Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1930-10-17 · 42 (17.10.1930) · p. Seite 546

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
42 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
Seite 546 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277676-2277718--06317-2287130
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

träges, sehr freundschaftlich über Hitler und seine Pläne aussprach. Daß der Moniteur Hitlers dabei Nothermeres guten Ratschlag seinerseits den deutschen Lesern nicht weite r- Zugeben für richtig fand, der sich gegen i>en überflüssigen, bem Wesen des Nationalismus an sich völlig un=> verwandten Judenhaß der NSDAP, wandte, i st sehr bezeichnend. Jedenfalls bedeutet die Beachtung der ausländischen Meinung einen Fortschritt der NSDAP, auf ihrem Wege zur Realpolitik. Tenn es ist noch gar nicht lange her, daß beispielsweise jede zu st im men de französische Presfeäußerung über Stresemann vonr „Völkischen Beobachter" als bester Beweis für die vaterländische Schädlichkeit des gerade zur Erörterung stehenden Schrittes dieses großen Staatsmannes von vornherein angesehen wurde, lind Walther Rathen a u , dessen Wirken im Sinne der Völkerverständigung die Presse vieler Länder mit großen Erwartungen entgegensah, galt deshalb in den der ASTAP. nahestehenden Kreisen als „K a n d i d a t des A u s l a n - des". Niemand wird heute Adolf Hitler als „Kandidat der Nothermere-Presse" bezeichnen, obwohl die Analogie dazu berechtigte. Die großen französischen und englischen Zeitungen liest die Redaktion des „Völkischen Beobachters" anscheinend selbst und gewinnt damit sofort ein gewisses Urteil über ihre Bedeutung. Im übrigen ist sie wohl auf Zeitungsausschnittbüros angewiesen. Aus diesem Wege gelangte der „Völkische Beobachter" wohl doch zu einer Nachricht aus einer in französischer Sprache geschriebenen, angeblich jüdischen Zeitung „L'anrore". Unsere Bemühungen, über diese „Morgenröte" Licht zu erhalten, ergaben bisher nur die lapidare Charakteristik: „K ä s e bl a t t". lieber den Verfasser des Artikels namens Jacques Maleh Näheres zu erfahren, mißlang. Aber gleichwohl: weil in einem jüdischen Winkelblatt ein gänzlich unbekannter jüdischer Journalist in Kairo seine Wut etwas kindisch an Hitler und seiner Partei ausläßt und von einer „jüdischen Volksgemeinschaft aller Länder, die niemals ein leerer Wahn gewesen ist", fabelt und wirtschaftliche Pressionen gegen ein Hitler-Deutschland fordert, um den angeblich drohenden Pogrom zu verhindern, überschreibt der „Völkische Beobachter" einen langen Auszug dieses Gewäsches mit „Die jüdische Volksgemeinschaft aller Länder wird ansgefordert, das deutsche Volk zugrunde zu richten und auszuhungern", und beginnt seinen Kommentar mit dem Satze: „Alljuda hat also die K a tz e ans de in <Bad gela s s e n". Merkwürdig: Nicht einmal Lord Nothermere repräsentiert England, nicht einmal Adolf Hitler, trotz gegenteiliger Meinung seiner Anhänger, kann für das ganze deutsche Volk sprechen. Aber ein unbekannter Jacques Maleh soll -nicht nur seine wenigen Abonnenten in Kairo, sondern sogar die „Weltjudenheit", „Alljuda" vertreten mu) ihnen Direktiven geben können. Doch Jacques Maleh hin — Jacques Maleh her. Wir deutscher! Juden verbitten uns grundsätzlich Einmischungen unberufener Elemente in innerdeutsche Geschehnisse. Wir kennen keine jüdischen Sonderbestrebungen in Deutschland, sondern, wie wir stets betont haben, nur einen gemeinsamen Weg des Wiederaufstieges. Jeden Druck auf Deutschland empfinden wir mit gleicher Stärke w i e alte anderen Deutschen. Und gegen jede Bestrebung, die diesen Truck verstärken will, werden wir uns m i t allen anderen Deutschen für das ge m e i n sa m e B a t e r l a n g zur W e h r setze n. A. II. „Welche Wege schlägst du vor?" Ein Volkskorrservativer über Adolf Hitler In der „Hamburger Zeitung", dem Nachrichtenblatt des Hanseatischen Landesverbandes der Konservativen B o l k s p a r t e i (Nr. 4 vom 1. Oktober d. I.), schreibt Hans Beyer einen „Brief an einen besorgten konservativen Wähler". Darin beschäftigt er sich eingehend mit der Nationalsozialist ischen Deutschen Arbeiterpartei. Wir geben aus denr Brief die folgenden Stellen wieder: „Sie fragen mich natürlich nach Hitler. Gehen Sie in seine Versammlungen: beim f erstenmal werden Sie begeistert fein, beim l zweiünimil stößt Sie die Kälte und dünne Durchsichtigkeit dieses Volksredners Hitler ab. Lesen Sie sein Buch und vergleichen Sie es mit der Tat. Sie haben dann Theorie und Praxis . . . . . . Jetzt kommt für Hitler die Entscheidung. Opposition ist schön und bequem. Das können auch die Kinder. Die Hitler-Partei hat ausgezeichnete Agitatoren, begabte und begeisternde Redner; sie alle liefern den bösen Antisemiten alten Schlages den Beweis, daß die Arier die Juden in der Demagogie noch übertreffen können. Aber mit 107 Goebbels- Menschen kann man ebensowenig politische Dinge leiten wie mit 107 Reklamechess eine Firma. Und wenn 107 Sprechmaschinen zusammenspielen, gibt es noch kein gutes Konzertstück. Das deutsche Volk hat Hitler unglücklich urachen wollen, deshalb übertrug es ihm die Verantwortung. Ihn fragen wir: Ponng-Erfüllung? Finanzelend? Arbeitslosigkeit? Welche Wege und Maßnahmen schlägst du vor? Du kannst das Steuer Deutschlands in deine Hand bekommen, wenn du willst. Bist du so ängstlich und Parlamentarisch, daß du aus eine Einladung wartest, daß du dich vor Herrn Wirths kalter Schulter fürchtest? Das Volk der nationalsozialistischen Stimmzettel wartet auf deine Taten! . . In der Einleitung dieses Briefes rollt Hans Beyer die Schuldfvage an Hitlers Sieg aus. Er bezeichnet u. a. als Schuldige die Juden, ja sogar namentlich unseren Centralvercin, der „so lange über die thüringische Politik und durch seine arischen Söldnertruppenschimpfen ließ, bis auch der letzte dentschgesinnte Wähler glaubte, Thüringen sei ein deutsches Paradies". Hans Beyer war sich wohl nicht bewußt, wie schlecht diese Töne in den Klang seiner übrigen Ausführungen passen, sonst hätte er es sicher unterlassen, die Wirkung seiner ernsthaften, sachlichen und um die Ergründung der Tatsachen bemühten Worte durch solche üblen Phrasen zu beeinträchtigen. Es gehört ein starkes Maß von wissentlicher Ungerechtigkeit dazu, den Kampf des Centralvereins gegen den Einbruch offiziellen Judenhasses in die Regierung eines deutschen Landes mit so billiger Ironie abzutnn. Sollten wir untätig zu sehen, als ein deutscher Minister es wagte, die Inden als die Totengräber deutscher Moral hinzustellen, und als mit diesem deutlichen Hinweise den Schülern Gebete um Deutschlands Befreiung vorgeschrieben wurden? Und wenn sich nichtjüdische Männer und Frauen, denen die Phantasien der Rassenmärchen den Blick noch nicht verdunkelt hatten, mit in unsere Reihen stellten, um eine solche Politik als das zu kennzeichnen, was sie ist, als Verrat nm Gedanken deutsch e r Einigkeit und den bs ch e r F r e i h e i t, so nennt das Beyer, wir hätten Söldnertruppen zum Schimpfen gedungen? Merkwürdig, daß in dem Augenblick, in dem er von unserer pflichtgemäßen Gegenwehr spricht, Beyer selbst alle Anzeichen der Demagogie trägt, die er sonst nur an Juden und den „sie in der Demagogie noch übertreffenden" Nationalsozialisten wahrzunehmen behauptet. Wer in der Uebernahme der Verantwortung mit Recht einen so harten Prüfstein für den Wahrheitsgehalt der gesprochenen und geschriebenen Worte sieht, der sollte bei seinen eigenen Worten doppelt vorsichtig sein. In der Wochenschau der Zeitschrift „Der deutsche Volkswirt" vom 26. September lesen wir unter der Ueberschrift „Macht und Verantwortung": „lieber den landläufigen Diskussionen, die mit größerer oder geringerer Sorge nach dem Gesicht der nächsten Regierung fragen, liegt zumeist ein Mißverständnis: Es gilt der Natur des möglichen Partners ans der äußersten Rechten. Es fällt niemandem ein, die Kommunisten für regierungsfähig in einem ans Privateigentmu begründeten Staat zu halten. Aber es gibt viele Leute, die ihr Widerspiel, die Nationalsozialisten, Jür regierungsfähig in einem demokratischen Staat halten, und nun aus sie all die Kategorien politischen Denkens anwenden, die int normalen Ablauf der parlamentarischen Entwicklung üblich sind. Hitler hat vor kurzem gemeint, der Nationalsozialismus habe seine schwerste Zeit, die Zeit des Totgeschwiegenwerdens, durchstoßen. Herr Hitler irrt. Daß er totgeschwiegen wurde, war nicht sein Schaden, sondern seine Chance, und von ihr profitiert er noch heute. Hätte die ernsthafte Presse statt der allgemeinen Deklamationen, zu denen sie sich immerhin in den Wochen des Wahlkampfes — zu spät und daher vergeblich — aufgerast't hat, seit Jahr und Tag die Absurdität, die geistige Schande enthüllt, die Programm, Ideologie, Schrifttum und Rede des Nationalsozialismus dokumentieren, dann hätten niemals, auch nicht in geistigen und wirtschaftlichen Notzeiten wie heute, fast 6X> Millionen Deutsche für die Parolen des Herrn Hitler gestimmt. Denn das deutsche Volk ist zwar unpolitisch, aber es ist nicht schwachsinnig. Mit dem Nationalsozialisums ist ernsthafte geistige Auseinandersetzung schlechthin unmöglich und deshalb auch parlamentarische Auseinandersetzung, die begrifflich Austausch von Argumenten, Diskussion auf gleicher geistiger Ebene voransseht. Man kann mit dem italienischen Faschismus diskutieren (obwohl auch dieser parlamentarischer Diskussion stets ausgewichen ist), denn er hat bei aller Unklarheit und bei aller Abirrung der Praxis ein ernsthaftes, von ernsthaften Denkern begründetes geistiges Fundament. Man kann es nicht mit den Staats- und Wirtschaftstheorien der Herren Hitler und Feder. Und man nehme denr Nationalsozialismus diese Staats- und Wirtschaftstheorien — was bleibt dann von ihm übrig? Nichts als eine Geste der Gewalttätigkeit, Gewalt um ihrer selbst willen, ziellos und daher sinnlos, Vernichtend und deshalb niemals schöpserisch. Gegen das Prinzip der Vernichtung kann ein Staat nur kämpfen, er fann nicht mit ihm paktieren. Das; die Nationalsozialisten nur .die Herrschaft über Heer und Polizei erstreben, iü durchaus folgerichtig. Sie wollen die Macht, nicht die Verantwortung. Wer diese trennt, verneint die Lebensgrnndlaaen eines modernen Gemeinwesens."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.