Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 46 (14.11.1930)
- Date
- 1930-11-14
- Page
- Seite 593 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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S9Z ein Bedürfnis ist, mit Kameraden einer schweren Zeit Erinnerungen auszutauschen, aber man bekämpft die judenunfreundliche Haltung doch nicht damit, daß man gar nicht oder kaum in Erscheinung tritt. Unterstützt man damit nicht vielmehr jene häufig geäußerte Meinung: „es muß nur wenig jüdische Frontsoldaten gegeben haben, denn ich sehe keine in unseren Reihen!" Teilweise vielleicht berechtigte Ursachen einer solchen bedauernswerten Zurückhaltung sind nicht bekannt oder sie werden v e r kannt. Tretet doch hin zu unseren Kameraden von einst und saget: Ich bin da, kennst du mich noch, Kamerad, oder willst du mich nicht kennen! Wollen wir etwa Zweifel an unserer kameradschaftlichen Gesinnung auskommen lassen, wenn wir sernbleiben! Und zum andern: Wir sind nicht da, wenn es sich um Rechte, die den Juden angehen, handelt. Daß ein jüdisches Kriegervereinsmitglicd — auch gegen eine Mehrheit — durch männliches Eintreten für den Gedanken der Gerechtigkeit und des gleichen Rechts zu wirken, zu werben und zu siegen versteht, das durch Beispiel zu erhärten, verbietet der Raum. Der Vorgang des Persönlichen Boykotts und des Hinausdrängens aus solchen Vereinen ist eine Seltenheit. Auch hier sollte man nicht dem ersten Drucke weichen, sondern man zwinge den betreffenden Verein zu einer klaren Stellungnahme. Es bedeutet für jeden Verein einen schweren Entschluß, ein tadelfreies V'ereinslnitglied durch Mehrheitsbeschluß auszuschließen. Dabei wird doch manchem einstigen Kriegskameraden, der den Juden vom Felde her kennt, das Gewissen Pochen. Wir müssen hinein in die.Verei ne und müssen lernen, für uns selbst durch uns selbst zu zeugen. Zeigen wir doch in der Gesellschaft der christlichen ^Mitbürger, daß wir Menschen sind wie sie, mit Fehlern, aber auch mit liebenswerten Eigenschaften. Gewiß, wir werden den Haß nicht töten, aber wir werden beweisen, daß wir nicht jenem Bilde unbedenklicher und böswilliger Agitatoren gleichen, das uns schwarz in Schwarz malt. Der Nobelpreisträger Rar! Lanöfteiner Zum drittenmal ist der Nobelpreisträger für Heitkunde einem großen jüdischen Mediziner verliehen worden. Wie die beiden ersten jüdischen Nobelpreisträger für Medizin, der Frankfurter Pathologe Geheimrat Professor Dr. Paul Ehrlich (1908) und der Berliner Physiologe Professor Dr. M e h e r h o f (1928), ist auch Professor Dr. Karl Landsteiner, der vor wenigen Tagen mit dem medizinischen Nobelpreis für 1930 ausgezeichnet wurde, deutscher Herkunft. Geborener Wiener, hat Landsteiner bis 1919 an einem Krankenhaus seiner Heimatstadt gewirkt, bis ihn nach vorübergehender Tätigkeit im Haag das Rockefeller- Jnstitut nach New Dork berief. Der Name Landsteiner ist eng verbunden mit der Blutgruppenreaktion, die die Grundlage für die moderne Transfusionstherapie geschaffen hat. Der Völkerbund hat die Bezeichnung „Landsteinerfche Reaktion" in diesen: Sommer zur internationalen Anwendung empfohlen; die Zuerkennung des Nobelpreises gilt vornehmlich dieser Entdeckung. Die Bluttransfusion war seit Jahrhunderten ein Heilmittel, das nur in verzweifelten- Fällen angewandt wurde, weil es oftmals Lötete, anstatt zu helfen. Die Ursache der heimlichen Unglücksfälle konnte trotz vieler Bemühungen nicht ausgefunden werden, bis Landsteiners Entdeckung das „Rätsel der Transfusion" löste. Jetzt verdanken viele Menschen dieser Methode die Erhaltung ihres Lebens. Karl Landsteiner eröffnet würdig das zweite Dutzend der jüdischen Nobelpreisträger. Ihm voran gingen sieben deutsche und fünf ausländische Gelehrte jüdischen Glaubens, und zwar außer den schon genannten Aerzten drei Chemiker, vier Physiker, ein Philosoph und zwei Friedensförderer. Lion Feuchtwangers Roman „Erfolg, drei Jahre Geschichte einer Provinz" spielt in Bayern in den Jahren 1920 bis 1923. Er ist ein Mittelding zwischen Roman und Geschichtsschreibung: Nicht ein historischer Roman, dessen künstlerisches Objekt die Menschen wären, die Geschichte machen, sondern zum einen Teil ein Abrollen menschlicher Schicksale, die sich nicht unbedingt gerade im Lande Bayern in diesen Jahren abspielen müßten, und zun: anderen: Teil Schilderung der politischen Ereignisse jener Zeit, geschrieben vom Standpunkt eines Historikers künftiger Jahrzehnte. Daß diese beiden Elemente mehr äußerlich zusannnengesetzt als innerlich verwoben sind, macht zum guten Teil die Problematik des Buches aus. Nicht unbedenklich ist aber auch die Geste, mit der ein gegenwärtiger Dichter als Interpret der Meinungen künftiger Geschlechter auftritt. Wer zu den Lebenden überzeugend zu sprechen versteht, braucht sich nicht noch zusätzlich eine fiktive Autorität von den Menschen späterer Jahrzehnte zu borgen, zumal es doch nur sür einen sehr mechanisch aufgefaßten Fortschrittsglauben sicher ist, daß diese unsere Ggenwart besser verstehen und Richtigeres darüber zu sagen wissen werden als wir selber. Ehe man über das Buch selbst im einzelnen spricht, ist ein Wort der Abwehr nötig gegen die Aufnahme, die es bei einem Teil der öffentlichen Meinung in Bayern gefunden hat. In den „Münchner Neuesten Nachrichten" hat Tim Klein unter der Überschrift „Ein Buch des Hasses" den Roman Feuchtwangers nicht nur aus Gründen der literarischen Kritik abgielehnt, was selbstverständlich sein gutes Recht war, sondern er hat den Autor geschmäht und ihm dem Sinn nach menschliche Minderwertigkeit vorgeworsen. Das Buch sei „keine geistige Waffe, sondern die Ausgeburt eines Ressentiments, das kaltblütig, boshaft, zum Teil schmutzig ist". „Perfide Rachsucht" habe Feuchtwanger geleitet, er sei skrupellos in seinen Mitteln, „und dabei so töricht, daß er gar nicht merkt, wie er das eigene Ziel verfehlt". Klein fürchtet von diesem Buch eine Zunahme des Antisemitismus, den er selbst, wie er erklärt, aufs schärfste ablehnt. „Der mit bösem Gift getränkte Pfeil wird auf ihn und Unschuldige notwendig zurückprallen. Um die Ehrlichen, Unschuldigen, die das treffen wird, bin ich besorgt." Tim Klein hat offenbar nicht begriffen, was die Jahre 1920 bis 1923 für einen freiheitlich empfindenden Menschen und für einen Juden bedeutet haben, wenn er in Bayern lebte. Fenchtwanger hätte nach seiner Meinung anerkennen sollen, „daß in Bayern und München in den Jahren nach der Revolution und besonders nach der sogenannten Räterepublik eine scharfe Gegenwirkung nach den: Gesetz der Reizreaktion eintreten mußte". Die Novemberrevolution ist in Bayern vollkommen unblutig verlausen. Erst mit der Tat des Grafen A r c o begann eine Periode von zweieinhalb Monaten der Verwirrung. Außer dem Affektverbrechen des Metzgers Lindner, der am Todestag E i s n e r s zwei Bürgerliche im Landtag erschoß und den sozialdemokratischen Führer Auer lebensgefährlich verletzte, war die einzige brutale Grausamkeit, die in dieser Zeit von den Revolutionären geschah, die Ermordung der neun Geiseln im Luitpold-Gymnasium. Mau kann es verstehen, daß nach dem Sturz der Räterepublik durch die einrückenden Regierungstruppen in der ersten Wut des Kampfes und in der Erbitterung über den Geiselmord manches geschehen ist, was sich bei ruhigem Urteil nicht billigen läßt. Die Niedermetzelung wehrloser Gefangener, die Ermordung Unschuldiger, keineswegs nur in der ersten Hitze nach den: .Kampf begangen, wird auch dadurch nicht entschuldigt. Aber durfte man Revolution und „Reizreaktiorw nicht für abgeschlossen halten, als nach der blutigen Niederwerfung der Räterepublik der bayerische Landtag mit einer Mehrheit aus Sozialdemokraten und Bürgerlichen dem Lande eine Verfassung gegeben hatte? Natürlich sagt uns kein' geschichtliches Gesetz, wie weit eine Gegenwirkung trägt. Man kann aud) verstehen, daß die Angst des Bürgertums in der Räterepublik größer umv, als nach den äußeren Vorgängen gerechtfertigt schien. Dein: die geringe Zahl der Opfer erklärt sich nicht etwa aus humaner Gesinnung der regierenden Kommunisten, sondern ans der Unsicherheit ihrer Herrschaft und ans dem Abscheu der Münchener Arbeiterschaft, die ja nur zu einem geringen Teil aus Kommunisten bestand, vor II!l!>IiI!!!IlI!III!!ii!I!IiIIIII!iIiIII!!!!!!Ii!!II!!!III!'I!!!!!!II!I!!HiI?iI!l!H!!jH!!j!!!i!!?!!!Il!!!!l!i Achtung! Mitglieder! Der Central-Verein, die Schriftleitung der „C.V. -Zeitung“ und der Philo Verlag haben ihre Büroräume verlegt nach: Berlin W15, Emser Sir. 42 Telephon: J2 Oliva 5074-507.6 ll!l!l!!!lilii!l!i!!!! Blutvergießen. Aber erst ein volles Jahr nach der Räterepublik, beim Kapp-Putsch, kam mit dem Ministerpräsidenten v. Kahr die Richtung ans Ruder, die bis 1924 zu iunner stärkerer Verwilderung der bayerischen Politik geführt hat, und die sich auf die Furcht des Bürgertums vor dem Bolschewismus stützte. Nur eine gewissenlose Agitation kühl rechnender Drahtzieher, die die Angst des Bürgertums immer wieder belebten und ausnutzten, konnte bewirken, daß das Bürgertum vom Mai 1919 bis zum-Mürz 1920 den neuen, sicheren Boden nicht fühlte, der bereits geschaffen war. Was ist da alles geschehen: man redete den Bürgern ein, daß sie schutzlos seien, wenn sie nicht ihre Einwohnerwehr behielten. Man rief sie auf zum Widerstand gegen das Reich, das die Auflösung der Wehren verlangen mußte, um eine vernünftige auswärtige Politik führen zu können. Man trieb den Haß gegen die „Berliner Judenregierung", die doch nur tat, was sie tun mußte, dem letzten Bürger in Herz und Hirn. Alan organisierte gegen die Volksgenossen, die zu sagen wagten, daß das schmähliche, planmäßige Hetze sei, Mord und Totschlag. G a r e i s wurde erschossen. An er entging — dieses Mal vor rechtsradikalen Revolverkugeln — mit knapper Not dem gleichen Geschick. Wer den rechtsradikalen Verbünden angehörte, galt als „Notpolizist" unb konnte sich die Rechte eines Staatsorgans anmaßen. Wer den Rechtsradikalen Widerstand leistete und in Auseinandersetzungen mit ihnen geriet, galt von vornherein als Urheber eines "Landfriedensbruchs. Die persönliche Sicherheit war für Menschen mit jüdischem Aussehen oder mit einer Gesinnung, die als linksgerichtet bekannt war. Praktisch zum erheblichen Teil aufgehoben. Aber das alles war nur das Vorspiel. Im Jahre 1922, nach dem Rathenau-Mord, begann die ständige Gelbs Rarrcherzahns. ».Nach langem Suchen endlich das Richtige für meine Zähne. Nach dreimaligen Gebrauch blendend weiße Zähne, trotzdem dieselben durch vieles Rauchen braun und unschön roallen. Ich werde nichts anderes mehr gebrauchen, als Ehlorodsnt." V., Horst Ver§. Man verlange nur die echte Ehlorodont- Zahnpaste, Tube 69 M. und 1 Ml.» und weise jeden Ersatz dafür zurück.