Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 43 (24.10.1930)
- Date
- 1930-10-24
- Page
- Seite 557 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2277379-2277676-2277719--06329-2287143- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
i V •* j X <*„*(, «w1 Ä t- ». SjuAS/ v* ’&i£. [Sifrol MsroLn Serlin, 24. Oktober 1430 IX. Jahrgang ♦ klr. 43 Einzelnummer 20 Pfennig Hrgan tes tientral Versins-eutfeKexM StaatsdürgerMvifeKen Slaudens e.V. Allgemeine Zeifun^ des Judentums Blätter für dewlfehtum unv Fu0e«t»»m Bierleljahrsabonnement 2.60 m (zuzügl. Bestellgeld). ___ Verlag und Schrrftleitung: Berlin SW G8, Lindenstr. 1.3. Amt Dönhoff 3594, 8595. .:. Postscheckkonto: Berlin 304 72. .:. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel. stube G, Berlin SW 68, Lindenstraße 7, und von Goldschmidt-Rothschild & Co., Berlin W 8. .. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Cxpedition Rudolf Masse, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JlJt für die 7gespaltene Zeile nach Nudols Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 31S., die 62 mm breite Reklarnezeile 3,50 «7^. Appell an öie Vernunft / Thomas Mann hat am 17. Oktober in Berlin einen, wie es der Bedeutung dieses geistigen deutschen Führers entspricht, vielbeachteten „Appell an die Vernunft" gehalten. Obschon wir, in der Erkenntnis, daß unsere wesentliche Aufgabe gegenüber dem Nationalsozialismus die Widerlegung dessen judenfeindlicher Argumente ist, allgemeinpolitische Abhandlungen über den Nationalsozialismus nicht veröffentlichen, begrüßen wir es dankbar, daß Thomas Mann uns nachstehenden Auszug aus der demnächst als Broschüre erscheinenden Rede zur Verfügung gestellt hat. Denn wir glauben, daß die im höheren Sinne überpolitische Stellung des Dichters seinen Ausführungen besonderen Wert verleiht. Die Schriftleitung. ... Der Nationalsozialismus hatte als Massengesühlsüberzeugung nicht die Macht und den Umfang gewinnen können, die er jetzt erwiesen, wenn ihm nicht, der großen Mehrzahl seiner Träger unbewußt, aus geistigen Quellen ein Sukkurs käme, der, wie alles zeitgeboren Geistige, eine relative Wahrheit, Gesetzlichkeit und logische Notwendigkeit besitzt und davon an die populäre Wirklichkeit der Bewegung abgibt. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang der Mittelklasse verband sich eine Empfindung, die ihr als intellektuelle Prophetie und Zeitkritik vorangegangen warn die Empfindung einer Zeitenwende, welche das Ende der von der französischen Revolution datierenden bürgerlichen Epoche und ihrer Ideenwelt ankündigte. .Eine neue Seelenlage der Menschheit, die mit der bürgerlichen und ihren Prinzipien: Freiheit, Gerechtigkeit, Bildung, Optimismus, Fortschrittsglaube, nichts mehr zu schassen haben sollte, wurde proklamiert und drückte sich künstlerisch im expressionistischen Seelenschrei, philosophisch als Abkehr vom Bernnnftglauben, von der zugleich mechanistischen und ideologischen Weltanschauung abgelausener Jahrzehnte aus, als ein irrationalistischer, den Lebensbegriff in den Mittelpunkt des Seins stellender Rückschlag, der die allein . lebenspendenden Kräfte des Unbewußten, Dynamischen, Dunkelschöpferischen auf den Schild hob, den Geist, unter dem man schlechthin das Intellektuelle verstand, als lebensmörderisch verpönte und gegen ihn das Seelendunkel, das Mütterlich-Chthonische, die heilig gebürerische Unterwelt, als Lebenswahrheit feierte. Bon dieser Naturreligiosität, die ihrem Wesen nach zum Orgiastischen, zur bacchischen Ausschweifung neigt, ist viel eingegangen in den Neo-Natwnalismus unserer Tage, der eine neue Stufe gegen den bürgerlichen, durch stark kosmopolitische und humanitäre Einschläge doch ganz anders ausgewogenen Nationalismus des neunzehnten Jahrhunderts darstellt. Er unterscheidet sich von diesem eben durch seinen orgiastisch - naturkultischen, radikal - human itätsseindlichen, rauschhaft - dynnmistischen, unbedingt ausgelassenen Charakter. Wenn man aber bedenkt, was es, religionsgeschichtlich, die Menschheit gekostet hat, vom orgiastischen Naturkult, . von der barbarisch raffinierten Gnostik und sexualistischen Gottesausschweifung des Moloch-Bal-Astarte-Dienstes sich zu geistigerer Anbetung zu erheben, ein Ueberwindungsprozeß von Jahrtausenden, bei dem das Judentum mit seiner eingeborenen Abneigung gegen „Scheol" ihr welthistorische Dienste geleistet hat, so staunt man wohl über den leichten Sinn, mit dem solche Überwindungen und Befreiungen heute verleugnet werden, wird aber zugleich des wellenhaften, fast modisch-ephemären und, ins Große gerechnet, bedeutungslosen Charakters eines solchen philosopischen Rückschlages inne. Vielleicht scheint es Ihnen kühn, meine geehrten Zuhörer, den radikalen Nationalismus .von heute mit solchen Ideen einer romantisierenden Philosophie in Zusammenhang zu bringen, und doch ist ein solcher Zusammenhang da und will erkannt sein von dem, dem es um Verstehen und Einsicht in den Zusammenhang der Dinge zu tun ist. Es findet sich mehr zusammen, um die politische Bewegung, von der wir sprechen, die nationalsozialistische, vom Geistigen her zu stärken. Dazu gehört eine gewisse Philologen-Jdeologie, Germanistenromantik und Nordgläubigkeit aus akademisch-professoraler Sphäre, die in einem Idiom von mystischem Bildersinn und verstiegener Abgeschmacktheit mit Vokabeln wie rassisch/ völkisch, bündisch, heldisch auf die Deutschen von 1930 einredet und der Bewegung das Ingredienz vbn verschwärmter Bildüngsbarbarei hinzusügt, gefährlicher und weltenfremder, die Gehirne' noch mehr vervon Thomas Mann schwemmend und verklebend als die Weltsremdheit und politische Romantik, die uns in den Krieg geführt hat. Gespeist also von solchen geistigen und pseudogeistigen Zuströmen, vermischt sich die Bewegung, die man aktuell unter dem Rainen des Nationalsozialismus zusammenfaßt und die eine so gewaltige Werbekraft bewiesen hat, vermischt sich, sage ich, diese Bewegung mit der Riesenwelle exzentrischer Barbarei und primitiv-massendemokratischer Jahrmarktroheit, die über die Welt geht als ein Produkt wilder, verwirrender und zugleich nervös stimulierender, berauschender Eindrücke, die auf die Menschheit einstürmen. Die abenteuerliche Entwicklung der Technik, mit ihren Triumphen und Katastrophen, Lärm und Sensation des Sportrekords, Neberschützung und wilde Ueberzahlung des Massen anziehenden Stars, Box-Meetings mit Millionenhonoraren und Schaumengen in Riesenzahl: dies und dergleichen bestimmt das Bild der Zeit zusammen mit dem Niedergang, dem Abhandenkommen von sittigenden und strengen Begriffen, wie Kultur, Geist, Kunst, Idee. Entlaufen scheint die Menschheit wie eine Bande losgelassener Schuljungen aus der huumnistisch-idealistischen Schule des neunzehnten Jahrhunderts, gegen dessen Moralität, wenn denn überhaupt von Moral die Rede sein soll, unsere Zeit einen weiten und wilden Rückschlag darstellt. In Polen werden vor den Wahlen die Führer der Opposition verhaftet, und der Staatspräsident beschimpft das Parlament im Jargon eines Gassenjungen; in Finnland entführen und mißhandeln die Lappos anders Gesinnte; in Rußland denkt man den Hunger derjenigen, denen man die Lebensmittel entzog, um aus dem Weltmarkt Verwirrungsdumping damit zu treiben, mit dein Blut erschossener Gegenrevolutionüre zu stillen; die Geheimnisse faschistischer Kerker sind nicht ganz Geheimnis geblieben; von den Verbannungsinseln für Gegner des Systems weiß man auch und noch besser kennt man die Mittel mechanischer IIIIIIIII!lIlI>I>I!iI!!iI!I!II!l!IIIlIIIIIIIIIIIlIIIIII!lI!IIIl!Il!IIIIlIlI!I!III!!IIII,IIIIlII„I,II!>I„jI!M Der Bericht über die Hauptvorstandssitzung des Centratvereins. Seite 558. Die engtisdte Regierungserklärung über Patäsfina. Seite 559.