchener will ich Feuchtwanger da nicht widersprechen. Jedenfalls hat er als Romanschriftsteller mehr Recht denn als Geschichtsschreiber. Bedenken habe ich nur dort, wo die politischen P e r s o n e n, die der Dichter beschreibt, ihm nicht nur seine eigenen Thesen zerstören, sondern der Oefsentlichkeit eine Ge- . s ch i ch t s l e gie n d e suggerieren könnten. Den Generalstaatskommissar v. Kahr, den Feuchtwanger unter dem Rainen Dr. Flaucher auftreten läßt, hat er im Augenblick der tragischen Entscheidung beim Hitler-Putsch alles Unbedeutende verlieren lassen und mit großer dichterischer Ueberzeugungskrast aus ihm einen Alaun geschaffen, der sich selbst moralisch zum Opfer bringt, um seine Staatsidee zu retten. Die Freunde des Herrn v. Kahr haben niemals eine so glänzende Rechtfertigung für das Handeln des Generalstaatskommissssars am 8. November 1923 gesunden. Aber ich glaube es Feuchtwanger nicht, daß seine Schilderung auf Herrn v. Kahr wirklich zutrifst. Sehr schade, daß Feuchtwanger seine eigenen Geschöpfe nicht angesehen hat, als er seine politischen Thesen schrieb. Alles menschliche Verständnis für sein Ressentiment schließt natürlich nicht aus, d a ß m a n m i t Ressentiment keine gute G e s ch i ch t e s ch r e i - b e n knn n. Feuchtwanger hat einen ungeheuer interessanten Stofs —- immer nur, soweit er Geschichtsschreiber sein will —- ins Banale heruntergezogen. Seine Thesen sagen: Seht, im Anfang des 20. Jahrhunderts gab es noch einen Fleck in Deutschland, wo man so unglaublich rückständig war, daß die merkwürdigsten und kulturwidrigsten Dinge geschehen konnten. Nun, daß sich rückständige Leute rückständig benehmen, ist nicht weiter bemerkenswert, und. zwei Bünde von Belegen wären dafür zu viel. A b e r d i e Wirklichkeit i st ja viel interessanter gewesen. Warum ist eine Stadt, die vor dem Krieg nicht nur eine geistige, sondern besonders eine humane Stadt war, warum ist ein Bolksstamm, der gewiß derb, aber gerade das Gegenteil von brutal ist, ein Land, in dem man wärmer und herzlicher miteinander umgeht als anderswo und in dem ein ursprüngliches Gefühl für das gleiche Recht aller Menschen lebt, zum Träger einer Politik der Brutalität und des gegenseitigen Hasses geworden? Eine Antwort darauf läßt sich gewiß nicht in den paar Zeilen eines kurzen. Aussatzes formulieren. Aber wenn Feuchtwanger schon Geschichte schreiben wollte, dann hätte er schildern müssen, wie die ganze deutsche Reaktion von Rheinland-Westfalen bis nach Ostpreußen in diesen Jahren ihre moralischen und geldlichen Kräfte darauf konzentrierte, Bayern verrückt zu machen. Er hätte von den zahllosen preußischen Offizieren sprechen müssen, die sich in Bayern überall auf dem Land ankauften, weit sie unter dem. Regime Kahr eine Erneuerung von Monarchismus und Nationalismus erhofften, und die nun unter den Menschen der bayerischen Dörfer und Kleinstädte zu Predigern des Hasses wurden. Es wäre von dem aus Mißverständnis entstandenen Bund zu reden gewesen, zwischen den norddeutschen „Emigranten" und den bayerischen Monarchisten, von denen die einen einen Heerkönig wollten, die andern einen vornehm-gemütlichen Bolksrepräsentanten, der für Ordnung und Recht sorgen, die ^Beamten überwachen und die Würde des Staates Bayern gegen das Reich vertreten sollte. Und ein wirklicher Geschichtsschreiber hätte auch nicht nur erwähnen, sonder schildern müssen, wie dieses Volk von Mittelstündlern, Bauern und Juristen, das Unglück der Inflation nicht begreifen konnte und einen Teufel brauchte, dein es die Schuld dafür ausbürden konnte, und wie e8 deshalb eine Art Befriedigung gewarnt, als man ihnen die Juden nannte. Auch über die Kräfte, die gegen das Regime Kahr und gegen die Hitler-Bewegung wirkten, wäre mehr'zu sagen gewesen, als bei Feucht-

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