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Central-Verein-Zeitung · 1930-11-14 · 46 (14.11.1930) · p. Seite 592

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
46 (14.11.1930)
Date
1930-11-14
Page
Seite 592 (sequence 4)
Language
German
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Sondert euch nicht freiwillig ab Kennen beseitigt Vorurteile Von Dr, Ernst Loewenberg (Hamburg) Noch vor kaum einem Jahre brachte nach den badischen Landtagswahlen die „C. V.- Zeitung" eine Gegenüberstellung voll Wahlrefultaten in Orten mit jüdischer Bevölkerung und in judensreiell Orten, die ergab, daß dort, wo man Inden kmmte, die antisemitischen Stimmen viel geringer lvaren als an Plätzen, wo den Zerrbildern judenhetzerischer Propaganda nicht die Bekanntschaft mit jüdischen Mitbürgern gegenüberstand. Auch aus Mecklenburg wurden diese Beobachtungell bestätigt. Solches Sichkennen spielte gerade in den kleinen Orten eine große Nolle, weil hier das Persönliche noch stärker wirkt. Nun aber scheint die antisemitische Welle alle Positionell, die wir deutschen Juden in schwerem Ringen erkämpft, zu überfluten. Aber vergessen wir nicht den Charakter der Reichstagswahlen als Protestwahl. Die Stimmen der NSDAP, erklären sich weit mehr aus der verzweifelten Stimniung wirtschaftlicher Notzeit als aus einem Antisemitismus, der bei den jüngeren völkischen Führern nur eine untergeordnete Rolle spielt, wenn auch im Lärm des Wahlkampses der Jude wieder zürn Prügelknaben politischen Kampfes gemacht wurde. Gilt doch jetzt im Kreise um Ernst Junge r der Kampf linx das die Zukunft gebärende Chaos vor allem dem „Bürger" als dem Träger der Ordnung. Darm sehen diese ewigen Frontsoldaten, die den Weg zum Frieden nicht finden können, weil ihnen das kriegerische Element zur einzigen Lebensform wurde, im Juden nur den Prototyp des „Bourgeois", dem man alle Fehler zuschreibt. bleibt doch der einzelne der unumgängliche Ansatzpunkt im Kampf um gegenseitiges Verständnis. Nur von den einzelnen, ihrem e i n u n d i h r er Lei st u n g ausgehend, auf die menschliche Achtung vor ihrer Persönlichkeit gestützt, wird es möglich sein, Verständnis zu stnden. Kleinarbeit in w e i t e st e m U m s a n g. Jeder kann hier helfen. Jude sein, heißt Kämpfer sein. Der Kampf um inneren Frieden, um Verständigung der Klassen, um Ausgleich des Unrechts ist schwerer als der Rausch eines Sturmangriffs. Im Trommelfeuer politischen Kampfes, gesellschaftlichen Boykotts müssen wir die Nerven behalten, in der Materialschlacht der gegen uns streitenden Agitation in Wort und Schrift und Tat muß sich der Geist bewähren. Was aber tun wir? Ziehen um uns undurchdringliche Drahtverhaue, lassen niemanden an uns heran. Wenden uns in ein unsichtbares Ghetto, in das wir uns drängen lassen, ja, womöglich freiwillig hineingehen, weil es das Leben vereinfacht. Für den einzelnen. Was geht ihn die Gesamtheit an?! Und wir merken nicht, daß es, je stärker wir uns abschlietzen, desto leichter wird, gegen uns zu sein. Ja, daß dieser Abschluß dem einen die Waffen gibt, uns zu verwunden, d e m andern die Möglichkeit n i nt m t, uns zu helfen. Wir verkennen nicht, daß der Anstoß zu solcher Absonderung von außen kam. Aber es kann nicht geleugnet werden, daß viele unter uns diesem Stoß gern nachgaben, anstatt ihn aufzufangen. Wir müssen uns über die Folgen rücksichtslos klar werden. Ohne den Gründen aber nachzugehen, ohne die Folgen zu bedenken, sind viele von uns heute drauf und dran, die Trennung von der Umwelt zu bejahen. Vergehen wird, daß wir seit Jahrtausenden im Kulturleben des Abendlandes stehen, dessen Periodenwechsel sich auch im jüdischen Geistesleben spiegelt. Vergehen wird, wie stark der Einfluß de^ Sprache, die wir sprechen, aus unser ganzes Seelenleben ist. Denn Sprache ist mehr als Verständignngsmrttel. Sie ist Ausdruck der seelischen Kräfte eines Volkes und wirkt bildend auf die, die sie sprechen. Seit jenen Tagen, da sich die Ghettotore öffneten, haben nur mit der ganzen Kraft jahrhundertelanger Geistesschulung mitgeschafft an den Ausgaben deutscher Kultur. Die Besten von uns wirkten an der „Verklärung des Göttlichen aus menschlichem Geiste", wie Rathenau sagt. Wir müssen uns in der Idee klar sein, welchen Weg wir wollen. Wer in eine nur jüdische Welt hinein will, trennt sich von uns, die wir die Gewißheit fühlen, Deutsche und Juden sein zu können. Wer das will, muß den Weg zur Gesamtheit suchen, auch dann, wenn er ihn nicht gleich findet. Gehe jeder auf seinen Posten, wo Begabung und Wille ihn hinstellt. In dieser Arbeit gilt das Makkabäerwort „Cliasak weemmes", „Stark und treu! Niemals aber — Verzicht! Wir Juden stehen seit Jahrtausenden im Kampf. Einer besseren Menschheit gilt er. „Kämpfe oder Niederlagen — immer gilt es, neu zu wagen," Der moderne Jude gehört soziologisch zum großen Teil dem Typ des intellektuellen Großstädters an, dessen Tugenden und Fehler er teilt. Diese Entwicklung ist historisch bedingt, denn die Juden hatten nicht die Freiheit der Berufswahl. Geschichtliche Entwicklung machte uns zu dem, was wir heute sind, mit'Gutem rmd Bösem. Aber wie die Heldensage alle Taten einer Epoche auf einen Heiden überträgt, wie die Volkssage alle lustigen Streiche von Till Eulenspiegel spielen läßt, wird nun der Jude nicht Mensch von Fleisch und Blut, nur Wahugespinst verhetzter Phantasie — zum Träger des schlechthin Bösen. Und wie aus solcher Gesinnung, wo der Wunsch zum Vater des Gedankens wird, pseudowissenschaftliche Theorien wachsen, wie Zerstörungswut und Rauflust diese Theorien zur Tat umsetzen, erleben wir schaudernd Tag für Tag. Was können wir Juden dagegen tun, was tun wir? Das Leben der Juden in kleinen Orten muß in vielen Fällen ein Martyrium sein. Neben schwerster wirtschaftlicher Schädigung gesellschaftliche Isolierung, ständiger seelischer Druck. Ist unter solchen Umständen die Abwanderung in die Großstädte nicht notwendig? Das Schwinden der Juden aus der Provinz, ihre Konzentration auf wenige Großgemeinden stellt eine Gefahr dar, die nicht verkannt werden darf. Trotz allem gilt auch noch heute, daß nur Juden kennen, sie beobachten zu einer kritischen Betrachtung des A n t i s e m i t i s m u § führen wird. Sicherlich können wir mit gegenseitigem Kennenlernen allein den Antisemitismus nicht ausrotten, denn die gegenseitige Fremdheit ist nur eine Wurzel von vielen. Sicherlich spielen heute im Antisemitismus wirtschaftliche Ressentiments eine viel größere Rolle als kulturelle oder gar rassische, die in den Vordergrund zu rücken „geistiger" wirkt, wobei wir uns klar sein mühen, daß der Kampf der klaren Vernunft gegen das dumpfe Gefühl eines neuen Mystizismus ein Kamps auf ver-- schiedeneu Ebenen ist. Das alles zugegeben. Hinein in die Vereine f Von Jakob Ledermann (Berlin) Man stößt gleich mitten in das Problem vor, wenn man die Feststellung an den Anfang setzt: Isolierung durch selbstgewühltes Meiden der paritätischen Vereine bedeutet den Verzicht auf die Berührungsmöglichkeit mit den zum Teil auders-weltanschaulich orientierten Schichten des deutschen Volkes. Diese Abkehr von Menschen, mit denen ein Zusammensein eine ausgleichende und befriedigende Wirkung hätte, laßt uns eines sehr wichtigen Aufklärungsmittels verlustig gehen. Die Beweisführung hierfür mag auf wenige Worte beschränkt bleiben. Wenn der jüdische Mensch den paritätischen Vereinen, seien es Geselligkeits-, Literatur- oder Militürvereine, nicht beitritt oder aus ihnen ausscheidet, füllt die überbrückende Kraft seiner Persönlichkeit fort, die jüdischen Belange, die heute fast immer in politischer, sozialer oder wirtschaftlicher Färbung austreten, sind nicht mehr durch ihn selbst vertreten oder widerlegt, sondern bleiben unbeeinflußt. Selbstverständlich gehen wir nicht aus Gründen der Abwehr in die Vereine, sondern aus Interesse an den Vereinszielen. Wir wollen mit unseren einstigen Kameraden zusammen sein, wir wollen belehrt oder unterhalten fern. Aber fehlt der jüdische Deutsche überhaupt in den Vereinen, so überläßt er seine Sache dem Einflußbereich anderer Kräfte und gibt jeden Einfluß auf; ob dann immer zu seinem Heile verfahren wird, kann mit Fug und Recht in diesen grimmigen Tagen bezweifelt werden. Wir haben ein gutes Recht -darauf, uns mit unseren Nebenmenschen in allen Erscheinungen des Lebens zu begegnen, und da uns dieses Recht nur an ganz vereinzelten Stellen strittig gemacht wird, so ist es verfehlt, auf dieses schöne und selb st v e r - st ä n d l i ch e A n r e ch t von uns zn verzichten. Wir mühen mit unseren Nebenmenschen zus a m m e n s e i n -w o l l en. Am augenfälligsten wird der Nachteil dieser Isolierung, wenn man seine Wirkung an dem Beispiel der Militär vereine prüft. Hier erwächst, so scheint uns, dem R e i ch s b u n d jüdischer Frontsoldaten noch eine äußerst wichtige Aufgabe. Keinem soll das Recht bestritten werden, sein Leben und seinen Umgang mit Menschen nach eigener Anschauung zu formen. Es mag nicht jedermanns Sache sein, einem Militär- Verein anzugehören. Bräuche und Litten, die dort in Uebung sind, mögen dem und jenem vielleicht nicht immer behagen, und mantfje übertrieben militaristische Gebärde mag ihm nicht frommen. Niemals darf der Jude es aber selbst verschulden, daß er bei seinen einstigen Kameraden in Vergessenheit gerät. EZ darf nicht vergessen werden, daß er e i n st mit ihnen im selben Grabenstück, in Feuer und Not zusammen war, dasselbe Grauen erlebte, und d a h v i e l e jüdische Kameraden mit ihren ch r i st l i ch e n d e n gleichen Tod fanden. Der Khsfhäuser-Bund, ein Bund von Millionen Frontsoldaten, dessen Vereine fast in jedem Orte bestehen, ist mehrfach offiziell von judenseindlichen Tendenzen abgerückt. Es gehören ihm aber nicht allzu viele jüdische Frontsoldaten an, und von diesen wohnen die meisten in kleinen Städten. Es sei als möglich hingestellt, daß in den örtlichen Zweigner einen hier und da keine judensreundliche Stimmung herrscht, aber es ist klar, daß die s e l b st - gewo t l t e Abke h r von dies en Vereine n s i ch der h ä n g n isvo l l aus - w i r k e n m u ß. Verständlich ist es, daß es uns

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