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Central-Verein-Zeitung · 1930-10-10 · 41 (10.10.1930) · p. Seite 538

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
41 (10.10.1930)
Date
1930-10-10
Page
Seite 538 (sequence 2)
Language
German
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53$ Fachin ger Yersandstelle, Berlin SW 11, Schöneberger Strasse 16a. Telefon: Lüfczow 8260;81. ihr geistiger Führer, Dr. Seipel, wandte fich hilfesuchend an die H e i m w e h r e n, die denn auch zwei ihrer Führer, den jungen Fürsten Rüdiger von Star Hemberg und den Mattster Notar Dr. Hueber — beide stramm nationale Judengegner — in das neue Ministerium entsandten. Das Minderheitskabinett der Christlichsozialen und der Heimwehren, die übrigens als Partei bisher im österreichischen Nationalrat gar nicht vertreten sind, konnte natürlich — so gern es vielleicht wollte — die Geschäfte ohne den aufgelösten Nationalrat nicht lange weiterführen und deshalb wurde für die kürzeste Frist der Wahltag mit dem 9. November angesetzt. Diese Neuwahlen bereiten insbesondere den österreichischen Juden schwere Gewissenskonflikte. Nach einem Jahr der Regierung Dr. Schobers, der als legal denkender Mann die Gesetze auch gegenüber den Juden durchaus gewahrt wissen wollte und diesen seinen gerechten Standpunkt schon oft — als Polizeipräsident und Bundeskanzler — in äußerst kritischen Situationen nachdrücklich bekundete, stehen die Juden nun einer Regierung gegenüber, die man vom Parteistandpunkt und in der Auswahl einzelner ihrer hervorstechendsten Persönlichkeiten als durchaus judenfeindlich bezeichnen kann. Insbesondere hat sich der neue H e i m w e h r - I n n e n m i n i st e r, der dreißigjährige Hitler-Schüler und K a p p - P u t s ch i st Fürst Rüdiger von Starhemberg, in den letzten Tagen bei einer öffentsichen Kundgebung Aussprüche geleistet, wie sie höchstens bei einem Minister des pogromistischen Zarenreiches begreiflich gewesen wären. Der Mann, dem das Amt eines Hütersder innerenOrdn u n g und Ruhe anvertraut ist, sprach unbekümmert von „k r u m m n a s i g e n Z e i - t u n g s s ch m i e r e r n" und von dem „Siege, der dann unser sein wird, wenn der Kopf desAsiaten (Breitner) inden Sand roll t". (Breitner ist bekanntlich der Finanzreserent der Wiener Stadtgemeinde, dessen jüdische Abstammung den Minister Starhemberg zu der Beschimpfung als „Asiaten" veranlaßte.) Solche wüsten Ausfälle und die der Wirtschaft schädliche radikale Einstellung der Heimwehr entfernen die Juden nur noch mehr von der der Heimwehr Verbündeten Christlichsozialen Partei, deren programmatischer Antisemitismus ja hinlänglich bekannt ist. In der Propaganda aber wird dieser judengegnerische Standpunkt neuestens von den Christlichsozialen weniger betont, ja der neue Bundeskanzler Baugoin gab sogar einem jüdischen Journalisten eine wohl etwas ausweichende Loyalitatserklärung für das „staatstreue Judentum" und „dementierte" sofort, nachdem er die katastrophale Wirkung der hetzerischen Rede feines Ministerkollegen Starhemberg merkte, dessen Hahexzesse. Allein diese wohlmeinenden Gesten verfangen bei den Juden, die jetzt mehr denn je aus der Hut sein müssen, nur noch wenig; und so sehen jene Juden, die aus wirtschaftlichen oder weltanschaulichen Gründen der Sozialdemokratie nicht Gefolgschaft leisten können oder wollen, nach den Mittel- Parteien 'aus. Zur Stunde, da diese Zeilen geschrieben werden, steht es noch nicht fest, ob der von einflußreichen Wirtschastskreisen propagierte Plan, Tr. Schober an die Spitze eines Blocks aller Mittelgruppen — G r o ß d e u t s ch e, L a n d b u n d und der im österreichischen Nationalrat infolge des bekannten W a h l u n r e ch t e s bisher nicht vertretenen Demokraten — zu stellen, gelingen wird. Hoffnung ist wohl vorhanden, allein es ergeben sich ma n n i gs ach e S ch w i e r i gleiten, auch vom Standpunkt des freiheitlichen Judentums. Dieses bürgerlich - freiheitliche Judentum stand bisher treu zur Demokratischen M i t t e l P a r t e i, die, wie erwähnt, im Parlament wohl keinen Vertreter besitzt, dennoch aber — insbesondere in den letzten beiden Jahren — politisch ungemein rührig war. Nun soll sie — wenn auch nur in Form einer bloßen W a h l gemeinschaft und unter Führung eines gerecht denkenden Staatsmannes — gemeinsam mit den Großdeutschen in den Wahlkampf ziehen, die auf einem nationalen Rassenstandpunkt stehen. Das bedeutet ein schweresOpser und ist wohl nur dann durchzuführen, wenn ein demokratischer Kandidat akzeptiert wird. Vorderhand ist die Situation noch ganz ungeklärt. Bis auf die Sozialdemokraten hat noch keine Partei endgültig Stellung bezogen. Der Wahlkampf wird auf jeden Fall äußerst heftig werden, kandidieren doch außer den erwähnten Parteien auch noch die Nationalsozialisten unter Führung des sattsam bekannten Herrn Dr. Walter Riehl. Diese Partei, ebenfalls bisher im Parlament unvertreten, findet natürlich reichliche materielle und „geistige" Unterstützung bei ihren s i e g e s f r o h e n deutschen Gesinnungsgenossen. Hitler und Goebbels selbst haben die Wahlparolen ausgegeben. Hundert F ü h r e r der deutschen Hakenkreuzler sind als Redner in den Wahlversammlungen angesagt, Straffer hat schon gesprochen, wohl ohne besonderen Eindruck. Man sieht, die Situation ist für die österreichischen Juden alles eher denn erfreulich. Sie stehen nach einem Jahre Schoberschen Regimes, das ihnen die G l e i ch h e i t vor dem Gesetz sicherte, vor einer ungewissen Zukunft, * a Katholizismus und Nationalsozialismus unvereinbar! Eine grundlegende Entscheidung des Sischoss von Mainz In der „Germania" vom 7. Oktober lesen wir einen Aufsatz „Katholizismus und Nationalsozialismus", dem wir nachstehende Ausführungen entnehmen. „Ein hessisches nationalsozialistisches Kampfblatt hat an das Bischöfliche Ordinariat in Mainz eine offene Anfrage gerichtet. Pfarrer- Weber von Kirschhausen habe im Verlaufe einer Predigt unter Berufung auf eine Anweisung des Bischofs über die Haltung der Katholiken der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei gegenüber folgende Grundsätze aufgestellt: 1. Jedem Katholiken ist es verboten, eingeschriebenes Mitglied der Hitler-Partei zu fein. 2. Jedem Mitglied der Hitler-Partei sei nicht gestattet, in korporativer Zusammensetzung an Beerdigungen oder sonstigen Veranstaltungen teilzunehmen. 3. Solange ein Katholik eingeschriebenes Mitglied der Hitler-Partei sei, solle er nicht zu den Sakramenten zugelassen werden. Es wurde angefragt, ob diese Anweisungen tatsächlich auf den Bischof von Mainz zurückgehen. Daraufhin hat das Bischöfliche Ordinariat in Mainz unter dem 90. September an die Gauleitung der NSDAP, ein längeres Schreiben gerichtet, dessen Wortlaut wir der „Rhein-Mainischen Volkszeitung" entnehmen: „Wir haben dem Pfarrer von Kirschhausen auf seine Anfrage, welche Stellung er gegenüber der NSDAP, einzunehmen habe, die in Ihrem Bericht enthaltenen Anweisungen gegeben. Wir mußten diese Anweisungen geben, da das Programm der NSDAP, ^ätze enthält, die sich mit katholischen Lehren und Grundsätzen nicht vereinigen lassen. Namentlich ist es der Paragraph 24 des Programms, den kein Katholik annehmen kann, ohne seinen Glauben in wichtigen Punkten zu verleugnen: 1. Paragraph 24 des Programms sagt in seinem ersten Teil: „Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden." . . . Daß auch anerkannte Führer der NSDAP, die katholische Kirche zu den staatsgesährlichen Bekenntnissen rechnen, beweist ein Wort von Gottfried Feder, M. d. R. . . . 2. Der Paragraph 24 sagt in seinem zweiten Teil: „Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im ^taat, soweit sie nicht gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen." — Wir fragen: Was ist Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse? Wie verhält sich dieses germanische Sittlichkeits- und Moralgesühl zur christlichen Moral? Das christliche Sittengesetz gründet sich auf die Nächstenliebe. Die nationalsozialistischen Schriftsteller anerkennen dieses Gebot nicht in dem von Christus gelehrten Sinn; sie predigen Ueberschätzung der germanischen Rasse und Geringschätzung der Fremdrassigen (S. Programm Paragraph 4 ff.). Diese Geringschätzung, die bei vielen zu vollendetem Haß der fremden Rasse führt, ist unchristlich und unkatholisch — Das christliche S Menge setz ist ferner allgemein, es gilt für alle Zeiten und für alle Rassen. Es ist deshalb ein großer Irrtum, zu fordern, daß das christliche Bekenntnis dem Sittlichkeits- und Moralgesühl der germanischen Rasse angepaßt werde . . Eine Erklärung des Reichsinnenministers Wirth Die amerikanische Presse veröffentlicht ein Interview, daß der Reichsminister des Innern, Sfr. Wirth, dem Chefredakteur der lletviZÜ Be-Iegraphia Agency in New Bork, Jacob Landau, wegen der Befürchtungen einer antisemitischen Welle in Deutschland gewährt hat. Reichsminister Wirth erklärte, daß ein Grund zur Beunruhigung nicht vorhanden wäre, da die Neichsregierung von ihrer bisherigen Haltung nicht abweichen und sich in keinem Falle in ein antisemitisches Fahrwasser treiben lassen werde. Der Zuwachs der nationalsozialistischen Stimmen bedeute einen gewaltigen Protest gegen die Not. Cr glaube durchaus nicht, daß alle diejenigen, die ihre Stimmen für die Nationalsozialisten abgegeben haben, damit sich als enragierite Judenfeinde haben dokumentieren wollen. Eine aggressive antisemitische Stimmung, die etwa zu Ungerechtigkeiten oder gar Gewalttätigkeiten führen könnte, sei nicht vorhanden. Die Regie-- rung könne für die Ruhe im Lande bürgen. Es sei stets ihr entschlossenes Bestreben, den deutschen Staatsbürger ohne Rücksicht auf sein Glaubensbekenntnis zu schützen. Darin sehe die deutsche Republik ihre^ Ehre engagiert, und zu diesem Schutze aller Ltaatsbürger sei sie nicht nur willens, sondern auch fähig.

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