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Central-Verein-Zeitung · 1930-11-07 · 45 (7.11.1930) · p. Seite 580

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
45 (7.11.1930)
Date
1930-11-07
Page
Seite 580 (sequence 4)
Language
German
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Juden und Deutsche In der „Europäischen Revue44 vom Oktober d. J. veröffentlicht der jüdische Historiker Erich v. Kahler einen Artikel „Juden und Deutsche44, der zu den interessantesten Arbeiten auf diesem uns so nahe berührenden Gebiete gehört. Da jede zusammenfassende Wiedergabe den Eindruck der ausgezeichneten Worte verfälschen würde, mit denen der Verfasser die Grundlagen und Aufgaben der deutsch-jüdischen Kulturverbundenheit darstellt, lassen wir einige wesentliche Auszüge hier folgen. 5S0 Angeklagten selbst. Der Vertreter des Nebenklägers versuchte diesen zu entschuldigen, indem er ' aus die angeblichen ties eingewurzelten Unterschiedlichkeiten zwischen Deutschen und Juden hinwies, die besonders bei den Nationalsozialisten zu dem bekannten Haß führten. Der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Dr. K a tz e n st e i n (Hameln), stellte in überaus eindrucksvoller Weise die jahrelangen Verhetzungen und Beleidigungen dar, die auf die Seele der deutschen Juden einwirkten und die man zum Verständnis für die Erregung Löwensteins heranziehen müsse. Nur so könnte man sich dessen Selbsthilfe, sogar deren Ueberschreitung erklären. Das Gericht schloß sich dem Strafantrage der Staatsanwaltschaft an. Löwenstein ging als moralischer Sieger über Wellpott aus der Verhandlung. Anschließend fand die Verhandlung gegen den Bezirksleiter der NSDAP. Schmidt (Hameln) statt, mit dessen Namen das oben erwähnte Flugblatt unterzeichnet war. Schmidt konnte Nachweisen, daß er an den fraglichen Tagen nicht in Hameln anwesend und sein Name von unbefugter Leite mißbraucht war. Eine sachliche Erklärung für den Inhalt des Flugblattes glaubte er übernehmen zu können. Trotz des Antrages der Staatsanwaltschaft ans 100 'Mark Geldstrafe wegen Aufreizung zum Klassenhaß, Aufforderung zu strafbaren Handlungen und Beleidigungen mußte Freispruch aus Mangel an Beweisen erfolgen. Das Gericht sprach aber sein Befremden darüber aus, daß in einer Partei wie der NSDAP, der Mißbrauch des Namens eines Abwesenden möglich sei. Lo blieb von Mord und Raubmord nichts übrig, nur der Beweis verantwortungslosester politischer Verhetzung wurde erbracht! Ein grober Unfug Ter jüdische Neger als Kouzertkantor Von allen Berliner Litfaßsäulen leuchten Plakate, die das Auftreten eines Negerkantors in einem der größten Berliner Konzertsäle, natürlich gegen klingendes Entgelt, ankündigen. Wer die Melodien der Sabbat- und Festtage hören will, der wird das Gotteshaus andächtig aufsuchen. Erwird sich aber verbitten, daß mit amerikanischer Propaganda aus religiösen Dingen Geschäfte gemacht werden, die über eine Geschmacklosigkeit hinaus sich als grober Unfug darstetten und dazu angetan sind, die jüdische Religionsgemeinschaft vor der nichtjüdischen Oesfentlichkeit herabzusetzen. Wir sind überzeugt, daß der Jüdische Kantorenverband in Deutschland solche Herabwürdigung seines überall geachteten Standes durchaus ablehnt. Es gehört auch ein starkes Maß von Unverantwortlichkeit dazu, in dieser Zeit, wo der Judenhaß gerade groß genug ist, den völkischen Zeitungen wieder einmal Stoff zu falschen Verallgemeinerungen zu geben. Das deutsche Judentum will mit derartigen geschäftlichen Ausnutzungen religiöser Gefühle nicht das geringste zu tun haben und wird, soweit es in seinen Kräften steht, alles tun, um derartigen groben Unfug zu verhindern. )acob Holöschmiöt unö die Nationalsozialisten Jacob Goldschmidt, der Inhaber der Darmstädter- und Nationalbank, soll, so wurde in der Oesfentlichkeit in der letzten Zeit verschiedentlich behauptet, die Nationalsozialistische Partei durch Geldsubventionen unterstützt haben. Bon dem Anwalt Goldschmidts wird uns versichert, daß Jacob Goldschmidt weder mittelbar noch unmittelbar der Nationalsozialistischen Partei oder einem ihrer Führer Geldzuwendungen gemacht habe. Weder Hitler noch die anderen Führer seien ihm persönlich bekannt. Ebenso sei die Behauptung aus der Lust gegriffen, daß der Direktor der Norddeutschen Wolle A. G., Lahusen, im Aufträge Goldschmidts den Nationalsozialisten Geld gegeben habe. Nachdem v. K a h l e r das Judentum im Unterschied zu einer Nichts - als - Konfession als eine Stammesreligion gekennzeichnet hat, fährt er fort: „Das Judentum ist Stamm für immer. Es kann wohl, ja es muh seiner besonderen Schikkung gemäß in das Menschtum übergehen, nicht aber kann es selber Nation unter cmöercu Nationen werden. Es kann die Wesensordnnng, in der es Jahrtausende vor den europäischen Nationen erwachsen ist, nicht heute willkürlich aus eigener Wahl im Nachhinein verändern; es kann nicht über seinen Schatten springen, kann nicht Geschwister oder gar Kind seiner eigenen Kinder werden. Aber es kann freilich, ja es muß verwandelt in diesen Kindern weiterleben, es muß die Form der Nation in den Gehalten und Gestalten anderer Nationen, die von vornherein als Nationen in die Welt getreten sind, durchlaufen, um das ganz verirdischte Menschtun: zu erreichen. Jeder Jude ist daher notwendig geteilt zwischen Eigenheit und Andersheit, zwischen dem Residuum des spezifischen Stammes, dessen er nie ledig wird. — . . . und ferner der umweltlichen national bedingten Gegenwart, derer: Art er sich eineignet, ebenso tief eineignet wie er sein Eigenes bewahrt; denn das ist seine leibhaftige Aufgabe, die ihn sich wandeln, durch alle Etappen der Menschengeschichte bis zum reinen Menschtum selbst hinwandeln heißt. Hieraus sieht man, wie grundverschieden die Stellung der Inden von der Stellung der nationalen Minderheit ist. Die nationale Minderheit, zumal wenn sie durch gewaltsame Grenzziehung von einen: nachbarlichen Heimatland abgerissen ist, wenn sie die als möglich lockende Zugehörigkeit und die als wirklich drückende Abhaltung dauernd vor Augen hat, muß sich ganz natürlich in einem Widerspruch zu dem Staat, der sie umfaßt hält, empfinden und kann sich nur durch eine oberflächliche staatsbürgerliche Loyalität mit ihrer Wirtsnation vereinigen; die Verbindung von Interessen, die auf der gleichen Ebene: Land, Staat, Wirtfchasts- und Herrschastsbehauptung, Pflege der irdisch gewachsenen Art, spielen und auf dem gleichen Boden einander kreuzen und widerstreiten, muß notgedrungen künstlich und äußerlich bleiben . . . . . . Für Juden hingegen, für die Kinder eines Stammes, der auf dem Weg durch Nationen zum reinen Menschen begriffen ist, für sie ist dies kein Oder, sondern ein Und, es ist keine Loslösung von ihrem Judentum, sondern eine Erfüllung ihres Judentums. Dieser Ersüllungsweg freilich ist schwer und gefahrvoll, und er wird selten verstanden von Juden wie von Angehörigen der europäischen Nationen. Die erste, gemeinste Gefahr auf diesem Weg, der die meisten erliegen, ist die Gefahr des Abfalls ins bloße individuelle Ich. Einen solchen Abfall gibt es nun von allen heutigen Gemeinschaften und Gemeinschaftsformen. Aber der Jude ist freilich erheblich gefährdeter dabei und darum viel mehr, viel tiefer „Abfall". Ein schwacher Jude, geschwächt durch den traditionellen Druck des uralten, verlasteten Volksschicksals, geschwächt durch den Druck der völlig verirdischten abendländischen Umwelt und das Ansinnen der umgebenden Nation, die ihm bewußt wie unbewußt die Lösung aus seiner Stammesgemeinschaft ausdrängt, ein solcher Jude ist um so mehr alleingelassen, sich selbst überlassen, als der Zusammenhang mit seiner ursprünglichen Artgemeinschaft eben ein stammlicher, metaphysischer ist und in Westeuropa, äußerlich nicht anders mehr als durch die konfessionelle Gemeinde und das verkümmernde religiöse Ritual gepflegt, nur noch schwach in Erscheinung tritt, während der Zusammenhang der Nation, in staatlichen, heimatlichen, rechtlichen, brnuchlichen Formen inkorporiert und sinnlich vorgehalteil, den Menschen dauernd gegenwärtig umschließt. Ein Jude, der durch das moderne Leben unb die Notwendigkeit seiner Existenzbehauptung den: Dogma und dem Ritual des Stammes entrungen ist und nicht die Kraft hat, jene metaphysische Lebensordnung der Väter in gewandelten Formen sich wach zu erhalten, der den großen Zusammenhang der göttlichen Aufgabe, die ihm gestellt ist, verloren hat und mit ihr nur durch ein unverlierbares dumpfes Unbehagen, ein schlechtes Gewissen, eine verzweifelt gewaltsame unselig widerstreitende Skepsis noch verbunden ist: gerade dieser Jude findet auch nicht den rechten Zusammenhang mit der nationalen Gemeinschaft, die ihn umgibt, denn auch solcher Zusammenhang ist nur in einem kräftigen Gefühl jener Aufgabe zu fassen. Er assimiliert sich ihr äußerlich und flüchtig, aber innerlich fällt er in einen Abgrund, in dm Abgrund des reinen Ich, und das einzige, was ihn als Mitwelt wie als Stamn:ersatz, als gegenwärtig verbliebenes Stammrudiment noch verantwortlich hält, ist die Familie. Die zweite Gefahr entspricht einem nächsthöheren Grad von bewahrtem Zusammengehörigkeitsgefühl mit den: Stamm, einer etwas höheren und stärkeren Menschenstufe: Es ist die Gefahr des leidenschaftlichen Eintauchens in die umgebende Nation, der gewollten, restlosen oder doch übereifrigen Assimilation. Die bloß Eigensüchtigen assimilieren sich gleichgültig und utilitarisch, diese aber assimilieren sich mit heißen:, absichtsvollem Willen und in einem mißverstehenden Widerspruch zu ihrer Stammesart, der das Zeichen eines lieferen Zusammenhangs mit ihr ist. Dem: nur wer sehr gebunden ist, wehrt sich so heftig. Sie empfinden sich selbst wohl stark als Juden, empfinden den Drang, heutig zu leben und am Heutigen, an der gegenwärtigen nationalen Umwelt zu wirken, sie sind aber nicht stark genug, den Zusammenhang, der sie einerseits mit ihrer Stammesart, anderseits mit der umschließenden Nation verbindet, in seinen eigentlichen Sinn, in die Wissensklarheit zu heben — und so erliegen sie den: Anspruch der Nation, die von dem Stamm und seiner Aufgabe nichts weiß und nichts wissen will, die nichts anderes als sich selbst weiß und wissen will und nichts anderes als ihre eigene Existenz behauptet. L-ie erliegen ihr, indem sie gegen das Jüdische und damit auch gegen die übervolkliche, menschliche Ausgabe in ihrem Innern sich kehren und ungleichgewichtig nationaler werden als die Nation, französischer als Franzosen, teutonischer als Deutsche. Es find diese bequemen und übermäßig bereiten Juden welche leider — begreiflicherweise — den allzusehr in sich selbst befangenen europäischen Nationen aqi ehesten willkommen sind, aber diese Nationen erweisen sich selbst nichts Gutes damit, daß sie gerade solche Juden und solche

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