Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 41 (10.10.1930)
- Date
- 1930-10-10
- Page
- Seite 537 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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«rein «ntraJ öerlin, 10. Oktober 1030 IX. Jahrgang ♦ Nr. 41 rinzelnummer 2» Pfennig Vlatter fürOeutfebtum und Judentum BierLeljahrsabonnement 2,5V RM. (zuzllgl. Bestellgeld). Organ Oes fentrol-VcreinsOßutfchegF LtaaksdüryeriüOifcNen ölaubens ev. Allgemeine Zeifun$ desOudenfums Verlag und Schriftleitung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Amt Dönhoff 8594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube 6, Berlin SW 68, Lindenstraße 7, und von Goldschmidt - Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JIM für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf MoffA Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 JIM, die 62 mm breite Reklamezeile 3,50 JIM. •I V?f Zum 13. Oktober Anfere Wünsche an den neuen Reichstag Am 13. Oktober tritt der neue Reichstag zu seiner ersten Sitzung zusammen, genau nach dem Wortlaut der Verfassung, der die Einberufung des Parlaments spätestens am 30. Tage nach einer Wahl verlangt. Das ungeheure Chaos, das der 14. September schuf, wird sich, wenigstens äußerlich, im Sitzungssaal des Reichstages zur Ordnung formen. Die Wählerschaft in ihren breitesten Schichten erwartet Arbeit und nicht Demonstration. Sie ist wacher geblieben, als es sonst nach politischen Wahlen allgemein der Fall zu sein pflegte und sie wird scharf Zusehen, was im Reichstag geschieht. Keine Gruppe wird diesen Umstand unberücksichtigt lassen dürfen. Vor den Wahlen las man in nationalsozialistischen Zeitungen, klang es aus nationalsozialistischen Versammlungen: dieser Reichstag wird der letzte Reichstag auf lange Zeit hinaus sein. Heute ist diese Melodie verstummt. Wohl spielt man auch in nationalsozialistischen Kreisen mit dem Gedanken einer Neuwahl in naher Zeit, aber eben einer Neuwahl, nicht einer Diktatur. Der Zwang der inneren Gesetzmäßigkeiten, wie sie jede große Partei direkt und indirekt zu beherrschen pflegen, beginnt auch die NSDAP, zu erfassen. Ihre Wählerschaft setzt sich aus zu verschiedenartigen Schichten Zusammen, als daß die Partei selbst nicht die Notwendigkeit einer mittleren politischen Linie erkennen müßte. Dem Worte Legalität wohnen, wie jedem Worte, formende Kräfte inne. Es gibt im deutschen Volke nicht sechseinhalb Millionen Menschen, die aus die Barrikaden der Rechten, und viereinhalb Millionen Menschen, die auf die Barrikaden der Linken steigen wollen. Worte rollen leichter als Köpfe; aber es pflegt für die Qualität eines Kopfes zu sprechen, wenn er zu schweigen versteht. Adolf Hitler ist vom Kanzler des deutschen Reiches zu einer Unterredung in der Reichskanzlei empfangen worden. Sicherlich hat Hitler mit gewissem Interesse das Haus und die Räume betrachtet, in die ihn seine Träume so oft geführt haben, in denen Bismarck und Strefemann, um die beiden repräsentativsten Gestalten des Kaiserreiches und der Republik zu nennen, verantwortungsvoll und um die Zukunft bedacht, gearbeitet haben. Jedenfalls sind Hitlers neue Erklärungen über seine Stellung zum Versailler Vertrag und zum Poung-Plan von einer gewissen Verantwortung getragen. Er ist sozusagen von Legalität infiziert. Auch er sieht neuerdings den Weg zur deutschen Freiheit und zum deutschen Wiederaufstieg nur auf Umwegen erreichbar, und es ist nicht mehr Frage des Prinzips, sondern lediglich des Temperaments, ob man ebnere oder steilere Wege sucht. Wichtig freilich ist, zu wissen, ob der Weg zu glücklichen Gefilden führt oder jäh am Abgrund endet, und ob er eine Straße für ein ganzes Volk oder der reservierte Weg ausgesuchter Gruppen sein soll. Die deutschen Juden wollen — es ist leider nicht überflüssig, es zu wiederholen — am deutschen Aufstieg Mitarbeiten. Sie empfinden, wie jeder nicht egoistisch gesinnte Volksgenosse, daß es heute mit der nüchternen Erfüllung staatsbürgerlicher Pflichten allein nicht getan ist, sondern, daß die ganze Hingabe der Persönlichkeit nötig ist, um die deutsche Krise zu überwinden und zu einer aussichtsvollen Rekonvaleszenz überzuleiten. Wir sind zu allen Opfern bereit, die für erforderlich gehalten werden, — wir nicht als Gruppe, sondern als Staatsbürger. Nicht w i r haben unsere Gruppe als ausschlaggebend oder bestimmend für das Schicksal des deutschen Volkes hingestellt und ihre Bedeutung unterstrichen. Die Gegner des deutschen Judentums vielmehr haben es getan. Wir kennen keine jüdische Formel vom deutschen Schicksal, sondern nur einigende gemeinsame deutsche Not. Es wäre ein bedeutsamer Schritt auf der Bahn zur Versachlichung des politischen Kampfes, wenn Gruppenvorurteile ebenso wie Gruppenwünsche verschwänden, und an uns würden wir gern erproben lassen, daß es auch so geht. Wir sind aber — und nicht wir allein — überzeugt, daß heute nicht Experimente am Platze sind, die uns ein S o n d e r schicksal zuteilen oder die einen deutschen Wiederanstieg nur ohne uns oder gegen uns für möglich halten. Das deutsche Volk wird übermenschliche Kraftanstrengungen vollbringen müssen, um zu genesen. Es heißt diese Leistung von vornherein als unzulänglich ansehen, wenn man als Voraussetzung für ihren Beginn die Ausschaltung unserer Gruppe ansieht. Wir haben keine Gruppen Vorstellung von der Möglichkeit der deutschen Genesung. Jeder von uns hat die Auffassung von ihr, die seinem politischen, geistigen, beruflichen, gesellschaftlichen Standpunkt entspricht. Es gibt deswegen keine Lösungsmöglichkeit, gleichgültig, von welcher Seite sie vorgeschlagen wird, an der nicht auch deutsche Inden Mitwirken wollten und könnten. Nur eine Lösung scheint uns als Gruppe unmöglich zu sein: die näinlich, die uns aus dem deutschen Bolkskörper Hern u slösen will. Wir deutscheil Inden sehen der Arbeit des neuen Reichstages trotz seiner Zusammensetzung mit Hoffnung entgegen. Er ist ein Instrument des souveränen Volkes, und somit auch in feinen unerwünschten Erscheinungen Symbol der Verfassung. Man hat in Kommentaren zur Reichstagswahl diesen Reichstag mit der Nationalversammlung verglichen, gemessen an der ungeheuren Aufgabe der deutschen Neuordnung, die damals wie heute die gleiche war. Die Präambel zur Weimarer Verfassung, der auch dieser Reichstag sein Leben verdankt, mag deswegen auch als Leitspruch seiner Arbeit vorangehen: das Reich in Freiheit imb Gerechtigkeit zu erneuern. Alfred Hirschbero'. Deftmelch vor schweren Entscheidungen (Sonderbericht für die „C. V.- Zeitung") Wien, den 6. Oktober. Bundeskanzler Dr. Hans Schober ist gestürzt, der Heeresminister seines Kabinetts und Obmann der ch r i st l i ch s o z i a l e n Partei, Carl V a u g o i n, Hatz ohne sich dem Nationalrat vorzustellen, die Negierung übernommen und die Neuwahlen für den 9. November anberaumt. Genau vor einem Jahre, als die politische und wirtschaftliche Not am höchsten war, ist Dr. Schober von den verzweifelten Christlichsozinlen als „Retter" gerufen worden. Nun, nach Erledigung der mühevollen Arbeiten aus innen- und außenpolitischem Gebiete — vor allem sind ihm die Wiederherstellung des inneren Friedens und die Befreiung Oesterreichs von den Reparationslasten und damit die endliche Erschließung des ausländischen Anleihemarktes zu verdanken — wird er von der gleichen Partei mit schnödem Undank weggeschickt. Im gleichen Moment war aber auch die bisher bestandene Koalition zwischen Christl i ch s o z i a l e n, G r o ß d e u t f ch e n u n b Landbund gesprengt, denn die letztgenannten beiden Parteien, die schon lange wegen der Bevorzugung christlichsozialer Parteigänger bei öffentlichen Stellenbesetzungen verärgert waren lind sich deshalb aus der drückend gewordenen Gemeinschaft heraussehnten, benutzten den willkommenen Anlaß des gewaltsamen Sturzes Schobers, um nunmehr auszuspringen. Die Christlichsozialen standen nun allein da.