Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 46 (14.11.1930)
- Date
- 1930-11-14
- Page
- Seite 590 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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5§0 die Sphäre professoraler Deduktion, über die Sphäre der theoretischen Naturen, der Intellektualisten also, nicht hinausgedrungen. * Es bedarf keiner Erörterung, daß hier eine deutliche Parallele vorliegt Zur doppelten Geschichte des jüdischen Deutschen. Die spezifisch jüdische Geschichte ist nun sehr viel plastischer als die mühsam archäologisch erschlossene nordische Geschichte. Sie zeigt große Persönlichkeiten und Schicksale, das Ringen mit Gott und Menschen, Könige und Propheten, Werden und Vergehen und zeigt das alles aus einem geschlossenen nationalen Boden, in geschichtlichem Raum, der überdies mit der abendländischen Kultur verbunden ist und ewig bleibt durch die Bibel, die ebenso untrennbar von der geistigen Entwicklung des Abendlandes ist wie das Werk Platos oder die Konzeption des romanischen Staatsgedankens. Gewiß haben auch alle anderen deutschen Stämme irgendwann in grauer Vorzeit einen nationalen Eigenraum gehabt, ehe sie in die Synthese eintraten, die Deutschland heißt. Aber sie kennen ihn nicht. Sie wissennicht, welche Formen des Glaubens, Höffens, Sehnens und Lebens ihm einst entsprossen sind. Manchmal ahnen sie es — die Geschichte aber schweigt. Ihre Geschichte sängt erst au zu reden, als sie zugleich deutsche Geschichte ist. Sie haben nicht das Glück und nicht die Gefahr der doppelten Geschichte. Aber auch nach dem Verlust des nationalen Raumes ist die jüdische Geschichte in allen ihren Zweigen der glänzendste Beweis von der Lebensenergie eines Menschenstammes, den die Weltgeschichte kennt. Nie hat in gleicher Weise, verhängnisvollsten Schicksalen preisgegeben, ein Menschenstamm sein Glaubensgut — gleichviel, ob gegenwärtig religiös oder weltanschaulich geformt — und seine schöpferischen Kräfte erhalten. Diese eigene Stammesgeschichte ist Gnade und Glück — und zwar im elernentar-biologischen Sinne. Aus ihr schöpft der einzelne Regeneration des Selbstbewußtseins, wenn dieses angegriffen wird, hierher flieht er wie ein Verdurstender zum Quell, der ihn wieder aufrichtet. Und doch ist es ein gefährliches Glück. Mit dem Glück ist die Gefahr bereits gegeben. Es ist aufs Haar die gleiche Gefahr, die der nordische Gedanke in sich trägt. Es ist kein Zufall, daß der gerade nach dem Kriege propagiert und ausgenommen wurde. Auch er ist Flucht und Zuflucht aus dem Chaos gewesen, aus dem drückenden Gefühl der Niederlage in die „Edelrasse", deren Geschichte das Bewußtsein des Wertes und der Stärke zurückgibt. So wird das Persönlichkeitsgefühl wieder aus gerichtet — aber aufgerichtet auf einem Umweg, der gefährlicherweise aus der Schicksalsgemeinschaft der ganzen deutschen Nation herausführt, auf einem romantischen, abstrakten, isolierenden Wege; denn das ist die Gefahr jedes Historismus, daß er einwurzelt ins Gestern und Ernst durch Flucht vor dem Heute, durch Entwurzelung aus dem wichtigsten Acker, Die Leichenhalle in Trebnitz (Zu dem umstehenden Aufsatz) d e m heilig st e u. und freilich m ü h e - v o l l ft e n P s l i ch t a ck e r de r Bern n t - w o r t u n g für das I e tz t und H ier, für die he u t e un d u m das M orgen kämpfende Volksgemeinschaft aller Deuts ch e n. Aller! Nun haben die jüdischen Deutschen nicht weniger als alle anderen DeuLschen einen tief innewohnenden Hang zur Romantik, zur Weltfremdheit, zum Einkapseln ins Historische, zum Schwärmen für die gute alte Zeit, zum Pochen auf die gute alte Zeit und zum Versuch, sie kultisch zu pflegen oder gar an Stelle der Gegenwart (und der Zeitpslichten) zu setzen, den eminent unpolitischen Hang, vom Heute ins Gestern sich zurückzuziehen, und das Gemeinschastsbewußtsein, das NationaLgesühl, das Volksbürgertum vom Gestern her zu tönen. Das ist gefährlich, wie es für alle Menschen und Völker gefährlich ist und .zu allen Zeiten gefährlich war. Wir sagen nicht damit, daß Geschichte hintenan gehalten sein soll. Im Gegenteil. Sie soll sein. Das Wahre soll der Mensch wissen und nicht verschweigen. Er soll stolz sein auf die Väter durch alle Generationen hin. Dies ist nicht Eitelkeit. Eitelkeit ist vielmehr der Aberglaube, der Mensch sei nichts als Gegenwart, ganz nur er, ganz nur aus sich selbst verständlich. Wir alle sind Erben. Damit sängt alle Selbsterkenntnis an. Aber wir sind nicht nur Erben. Damit fährt alle Selbsterkenntnis fort zur Pflicht und Gerechtigkeit. Wir sind nicht nur Verwalter des Gewesenen, sondern der Gegenwart. Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, sagt Ranke. Auch die Gegenwart. Das ist es. Man soll nicht geschichtlich-selbstgenügsam werden, nicht das Recht aus der Geschichte ablesen und — warten, daß es „sich" verwirkliche, das heißt: daß die anderen es verwirklichen. Geschichte zieht leicht hinter den Ofen, in den Schmollwinkel, oder sie berauscht und macht blind für Gegenwart. Dann ist sie Gefahr. Sie ist Glück und Wert nur, wenn sie stärkt für die Gegenwart, für die Aufgaben bei den Menschen heute und mit uns. Zweifellos gibt es nicht kleine Kreise unter den jüdischen Deutschen, die der Gefahr des Historismus unterlegen sind, darin also sehr eng verwandt den nordischen Kollegen. Angewidert und verletzt durch die Lügen der Gegenwart, haben sie sich zurückgezogen zur jüdischen Geschichte und damit der deutschen Gegenwart entfremdet. Kein Zweifel, daß das lebendige Hin und Her des Verstehens, und zwar des gegenseitigen, ja selbst des innerjüdischen Verstehens dadurch erschwert wird. Es findet dann ganz allmählich eine Art gefühlsmäßiger Absonderung statt, eine resignierte Uninteressiertheit am Umfassend-Gegenwärtigen, es kommt der resignierte Zustand des Verantwortlich-Machens statt des Verantwortlich-Seins. Es liegt am Tage, daß die wachsten Kreise der jübtfdjen Deutschen am Werk sind, diese Gefahr abzuwenden. Je mehr sie es tun, um so mehr Brücken des Verstehens und der echten Gemeinschaft bauen sie. Doppelte Geschichte i st e r st dann Glück ohne Gefahr, wenn sie auch doppelten Stolz erweckt: den Stolz desJuden und d e n Stolz des Deutschen, beide im Einssein, tut Zugleich und Ineinander. Das ist nicht Theorie, sondern auch dies ist geschichtliche Wirklichkeit. Dieser doppelte Stolz hat Preußen ausgezeichnet. Er ist heute am sinnfälligsten lebendig im Bayern, der sich weder nur als Bayer noch nur und allgemein als Deutscher, sondern: als bayerischer Deutscher weiß. Hub da darf ich ein Beispiel nennen. In der letzten Nummer der „C. V.-Zeitung" findet sich ein Aufsatz von Dr. H. Stern: „Was lasen die deutschen Juden iw Mittelalter?" Nun, das ist ein dankenswerter Hinweis aus das, was geschehen soll,, zu wenig geschehen ist und an höchst bedeutungsvollen neuen Wegen einer vertieften Aufklärung vorhanden ist. Geschichte kann isolieren — sie kann aber auch einen, wenn sie sich nämlich dem Gerneinsamen zuwendet, der organischen (und das ist immer: nationalen) Wechselwirkung Zwischen jüdischen und nichtjüdifchen DeuLschen. Nicht nur auf literarischem Gebiet etwa. Ganz unverwertet sind noch die Dokumente, die zeigen, wie etwa das unentstellte, urwüchsige Stammesbewußtsein der alten Franken die Juden nicht nur nicht verstieß, sondern ries. Kaiser haben sie gerufen, Bischöfe, Grafen, Bürgermeister, Städte. Und das heißt denn doch, daß die Juden eine nationale Sendung in Frankreich hatten und erfüllten. Nicht nationale Leidenschaft, nicht irgendeine Art von Stammesbewußtsein sonderte die Juden ab, sondern — später erst — eine übernationale Welle religiösen Fanatismus. Und daß dies und vieles andere noch nicht herausgearbeitet und ins volle Licht der Geschichte gestellt ist — das heißt, daß man sich der einenden Wahrheit noch sehr säumig nur zugewandt hat. Beispiele führen ins Weitläufige. Aber dies sollte geschehen, daß die andere Seite der Geschichte energischer gepflegt wird, die einende Geschichte,, und nicht nur die isolierende. Quellen liegen unausgeschöpft da. Sie sollten sichtbar vor aller Augen zum Fließen gebracht werden. Das kann nicht einer, gelegentlich dieser oder jener. Aber eine Forschungsgesellschaft könnte es, die sich der einenden Geschichte zuwendet und dadurch einem Wahrheits- und Lebensdienst von unabsehbarer Bedeutung. Denn sie brächte ins öffentliche Bewußtsein die Wahrheit einer deutschen Nationalgeschichte der Juden, einer Geschichte ihrer deutschen nationalen Sendungen, Anteile, Gestaltungen, und sie stünden damit hinter der Geschichte keines anderen deutschen Stammes zurück. In dem Maße, in dem solches geschichtliches Wißen zunächst in das wissenschaftliche Bewußtsein und von diesem in das volkstümliche Wissen eingeht, werden Millionen von Fremdheitsgesühlen zerstäubt, wird das Bewußtsein uralter gemeinschaftlicher Verbundenheit geformt — in Juden und Nichtjuden. Von beiden ist es vielen nötig. Denn die Hasser brauchen es nicht weniger als die Resignierenden. Diese noch kaum begonnene Arbeit an der Wahrheit der einenden Geschichte ist langwierige, aber zielsichere Arbeit zugleich an der Verwirklichung der Humanität. Denn Humanität ist nicht idealistisches Schwärmen, sondern Humanität' ist Arbeit. Hartnäckige, bittere, entsagungsvolle Arbeit an der Wahrheit. Gar nichts sonst. Und an dieser Arbeit fehlt manches. Nicht nur nichtjüdische, sondern auch jüdische Deutsche haben es daran fehlen lassen. Die es fühlen, wissen, sehen, sollen danach tun. Miteinander. RM AiiWreitwMN ln Srlelsburg Kaum ist die Kunde von dem feigen Ueberfall verhallt, den Nationalsozialisten aus einen friedlichen jüdischen Bürger in Ortelsburg (Ostpreußen) am 3. November verübten, als aus demselben Städtchen neue Ausschreitungen gegen Juden gemeldet werden. In der Nacht vom 2. zum 3. November wurden die Fensterscheiben eines einem jüdischen Kaufmann gehörigen Geschäfts von Nationalsozialisten eingeschlagen. Während in diesem Fall die Schuldigen festgestellt und angezeigt wurden, konnte die Polizeiverumltung die Rohlinge' die bereits am Abend des 25. Oktober ein Fenster der Privativ ohnung des Kantors Eaker einwarsen, bisher mcht ermitteln.