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Central-Verein-Zeitung · 1930-10-24 · 43 (24.10.1930) · p. Seite 560

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
43 (24.10.1930)
Date
1930-10-24
Page
Seite 560 (sequence 4)
Language
German
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560 Straffer, Mer ein» M s.M» Rete Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden vermeiden ließe. Da die Wahlen für den 30. November d. I. vorgeschrieben sind, so mußten mit Beschleunigung Verhandlungen gepflogen werden, die auf einer für alle Parteien erträglichen Grundlage ohne Schädigung des Ansehens des Gefamtjudentums eine Befriedung herbeizusühren geeignet sind. A n ss ch l a g g e b e nd m uß t e für die E nt - scheidullg die Stellung n a h m e in d e r B e r l i n e r Jüdischen G e m e i n d e sein; denn wenn dorr gewählt werden würde, so käme Kompromissen m anderen Bezirken Deutschlands nur örtliche Bedeutung zu. Würde es aber gelingen, in der Berliner Jüdischen Gemeinde Zu einer Verständigung zu gelangen, so wäre damit die Grundlage zu einer Befriedung in ganz Deutschland gegeben. Verhandlungen, die von der Religiösen Mittelpartei mit sämtlichen Parteien geführt worden sind und die auch von rabbinischer Seite mehrfach unterstützt wurden, zeigten erfreulicherweise, das; von allen Parteien die Notwendigkeit einer derartigen Verständigung anerkannt wurde. Leider drohen die Verhandlungen im letzten Augenblicke zu scheitern. Die Sprecher der L i b e r a l e n , der N e l i g i ö s e n Mittel- Partei, der U e b e r P a r t e i, der K o n - servativen Partei und der Jüdischen Volkspartei wie der Po ale Zion billigten trotz Bedenken und Opfern im einzelnen eine Verschiebung der Wahlen. Leider sind — nach einem Bericht des Berliner Liberalen Vereins in der Ita vom 22. X. — i n Kreisen der Jüdischen Volkspart e i Sch w i e r i g k e i t e n für diese f r i e d l i ch e L ö f u n g e n t st a n d e n. Man kann es sich nicht vorstellen, daß die Leitung der Jüdischen Volkspartei dieser Schwierigkeiten nicht Herr werden und so verschulden sollte, daß gegen den Willen der erdrückenden Mehrheit der deutschen Juden jetzt Wahlen stattfinden mühten." Meöriger hängen Dr. Max N a u m a n n , der sich neuerdings zu den „Stillen im Lande" rechnet, veröffentlicht in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" wie in seinem Mitteilungsblatt (Nr. 10, Oktober 1930) in einem Aussatz folgende Stelle. „Es mutz mit allem Nachdruck ausgesprochen, gerade von deutschsühlenden Juden ausgesprochen werden, datz diese jeder Selbstkritik baren Antisemitenbekämpfer und Antisemitenriecher nicht die berufenen Vertreter des deutschen Judentums sind, als die sie sich aufspielen. Was da in der Oeffentlichkeit als Sprecher der jüdischen Gesamtheit agiert, stammt entweder aus der zahlenmäßig kleinen, aber durch organisiertes Getöse geschickt den Eindruck der Größe vortäuschenden Gruppe der Jüdisch-Nationalen oder aus der jüdischen „Zwischenschicht", der wurzellosen Uebergangsform vom Volksjudentum zum Volksdeutschtum, die ihre eigene Unzulänglichkeit durch posiertes Selbstgefühl zu verschleiern sucht. Es wäre ein vielleicht begreiflicher, aber tief bedauerlicher Fehlschluß, von dem Gebaren dieser Leute auf das Wesen der Gesamtheit jüdisches Deutscher zu schließen. Im Grunde sind es nur ein paar hauptamtliche „Kämpfer", die hier einen immerhin lohnenden Lebensberuf gefunden haben, mit einem Stabe ehrenamtlicher Wichtigmacher, Geschaftlhuber und betriebsamer „Intellektueller"." Diese schriftstellerische Leistung trägt die Ueberschrift „Deutsche trotz allem". A. H. Ter nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete Straffer hat 31t Beginn der Reichstagssession in einem zusammenfassenden Referat die Stellungnahme seiner Partei zu den großen Problemen der deutschen Gegenwart ausgesührt. Er ist dabei, teils polemisch gegen seinen Vorredner, den früheren Reichskanzler und sozialdemokratischen Abgeordneten Hermann Müller, teils programmatisch aus die S t e l l u n g n a h m.e seiner Part e i z u r Judensrage eingegangen. Sein Ausführungen wurden teils durch Zwischenrufe, teils durch beiläufige Bemerkungen der folgenden Redner angegriffen. Keiner widmete ihnen jedoch eine gründlichere Betrachtung. Dies ist deshalb bedauerlich, weil somit die Angriffe auf die Ehre des deutschen Judentums unwidersprochen auch aus die vom Antisemitismus noch nicht erfaßten Schichten einwirken können. Wir kommen auf seine prinzipiellen Ausführungen noch zurück und beschäftigen uns heute nur mit seiner Polemik gegen Müller. Hermann Müller hatte die Nationalsozialisten darauf aufmerksam gemacht, daß sie ihre Zins- und Bodenprogramme von den Juden, und zwar aus dem 3. Buch Moses, Kapitel 25, entnommen hätten. Straffer antwortete darauf, er erkenne Moses als hervorragenden Gesetzgeber und großen Staatsmann an, aber wenn er in diesem Gesetzbuch Wucherverbote erlassen habe, so sei das eben ein Beweis dafür, daß die Juden schon damals gewuchert hätten. Das ist eine zwar schlagfertige, aber in jedem Punkt unrichtige Auffassung. Es ist von Straffer und seinen Freunden nicht zu verlangen, daß sie sich gründlich mit der Geschichte und der Lehre des Judentums befassen und noch weniger, daß sie Max Webers „Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie" und darin besonders im dritten Band die Seite 38 beginnenden Ausführungen über „Das antike Judentum" lesen. Es ist auch kaum anzunehmen, daß Straffer neben dem HI. Buch Moses, Kapitel 25, das er anscheinend auch nicht kennt, bei Ezechiel nachgeschlagen hat, wo es heißt (18/17), als vom Ideal des Gerechten gesprochen wird: „Vom Armen hält er seine Hand zurück, Zins und Aufschlag ni m m t e r n r ch f." Und int vielgelästerten Talmud (Tosefta baba kama 6) wäre zu finden: „Die aus Zins leihen, gleichen den Gottesleugnern." Die peinliche Sorgfalt, Umwege zu versperren, um Zins zu nehmen, geht sogar soweit, daß M a i m 0 n i d e s vorschreibt: „Ein Jude darf nicht einem Heiden sein Geld anvertrauen, daß dieser dann Zinsgeschäfte mit Juden macht." Aber Straffer wird vielleicht einwenden, er behaupte weniger, daß die jüdische Lehre Zinsnehmen nicht verbietet, als daß die Tatsache der zahlreichen Zinsvorschriften darauf schließen lassen, in welchem Umfange sich die Juden den Geldgeschäften von jeher gewidmet hätten. Aus der Tatsache, daß es Gesetze bestimmter Art gibt, zu schließen, daß ihre Übertretung sehr häufig sei, ist ein bequemer F e h l schluß. Die Kirchenkonzi'le haben sich Jahrhunderte hindurch stets mit Verschärfungen und Wiederholungen des kanonischen Zinsverbots beschäftigt, durch das den Christen das Zinsnehmen' überhaupt verboten wurde. Sie hätten es bestimmt nicht getan, wenn nicht immer und immer wieder Übertretungen des Verbots zu beobachten gewesen wären. Es gibt hierfür nur zwei Begründungen: Entweder war die ganze christliche Welt des Mittelalters einschließlich Deutschlands wucherisch veranlagt, oder eine Volkswirtschaft ohne Zins ist objektiv unmöglich. In beiden Fällen verliert Herr Straffer dann die Grundlage seiner das^ I u denk u m beschimpfenden Verallgemeinerung. Vielleicht liest Herr Straffer einmal den Beschluß der Provinzial synode von Trier von 1227 nach, in der es heißt, daß die Geistlichen künftig nicht mehr ihr Geld oberitalienischen Geldverleihern oder Juden des Gewinnes ausleihen sollen, und es wäre erwünscht, wenn er die Calvin scheu Vorschriften kennte, die das biblische Zinsverbot — nicht das kanonische! — als ein weltliches Gesetz und für die Christen nicht als verbindlich erklärte! Also das genaue Gegenteil der Behauptungen des Herrn Straffer stellt der berühmte Reformator Calvin fest: die Christen sollen sich nicht nach dem jüdischen Zinsverbot richten. Auch bei Luther sollte Herr Straffer Nachlesen, wo es in der Predigt über Matthäus Kap. 23 heißt: „Der Juden Schinderei ist lauter Kinderspiel gewesen gegen den Geiz und Wucher, der itzt nicht allein regiert im geistlichen Stande so den der größte Wucher ist, sondern auch unter den weltlichen Ständen." Aus den biblischen und talmudischen Zitaten den Rückschluß aus eine besondere wucherische Veranlagung der Juden zu ziehen, bedeutet die gleiche Logik, wie wenn man aus den zahlreichen nationalsozialistischen, mit Todesstrafe drohenden Gesetzanträgen zum Schutz der Nation folgern wollte, daß das deutsche Volk seiner Veranlagung nach verräterisch und ehrlos sei. Hitler will keine Ausschreitungen erklärt er -em Dmes-öerichterstatker Der Berliner Berichterstatter der „Times" hatte kurz nach den Ausschreitungen in der Leipziger Straße eine Unterredung mit Adolf Hitler über diese Ereignisse. Wir entnehmen diesem Interview, das in den „Times" vom 15. Oktober abgedruckt ist, folgende Ausführungen: Herr Hitler erklärte, daß er bereit fei, eine gründliche Untersuchung über die Ausschreitungen in der Leipziger Straße anzustellen, und daß jedes Mitglied seiner Partei, dessen Mittäterschaft erwiesen wäre, unbarmherzig hinausgeworsen würde. Aber er könne nichts tun, solange die Polizei keinen einzigen Namen nenne. Die Polizei könne nicht sagen, daß irgendein Mitglied der Nationalsozialistischen Partei in der Leipziger Straße verhaftet worden fei Herr Hitler setzte auseinander, daß die nationalsozialistische Bewegung nicht nötig habe, solche Methoden anzuwenden. Sie sei eine außerordentlich disziplinierte Bewegung, und jedes Mitglied wisse, daß solche Exzesse gegen ihre Interessen und die Befehle seien. Die Bewegung mißbillige gewalttätigen Antisemitismus. Herr Hitler möchte nichts mit Pogromen zu tun haben, und das sei der erste Befehl, den er in aufgeregten Zeiten ausgegeben habe. Ihr Grundsatz ist: „Deutschland den Deutschen" und ihre Haltung Juden gegenüber ergibt sich aus der Haltung der Juden gegenüber diesem Grundsatz. Sie haben nichts gegen zurückhaltende dezente CONSTANTIN BRUMMER Von den Pflicbten der luden und von den Plliciiten des Staates. Broschiert 6 M., gebunden 8 M. GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG, BERLIN. „Berliner Tageblatt“: Brunner will gehört werden. Er hat nicht umsonst den scharfen, oft dichterisch herrlichen, zuweilen wild testamentarischen Tenor; dies eifervolle Lutherdeutsch schreit ja nach Ohren, nach Menschen .... dass er seiner philosophischen Würde das Würdige nimmt, wenn er auf seine aggressive Weise ins volle Menschenleben hineingreift, davon kann keine Rede sein. „Der Nationalsozialist“: pass die entscheidende Masse des Judentums in Deutschland noch niemals ernsthaft aktivistisch die ihnen gebotene Emanzipation mit erkämpfend angenommen hat. das sagt ihnen kein Geringerer als Constantin Brunner —Brunner ist der grosse, befreiende, fromme Heide, der durch die Nation geformte Mensch im Herder-Sinn. „Deutsche Allgemeine Zeitung"! Vorläufig schweigt die jüdische Presse. Denn Brunner spricht von einem Schuldanteil der Juden an ihrer schlimmen Lage . . . . Das hören sie nicht gern .... Es darf für sie keine Sonderhoffnung geben, wie der Zionismus sie proklamiert und die Nichtzionisten sie unterstützen und dulden.

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