Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 45 (7.11.1930)
- Date
- 1930-11-07
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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57$ deutsche Mensch, dem es ernst ist mit dem Jbeal der Volksgemeinschaft, sich vorlegen tollte — ganz gewiß aber auch eine Frage, die nicht weniger der jüdische Deutsche sich vorlegcu sollte. Juden und Nichtjnden, beide beben ihr großes, Vvltstümlichcs und bequemes Dogma. Das der Nichtjnden heißt: Abu allem Unglück, an jedem Mißerfolg sind die Juden schuld. Das Dogma ist nicht nur bequem, sondern, weil es bequem ist, auch höchst gefährlich. Es enthebt den Menschen der Delbutritik, des peinlichen S.elbstverhörs darüber, was er selbst, sein Stand, seine Gruppe, seine Juteresseupolitik verschuldet und versäumt hat — und inwiefern er sich selbst erneuern, straffen, mühen, einsetzen auch, um zum Aufstieg zu helfen. Es enthebt ihn der ernsthaften und tathaften Selbstverantwortung. Das ist das Entsittlichende der Schuldabwälzung, die im Dogma des Antisemitismus liegt. Aber ailch die Inden haben ihr Dogma. Es heißt: Au altern Antisemitismus sind nur die Nichtjuden schuld. Auch dieses Dogma ist bequem, denn auch dieses Dogma wälzt die Schuld ab, enthebt diejenigen jüdischen Menschen und streife der Selbstkritik, der Selbsterkenntnis, der Selbstverantworttlng und damit schließlich der lebendigen Verantwortung gegenüber der Volksgemeinschaft. Es ist sozusagen ein Togmatisunls auf Gegenseitigkeit, und die beiden Gegendvgmatiker roerden sich niemals verstehen, weil sie sich gar nicht verständigen 'vollen. Sie halten ja eben gerade das Dogma als Schuhschild der Bequemlichkeit vor Herz und Hirn, weil sie der Blühe der Selbsterkenntnis und der Selbstverantwortung enthoben sein lvollen. Hier gibt es weder Zusannnenarbeit noch Verständigung. Um so entschiedener und leidenschaftlicher muß sie von denen gesucht und erreicht werden, die gewillt sind, zu Ende zu denken, die nicht auf den Rnhepolstern des Dogmas, das immer nur den anderen verantwortlich macht, ausruhen können, den freien, die jebcn Kampf mit Selbsterkenntnis beginnen, in der aller Anbeginn der Ehrlichkeit, der -Ritterlichkeit, der Gerechtigkeit, des Verstehens und — der Sachlichkeit liegt. Ich weiß, daß inan das nicht allerorten gern hört — bei den Antisemiten so wenig wie bei den Inden. Alan hört viel lieber, die Welle des Nationalismus wie des Antisemitismus sei nichts weiter als eine Art Ressentiment, etwas höchst Unvernünftiges und Grundloses, das lediglich genährt wird durch die zeitweilige Notlage des Volkes, und was ebenso sicher und schnell wieder vergeht, wenn der deutsche Mensch sich wieder in gesicherten Lebensgrundlagen sieht. Das ist allerdings eine einfache und beruhigcnde Deutung, die alles vom Persönlichen Gewissen fort und ans den günstigeren Mechanismus besserer Zeiten schiebt, die schon „das ihre" tun werden — das heißt' das, was man nicht selber tun will. Und eben darum ist es eine falsche Deutung. Denn daß der Haß so irr und unsachlich, verleumdend und vergiftend auflodert, ist doch nur möglich, wenn er irgendwie vorher in Bereitschaft gelegen hat, wenn das Gefühl des Mißtrauens und der Fremdheit ein kon st antes Moment in der Seelensage breiter Schichten des Volkstums ist. Mißtrauen und Fremdheitsgesühl sind immer z n g l e i ch Bereitschaft zur Aggression, zu Feindschaft und Haß. Die äußeren Motive, die ans dieser Bereitschaft gegenwärtige Leidenschaft machen, sind dnrchaus sekundär gegenüber den Gründen, die allere r st die Bereitschaft s e l b e r bewirkte n. Diesen müssen wir uns Zuwenden. Gemeinsam. CIjuc dogmatischen Schutz und Vorbehalt. So müssen wir honen, zu einer tieferen und wesentlicheren Auffassung des Begriffs der Aufklärung zu fonmten. Es genügt nicht, daß sie sich nur immer aus das bezieht, was gerade jeweilig an Jrrtmu und Verleumdung in» öffentliche Leben gezerrt wird, sondern ans die tieferen und älteren Gründe, die das volkstümliche Denken so überaus aufnahmefähig für Lüge und Verleumdung auch in den irrsten Formen macht. Gegenseitiges Verstehen und wirksame Zusammenarbeit haben zur Voraussetzung, daß auch der jüdische Deutsche willens ist, eine gewisse Oberslächenstimmung und Oberflächendentnng des Antisemitismus zu überwinden und die Untergründe zu verstehen. Um den Juden ist eine vielfältige Legendenbildung geschehen und im volkstümlichen Glauben eingewurzelt — eine widerwärtige, ungerechte, das kritische und politische Urteilsvermögen des Deutschen — des jüdischen lvie des nichtjüdischen! — trübende Legendenbildung. Aber die Gründe liegen nicht nur am Gegner, nicht nur an schicksalhaften geschäftlichen Vorgängen, sondern auch im deutschen Judentum selber. Es sind zuweilen tragische Momente dabei im Spiel, die ein ehrliches Verstehen und also eine entfehl offene Aufklärung bei dem Gegner nötig machen und andere, die nicht minder ein ehrliches Verstehen bei den jüdischen Deutschen erheischen. Im Sinne einer solchen vertieften gegenseitige u V c r st ändigung und einer festeren Zusammenarbeit sind die kurzen Darlegungen gedacht, die diesen Zeilen folgen sollen. Sie sollen von einigen Erscheinungen her die Ursachen zeigen, die ein gewisses M i ß t r a u e n , das die immer wache Disposition zu Angriff und Haßentladung ist, ins volkstümlich-unkritische, bildhaft-anschauliche Denken geleitet haben. Sie wollen einladen Ursprung 1835 SMesield-Versiteimieii Mitarbeiter gesucht. zum V e r st e h e n dieser Disposition, und zwar von ihren U r suche n her. Dabei wird es sich nicht um irgendeine Art überheblichen Moralifierens handeln, also auch kamn um konkrete Vorschläge zu irgendlvelchen Blaßnahmen. Dazu ist der Verfasser nicht bentfen. Vielmehr dürfen solche Ausführungen nicht den Rahmen allgemeiner psychologischer Darlegungen und Beobachtungen überschreiten. Diese freilich sollen ungeschminkt gegeben werden. Sie werden niemals umgreifen. Aber sie werden auch nicht das Opiat der vorschnellen und unsachlichen Beruhigung enthalten. Wir lvollen uns verstehen und zusammenstehen. Also müssen wir auch das sagen, was wir ungern sagen, und das hören, was lvir ungern hören. Die Grundlage des Verstehens ist nicht eilfertige Bejahung, sondern daß lvir nach bestem Wissen und Gewissen sagen, was.wir sehen und was wir also sagen müssen. Nur so stehen wir alle im Dienst der Verständigung und des Ideals echter Volksgemeinschaft, von dem uns jeder Akt, jede Zeile, jedes Wort der Verhetzung täglich weiter entrückt. Aachwort zum Monier VomberilegerprozeK Vor dem Altonaer Schlvurgericht ist aln 31. Oktober das Urteil gegen 21 Angeklagte gefüllt worden. Ein bedeutungsvoller Prozeß ist damit nach über Zweimonatiger Dauer zu Ende geführt worden. Mehr als hundert Zeugen sind mit oftmals sehr umfangreichen Begründungen zu Wort gekommen. Seit den ersten Attentaten sind nahezu zloei Jahre vergangen. Ueber den politischen Hintergrund und die Einzelheiten des Prozesses ist in den Tageszeitungen eingehend berichtet worden. Für die deutschen Juden beanspruchten diese Gerichtstage zu einigen Zeitpunkten besondere Aufmerksamkeit, lveil sich auch jene Täter hier zu verantworten hatten, die das Bombenattentat auf das Haus des Rechtsanwalts Dr. Strauß (Lüneburg), dem früheren Vorsitzenden der Ortsgruppe des C. V. in Lüneburg, ansgeführt hatten. Ueber das Attentat selbst wurde seinerzeit in diesen Blattern ausführlich berichtet. Die Täter hatten im allgemeinen sich für ihre Attentate Gebäude ausgesucht, in denen Behörden, die wichtiges politisch umkämpfte Aufgaben 31t erfüllen hatten, untergebracht waren, wie Landratsämter, Finanzämter usw. Eine Ausnahme davon bildet jedoch das Attentat jmf das Haus des Rechtsanwalts Dr. Strauß. Bon dieser Bombe muß nach bein Verlauf des Prozesses gesagt werden, daß sie 31t freu gefährlichstem gehörte. Erforscht man die Gründe, aus denen die Bombenleger sich gerade dieses Haus ausgesucht haben, so sieht man sie zunächst in der starken antisemitischen Verhetzung bäuerlicher Kreise. Vorgeschützt hat einer der Angeklagten, daß Dr. S t r a u ß für einen Neichsbannerüberfall aus ihn, der fünf Jahre zurücklag, Anstifter gewesen sein soll, obwohl durch einen Prozeß längst der wahre Sachverhalt erwiesen war. Man sagte weiter Dr. Strauß politischen Einfluß auf den unbeliebten Regierungspräsidenten nach; lvie man diese Behauptung zu stützen versuchte, ist gleichzeitig ein Beweis für die schwierige Situation der Juden in kleineren Städten, die sich beruflich etwas Herausstellen müssen. So sagte ein Zeuge: „Von Dr. Strauß wissen wir, daß er politischen Einfluß hat, denn (!) er war Rechtsanwalt der Regierung." Ein anderer Zeuge mit der gleichen Behauptung, „denn er ist aus einer Gesellschaft des Regierungspräsidenten anwesend gewesen". Mag auch der Regierungspräsident als Zeuge erklären (auch bei ihm war eine Bombe gesunden worden), er kenne Strauß als eine harmonisch ausgeglichene Persönlichkeit ohne politischen Ehrgeiz: die angeführten Tatsachen reichten aus, Dr. Strauß, dein Republikaner und Juden, eine Höllenmaschine ans Haus zu legen. Die in Mona zur Aburteilung gelangten Taten stehen am Anfang der neuerlichen Radikalisierung des deutschen Volkes. Möge das harte Urteil den Anfang einer Entradikalisierung bilden und ernüchternd auf diejenigen wirken, die glauben, im politischen Kampf jedes Mittel empfehlen zu dürfen. Ludwig Seniler. .