Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 42 (17.10.1930)
- Date
- 1930-10-17
- Page
- Seite 552 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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552 Heinrich Heine in neuer Darstellung Im Ullstein - Verlag erscheint soeben der Zweite Band der „Geschichte der deutschen Literatur" von Paul Wiegt er. Mit Erlaubnis des Verfassers und des Verlages bringen wir nachstehend einige Ausführungen aus dem umfangreichen Kapitel „Heinrich Heine" zum Vorabdruck. Die Schriftleitung. Die Epoche der Romantik stirbt. Ein letztes Mal phosphoresziert ihr Glanz und knistert er verlöschend in einem Dichter, der in der Literatur eine Stellung hat wie kein anderer. Der Name Heinrich Heine ist groß wie nur der Goethes für das Ausland. Für das Frankreich von Gorard de Nerval, der 1848 seine Verse in Prosa übersetzt hat und ihn den deutschen Byron nennt, unb Theophile Gautiers, und über diese erste Generation hinaus bis an das Jahrhundertende, so daß 1885 Nietzsche schreiben kann, alles stehe dort „unter Heines und Baudelaires Einfluß, vielleicht Leconte de Lisle ausgenommen". Laforgue noch, der Symbolist, ist ein „Heine frangais“. Man kennt den deutschen Juden in dem Italien seines Nachdichters Earducci, in England, Amerika, Rußland, m allen Kontinenten. Nur in seiner Heimat wird er geschmäht oder doch getadelt, und nicht nur von Mitlebenden, die in persönlichem Zwist mit ihm sind, wie Börne, oder ihm hinterhältig grollen wie Gutzkow, nicht nur von dem Nationalismus des Historikers Heinrich von T r e i t s ch k e. Das Urteil über ihn ist im Durchschnitt so wie 1857 das Grillparzers, der sich bestrebt, ihm freundlich zu sein, und ihm „einige wahrhafte Gedichte" Zubilligt: „Heine ist auf jeden Fall eine sehr begabte Natur. Erstens hat er viel Verstand, eine neuerer Zeit unter den deutschen Literaturen sehr seltene Eigenschaft. Sein Talent ist vorzugsweise satirisch, verspottend, in welcher Richtung auch seine Einbildungskraft höchst objektiv bildlich ist. Wie es aber mit der Wahrheit der Empfindung, der eigentlichen Quelle der Poesie, bei ihm steht, zeigt sich schon daraus, daß er die scheinbar wärmsten Ergüsse meistens durch eine Unfläterei oder hanswurstiges Anhängsel selbst wieder vernichtet und lächerlich macht." Kaum jemals wird er als poetischer Schöpfer in Deutschland gewürdigt. H e b b e l ist dessen fähig, nachdem er ein Gegner Heines war, und bekundet dann wieder diese Gegnerschaft. 1888 notiert er: „Heines Dichtermanier (besonders seine neuere) ist das Erzeugnis der Ohnmacht und der Lüge. Weil seine verworrenen Gemütszustände sich nicht in die Klarheit eines entschiedenen Gefühls auflösen lassen, oder weil er nicht den Mut und die Kraft besitzt, den hierzu notwendigen inneren Prozeß abzuwarten, wirft er den Fackelbrand des Witzes in die werdende Welt hinein und läßt sie gestaltlos für nichts und wieder nichts verflammen. Diese Verklarung durch den Scheiterhaufen ist aber nur dann zu gestatten, wenn ein Phönix davonfliegt; an dem Phönix jedoch fehlt es bei Heine, es bleibt nichts übrig als Staub und Asche, womit ein müßiger Wind sein Spiel treibt." 1841 benutzt Hebbel nur einige Worte dieser Tagebucheintragung, und nur die positiveren, für eine Anzeige des „Buches der Lieder", in der er sagt: „Dem Grundtypus der deutschen Lyrik entspricht Heines Poesie durchaus, und darum ist er ein echter deutscher Dichter. Aus dem Innern des Gemüts quellen seine Lieder hervor." 1853, in der Studie über Feuchtersleben: „In der Lyrik fand Heine eine Form, worin die desperatesten Töne, der Ausdruck einer vom Krampf ergriffenen Welt, gellend Zusammenklingen, um als reizende Musik wieder davonzusäuseln; seine Liedersammlung mahnt an den fabelhaften ehernen Stier des Phalaris, welcher nach der Sage so eingerichtet war, daß das Verzweiflungsgeschrei des '-Sklaven, der in seinem glühenden Bauche den Tod erlitt, als schmeichelnde Harmonie zur Ergötzung des Königs hervordrang, und die Ergötzung ist hier um so erlaubter, als Quäler und Gequälter hier in einer und derselben Person zusammenfallen." Für Heine, den „freien, starken Geist", reklamiert Hebbel 1854 die Krone des „größten Lyrikers der Neuzeit", „und das unbedingt". Aber 1858 stößt er ihn, „der sich eine gute Weile als Konduktsührer und Leichenmarschäll des Jüngsten Tages geberdete", in die Weltschmerzperiode, „eine der widerlichsten unserer ganzen Literaturgeschichte". Das Anathema überwiegt, obwohl Heines Ton niemals mehr verloren geht, obwohl er in Grisebachs „Neuem Tannhäuser" zu hören ist, in Conradis „Liedern eines Sünders", in Arno Holz' „Buch der Zeit", in schlechten Nachahmern und in Freischärlern. Doch 1888 bringt in „Ecce homo“, mit der Liebe intellektueller und künstlerischer Bruderschaft, Nietzsche ihm das Weihgeschenk dar: „Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. Ich suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich süßen und leidenschaftlichen Musik. Er besaß jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommene nicht zu denken vermag. Und wie er das Deutsche handhabt! Man wird einmal sagen, daß Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind." Den „Atta Troll" bezeichnet sein Dichter als das „letzte freie Waldlied" der Romantik, sich selbst (in einem Briefe an Varnhagen) als ihren „letzten und abgedankten Fabelkönig". Noch in seinem desillusionierten Herzen „bebt und duftet die verschollene blaue Blume"; und 1821, als es jung ist, blüht sie nicht wie in dem Tanzbären-Epos von 1841 im edlen Tal von Ronceval, sondern am Kreuzweg, im Mondschein auf Gräbern, eine „Armsünderblum". So sehr ist der romantische Heine verwandt dem Phantasten Brentano, vor dem ihn Nahel wohl warnt: „Sie sollen kein Brentano werden, ich leid' es nicht." Er hat als ein „schwaches Neislein" in Sonetten A u g u st W i l h e l in Schlegel seines Schülertums versichert, hat Verse an „wunnevolle Magedein" gedichtet wie Tieck, der Märchenpoet, überläßt sich auch unbewußt der Lyrik von Wilhelm Mülle r. Aber die geheimnisvolle Aehnlichkeit mit Brentano ist für ihn wesentlich. Er, den in Düsseldorf Josepha, die rothaarige Scharfrichterstochter, Volkslieder lehrte, dem die Annne aus dem Münsterland Gespenstergeschichten, grausenhast, und Märchen und Volksgesänge" erzählt hat („O Falada, daß du hangest!"), ist wie der tolle Clemens von dieser dunklen Schwermut berührt worden. Er dichtet Strophen wie aus „Des Knaben Wunderhorn": das „wirkliche Volkslied „Es siel ein Reif in der Frühlingsnacht", „Es war ein alter König" oder den „Ritter Olaf". Brentano hat in den „Godwi" von 1802 die „Lore Lay" ausgenommen, Heine wird der Poet der „Lore-Ley". Nie hat er Brentanos trochäische „Romanzen vom Rosenkranz" gelesen, und doch sind nicht allein ihre Rhythmen die seines „Bimini". Und wie Brentano schwelgt er in der zerstörenden Dissonanz. ... Welche Annehmlichkeit für die rituelle Küche — fleischig und milchig zu gebrauchen! 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