Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 43 (24.10.1930)
- Date
- 1930-10-24
- Page
- Seite 558 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277676-2277719--06330-2287144- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
55$ Das Gesundheitswasser! Fachinger Versands teile, Berlin SWU, Schöneberger Strasse 16a. Telefon: Lützow 826V61* Gewalt, mit denen Südtirol nationalisiert wird, Mittel, mit denen heute München und morgen Berlin italienisch gemacht werden könnte: die Gewalt beweist sich selbst damit, sonst nichts, und das ist auch nicht nötig, denn alle Rücksichten außer ihr sind gefallen, die Menschheit glaubt nicht mehr an sie und ist also „frei'' zu ausgelassener Gemeinheit. Alles scheint möglich, scheint erlaubt gegen den Menschenanstand, und geht auch die Lehre dahin, daß die Idee der Freiheit zum bourgeoisen Gerümpel geworfen sei, als ob eine Idee, die mit allem europäischen Pathos so innig verbunden ist, aus der Europa sich geradezu konstituiert und der es so große Opfer gebracht hat, je wirklich verlorengehen könnte, so erscheint die lehrhaft abgeschaffte Freiheit nun wieder in zeitgemäßer Gestalt als Verwilderung, Verhöhnung einer als ausgedient verschrienen Humanitären Autorität, als Losbändigkeit der Instinkte, Emanzipation der Roheit, Diktatur der Gewalt. Der exzentrischen Seelenlage einer der Idee entlaufenen Menschheit entspricht eine Politik im Groteskstil mit Heilsarmee-Allüren, Massenkrampf, Budengeläut, Halleluja und derwischmäßigem Wiederholen monotoner Schlagworte, bis alles Schaum vor dem Munde hat. Fanatismus wird Heilsprinzip, Begeisterung zur epileptischen Ekstase, Politik zum Massen-Opiat des Dritten Reiches oder einer proletarischen Eschatologie, und die Vernunft verhüllt ihr Antlitz. Ist das deutsch? Ist der Fanatismus, die Glieder werfende Unbesonnenheit, die orgiastische Verleugnung von Vernunft, Menschenwürde, geistiger Haltung in irgendeiner tieferen Seelenschicht des Deutschtums wirklich zu Hause? Dürfen die Propheten des radikalen Nationalismus sich allzuviel einbilden auf den Stimmungszulauf, den sie gefunden, und ist der Nationalsozialismus, parteimäßig gesehen, nicht vielleicht ein Koloß auf tönernen Füßen, der an Dauerhaftigkeit nicht zu vergleichen ist mit der sozialdemokratischen Massenorganisation? Nur der Fanatismus, so heißt es, kann Deutschland wieder aufrichten. Goethe schildert im Epilog zur „Glocke" das Verhalten eines großen Menschen zur widerstrebenden Umwelt und spricht „Von jenem Mut, der früher oder später Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt. Von jenem Glauben, der sich stets erhöhter. Bald kühn hervordrängt, bald geduldig schmiegt Damit das Gute wirke, wachse, fromme, Damit der Tag dem Edlen endlich komme." Wäre nicht dieser Mut dem Deutschen, von dein die Menschheit ein Bild der Rechtlichkeit, Mäßigkeit, geistigen Biederkeit im Herzen trügt, angemessener als das Berserkertmn der Verzweiflung, als der Fanatismus, der heute deutsch und allein deutsch heißen will? Staatsmänner von echter Deutschheit, die als solche in aller Welt erkannt und geliebt wurden, haben diesen bald sich vordrängenden, bald geschickt sich schmiegenden Mut, den Mut der Geduld, bewährt und viel mehr damit erreicht, als zu erreichen wäre, wenn wir der Welt zu ihrem mitleidigen Befremden das Schauspiel ekstatischen Nervenzusammenbruchs böten . . . Zielbewutzt vorwärts Die Haupkvorskandssitzung des Eentralvereins Zu der Berliner Hauptvorstandssitzung des Centralvereins am letzten Sonntag, dem 19. Oktober, waren die Mitglieder des Hauptvorstandes aus Berlin und aus allen Teilen des Reiches in großer Zahl erschienen. Jeder hatte das Herz voll, jeder wollte wissen, wie es am Rhein und an der Elbe, wie es in Ostpreußen, und wie es in Schlesien nach den Wahlen aussieht. Jeder wollte hören, wie die Leitung des Centralvereins in diesen Zeiten vaterländischer Not und wirtschaftlicher Sorge das Schiss zu steuern gedenkt. Allgemein wurde anerkannt, daß der Centralverein in den vergangenen Monaten sein Bestes getan hat. Der Centralverein hat niemals vorgegeben, er könne den Nationalsozialismus überwinden, sondern er hat stets — worauf mit Recht hingewiesen wurde — erklärt, daß diese Arbeit Sache der Politischen Parteien sei, die die Gefahr der nationalsozialistischen Hochflut verspätet erkannt und allzu optimistisch eingeschützt hatten. In den Referaten, die Rechtsanwalt Tr. Kehr (Kaiserslautern), Landtagsabgeordneter Justizrat Falk (Köln) und' Tr. Alfred Wiener, Syndikus des C. V., hielten, trat klar zutage, daß es auch in Zukunft nicht Ausgabe des Centralvereins sein könne, den Nationalsozialismus als politische Ges a m t - erscheinung zu bekämpfen, daß er sich vielmehr im wesentlichen nur mit den judengegnerischen Anschauungen und Ausschreitungen dieser Parteien, wie mit dem völkischen Gedanken überhaupt, abwehrend und aufklärend auseinanderzusetzen habe. Dabei wurde die Notwendigkeit betont, daß man sich bei dieser Aufklärungsarbeit weit stärker als bisher des gesprochenen Wortes, der Aufklärung von Mund zu Mund, zu bedienen habe und in jeder Form taktvoll versuchen muß, mit dem nichtjüdischen Teil der deutschen Bevölkerung Verbindungen herzustellen; in Privathäusern wie in öffentlichen Veranstaltungen wird das Judentum so darzu-stellen sein, wie es in Wirklichkeit ist, um den falschen Behauptungen entgegenzuwirken/ die die Radauzeitungen und oft auch wissenschaftliche Magazine, Versannm lungsredner und leider auch Gelehrte auszustellen wagen. Das deutsche Judentum habe nichts zu verbergen. Es wäre eine Unnatürlichkeit, gäbe es nicht auch in seinen Reihen Schädlinge. Für diese könne die Judenheit, da sie weder politisch noch wirtschaftlich irgendeine Einheit darstelle, nicht verantwortlich gemacht werden. In dem Referat Wieners wurde besonders daraus hingewiesen, daß in dem Mittelpunkt aller Diskussionen nicht nur für den Nationalsozialismus, sondern für alle nichtjüdischen Deutschen die Frage stehe: Ist der Jude Angehöriger des deutschen Volkes oder Angehöriger einer eigenen politischen Nation? Wenn auch die deutschen Juden nicht nötig hätten, ihre deutsche Gesinnung irgendwie auf öffentlichem Markte auszustellen, so sei es eine übertriebene Zurückhaltung, wenn sie in vaterländischen Fragen — oft aus allzu großem Takte, nicht etwa aus Mangel an Gesinnung — geschwiegen Hütten. Zu solchen Fragen, wo erforderlich, Stellung zu nehmen, sei zugleich ein Gebot der Ueberzeugung und nicht minder ein Grundsatz der Aufklärungsarbeit. Denn nur dann werden wohlmeinende Freunde uns richtig verstehen. In diesem Zusammenhänge wurde immer wieder auch in einer sehr ergiebigen Aussprache betont, daß die Beziehungen zu den christlichen Volksgenossen besonders gepflegt werden müssen. Vor allem müsse an den Aufgaben des öffentlichen Lebens, in Vereinen und Organisationen, die der Wohlfahrt, der Geselligkeit, der Kameradschaftlichkeit dienen, tätig mitgewirkt werden. . Dr. Wiener wies am Schlüsse seiner Rede daraus hin, daß in dieser Zeit — besonders bei der Jugend — die Tat das Entscheidende sei. Der deutsche Wille der deutschen Juden, der Tatsache sei, werde sich daher durchsetzen und werde allmählich in der deutschen Jugend doch das Bewußtsein erwecken, daß die deutschen Juden zwangläufig und unentrinnbar zum deutschen Volke gehören. Das zweite wichtige Gebiet, zu dem der Hauptvorstand Stellung zu nehmen hatte, war die Frage der jüdischen Wählen. Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin) und Rechtsanwalt Kurt Alexander (Krefeld) gaben ein Bild über die Ende November bevorstehenden jüdischen Wahlen. Rechtsanwalt Stern wies besonders auf die richtunggebenden Verhältnisse in der Berliner Gemeinde hin. Rechtsanwalt Dr. Alexander beschäftigte sich mit den Verhältnissen in ganz Preußen. Beide Redner äußerten, von der Versammlung einmütig und lebhaft unterstützt, den dringenden Wunsch, jüdische Wahlen in der Gegenwart unbedingt zu vermeiden. Die deutsche Sorge sei so groß, datz innerjüdische Fragen im Augenblick zurückzutreten hätten. Der Hauptvorstand faßte einstimmig einen dahingehenden Beschluß. Dr. Jsmar Freund und Justizrat Dr. Julius B r o d n i tz behandelten die Frage „Gemeinden und Abwehr". Dr. Jsmar Freund legte zu diesem Punkte interessante und wertvolle Richtlinien vor. Justizrat B r o d n i tz teilte den Stand der Verhandlungen und der Zusammenarbeit mit. Einmütig wurde sein Standpunkt gebilligt, daß man sich dauernd in Fühlung mit den interessierten Organisationen halten und in jede dargebotene Hand gern einschlagen müsse. Die Freundschen Richtlinien wurden allgemein als wertvoll anerkannt, aber, als den Ereignissen vorauseilend, nicht angenommen. Weiteres kann sich nur im Lause der Zeit und nicht mit einer Bindung von vornherein ergeben. Die Zusammenarbeit wird in der bisherigen Form sortgesetzt. Der Erfolg der Tagung, der eine Arbeitsa u s s ch u ß s i tz u n g. des H a u p t v o r st a nd e s am 20. Oktober folgte, waren eine Ueberprüfung und Verbesserung der alten Arbeitsmethoden und die Erkenntnis, daß umfassende Aufklärung über Juden und Judentum in verstärktem Maße erfolgen müsse. So bleibt als Gesamteindruck der feste Wille, keine Beleidigungen und Verkennungen des Judentums hinzunehmen und alles bis zum Letzten für die Ehre des Judentums einzusetzen, ohne nch aber in diesen ernsten Zeiten in seinem deutschen Gefühl erschüttern zu laßen. „Offervatore Romano", das offizielle Organ des Vatikans, teilt nach einer Meldung der Jüdischen Telegraphenagentur (Jta) vom 16. Oktober zu der von uns in Nr. 41 vorn 10. Oktober wiedergegebenen Entscheidung des Bischofs von Mainz über die Unvereinbarkeit von Katholizismus u n d N a t i o n a l s o z i a l i s ni u s mit: „Das Verbot stützt sich darauf, daß das Programm der Nationalsozialisten Grundsätze enthält, die mit den Lehren und Grundsätzen der katholischen Kirche unvereinbar sind. Auch ist es bekannt, daß die ' nationalsozialistischen Redner in öffentlichen Versammlungen verkünden, daß ihre Polemik gegen Juda und Nom gerichtet ist. „Was uns am meisten wundert" — schließt „Osservatore Romano" — „ist, wie die Verbreiter des Wotankultes verlangen können, daß sich um ihre Standarte mit dem Sonnenrad und dem Hakenkreuz gerade die Anhänger des Kreuzes und Christi scharen, der die Götter aus dem heidnischen Olymp verjagt hat."