Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 45 (7.11.1930)
- Date
- 1930-11-07
- Page
- Seite 579 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2277379-2277676-2277721--06353-2287169- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die jüdis&en Wahlen Wir müssen uns mit den Tatsachen abfinden, daß am 30. November die Wahlen für den Preußischen Landesverband der jüdischen Gemeinden stattfinden werden und daß am gleichen Tage die Repräsentanten der Berliner und einiger anderer jüdischer Gemeinden gegewählt werden. Es ist tief bedauerlich, daß jüdische Wahlen im gegenwärtigen Zeitpunkt überhaupt stattfinden, und daß die ernsten Versuche, eine Wahl zu vermeiden, scheiterten. Bei Beginn des Wahlkampfes die Frage Zu untersuchen, wer die Schuld an dem Scheitern der Verhandlungen trägt, erscheint Zwecklos. Es wird hier, wie stets in Wahlkämpfen, von jedem Teil der Versuch gemacht Noerden, den anderen als den Friedensstörer zu bezeichnen. Fest steht: die religiösen Parteien und insbesondere auch die Liberale Partei waren bereit, um einen Wahlkamps Zu vermeiden, einem erheblichen Aufschub der Wahlen zuzustimmen, ohne daß die Jüdische Volkspartei, welche tatsächlich gegenwärtig den entscheidenden Einfluß auf die Geschicke der Berliner Jüdischen Gemeinde ausübt, Bindungen für ihre Arbeit während der Zeit des Aufschubs eingehen wollte. Die Jüdische Volkspartei brachte dieser Opferbereitschaft kein Verständnis entgegen und stellte Bedingungen, welche insbesondere die Liberale Partei anzunehmen sich nicht in der Lage fühlte, Nachdem mrnmehr der Wahlkampf angesagt ist, konnten auch die dankenswerten Versuche, den Lauf der Dinge auszuhalten, keinen Erfolg mehr haben. Jetzt ist es Aufgabe der Parteien und ihrer Anhänger, den Kampf in Formen zu führen, welche dem furchtbaren Ernst der Zeit entsprechen. Es geht bei den Wahlen um Gegensätze Zweier Weltanschauungen, die verkleistern zu wollen, verfehlt wäre. Die Achtung vor dem Gegner und seiner Weltanschauung erfordert gerade die unbeirrbare Vertretung der eigenen Weltanschauung. Deshalb braucht und darf nicht vergessen werden, daß sich die Parteien nicht als Feinde gegenüberstehen, sondern daß auf beiden Seiten Juden stehen, die mit sich ringen und die ihren Weg aus innerer Notwendigkeit gehen und mit dem Streben, der Gesamtheit zu dienen. Es ist eine schöne, echt demokratische Aufgabe, der Welt Zu zeigen, daß wir es verstehen, einen Wahlkampf in Klarheit und Reinheit sachlich zu führen. Es ist nicht nötig, die OeffentlichkeiL mit der Austragung unserer Gegensätze Zu befassen. Unsere Ideen müssen werben. Von Justizrat Br* Brodnitz Das Ergebnis der Wahlen hängt im wesentlichen von der Aktivierung der N i ch t w ä h l e r ab, die überwiegend der Grundrichtung angehören, welche unserem Central-Verein entspricht. Diese große Partei der Nichtwähler darf sich über den Einfluß der Jüdischen Volkspartei nicht beschweren, wenn sie nicht einmal die Fähigkeit aufbringt, durch Abgabe des WahlZettels eine Aenderung in der Zusammensetzung der Repräsentanz der Berliner Gemeinde und mindestens die Erhaltung des Bestandes der aus dem Standpunkt des Central-Vereins stehenden Mitglieder des Preußischen Landesverbandes zu erreichen. Es ist gänzlich verkehrt und zeigt einen untragbaren Mangel an Gemerrrsinn und an Verantwortung vor der Gesamtheit, wenn man sich ans irgendwelchen Gründen verärgert von der Beteiligung an dein Gemeindeleben abwendet. Unsere jüdischen Gemeinden haben so Großes geleistet und stehen vor so großen neuen Ausgaben, daß es niemand verantworten kann, sich nicht an seiner Stelle und nach seinen Kräften dieser Arbeit 31t widmen. Man hört und liest von unberufener Seite so viel von der Neutralisierung des C e n t r a l - V e r e i n s im bevorstehenden Wahlkampfe. Dies ist insofern richtig, als der Central- Verein es unbedingt ablehnt, sich in einen etwaigen Streit der religiösen Parteien untereinander ein- Zumischen. Wir stehen aber nun einmal vor der Tatsache, daß mit Ausnahme der Anhänger der Jüdischen Volkspartei alle Parteien nur religiös orientiert sind und in den Gemeinden nur die Basis sehen, auf der sich das religiöse Leben, allerdings in dem Umfange, wie es unserer Religion und unserer Tradition entspricht, abspielt, urtb daß auf der anderen Seite die politisch orientierte Jüdische Volkspartei besteht. Ob dies so sein muß, soll hier nicht untersucht werden. Wir müssen uns im Augenblick mit gegebenen Verhältnissen abfindem Die Haltung des Central-Vereins ist durch den fast einstimmig gefaßten Beschluß seines großen Hauptvorstandes am 19. Oktober festgelegt. Der Eentral-Berein hält es für selbstverständlich, datz seine Mitglieder und Freunde, und alle, die ihm gestunnngsmätzig nahestehen, sich an den Wahlen beteiligen und nur solche Parteien unterstützen, die nicht jüdisch-national eingestellt sind. Der Beschluß bedarf keiner Begründung. Wer die weltanschaulichen Grundlagen des Central-Vereins kennt, wird sich keine Minute int unklaren darüber sein, daß der Central-Verein klare Forderungen in solcher Form erhebt imb erheben muß. An ihnen findet die Neutralität des Central-Vereins, wenn man dieses bedenklich schwammige Schlagwort gebrauchen will, ihre natürliche Grenze. Unser Vorstandsbeschluß besagt, daß ein Eingreifen des Central-Vereins in den Wahlkampf nur erfolgen soll, c n n e s u n b edi n g t e r f 0 r d e r l i ch i st. Ich richte meine warnende Stim mc an alle Parteien, den Wahlkampf so Zu führen, daß ein Eingreifen des Central-Vereins in den Wahlkampf nicht erforderlich ist. Ich tue dies nicht ohne Not, weil Zeichen dafür vorhanden sind, daß die Gegner unseres weltanschaulichen Standpunktes bemüht sind, den Wahlkampf auf dem Rücken des Central-Vereins auszupaukeu. Es ist möglich, den Kampf ohne Hereinziehung des Central-Vereins 51t führen, nur guter Wille ist hierzu erforderlich. Beguemer ist es vielleicht, die Warnung unbeachtet zu lassen, aber dann beschwere man sich nicht späterhin über ein Eingreifen des Central- Vereins. Die Leitung des Central-Vereins wird die Richtlinien vom 19. Oktober streng innehalten, solange ihr dies möglich bleibt. Unser deutsch-jüdischer Standpunkt findet in allen religiösen Parteien charakteristische Vertreter, die diesen Standpunkt auf dem Boden des G e m e i n d e l e b e n s zu wahren befähigt und gewillt sind. Der Central-Verein beschränkt sich in Wahrung der Richtlinien seines Hauptvorstandes zunächst auf die Aufforderung, daß seine Anhänger ihre Pflicht bei der Wahl erfüllen. Nur in diesem Sinne ward er auch bei uns den religiösen Parteien und ihren Anhängern die Möglichkeit geben, für sich zu werben. Wird jedoch der Kampf zu einem Kampfe gegen den Central-Verein benutzt, so werden wir uns zu wehren wissen. Wir fühlen uns stark genug dazu, würden aber eine solche Notwendigkeit um so mehr bedauern, als wir nicht in die Lage kommen lvollen, Dinge zur Sprache zu bringen, welche die national-jüdischen Ideale gerade im gegenwärtigen Augenblick grell beleuchten und welche wir bisher mit der Zurückhaltung besprochen haben, die unserem jüdischen Mitempfinden auch mit denjenigen Gruppen entspricht, welche den von uns aus reinster, innerster Ueberzeugung im Dienste unserer deutsch-jüdischen Idee und auch im Dienste unseres jüdischen Gemeinschaftsgefühls vertretenen Standpunkt bekämpfen. Möge dieser Warnungsruf dazu beitragen, einen reinen und vornehmen Wahlkampf zu führen. „Mord und Raubmord" und was in Wahrheit vorfiel In den letzten Maitagen war die alte Weserstadt Hameln, wie wir in der „C. V.-Zeitung" Nr. 23 vom 6. Juni d. I. mitteilten, in starker politischer Erregung. Was war vorgesallen? Ein jüdischer Viehhändler, Herr Löwenstein aus Hess.-Oldendors, hatte einen Nationalsozialisten verhauen, und die Nationalsozialisten überschütteten daraufhin die Stadt mit roten Handzetteln, die die Ueberschrift „Mordversuche an dem Nationalsozialisten W. in Hameln" trugen. Auch die „Niederdeutsche Zeitung", Ausgabe Hameln, trug ihr Teil zu der Verhetzung' der Oesfentlichkeir bei; sie wußte gar von einem „Mord und Raubmord, der viehischen Tat eines Viehhändlers" 31t berichten. Am 27. Oktober standen nun alle Beteiligten vor dem erweiterten Schöffengericht in Hameln. Wie David und Goliath wirkten der Viehhändler Löwenstein aus Hess.-Oldendors und der angeblich fast erschlagene Bankbeamte Wellpott. Nur die politische Ausschlachtung hatte veranlaßt, daß der Raushandel nicht auf dem Wege der Privatklage erledigt iourde. Die Zeugenaussagen ergaben eindeutig, daß der Nebenkläger Wellpott uucer den: Einfluß des Alkohols seinen teutonischen Mut nicht hatte zügeln können. Trotz Warnung guter Freunde hatte er den „kleinen Juden" Löwenstein durch dauernde Hetzreden und Beleidigungen schwer gereizt. Er hatte wohl auch dessen körperliche Kräfte unterschätzt. Bei Eintritt der Polizeistunde, als die Gäste gemeinsam das Lokal verlassen mußten, war „die Geduld Löwensteins zu Ende". Leider ließ sich Löwenstein bei der folgenden Rauferei 31t Fußtritten Hinreißen; von der Anwendung eines Messers oder eines sonstigen lebensgefährlichen Gegenstandes, wie die gegnerische Seite behauptet hatte, konnte nichts erwiesen werden. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft Hannover, der Erste Staatsanwalt Krause, beantragte gegen Löwenstein eine Geldstrafe von 50 Mark. Seine - Ausführungen ließen erkennen, daß er den Nebenkläger für nicht weniger schuldig hielt als den