Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 41 (10.10.1930)
- Date
- 1930-10-10
- Page
- Seite 539 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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S3§ Das humanistisdie Gymnasium im Kampfe gegen den Antisemitismus A. W. Zu den Wählern der Hitler-Partei stellen, wie schon in diesen Blättern erwähnt wurde, die sogenannten Jungwähler zweifellos einen ansehnlichen Teil. Ihn zahlenmässig zu erfassen, ist schwer, wenn nicht unmöglich. Aber er verdient seiner inneren Bedeutung wegen eine besondere Beachtung. Während ein anderer zahlenmässig sicher stärkerer Teil der nationalsozialistischen Wählerschaft aus Verzweiflung über die wirtschaftliche Lage, aus Verbitterung über Staat und Parlament sich für Hitler entschied, ist zweifellos in der Jungwählerschaft ein sehr stattlicher Teil von Elementen, die aus sicher ehrlichem, vaterländischem Gefühl heraus meinten, nur Hitler allein könne Deutschland Rettung bringen und das Vaterland aus den Ketten des Versailler Vertrages befreien. Um die Seele dieses Teils der Hitlerschen Wählerschaft zu ringen, ist eine lohnende und notwendige Aufgabe. Wir sind überzeugt, dass ein grosser Teil dieser Jungwähler sich nicht aus antijüdischen Gründen dem Hakenkreuzbanner anschloss, und dass ein anderer Teil von den Schlagworten des Antisemitismus durch eine aufrichtige, jeder Prüfung standhaltende Aufklärungsarbeit zu befreien ist. Nachdem in der letzten Nummer dieses Blattes Dr. Müller-Claudius allgemein die Notwendigkeit politischer Erziehung gefordert und begründet hat, fährt heute Dr. Rudolf Z w e t z in gleicher Richtung fort, indem er vom Allgemeinen zum Speziellen, von der allgemein politischen Erziehung zu den Aufgaben des humanistischen Gymnasiums im Sinne einer gesunden und überparteilichen Volksaufklärung überleitet. lieber beit wirklichen Umfang der judengegnerischen Bewegung gewinnt man erst ein Urteil, wenn man groß- und kleinstädtische Verhältnisse: Berlin und die Provinz, miteinander vergleichen kann. Auch innerhalb Berlins liegen ja die Dinge bekanntlich recht ungleichmäßig. Wer z. B. wie ich viele Jahre lang im Arbeitervorort Neukölln zugebracht hat, wird kaum ernsthaft von dieser Bewegung berührt worden sein. Nur Besuche im Westen belehrten ihn, wie es in Wahrheit stand. Aus welch verschiedenartigen Komponenten diese Bewegung sich zusammensetzt, erfährt man aber erst bei einem Wechsel zur Mittelstadt, die bei dem täglichen Zustrom auswärtiger Schüler auch einen Einblick in die ländlichen Verhältnisse der Umgebung ermöglicht. Eine Analyse der judenfeindlichen Bewegung gerade innerhalb eines solchen Bezirks wäre reizvoll und lehrreich. Ich möchte das aber aus später verschieben und heute, noch unter dem Eindruck des Wahlkampfes, lediglich die Rolle der höheren Schule und speziell des humanistischen Gymnasiums in der Abwehrbewegung betrachten. Denn die höheren Schulen sind doch nun einmal die Bildungsstätten all derer, die heute als Führer zumal der nationalsozialistischen Bewegung das Hakenkreuz vorantragen im Kampfe gegen den Davidsstern. Hier ist eine der Quellen. Wie verstopfen wir sie? Mehrfache Verbote ergingen. Sowohl Lehrern wie Schülern wurde die Beteiligung an den Organisationen und Veranstaltungen der radikalen Parteien untersagt. Es ist hier nicht der Ort, über das Für und Wider zu entscheiden — ein Blick auf das Wahlergebnis macht es freilich wahrscheinlich, daß das Verbot viel Jugend nun erst recht nach den Flügeln abgedrängt hat. Deutlich habe ich jedenfalls wahr genommen, daß unter dem Einflüsse dieser Verbote unter den politisch interessierten, aber urteilsunreifen Schülern die gefühlsmäßige Parteinahme für Hitler wuchs. Und damit bin ich bei der entscheidenden Feststellung angelangt: Die antisemitische Bewegung innerhalb der höheren Schulen stellt sich dar als eine rein gefühlsmäßige Parteinahme gegen den Prügelknaben Judentum, die von wenigen politisch aktiven und organisierten oder von Organisationen bestellten Leuten geleitet wird — meist zur Opposition . gegen lokale Vertreter des Judentums oder der Verständigungspolitik. Dieses Moment der Gefühlsmäßigkeit stellt ja gerade das Gefährliche dar, weil es von keinem Verbot erfaßt, von keiner Behörde kontrolliert werden kann. Hier nun beginnt die Aufgabe der Schule, der Lehrerschaft und der Aufsichtsbehörden. Gerade hier, an einer Stelle, die jeden Zugriff auszuschließen scheint. Ich beobachtete an unserem sonst gar nicht als judengegnerisch bekannten Gymnasium in einer Sekunda unter dem Einflüsse einiger aktiver, politisch interessierter Schüler eine Zunahme judengegnerischer Stimmungen; im Geschichtsunterricht (Stoff: 20. Jahrhundert!) kam das deutlich zum Vorschein. Ich hätte ja nur diese Aeußerungen verbieten, mindestens übersehen können. Dann blieb unsere Arbeit, äußerlich betrachtet, immer noch sachlicher Geschichtsunterricht. Zum Glück bietet der Arbeitsunterricht, der sich ja immer mehr durchsetzt, da eine wertvolle Handhabe. Nicht mehr lediglich der Vortrag des Lehrers, sondern die Selbsttätigkeit des Schülers und die Arbeit einzelner Gruppen sollen den Gang des Kurses bestimmen. Und so regte ich die drei judengegnerisch interessierten Schüler an, ihre Ansichten einmal auf Grund ihres Materials uns vorzutragen. Was wurde dadurch gewonnen? Vor allem dies, daß diese Jungen ihre Gedanken in einer andern Form als bisher vertreten, selbst also einmal sorgfältiger durchdenken und für den Vortrag vor der Klasse ordnen mußten. Mehrere sehr anregende Stunden beschäftigten uns mit dem Problem. Wie gern hätte ich von vornherein den Jungen deutlich gemacht, daß das Ganze in Wahrheit gar kein „Problem" sei, daß der parteipolitische Kampf es nur dazu mache. Immerhin war ich froh, daß der ganze Komplex von den drei Schülern — übrigens (und das ist ja der Jammer!) menschlich recht wertvolle, durch äußere Einflüsse mißleitete Jungen — in Arbeitsteilung von verschiedenen Seiten aus angegriffen wurde. Und nun traute ich meinen Ohren nicht: aus den minderwertigsten Broschüren und Flugblättern tauchten all jene vertrauten Lügen und Verleumdungen von Ritualmorden, den Weisen von Zion, der Verjudung der Hochfinanz, der Verjudung der Reichsregierungen usw. wieder auf, Dinge, die ich in meiner Neuköllner Abgeschiedenheit für längst abgetan hielt. Die temperamentvoll und geschickt vorgetragenen Gedanken fanden Zustimmung. Und doch — im Vergleich zu den bisherigen Geschichtsvorträgen ergab sich, gleich erschreckend und beschämend für die geistige Ausrüstung jener Bewegung, die schauerli eh e U n - z u l ä n g l i ch k e 11 ihre r Quelle n. Kaum war die Lupe der Quellenkritik angesetzt, als auch schon die fadenscheinige Struktur des Gewebes sichtbar wurde. Das Verlangen nach Belehrung auch von der andern Seite war da, und da tat das Aufklärungsmaterial des C. V. gute Dienste. Natürlich war die gefühlsmäßige Ablehnung des Judentums durch diesen kurzen Versuch kaum erschüttert, dazu sind die Einflüsse der Elternhäuser und (im Wahlkampf) der Parteipropaganda viel zu stark. Aber eins war doch gewonnen: der Willen zu selbständiger U r t e i l s b i l d u n g auch auf diesem Gebiet, die beste Schutzwehr gegen die Auslieferung des politischen Willens an die Demagogen, war geweckt. Hier hat die höhere Schule, zumal das humanistische Gymnasium mit seinem stark an den Kulturinhalten des Altertums und der alt- und neutestamentlichen Religiosität orientierten Lehrplan eine unabweisbare Aufklürungsaufgabe. Wo diese vernaehlüssigt wird, verstößt man gegen Geist und Sinn des humanistischen Bildungsideals. Das mit ganzer Schürfe und Klarheit erkannt zu haben, wäre schon ein großer Gewinn. Merkwürdig war die Haltung von drei evangelischen Pfarrerssöhnen. Obgleich es intelligente, wenn auch etwas zurückhaltende Jpngen sind, schienen sie von der Besprechung nicht berührt zu sein. In diesen drei Pfarrhäusern war über die Verständiguugsfrage, über die Haltung des Christen gegenüber dem Juden, über die Abgrenzung und die Unterschiede weder im positiven noch im negativen Sinne mit den Heranwachsenden Söhnen jemals eine Erwägung angestellt worden! Ich tat erneut einen Einblick in die geistige Verinselung ländlicher Pfarrhäuser, in jene gegenwartsfremde Haltung mancher Kreise unserer evangelischen Landeskirchen, die wir auch in diesen Blättern wiederholt beklagen mußten. Wie leicht hat es da die nationalistische Agitation, auf den Dörfern ringsum Anhänger und Mitkämpfer zu werben, wenn die Geistlichkeit sich auf ihren „Dienst am Wort" beschränkt! Nun ergab sich als weitere Aufgabe der Besuch des T e ui pels. Die Judenfrage gliederte sich in ein höchst unklares Nassenproblem und ein'äußerst konkretes Religionsproblem. Je mehr man in die Rassenfrage einzudringen sich bemühte, desto deutlicher wurde, daß wir Nichtjuden uns selber äußerst Problematisch werden mußten. Wohl waren Rassenunterschiede feststellbar Zwischen Jude und Nichtjude: doch ebensosehr zwischen Jude und Jude und genau so gut zwischen uns Nichtjuden. Wir waren froh, diesen wirren und fragwürdigen Verflechtungen entfliehen und uns der Untersuchung der Religionsgegensätze zuwenden zu können. Und hier gerieten lvir durch den Besuch der Synagoge aus den soliden Boden einer erforschbaren Tradition. Und ivieder der alte Eindruck, wenn man mit christlichen Schülern den Tempel betritt: der Zauber einer uralten, zum Teil rätselhaften ' Ueberlieferung ergreift alle. Auch was als fremd belächelt wird, gebietet letzten Endes Ehrfurcht vor dieser ältesten Religion der Menschheit, und ein vernünftiges Gespräch über Trennendes und Verwandtes führt mindestens zur anständigen Haltung gegenüber dem konfessionellen Judentum, seinen Symbolen, Kultstätten und Trägern. Handliches Material für den historischen Arbeitsunterricht scheint noch zu fehlen. Es könnte nichts schaden, wenn gerade auf diese Seite des Abwehrkampses Wert gelegt und auch den Aufsichtsbehörden nahegelegt würde, diese Bemühungen durch gelegentliche Rundverfügungen zu unterstützen. Dr. Rudolf Zwetz.