Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 45 (7.11.1930)
- Date
- 1930-11-07
- Page
- Seite 582 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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5S2 Wirkt vorireugensi! Fachinger Ycrsandstelle, Berlin SWll, Scliüneberger Strasse 16a. Telefon: Lütz vv 8260 Gl denken, deutsche Schufen und Universitären besuchen, weil sie in ganz hervorragender Weise mitgcarbeitet haben an dem Ausbau der deutschen Kultur, weil sie in den Befreiungskriegen, im Dentsch-Französischen Krieg und ganz besonders im Weltkrieg mit ihren ehristrichen Kameraden für Deutschland in den Kampf zogen und ihr Leben dem geliebten Vaterlande opferten und nicht zuletzt auch, weil ihnen ihre Neligion gebietet, die Interessen ihres Heimatlandes als die eigenen zu betrachten. Es wäre nicht nur ein trauriges Armutszeugnis, sondern es wäre auch vom logischen Standpunkt aus unverständlich, -wenn die deutschen Juden dadurch ihr Deutschtum verlieren würden oder verlieren könnten, weil bedauerlicherweise ein wesentlicher Teil des deutschen Volkes aus Verzweiflung über die trostlosen fliü wirtschaftlichen Verhältnisse, in welche Deutschland durch den verlorenen Krieg geraten ist, und verhetzt durch eine skrupellose Agitation Poltischer Scharlatane, einer antisemitischen Partei ihre Stimme gegeben hat. Das Anhänglichkeits- und Zugehörigkeitsgefühl zum Volke und Lande der Heimat ist in der Brust des Menschen zutiefst verankert und daher auch bei uns Juden nicht abhängig von dein Barometer des Wohlergehens in dem betreffenden Lande. — Selbst in den schlimmsten Zeiten der Verfolgung hörten die deutschen Juden nicht auf, Deutschland zu lieben, und so kann auch uns die gegenwärtige antisemitische Hochflut in unserer aufrichtigen Gesinnung zu stnserem Heimattande nicht irre machen, die wir unbekümmert darum, ob es uns hier gut oder schlecht geht, fühlen, weil wir eben ein, wenn auch der Neligion und Abstammung nach verschiedener, aber doch durch Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte verbundener Bestandteil des deutschen Volkes sind. Das wir religiösen Juden dabei auch dem heiligen Lande, der Wiege unserer Thora, unsere Liebe zollen, steht damit keineswegs im Widerspruch:^denn die gleiche Thora, die uns gebietet, die statte der einstigen Gottesherrlichkeit zu lieben, gebietet uns auch, unsere jetzige Heimat und ihre Bewohner als unsere Nächsten zu lieben," diniere £kler Ichreiben Jugend vorant Köln-Deutz, im November 1930. An die Schriftleitung der „C. V.- Z eil un Die Gheltomauern sind gefallen; damit auch das ganz enge zentrale jüdische Gemeinschaftsleben und Gemeinschaftserleben. Der Jude steht wie sein christlicher Bruder mitten im Weltgetriebe. Der Fall der Ghettomauern hicss: das Volk ist reif geworden, um im Welileben seinem Judentum Diener zu sein. Draussen, im grossen menschlichen Bei- und Gegeneinander sein Judentum zu behaupten, ist andere DiensterWeisung als in der nur jüdischen Ghettoecke! Solcher Dienst am Judentum beginnt beim jüdischen Gymnasiasten und Studenten, beim indischen jungen Menschen. Er muss sich als Jude behaupten lernen, er muss aufräumen mit Vorurteilen. In Vereinen und Gesellschaften muss der jüdische junge Mensch auf treten als Jude. Eigens erlebt habe ich schon manche Unkenntnis und unsinnige Auffassung von Jude und Judentum in Schülervereinen, in jenem geistig regsamen Zirkel, der an meinem Gymnasium besteht. Mancher jüdische junge Mensch schämt sich in diesem Kreis seines Judentums; einer erklärte sogar einem Mitglied jenes Klubs, man rede bei uns Juden mit Andersgläubigen nicht über Judentum, übrigens interessiere es ihn selbst nicht. Das ist ein schlechter Dienst am Judentum. Ein Beweis einer katastrophalen Unreife auf jeden Fall. . „Das Judentum ist neben dem Griechentum die Haupiquelle unserer abendländischen Kultur, Bekämpfung des Judentums heisst Vernichtung der christlichen Moral", so klang eine lebhafte Debatte über Judentum unter Primanern im Munde eines christlichen Freundes aus. Das Ghetto ist zertrümmert, die Aufgabe des Judentums erweitert. Die innere Kraft des jüdischen jungen Menschen wirkt befruchtend auf ihn im Getriebe der Welt, in der Versammlung der Andersgläubigen. Mancher jüdische Mensch lebt noch in Gedanken des Ghettos. Er tritt nicht auf wie der bewusste Jude seines Landes. Hierin geht die Jugend zielbewusst andere Wege. Freudestrahlend im einfachen Kittel zieht sie durch ihre deutsche Heimat, die sie milhilft zu reinigen von sittlich zersetzenden Mächten. Die deutschen Städte griissl sie und denkt an manche mittelalterliche Folter, die hier den Juden errichtet ward. In tiefer Ehrfurcht beugt sie sich vor jenen glaubensstarken Märtyrern, sie wärmt und kräftigt an ihrem Blute Körper und Geht und blickt mit grosser Zuversicht in die Zukunft. Jenen blassen Jüngling, der sich des Judentums schämt, reisst sie mit sich, seinen Charakter stärkt sie. Unsere heutige reife jüdische Jugend sieht offenen jüdischen Auges in die Weit, steht im akademischen, kaufmännischen oder gewerblichen Berufsleben als bewusstes Glied der jüdischen Gemeinschaft. Hermann Simons. Muss das sein? Berlin, den 31. Oktober 1930. An die Schriftleiiung der „C. VZ eit u n g*. Vor kurzem war ich Zeuge einer eifrigen, lebhaften Debatte mehrerer junger, scheinbar erwerbsloser Leute, die vor dem Schaufenster der Filiale eines Berliner demokratischen Blattes standen. Auf der Titelseite einer dort aushängenden Zeitung waren einige Persönlichkeiten des öffentlichen Lehens abgebildet, wie sie, die Herren im Frack, und in weisser Weste, die Damen in grosser Abendtoilette, in vergnügter Stimmung um eine lange Tafel, gespickt mit feinen Speisen und Getränken, herumsassen. Was ich seit langem im stillen gedacht und was ich in Kreisen meiner Angehörigen und Freunde so oft gepredigt, fand ich in den vielfach derben, abfälligen Aeusserungen jener einfachen Menschen bestätigt: dass nämlich die Zeit zu ernst und zu schwer sei, um glänzende Feiern, opulente Festessen oder gar prunkvolle Balle zu veranstalten. Ich vertrete dabei — im Gegensatz zu manchen meiner Bekannten — nicht den schroffen Standpunkt, dass man Feste und Feiern jeglicher Art unterlassen und meiden solle. Das wäre kurzsichtig gedacht und läge auch nicht im Sinne der an sich begrüssenswerien Bekanntmachungen einer Reihe höherer Regierungsstellen, Feste in zeiigemässem Rahmen zu feiern. Ich bin mir sehr wohl bewusst, welche volkswirtschaftlichen Schäden ein allgemeines Festverbot stiften würde. Abgesehen davon, Ügss eine Unzahl von Restauraüons- und Hotelbetrieben einen Teil ihrer Angestellten entlassen müsste und damit das Heer unserer drei Millionen Erwerbslosen merklich vergrössern würden auf der einen Seite besonders solche . Wirtschaftszweige, die hauptsächlich von Lieferungen an Gasthäuser leben, schwer getroffen. Anderseits hätte natürlich, um nur e i n Beispiel herauszugreifen, auch die Bekleidungsbranche zweifellos zu leiden. Wer radikal verfährt. nutzt nicht, sondern schadet der Gesamtheit. Wir können ruhig Feste feiern, wenn sie in bescheidener, den Zeitumsländen angepasster Weise veranstaltet werden. Muss das aber sein, dass geschmacklose photographische Aufnahmen, wie ich sie oben gekennzeichnet habe, in der Presse erscheinen? Sie sind der Unzufriedenheit und Gereiztheit weiter deutscher Volkskreise Wasser auf die Mühle. Gerade wir Juden, die wir in diesen Tagen allzusehr im Mittelpunkt des politischen Interesses und der politischen Diskussion stehen, sollten uns stärkste Zurückhaltung bei solchen Gelegenheiten auferlegen. Das würde unserer Sache, dem Kampf um Ansehen, Ehre und Recht, weitaus mehr, helfen ah manches geschriebene und gesprochene Wort. Ich würde mich freuen, wenn Sie diese Gedanken Ihren Lesern milteilen würden. Mögen sie nicht ganz ungehört verhallen! Dr. Ernst Gottfried. Drüben am 'Wiesenrand... Berlin, im November 1930. An die Schriftleitung der „C. V.-Z eil u n g\ „Die Juden sind nicht produktiv. Ihre Fähigkeiten reichen vielleicht gerade noch dazu aus, Erlebnisse anderer nachzuempfinden und dann als eigene zu verwerten.“ So infam dieser Vorwurf ist — immer ist es schwer, vom Standpunkt des Juden aus ihn zu entkräften. Dass er ungerecht ist, wissen wir. Er hat uns nie entmutigt, sondern erst recht zur Leistung angetrieben. Ein Gegenbeweis ist möglich. Zu zeigen, dass Schöpfungen deutscher Juden eingegangen sind in das Kulturgut der Umwelt, dass Gedichte von Juden gesprochen, Melodien, von Juden erdacht, gesummt werden von vielen, draussen, vom Volke — deutsche Lieder, bei denen niemand weiss, dass sie von Juden stammen. Ob die Taisache, dass das schöne jüdische Pessach-Gedicht Chad-Gadjoh „Ein Lämmchen44 von Achim von Arnim in „Des Knaben Wunderhorn* auf genommen worden ist, überzeugend wirkt? Sonst wollen wir heute einen Zeugen aufrufen, der bestimmt nicht wegen Befangenheit abgelehnt werden /?cnn. Die „Kommenden*, überbündische Wochenschrift der deutschen Jugend, herausgegeben von Ernst Jünger (!), veröffentlicht in der neuesten Nummer vom „31. Gilbharis“ ein Gedicht, das vor 15 Jahren von einem Juden geschrieben wurde, das draussen im Felde auf vielen Lippen war, das heute schon so Weit in das Volk gedrungen ist, wahrhaft Volkslied ist, dass es nichts verschlägt. Wenn die ,.Kommenden“ den Namen des Dichters verschweigen. Es sind die Verse: Drüben am Wiesenrand hocken zwei Dohlen. Fall ich am Donaustrand, Sterb’ ich in Polen? Was liegt daran! Eh’ sie meine Seele holen, kämpf ich als Reitersmcnn. Drüben am Ackert'ain schreien die Raben. Werd*. ich der erste sein, den sie begraben? Viele hunderttausend traben in Oesterreichs Reiterei. Diese Verse stammen von dem Juden Zuckermann aus Prag. Ich glaube, dass auch für ihn das schöne Wort von Dekmel gilt, das er auf Heinrich PI eine geprägt hat, dass er die „Muttersprache mächi’ger sprach als alle deutschen Müllers oder SchultzensAlfred Levi.