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Central-Verein-Zeitung · 1930-10-10 · 41 (10.10.1930) · p. Seite 540

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
41 (10.10.1930)
Date
1930-10-10
Page
Seite 540 (sequence 4)
Language
German
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540 Muslanös-Umfthau Die Frage der jüdischen Minderheiten, mit der sich auch der Völkerbund zu beschäftigen hah ist in Gens heißes Eisen: man saßt es nicht gern an. Jetzt aber hat die sechste (politische) Kommission des Völkerbundes einmal Gelegenheit gehabt, sestzustellen, daß sie sich auch mit der jüdischen Frage besaht hat, allerdings in — Palästina. Der Berichterstatter D a l - van ne wollte nicht auf die Positionen der verschiedenen Mandatsterritorien eingehen, sondern nur im Namen der Kommission erklären, daß sie mit großer Genugtuung von der Besserung der Lage in Palästina Kenntnis genommen habe. D a l v a n n e darf diese Resolution der Plenarsitzung des Völkerbundes unterbreiten! Tant de bruit pour une Omelette! * In Genf tagte jetzt die Generalkonferenz der internationalen Verbände mit Friedenstendenz, die dem Internationalen Ausschuß zur Sammlung der Friedenskräste angehören und die auch die Jüdische Frauenliga zu ihren Mitgliedern zählen. Bei den bedeutsamen Konserenzsitzungen sprach auch die Generalsekretärin der jüdischen Liga, Frau Rosa A b e r s o n, die in leidenschaftlicher Weise ihr Bekenntnis für den Weltfrieden ablegte. „Aber in seiner mefsianischen Auffassung vom Reiche Gottes aus Erden verknüpft Israel die Idee des Friedens mit der Idee sozialer Gerechtigkeit." * Der „Kulturmarsch gegen die Religion", den die russischen jüdischen Kommunisten vor Rosch- Haschonoh propagierten und verlangten, daß von dem Erlös aus der Arbeit jüdischer Kommunisten an den hohen Feiertagen ein 'Flugzeug gebaut werden sollte, ist kläglich gescheitert. Alle Synagogen und Betstuben in Moskau wie in dem übrigen Rußland waren überfüllt. „Emes" (Wahrheit), das kommunistische jüdische Organ, schreibt in höchstem Zorn über dieses klägliche Ergebnis: „Unsere Kulturbrigaden haben geschlafen, statt zu marschieren." * Der Präsident der großen New-Dorker pharmazeutischen Handelsgesellschaft, Josef Julius Kraus, hat sich auf dem amerikanischen Konsulat in Wien verpflichtet, eine Million Dollar zur Errichtung eines Krebsforschungsinstituts nach der Methode Dr. Salzborns zur Verfügung zu stellen. * Ungarn, das sich bei Besuchen seiner Minister im Ausland mit Vorliebe als ein Kulturland feiern läßt, hält mit unerfchütterter Grausamkeit am nurnerus clausus für jüdische Studierende fest. Von 900 Bewerbern wurden an der Budapester Universitätnur 106 zugelafsen und an der Universität Debreczen wurde die Immatrikulation des besten Abiturienten des letzten Jahres, Eugen Samuel, verweigert, der nicht nur das Abiturium mit höchster Auszeichnung bestand, sondern auch in einem offenen Wettbewerb den ersten Preis in Mathematik errungen hat. * Die Palästina-Regierung bereitet einen Gesetzentwurf zur Festsetzung des heiratsfähigen Alters auf mindestens 14 Jahre vor. Der jüdische Verband für Frauenrechte hatte 16 Jahre vorgeschlagen, doch kann die Negierung sich aus Furcht vor dem Widerstand der Mohammedaner nicht dazu entschließen. G - tz" Der Jude im deutsdien Kulturkreise Im Philo-Verlage, Berlin, erscheint soeben eine in der heutigen politischen Lage besonders beachtenswerte Schrift: „Der Jude im deutschen Kulturkreise, ein Beitrag zum Wesen des Nationalismus“, von Felix Goldmann (Leipzig). Wir bringen nachstehend einige grundsätzliche Bemerkungen aus dem Abschnitt „Die Formulierung des Problems und seiner Grundbegriffe“ zum Abdruck* Die Schriftleitung. „Was ist Deutschtum, und was ist Judentum, wenn man die Begriffe nicht aus den politischen Bedürfnissen der Zeit, sondern aus ihrem geschichtlichen Werden erklärt? Deutschtum ist ein kultureller und ein nationaler Begriff. In kulturellem Sinne ist Deutschtum die Zusammenfassung der gesellschaftlichen und geistigen Auswirkungen der auf deutscher Erde lebenden deutsch-sprechenden Menschen, die eine Einheit bilden, und diese Einheit bewußt empfinden. Praktisch ist demnach das Deutschtum das gemeinsame Wirken aller derer, die auf deutschem Boden, in deutscher Sprache, mit dem Willen zur deutschen Einheit Kulturwerte schaffen. Daß deutsche Menschen außerhalb der Grenzen inmitten fremdkultureller Umgebung gleichfalls deutsche Kulturarbeit leisten können, ändert nichts an der Richtigkeit der gegebenen Definition. In nationalem Sinne ist Deutschtum der Wille der Kulturgemeinschaft zu einheitlichem Leben in Freiheit und Unabhängigkeit. Wird der Begriff Deutschtum in kulturellem Sinne gebraucht, so ist er nichts wie eine Benennung von gegebenen Erscheinungen. In nationalem Sinne angewandt, enthält er eine Zielsetzung. Der Staat ist mit der Nation keineswegs identisch, aber es ist der glücklichste Fall, wenn — wie es bei dem Deutschtum im großen und ganzen ist — dem Staat lediglich eine Kulturgemeinschaft angehört. Deutschtum in nationalem Sinne kann —^ wie jeder Nationalismus — sich darauf beschränken, für die deutsche Kulturgemeinschaft Gleichberechtigung und Bewegungsfreiheit in der Welt zu erstreben. Wenn dieser Nationalismus in friedlichem Wettbewerbe für die deutsche Kultur ungehemmte Mitwirkung bei der Kulturgestaltung der Welt zu erreichen sucht, wird er keine andere Nation verletzen. Solcher Kulturnationalismus verzichtet keineswegs auf Ausbreitung, aber er wählt lediglich den friedlichen Weg der Wirkung der Kulturpropaganda durch die Kraft des überzeugenden eigenen Wertes. Es gibt aber im deutschen wie in jedem anderen Nationalismus Tendenzen, die' auf. Ausbreitung durch Machtmittel abzielen, die den GeltunKbereich der nationalen Macht erweitern, Hindernisse mit Gewalt überwinden und Menschen fremder Nationaliät unterjochen wollen. Ter Kulturnationalismus wird dann zum Machtnationalismus! Deutschtum ist demnach eine Naturtatsache und eine Willensregung. Es bedeutet, daß die oben charakterisierte Gruppe deutscher Menschen besondere, ihnen eigentümliche, von andern sie unterscheidende Fähigkeiten und Eigenschaften besitzt, eine spezifische Begabung, wie man sie nennen mag; es kündet den Willen, in dieser Eigentümlichkeit zu leben und zu wirken, sie vor Angriffen zu verteidigen. Deutschtum schließt auch eine innige Liebe zu diesen Sonderheiten des eigenen Seins in sich, die sich so weit steigern kann, daß man jene bedauert, die dieses Vorzuges nicht teilhaftig sind, daß man ihnen die Segnungen der deutschen Kultur selbst wider ihren Willen Zuteil werden lassen werden will, weil nun einmal — wie das klassisch gewordene Wort sagt — am deutschen Wesen die Welt genesen muß. Es muß betont werden, daß zunächst nur vom Deutschtum als formalem Beispiel gesprochen worden ist. Von jeder anderen nationalen Gruppe .läßt sich genau dasselbe sagen. Die Machtnationalisten in anderen Teilen der Welt werden aus denselben Gefühlen und Erwägungen heraus meinen, daß die Menschheit am italienischen, englischen, russischen und japanischen Wesen genesen müsse. Was sachlich gerade das Wesen des Deutschtums ausmacht, wird später erörtert werden. Hier nur ein Wort zur Wertsrage! Wert läßt sich nur an der Hand eines Matzstabes feststellen, und wo ist eine Möglichkeit, um die innere Bedeutung der nationalen Kulturen gegeneinander abzumessen und zu bewerten? An sich existiert ein solcher Maßstab nicht. Nationen tragen zunächst ihren Wert in sich selbst. Sie sind Selbstzweck! Nationales Wirken bedeutet nur die möglichst reine Auswirkung der in einer Gemeinschaft schlummernden eigentümlichen Kräfte, deren Entstehung, deren tiefste Bedeutung sich ganz und gar im Reiche des Irrationalen verlieren. Eines Volkes Wesen ist gegeben, und die Begriffe „gut" und „böse" decken sich, vom nationalen Standpunkt gesehen, zunächst einmal mit dem, was dem nationalen Wesen eigentümlich ist, und dem, -was ihm widerspricht. Nein nationale Ethik unterwirft sich der Herrschaft des Nationalcharakters, im besten Falle dem Prinzip der Nützlichkeit. So ist das Deutschtum-, wie jede Nation, zunächst Inbegriff eines Seins. Erst in zweiter Reihe ist es Wille und Ziel! Das Judentum dagegen ist Inbegriff eines Sollens! Es ist eine richtunggebende Macht, die sich an den Menschen als Einzelwesen, unbeschadet seiner nationalen iMllÄÜ ■

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