Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 45 (7.11.1930)
- Date
- 1930-11-07
- Page
- Seite 577 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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s 1 « W i erern «ntraf Blätter für öeutsektum und Judentum ~ Bierteljahrsabonnement ,50 RM. (zuZUgl. Bestellgeld). Vrrlin, 7. November 1-3- IX. Jahrgang * Ar. 45 Einzelnummer 2» Pfennig dryan öes tentralVereius-eutfeliex^, EtaatsdüryerMöifeken Klaubens e.V. Allgemeine Zeitung des Judentums Verlag und Schriftleitung: Berlin SW 68, Lindenstr. l.3. Amt Dönhoff 8594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin SW 68, Lindenstraße 7, und von Goldschmidt - Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JUL für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mosser Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 JUL, die 62 mm breite Reklamezeile 3,50 JUL* Nicht nur der andere ist schuld! von Dr. Müller-Claudius Zrie-hofsfchän-ungen in Tilsit und Trebnitz In der Nacht vom 29. zum 30. Oktober sind auf dein jüdischen Friedhof in Tilsit acht Grabsteine mngestürzt worden. Die Täter entkamen unerkannt. Die Kriminalpolizei bernüht sich eifrig — leider bisher aber erfolglos — um die Feststellung der Täter. Eine Belohnung von mehreren hundert Mark ist für die Erfassung der Täter ausgesetzt. Auf dem jüdischen Friedhof in Trebn'itz i. Schles. wurden 34 Denksteine mit grasten Hakenkreuzen besudelt und die Fenster der Leichenhalle vollständig zertrümmert. Die innere Wand der Halle wurde mit drei rotgemalten Kreuzen, die die Inschrift: „Heil Hitler, Inda verrecke" enthielten, beschmiert. In der Mitte war ein Galgen gezeichnet, an dem ein Jude gehängt wurde. Die Synagogengemeinde hat die Angelegenheit der Polizei übergeben und eine Belohnung von 100 Mark für Ermittlung der Täter ausgesetzt. RalwnalsoziaWen überfallen fttedlrche jüdische Bürger in Ottelsburg Am Montag fand in Ortelsburg eine Reichsbannerversammlung statt, die ruhig verlief. In der Aussprache warf der Nationalsozialist Behrendt (Schwentainen) dem Hauptredner vor, daß er die Heuchelei von den Juden gelernt habe. Nach dieser Diskussionsrede verließen die Nationalsozialisten den Saal und wurden auch durch die Polizei aus dem Vorraum des Saales herausgedrängt. Als der jüdische Kaufmann Seelig P r e u ß sich mit feinem Sohne nach der Versammlung auf den Weg zur Bahn begab, um seine Frau abzuholen, wurde der junge Preuß plötzlich von einer Horde jugendlicher Nationalsozialisten umzingelt. Als sein Vater ihm zu Hilfe eilen wollte, kam aus einer Seitenstraße noch ein Trupp Nationalsozialisten, die diesen gefährlich Zurichteten; Herr Preuß erlitt Schulter- und Armbrüche. Der junge Preuß hat einige Täter erkannt und die Angelegenheit der Polizei übergeben. Justizrat Dr. Brodnitz: Die jüdischen Wahlen. S. 579. — Erich v. Kahler: Juden und Deutsche. S. 580. — Dr. H. Stern: Was lasen die deutschen Juden im Mittelalter? S. 583. Die Redaktion dieser Zeitschrift hat mich wiederholt eingeladen, einiges niederzuschreiben ans den Beobachtungen über die Gründe der ersichtlich im Wachstum befindlichen und immer tiefer im volkstümlichen Bewußtsein sich verfestigenden Feindschaft gegen das Judentum und den jüdischen Deutschen schlechthin. Wiewohl ich des öfteren über solche Dinge in kleinen Kreisen gesprochen habe, war es mir doch peinlich, der Einladung nachzukommen, darüber in breiterer Oeffentlichkeit, also unpersönlicher und in der abkürzenden, verallgemeinernden, vielleicht vergröbernden Form des gedruckten Wortes zu sprechen. Da aber ausgezeichnete und weitsehende Menschen die Meinung hatten, es sei notwendig, einige Dinge offen und unumwunden zur Diskussion zu bringen, über die man vielleicht zu lange schon geschwiegen, die man über das unmittelbar Erregende der Tagesfragen zu lange schon zurückgestellt habe, und es sei ferner nötig, diese Erörterung nicht nur im innerjüdischen Kreise zu führen, sondern freimütig und vor aller Augen gemeinsam zwischen Juden und Nichtjuden gemäß dem Programm der „C. V.-Zeitung": „Für Deutschtum und Judentum", war es selbstverständliche Pflicht des Verfassers, alle Bedenken zurückzustellen und dieser freimütigen und vorbehaltlosen Aufforderung zur Zusammenarbeit ebenso freimütig und vorbehaltlos nachzukommen. Denn diese Zusammenarbeit nicht nur im Tageskampf (in dem sie eine sekundäre Rotte spielt), sondern mehr noch in der Erkenntnis der tiefsten Ursachen, die Haß und Kampf des Tages erst m ö g l i ch machen, ist von der erheblichsten Bedeutung. Gerade sie ist in der letzten Zeit in den Hintergrund getreten, wiewohl sie Programmatisch unablässig gefordert wurde. Vielleicht liegt das nicht zum wenigsten daran, daß gerade diejenigen Probleme, die von sich aus ein Zusammenarbeiten erfordern und vorbereiten und die noch vor drei Jahren etwa unbehindert in den Strom der Erörterung traten, stark zurückgestellt wurden zugunsten des Kampfes gegen den Pöbel- und Straßenlürrn, zugunsten des Kampfes gegen Symptome statt des Kampfes gegen Gründe, der der schwerere Kampf ist — aber auch der geistigere und darum der, der die verantwortungsbewußten geistigen Menschen aus jüdischen, nichtjüdischeu —; und selbst gegnerischen Kreisen iunner wieder zusammeusühren kann und wird. Denn darüber sollte kein Wort mehr zu verlieren sein: die wirtschaftliche und politische Notlage des deutschen Volkes, die verzweifelte Lebensunsicherheit breiter Volksschichten sind nicht etwa „schuld" an der volkstümlichen Bewegung der Feindschaft gegen das Judentum. Zweifellos bewirkt die politisch-wirtschaftliche Depression besonders grelle Entladungen dieser Feindschaft, wie Not überhaupt die Massen für jede Art heftiger Aggression besonders empfänglich und bereit nnrcht. Aber diese akuten wirtschaftlich-politischen A n l ü s s e sind nicht zu verwechseln mit tieferen Ursachen. Man muß aufhören, die a k t u - ellen Gründe zu verwechseln mit tieferen und n i ch t n u r zeitgeb u n dene n ll n - tergr ü nbcn des Antisemitismus, mit Untergründen, die auch keineswegs nur in dern Mangel an Verstehen, in der „Böswilligkeit und Zugeschlossenheit des deutschen Denkens, auch nicht nur in den gewissenlosen Verbetzungsmethoden des deutschen öffentlichen Lebens beruhen, sondern darin, daß von seiten der jüdischen Deutschen und ihrer Organisationen nicht alles ein gesehen ist, was im volkstümlichen Denken entfremdend wirken konnte — oder mußte und also auch nicht alles g e s ch e 1} e n ist, was dieser ' Entfremdung entgegeuwirten könnte. Der Antisemitismus ist nicht erst ein Produkt der Verhetzung, sondern die Verhetzung ist erst möglich und wirksam dadurch, daß im volkstümlich-unkritischen Bewußtsein ein Gefühl der Fremdheit gegenüber dein jüdischen Deutschen verblieben ist. Dies Fremdheitsgefühl kann man nicht aufheben durch Aufklärungsarbeit, die sich immer nur an die rationalen Ausdrücke dieses Gefühls, an die intellektualistischen Argumente wenden kann, die von Tag zu Tag wechseln, nie aber an die irrationale Wurzel des Fremdheitsgesühls, ohne das alle nationalen Ausdrücke und Argumente jede Evidenz verlieren würden. Dies Fremdheitsgefühl wird man nie ans dem volkstümlichen Denken ansschalten können, ehe der Augenblick gekommen ist, in dein man mit den: rücksichtslosen Willen zur Selbsterkenntnis sich die Frage vorlegt: Was habe ich dazu beigetragen, daß dieses Fremdheitsgefühl ist und bleibt? Ganz.gewiß eine Frage, die jeder