Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 46 (14.11.1930)
- Date
- 1930-11-14
- Page
- Seite 589 (sequence 1)
- Language
- German
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erettt etirral Blätter fürOeuiffhtura und Judentum ö erlin, 14. November 1430 IX. Jahrgang ♦ Ar. 40 Linzelnummrr LS Pfennig Organ Oes fentrat-Vereinsdeutfchei (Staatsbürger jüdifchcn Naudens vV. 2^SÄ"Ä. Allgemeine Zeitung des Judentums Verlag und Schristlottung: Berlin W15, Emser SLr. 42. Fernsprecher: J 2 Olina 5074. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Depositeukassc H 3. . , Berlin-Wilmersdorf 1, Hohenzollerndamm 196, und von Goldschmidt - Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Anuoncen-Expedition Rudolf Moste, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JUL für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mostes Normalzerlenmeper Nr. 4, Famillenanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45^, die 62 mim breite Reklamezeile 3,50^. GM und Gefahr der doppelten Geschichte / Von De. Mütter-Ltaudins Die §rieöhofsfchänöer von Trebnitz find Nationalsozialisten In der vorhergehenden Nummer der „C. V.- Zeitung" wurde mitgeteilt, daß aus dem jüdischen Friedhof in T r e b n i tz (Schlesien) zahlreiche Grabsteine mit Hakenkreuzen verschandelt worden waren, wie es das untenstehende Bild zeigt. Auch die Leichenhalle wurde durch die wiedergegebenen Zeichnungen S. 590 verunstaltet. Unter anderem entging, wie uns Fustizrat Perser (Breslau) mitteilt. auch das Grabmal des Kaufmanns Julius Hilter, dessen Stiftung die Stadt ihr Vürgerheim verdankt, nicht der Besudlung. Die Bürgerschaft war in begreiflicher Erregung über diese Untat, und dadurch sah sich auch die n a t i o n a l s o z i a l i st i s ch e Ortsgruppe veranlaßt, im „Trebnitzer Anzeiger" eine Auslobung für die Ergreifung der Täter auszusetzen und von ihnen abzurücken. Das Inserat hieß: Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei duldet keine Denkmalsschänder in ihren Reihen. Sie zahlt daher 50 Reichsmark Belohnung demjenigen, der die Schmierfinken, die aus dem jüdischen Friedhof das Hakenkreuz für ihr niedriges Treiben mißbrauchten, so namhaft macht, daß sie ihrer Bestrafung zugeführt werden können. Mitteilungen sind zu richten an Herrn K. Fechner jmr., Trebnitz, Wassermühle. Die Suche nach den ruchlosen Tätern, die von der Polizei sogleich ins Werk gesetzt worden war, hatte Erfolg. Noch nicht 24 Stunden nach Veröffentlichung jener begrüßenswerten Anzeige entpuppten sich ein vLeLUndzwanzigjährrger Maler und Zwei Burschen jugendlichen Alters als die Täter, die, wie sie selbst Zugeben, eingeschriebene Mitglieder der Ortsgruppe Trebnitz der NSDAP, find. Es gibt in Delitschland zwei Gruppen, die mit einer doppelten Geschichte begnadet und belastet sind. Das sind diejenigen Deutschen, die bewußt „nordisch" sind, und die jüdischen Deutschen. Alle anderen deutschen Stämme haben diese doppelte Geschichte nicht. Es ist ihnen und der Geschichte völlig unklar, woher sie und wann sie nach Deutschland gekommen sind, ob im Frieden oder im Kampfe, als Bringer oder als Räuber, als Fliehende oder Erobernde. Die Uranfänge ihres geschichtlichen Wissens liegen auf deutschem Boden. Derjenige deutsche Stamm, der sich der nordische nennt (und der das eigene Bewußtsein des nordischen Menschen immer mehr zu festigen versucht), dagegen fühlt sich einer doppelten Geschichte verbunden. Die vorgeschichtliche Forschung hat die vielfach anzuzweiselnde, aber in wichtigen Kernpunkten durchaus zweifelsfreie und große Geschichte des nordischen Stammes ausgedeckt, die ihn zum Teil nach Südenropa und weit über die europäischen Grenzen hinaus geführt hat. Diese nordische Geschichte spielte sich ab, ehe überhaupt von einer deutschen Geschichte die Rede ist, und es bildet sich nun in dem nordischen Menschen ein Gefühl dafür heraus, daß er eine größere und ältere Geschichte hat als die anderen deutschen Stämme, daß diese Geschichte eine Vitalität und einen Erobererdrang bezeugt, die für keinen anderen Stamm bekundet ist, und man sieht in dem allen eine Tradition, der man sich verbunden fühlt, obwohl sie vor und außerhalb der. deutschen Tradition liegt. Es kommt dann innerhalb des nordischen Stammes leicht zu jenen Werturteilen, die den nordischen Menschen als den vor allen anderen deutschen Menschen ausgezeichneten erscheinen lassen — zu Werturteilen, die denn in der Tat mit einem gewissen Fanatismus gepredigt, verfestigt, suggeriert werden 'und die nicht nur rationale Urteile bleiben (denn das bleiben Urteile nie), sondern in den W i l l e n übergehen: ist das nordische Element Was sagen die Nationalsozialisten dazu? Sie dürfen nun für die Ergreifung ihrer eigenen Freunde der Polizei die Belohnung von 50 Mark zahlen und sie mögen daraus lernen, daß die nachträgliche moralische Entrüstung nichts nützt, solange sie ihr System: die Vergiftung der Volksmasse mit den: Judenhaß beibchalten. Die wahren Schuldigen sind die Hetzer selbst! das wetvollste, vitalste, aktivste, so hat es auch die deutschen Werte allererst geprägt, es hat die nicht nordischen Stämme erst kulturfähig gemacht, „Entnordung" der deutschen Stämme ist also die eigentliche Gefahr, „Aufnordung" die dringendste Pflicht. Geschichte wird hier Wille, Motiv der Isolierung, der Selbstwertung und Abwertung der anderen — ein antinationales Motiv also, denn nicht Gemeinschaftsarbeit ist mehr die wesentliche ethisch-politische Forderung, sondern die Trennung zwischen Herren und Hörigen, gebenden und" nehmenden, prägenden und geprägten Stämmen. Nicht der deutsche Mensch (im nationalen, d. h. volkumfassenden Sinne), sondern der nordische Mensch (im isolierenden, also widernationalen Sinne) rückt in die vorderste Linie der Verpflichtung. Die scharfen Proteste, die der nordische Gedanke von wachen deutschen Menschen ersahven hat, sind bekannt, am bekanntesten wohl der spontane, zornig-scharfe Protest des Franken M e r k e n s ch l a g e r. Widersinniges und im nationalen Sinne Gewissenloses hat sich in der Blütezeit des „nordischen Gedankens" ereignet: das Buch des deutschfeindlichen Amerikaners M. Grant über die „große Rasse" ward übersetzt und propagiert, ein Symptom dafür, wie lercht geschichtliche Reflexion isolieren, das Interesse des S t a m m c s über Interesse und Ansehen der Nation stellen kann. Seither ist es stiller um die nordischen Verkünder geworden. Es haben sich offenbar auch in den Kreisen des nordischen Eigenbewntztseins zwei Gruppen gebildet: eine kleine, die dem isolierenden Wege des nordischen Gedankens folgte, und eine weitaus größere, die diesen Weg aus tiefer verwurzeltem Erlebnis des deutschen V o l k s b e w u ß t s e i n s ablehnte. Hier hat das Urgefühl der voltheitlichen Verbundenheit gesiegt über das wesentlich aus abstraktem Wege gewonnene Gefühl der isolierenden Rassenverantwortung. Der nordische Gedanke ist in seiner krassen Konsequenz über AUS DEM INHALT: Oskar Hirschfeld,Wien: Das Ergebnis der österreichischen Wahlen Seite 591. — Ernst Loewenfcerg, Hamburg, und Jakob Ledermann, Berlin: Sondert euch nicht freiwillig ab! Seite 592. — Dr. Carl Landauer: Lion Feuchtwangers „Erfolg" Seite 593.