Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 44 (31.10.1930)
- Date
- 1930-10-31
- Page
- Seite 568 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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SbS A.Herrmann&Sohn BERLIN W 50 Ansbacher Strasse 42/43. B 4, BAVARIA 5947. Schokoladen / Gebäck / Tee Feines Teegebäck von M. 0,98 an Dr. Fromtn’s MäfirmifteS für Zuckerkranke. eines Paul Ehrlich, des Erfinders des Sal- Varsan, eines Heinrich Hertz genannt, ohne dessen Theorie Von den elektrischen Wellen unsere ganze drahtlose Telegraphie niemals praktische Bedeutung erlangt hätte; die Jurisprudenz ist Männern wie den Juden Friedberg, Staub, G o l d s ch m i d L aufs tiefste Verpflichtet; in der Philosophie haben Hermann Cohen, als bedeutendster Nachkantianer und Begründer der „Marburger Schule", sowie sein Schüler Ernst C a s s i r e r — mit seinem grundlegenden dreibändigen Werk über das Erkenntnisproblem — Geltung und Ansehen gewonnen, und die deutsche Industrie wird Männer wie Albert B a l l i n und Emil R a L h e n a u niemals aus ihrem Gedächtnis Verlieren können. Auch arr den großen Kulturmächten, die im Bereich Von Intuition und Phantasie gelagert sind, an Dichtung und Kunst, haben die deutschen Inden einen ständig wachsenden aktiven Anteil genommen. Wer könnte sich aus der modernen deutschen Malerei den strahlenden Pleinairismns eines Max Lieber m a n n-, des verehrungswürdigen Lehrmeisters aller deutschen Impressionisten, sortdenken? Und wer möchte den malerischen Ernst eines L e s s e r U r y missen? In viel stärkerem Maße noch sind jedoch die Juden für die neue deutsche Dichtkunst ein weithin sichtbarer Kultursaktor geworden: chaum einer unter den modernen Dichtern ist in seinem gesäurten Schaffen von einem so heißen Kulturwillen beseelt wie der Jude Franz Werfel; niemand hat, seit den Tagen Heinrich, von Kleists, das Prinzip des absoluten Rechts mit so fanatischer Eindringlichkeit künstlerisch gestaltet wie der Jude Jakob Wassermann; niemand ist als Dichter in den Geist der deutschen Musik so tief eingedrungen wie der Jude Ernst L i s s a u e r, und niemand hat das hohe Kulturinstrument der deutschen Sprache mit der schwingenden schwebenden Beseeltheit seiner Prosa in gleicher Weise gemeistert wie der Jude Stefan Zwei g. Wo sie aber nicht selbstschöpserisch hervortraten, erwiesen sich die Juden stets als die getreuesten Sachwalter am Werk der Kultur, voll leidenschaftlicher Inbrunst der Sache hingegeben, Diener und Herren zugleich. Es waren insonderheit Juden, die in das Goethesche Lebenswerk, den stolzesten Kulturbau der Deutschen, die Fackel der Erkenntnis hineingetragen haben; in die klassische Welt der Musik entführte uns der Zauberstab der beiden Juden Arthur N i k i s ch und Bruno Walter oder die vollendete Geigenkunst eines Joseph I o a ch i m und Fritz Kreisler; die deutsche Bühne bekam durch den Juden Mar Rein h a r d t, der heute Weltruhm erlangt hat, ein völlig neues, nie vorher noch gekanntes Gesicht; und die deutsche Schauspielkunst verehrte lange Zeit in den Juden Adolf von Sonnenthal, diesem wahrhaften Ritter vom Adel, und Emanuel Reiche r. diesem wahrhaften Ritter vom Geist, zwei ihrer leuchtendsten Vertreter, zu denen sich in unserer Zeit die beiden elementaren Gestalter Fritz Kortner und Alexander G r a n a ch hinzugesellten. Eine Vielfalt von Erscheinungen, die an der Kulturtat deutscher Juden keinen Zweifel lassen. Trotzdem hat der nationalsozialistische Abgeordnete Straffer unlängst im Reichstag für seine Partei die Forderung erhoben, die Juden sollten aus dem deutschen Leben völlig ausgeschaltet werden. Vielleicht liegt dieser utopistischen Forderung die uneingestandene Besorgnis Zugrunde, daß die positiv gerichteten Kräfte und Energien der deutschen Juden in evolutionärer Folge eine immer höhere Stufe der Entwicklung erreichen und sich dann um so freier auswirken könnten. Denn es war Friedrich Nietzsche, der in seiner „Morgenröte" den Lauf dieser Entwicklung mit den vorausschauenden Worten bezeichnet hat: „Wohin soll auch diese Fülle angesammelter großer Eindrücke, welche die jüdische Geschichte für jede jüdische Familie ausmacht, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art — wohin soll sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in große geistige Menschen und Werke?" SeuMälMigeKeilkunst Vor der Reichstag swahl hatte der Hartmann-Bund, der Verband der Aerzte Deutschlands, alle politischen Parteien um die Beantwortung von ihm gestellter „Schicksalsfragen des Aerztestandes" gebeten. In Nummer 40 der „Aerztlichen Mitteilungen" finden wir die Antwort der NSDAP. Sie lautet: „Die NSDAP, steht auf dem Standpunkt, daß nur ein beruflich freier und ethisch hochstehender deutscher Aerztestand — frei von jüdischem Einfluß in seinen eigenen Reihen — den mannigfaltigen Aufgaben gerecht werden kann, die der Dienst an: deutschen Volke im kommenden Dritten Reich von: einzelnen Arzt und der GesanrtheiL der Aerzte verlangen wird. Die NSDAP, bekämpft deshalb alle Bestrebungen, die die Berufsfreiheit der Aerzteschast beeinträchtigen wollen und sollen. Sie bejaht deshalb ohne Einschränkung die ersten drei von Ihnen gestellten Fragen. Die Nöte des deutschstämmigen ärztlichen Nachwuchses — von Ihnen in Frage 4 angeschnitten — werden sofort behoben sein, wenn inr kommenden Dritten Reich deutsche Volksgenossen sich nur von deutschstämmigen Aerzten behandeln lassen und für d i e Z u l a s s u n g fremdrassiger Elemente— schon zum Universitätsstudium — vom (Staate entsprechende Besti m m ungen erlassen w e r d e n. Die NSDAP, hat diesen Standpunkt immer vertreten und wird auch in Zukunft in diesem Sinne arbeiten. Zum letzten Absatz Ihres Schreibens bemerken wir, daß die NSDAP, die zahlreichen Aerzte in ihren Reihen im Nationalsozialistischen Aerztebund Zusammengeschlossen hat, dessen Aufgabe es ist, in allen einschlägigen Fragen als Fachberater der Partei und späterer Staatsleitung tätig zu sein." Werden diese „deutschstämmigen Aerzte" im Dritten Reich auch attf die Anwendung der vielen von „sremdrassigen Elementen" gefundenen Heilmethoden verzichten? Das Hakenkreuz in öer öemsthen Lanösthast Ein Nationalsozialist, der auf einem Felsen ein Hakenkreuz vor: mehr als drei Quadrat m et e r rt .zu Pro p a g an da zw ecken angebracht hatte, hatte sich vor Gericht zu verantworten, weil er durch seine Malerei gegen die Distriktsvorschriften verstoßen hatte, die Anbringung von Schildern, Aufschriften u. dgl. zu Reklamezwecken von polizeilicher Genehmigung abhängig machen. Das Amtsgericht hatte ihn frergesprochen, weil diese Polizeivorschrift nur G e s ch äf t s r e k l a m e betreffe. Das Ober st e Landesgericht in München hat mit dem Urteil Rev. Reg. II 508/29 („B. Ztfchr. f. Rpsl." 1930, S. 77) d a s Urteil ausgehoben und die Sache an die V or i nstanz zu r ückv er w i esen. Inder Begründung dieser wichtigen Entscheidung heißt es: „Art. 22 d Pol. St. G. B., auf die sich die Polizeivorschrift gründet, läßt ebensowenig wie seine Entstehungsgeschichte erkennen, daß die Vorschriften zur Beschränkung der das Landschaftsbild verunstaltenden Reklame sich nur auf geschäftliche Reklame beziehen. Der Angeklagte hat sich damit verteidigt, das Hakenkreuz M nicht zu Propagandazwecken, sondern lediglich „als Symbol" angebracht. Wenn der Erstrichter diese Verteidigung für unwiderlegbar erachtet, so hätte er prüfen müssen, ob n i ch t a u ch d i e A u s - richtung eines Symbols Reklamezwecken dienen kann und geschehen ist, um den Anschluß an die Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei zu fördern, zumal er nicht erörtert hat, zu welchen anderen Zwecken das Hakenkreuz angebracht wurde." Unsere Freunde, die mit uns darin einig sind, daß das „Symbol" des Hakenkreuzes, nachdem ihm die Nachkriegszeit eine so eindeutige politische Bedeutung unterschoben hat, die deutsche Landschaft mindestens so verunziert wie andere Geschäftsreklamen, werden diese Entscheidung des Obersten Landesgerichts zu München begrüßen. W. L. Zur Geschichte öer ^uöen in Deutschland Es ist erstaunlich, welche Fülle meist unbekannten jüdisch- und allgemein-historischen Quellen- und Tatsachenmaterials aus älterer und neuerer Zeit in dem jetzt im Philo-Verlag (Berlin SW 68) erschienenen Oktoberhest der „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" wiederum sammengetragen und verarbeitet worden ist. An der Spitze steht ein lehrreicher Beitrag zur Geschichte unserer Reichshauptstadt, betitelt „Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben Zur Zeit der Merkantilismus" aus der Feder von Dr. Hugo Rachel (Berlin). Hier wird vor allem — allerdings nicht itn Sombartschen Sinne — nachgewiesen, welche Bedeutung das Judentum schon in der Voremanzipationszeit für die wirtschaftliche und kulturellgeistige Entwicklung der Stadt gehabt hat. Diplomingenieur Dr. Alexander P i n t h u s (Berlin) berichtet im Zweiter! und dritten Teil seiner interessanten „Studien über die bauliche Entwicklung der Judengasse in deutschen Städten" über die Beziehungen der Judensiedlungen zum StadtganZen und ihre Gestaltung im einzelnen. Seine Betrachtungen Zur „Neueren geschichtswissenschaftlichen und Zeitgeschichtlichen Literatur" beschließt Tr. Raphael Straus (München) mit einer eingehenden Kritik der Passargeschen Arbeiten. Cecil Roth (London) weist neue Wege zur Erforschung der Geschichte der Marranen in Hamburg; Fundgrube und Ausgangspunkt bilden Protokolle der portugiesischen Jnquisitionsprozesse, ausbewahrt im Arquivo Naeional da. Torro do Tombo in Lissabon. Studienassessor Hans _ Licht e n stein (Schlochau) veröffentlicht Klagelieder Elieser ben Natans und Kalonymus ben Jehudas über die Opfer der Verfolgungen des Kreuzzugsjahres 1096, Prediger S. S t e i n b e r g (Wolfenbüttel) aufschlußreiche „Bekanntmachungen des Konsistoriums der Israeliten zu Kassel ans den Jahren 1808 bis 1818", jener Zeit, in der Westfalen „napolemmches" Königreich war. — th—