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Central-Verein-Zeitung · 1930-10-31 · 44 (31.10.1930) · p. Seite 567

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
44 (31.10.1930)
Date
1930-10-31
Page
Seite 567 (sequence 3)
Language
German
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Wer entsittlicht Sas deutsche Volk! Eine Antwort an öen ^Völki^hm Beobachter" / von De. Hugo Lachmanfki vr. Hugo Lachmanski nimmt zu dem völkischen Vorwurf, die Juden entsittlichen das deutsche Volk, im folgenden grundsätzlich Stellung. Seine Ausführungen bedeuten gleichzeitig unsere Erwiderung auf die Programmrede des Abgeordneten Gregor Strasser, der im Reichstag verkündet hatte: „Wir wollen keine Judenverfolgung: aber wir fordern die Ausschaltung des Juden aus dem deutschen Leben. . . . Wir fordern den Schutz unserer Kulturgüter gegen jüdische Anmassung und Gebergriffe." Die auf gleicher Linie sich bewegenden Beleidigungen des Judentums durch den thüringischen Minister Dr. Fr ick hatte der „Völkische Beobachter" in seiner Nummer vom 10./11. August d. J. an einzelnen Beispielen zu erhärten versucht. In der Septembernummer der Monatsausgabe der „C. V.-Zeitung" ist dem „Völkischen Beobachter" Punkt für Punkt geantwortet worden: es wurde dort festgestellt, dass die meisten der „inkriminierten" Fälle weder mit dem Judentum noch mit der Sittlichkeit etwas zu tun haben, und dass der dürftige Rest höchstens hier und da einem einzelnen Juden, dessen Feder leider die Grenze des Geschmacks und der Moral überschritten hat, zur Last falle, niemals jedoch eine Verallgemeinerung im Sinne der Frickschen Behauptung zulasse. Die Schriftleitung. Wenden wir uns sogleich der grundsätzlichen Bedeutung der Frage zu: entsittlichen die Juden das deutsche Volk? Hier stock' ich schon, Entsittlichung heißt: Aufhebung aller sittlichen Grundsätze, die eine Volksgemeinschaft zur Richtschnur ihres Denkens und Handelns nimmt; Umkehrung dieser Grundsätze in ihr Gegenteil; absichtliche und gewaltsame Unterdrückung der dem Menschen eingeborenen, durch Erziehung und Bildung gesteigerten moralischen Kräfte, die in ihrem Zusammenwirken die sittlich-geistige Kultur der Gemeinschaft bedingen. Niemand, der gewohnt ist, die Geschichte alsLehrmeisterin aller Dinge zu betrachten, wird ernsthaft behaupten wollen, daß die Juden als Gruppenerscheinung solchen destruktiven Tendenzen jemals Vorschub geleistet haben; niemand auch, der dem Weltgeschehen in seiner aufwärtssührenden Entwicklung nachsPürt, wird den Beweis erbringen können, daß die Juden sich dieser kontinuierlichen Entwicklung, die von primitiven Urzuständen zur Höhe der Kultur, als der veredelt st en Ausdrucksform menschlichen Daseins, empor geführt hat, verschlossen oder, aus Mangel an sittlichem Willen oder geistiger Kraft, gar in den Weg gestellt haben. Dieser völlig ungeschichtlichen Negation sei vielmehr das Positive entgegengehalten: d i e Juden haben, sobald sie auf den Schaup latz der Geschichte traten, im besten Sinne kulturschöpferisch gewirkt, mag immer ihre Leistung in der „Zerstreuung" zunächst nur vereinzelt, sichtbar geworden unb erst, als d i e Fesseln des Ghetto völlig a b g e st reift waren, zu freier Entfaltung gelangt sein. Jede Kultur, ob sie nun persönliche oder gesellschaftliche, moralische oder intellektuelle Werte schafft, ist von alters her aus religiösen Quellen gespeist worden. Wie die ägyptische Kultur den magischen Totenkult zur Voraussetzung hat, wie die altindische von der ehrwürdigen Priesterschaft der Brahmanen getragen wird, so ist auch die semitische Kultur Judas tief in den Nährboden der Religion gesenkt. Ja, man hat mit Recht bemerkt, jüdische Kultur sei jüdische Religion, und indem man diese beiden beherrschenden Lebensmächte miteinander identifizierte, wurde gleichzeitig ihr Ursprung aufgedeckt: das einzigartige Kulturwerk der Bibel. An dieser namenlosen Wunderschöpfung ist der gesamte deutsche Kulturbesitz bis zu seiner höchsten Blüte emporgewachsen: das älteste Sprachdenkmal der Deutschen, die gotische Bibelübersetzung des Bischofs Ulfilas, führt ebenso auf sie zurück wie die christliche Poesie des frühen Mittelalters; Luthers unvergängliche Tat ist an das Buch der Bücher geknüpft, Klopstocks religiöse Poesien hallen von Psalmenklängen wider; Goethe, der freimütig bekennt, daß er diesem „ewig wirksamen Buch" fast allein seine sittliche Bildung schuldig sei, krönt die Beschäftigung mit altbiblischen Stoffen in der Konzeption und Gestaltung seines „Faust"; und Humanus Herder glaubte, die „heilige Stimme Gottes aus dem Morgenlande" im Alten Testament zu vernehmen. Aber auch der ethische Gehalt der Bibel, mit ihren sozialen Ideen und altruistischen Forderungen, hat bis in unsere moderne Kultur hinein fortgewirkt: soeben erst hat Felix Goldmann in seinem ebenso instruktiven wie gerecht abwägenden Buche „Der Jude im deutschen Kulturkreise" (Philo-Verlag, Berlin) darauf hingewiesen, daß die Sozialpolitik unserer Zeit in wesentlichen Bestandteilen auf alttestamentarische Begriffe und Vorstellungen Zurückführe. Was freilich von deutschen Juden an Persönlichkeitswerten in den Strom deutscher Gesamtkultur eingebettet wurde, konnte sich so lange nicht entfalten, wie Druck, Verfolgung und das Martyrium einer Jahrtausende währenden Leidensgeschichte auf ihnen lastete. Wohl wich dieser Druck, wie unter der weitausschauenden Negierung Karls des Großen, zuweilen einer menschenwürdigeren Behandlung, und es wurde dann sofort auch unter den Juden das Verlangen rege, aus dem Dunkel der Abgeschlossem heit zum Licht zu streben und sich dem Kulturstand der Zeit anzupasien; wohl konnte im späteren Mittelalter sogar ein jüdischer Minnesänger unter die Schar christlicher Ritter treten; aber die große Masse der Juden blieb von solchen Regungen einer freieren Geistestätigkeit unberührt und suchte, völlig isoliert, Erhebung und Trost in dem Studium der heiligen althebräischen Schriften. Jahrhunderte vergingen, ehe sich in diesen Verhältnissen ein durchgreifender Wandel vollzog. Er wurde eingeleitet durch die deutsche Aufklärung, die mit ihren idealen Grundsätzen, Vernunft und Menschenliebe, alle Stände, alle Klassen, alle Konfessionen umfaßte, und er wurde fortgesetzt mit der französischen Revolution, deren Freiheits- und Gleichheitstendenzen in Deutschland ein lautes, lange Zeit naajyallendes Echo weckten. In beiden Bewegungen lag für die deutschen Juden das stärkste kulturfördernde Element: die Aufklärung vermittelte ihnen durch einen aus ihren eigenen Reihen hervorgegangenen würdigen Repräsentanten, der sich "aus der Armut und Not des Ghetto zur Höhe umfastenden Wissens autodidaktisch emporgearbeitet hatte, durch Moses Mendelssohn, deutsche Bildung sowie den zähen Willen, auf dem Wege zur sozialen und geistigen Emanzipation fortzuschreiten; von Frankreich her aber rief Mirabeau, der glühende Prophet der Revolution, schon zwei Jahre, bevor der große Sturm losbrach, den deutschen Machtlpbern zu: „Oeffnet den Juden alle Wege des Erwerbes! Verbannt aus der Gesellschaft alle erniedrigende Trennung!" Aber auch jetzt war das Ziel noch nicht erreicht. Die es nicht erwarten konnten, wurden Konvertiten: Heinrich Heine glaubte, sich das Entreebillett zur europäischen Kultur nur. auf dem Umwege über die Taufe verschaffen zu können, nachdem Llldwig Börne und einige jüdische Frauen, wie Rahel Lewin und Dorothea Mendelssohn, Moses' älteste Tochter, sich von ihrer jüdischen Umgebung früher bereits losgelöst hatten. Erst die politische Gesetzgebung mußte sich, nach den immerhin bemerkenswerten Anläufen im Preußen der Jahre 1812 und 1848, in der Verfassung des Norddeutschen Bundes und dann in der Neichsverfassung ein Instrument schassen, um die deutschen Juden in den Genuß völliger Gleichberechtigung zu setzen und ihnen somit die Möglichkeit einer ungeschmälerten Entfaltung ihrer Fähigkeiten und Kräfte zu gewährleisten. Nur wer sich dieser geschichtlichen Voraussetzungen bewußt ist, kann über Ausmaß und Wert der jüdischen Kulturleistung in Deutschland gerecht urteilen. Eine Bevölkerungsgruppe, die eigentlich erst seit siebzig Jahren uneingeschränkt in den deutschen Kulturkreis ausgenommen ist, muß mit der Fülle des Erreichten naturgemäß weit hinter der Gesamtbevölkerung Zurückbleiben, in der sie es überdies der Zahl nach allmählich kaum auf ein Prozent des Ganzen gebracht hat. Und doch: w e l ch e ungeheuren k u l t ur e l l e n Werte sind in dieser kurzen Zeitspanne von deutschen Juden geschaffen worden! — Man muß schon der verblendeten Monomanie eines Ehamberlain verfallen sein, um dies abzuleugnen und von der „absoluten Ignoranz eines Volkes" zu sprechen, „welches auf keinem einzigen Felde menschlichen Wissens oder Schaffens jemals das Geringste geleistet" habe. Der Gegenbeweis zu dieser objektiv unwahren Behauptung ist mehrfach schon erbracht worden; aber es scheint, man muß es dreimal und noch öfters sagen. So seien denn — um nur einige hervorstechende Beispiele anzuführen — für die exakte Wissettschaft die Namen eines Albert E i n st e i n — nun den uns die ganze Kulturwelt beneidet —

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