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Central-Verein-Zeitung · 1930-10-03 · 40 (3.10.1930) · p. Seite 528

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
40 (3.10.1930)
Date
1930-10-03
Page
Seite 528 (sequence 4)
Language
German
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S2S und ein Buch der Nation Von Dr. Hans Reichmann Franz S ch a u w e ck e r: „ A u f b r u lag, Berlin 1930. „O.-S." von Arnolt Bronnen „Kriegsbriefe gesallener Stut fessor Witkop, München, bei Ger „Es hat gewiß seinen Sinn und seine Berechtigung, daß wir diesen Krieg verloren haben. Mir würde die Welt ein bißchen irrsinnig Vorkommen, wenn's anders wäre. Wir müssen einmal herausfinden, weshalb wir den Krieg verloren haben. Weil wir selber in uns die Schuld gehabt haben, die Leere, die Anmaßung, die äußerliche Macht, die Zerspaltung des Volkes, das bloße Auswendiglernen, die Vorrechte, hinter denen nichts mehr war, die Gängelei, die Oberfläche, die Unselbständigkeit, das Programm, das in allem von vornherein war — ach, Gott — so viel, so entsetzlich viel.-Aber jetzt können wir endlich von vorn ansangen und das freimachen, was verschüttet ist, aber noch lebt.-Wir mußten den Krieg ver- Heren, um die Nation zu gewinnen." So deutet Franz Schauwecker den Sinn seines und unseres Kriegserlebens, das er in seinem Roman „Aufbruch der Nation" gestaltet hat. Go und ähnlich deuten es die Führer des neuen Nationalismus, die Männer des Ernst-Jünger-Kreises, die geistigen Stützen des nationalistischen Gedankengebäudes. Bezeichnend, daß die Nationalsozialisten bei diesen Kündern einer neuen nationalistischen Weltanschauung Anleihe machen müssen, wollen sie ihr Programm geistig untermauern. In ihren eigenen Reihen haben sie keinen Schau- Wecker und keinen Jünger, der für die kleinbürgerliche Haltung eines Hitler nur ein verächtliches Lächeln hat. Dem sauberen Denken und starken ethischen Gefühl dieser nationalistischen Schwärmer widerspricht das kleinliche, eigennützige, rohe und ungeistige Treiben jener Partei, die ihren Agitationszug so gern als den Aufbruch der Nation ausgibt. So hat sich S ch a u w e ck e r die nationale Erneuerung gewiß nicht gedacht! Das Anbeten der äußerlichen Macht, die Anmaßung, die diktatorische Gängelei, die oberflächliche Betrachtung politischer und wirtschaftlicher Ereignisse . und vor allem die Zerspaltung des Volkes sind heute krasser als vor dem Kriege und gerade durch Schuld auch nationalistischer Kreise. Von der Kameradschaft des Krieges und dem starken Gemeinschaftsgeist, die S ch a u w e ck e r in den Schreckenstagen des Krieges in sich heranreifen fühlte, ist wenig, fast nichts geblieben. Wenn die Sinndeutung, die S ch ä u w e ck e r dem Kriege gibt, die einzig mögliche sein sollte, dann müßte ein Blick auf das heutige Gemeinschaftsleben schonerweisen, daß sie ein unerfüllter Wunschtraum geblieben ist. Das Buch selbst ist bis auf einigen mystischen Gefühlsüberschwang bemüht, die Phrase zu meiden, und zeugt von Gestaltungskraft: vier Jahre Krieg ohne Beschönigung. Kein Wort vorn „erfrischenden Stahlbad" und kein Gerede vorn Dolchstoß. Ist es ein Zufall, daß Schauwecker an der einzigen Stelle des Buches, an der er sich mit der pazifistischen Idee auseinandersetzt, einen ch der N a t i o n ", F r u n d s b e r g V e r - , Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, senken", her au sgegebenvonPro- >rg Müller. Juden zum Vertreter des Friedensgedankens macht? „Eine kaum merkbare Verschiedenheit stand zwischen jenem und ihm. Und das erschreckende Halbbewutztsein, daß an bestimmten Punkten des Gespräches eine Verständigung unmöglich sei." Wird ihm diese Verständigung auch unmöglich bleiben, wenn er Juden aus dem nationalistischen Lager hört? Es gibt solche ebenso wie pazifistische. Ein Judenstämmling, Arnolt Bronnen, hat den Roman des oberschlesischen Selbstschutzes „O.-S." geschrieben. Er hat den Aufstand nicht miterlebt, und es sind deshalb sehr viele falsche Töne in dem Buch. Daß dem Sohn eines jüdischen Vaters eine judenfeindliche Wendung unterläuft, sei festgestellt; über Fragen des persönlichen Taktes und des Ehrgefühls kann man nicht rechten. Daß Bronnen seinen galoppierenden Stil und seine neue Interpunktion für eine originelle dichterische Leistung hält, bleibe ihm unbenommen. Daß er aber lediglich im Freischärlertum den Gedanken des nationalen Widerstandes und des nationalen Bekenntnisses verherrlicht, müssen sich alle die verbitten, die die Tage des vberschlesischen Aufstandes mikerlebt haben. Bronnen war nicht dabei. Er schöpft aus fremden Quellen. Er weiß nichts von dem stillen Heldentum des oberschlesischen Arbeiters und des oberschlesischen Kaufmanns, er weiß nichts von der selbstverständlichen Opserbereitschaft aller oberschlesischen Deutschen. Er sieht nur den Kamps des Selbstschutzes als einziges Symbol echter nationaler Haltung. (Pikant, daß man diesen Bronnen heute im nationalistischen Lager verhimmelt, weil er eine nationalistische These vertritt; noch vor ein paar Jahren galt er den gleichen Kreisen als der Typ jenes „zersetzenden jüdischen Literatentums", dessen revolutionäre Stücke mit sexuellem Beigeschmack Empörung hervorriesen.) Die nationalrevolutionäre Jugend, die sich heute unter den schwarzen Fahnen sammelt, steht hinter S ch a u w e ck e r, sie wird vielleicht sogar Bronnen bejahen. Und doch sollte sie, will sie sich das unmittelbare Erlebnis des Krieges vergegenwärtigen, besser zu einem Buch greisen, das das Kriegserlebnis widerspiegelt und es nicht in eine feste These einordnet. Sie sollte die „Kriegsbriese gefallener Studenten" lesen. Hier wird sie die Ereignisse, so wie sie waren, und die Eindrücke, so wie sie im Augenblick des Empfangens erlebt, nicht wie sie nachträglich geformt wurden, finden. Hier wird sie Menschen „in Stahlgewittern" schreiben sehen, die ohne Phrase so gesprochen haben, wie ihnen zumute war, die nicht nach literarischem Erfolg strebten und von denen wohl keiner wußte, daß sein Bekenntnis je ein anderes Auge lesen würde, als das der Mutter, der Braut oder des Freundes, denen der Brief Zugedacht war. In diesen Bekenntnissen spiegeln sich junge Menschen, die in ihrer Hingabe und in dem Kriegsgeschehen einen Sinn sahen, und andere, die ihn vergeblich suchten. Hier sprechen junge Deutsche, die den Sieg und nur den Sieg wollten und andere, die nur eine Sehnsucht kannten: den Frieden. Hier finden sich Bekenner aller Konfessionen, die, ob Christ, ob Jude, gleich empfanden. Und der Leser von 1930 wird aus diesen erschütternd echten Dokumenten tiefer Frömmigkeit und menschlicher Größe erkennen, daß es in dem Fühlen der Kriegsgeneration im unmittelbaren Erleben von Front und Tod keinen „rassisch bedingten" Unterschied des Empfindens gab. Aus diesen Briefen, wohl dem schönsten und stärksten Werk der Kriegsliteratur, wenn man sie überhaupt als Literatur bezeichnen darf, sollten die jungen Menschen heut ihre Vorstellung vom Fronterlebnis schöpfen. Diese Briefe sollten aber auch ein Mahnruf sein gerade an die nationalistischen Führer, die jetzt die Jugend um sich zu sammeln suchen. Schauwecker und seine Freunde hatten das aufwühlende Erlebnis der großen Kameradschaft und der Gemeinschaft der Nation. Sie sollen diese Gemeinschaft nicht durch Haßprediger und Unterschiedsklügler stören lassen, wenn ihnen wirklich an der Nation gelegen ist. Sie sollen sie nicht stören lassen, auch wenn mancher, der sich zu dieser Gemeinschaft mit dem gleichen Recht zählt wie die nationalen Revolutionäre, den Sinn des Krieges anders deutet als die neuen Nationalisten. Gerechtigkeit für öie ^uöen verlangt der „Daily Expreß" Das Ausland hat in den letzten Tagen den Erfolg Hitlers im allgemeinen ablehnend kommentiert. Nur die Presse des Lord Rothermere macht eine Ausnahme. „Daily Mail" und „Daily Expreß" geben sich wie die „N e u e Zürcher Zeitung" vom 27. September feststellt, „seit einigen Tagen mit dem ihnen eigenen Liesen Verständnis für das was Europa braucht, alle Mühe', Herrn Hitler zum großen Mann zu stempeln!" Und der „Völkische Beobachter" bringt Leitartikel anerkennenden Tones über den gleichen Lord ' Rothermere, den er noch vor wenigen Wochen als mißliebig zum Juden ernannte. Um so erfreulicher ist es, daß „Daily Erpreß" in seiner Nr. vom 17. September einen Aussatz: ^Gerechtigkeit für die Juden" veröffentlichte, in dem es heißt: „Europa durchzieht gegenwärtig eine ungeheure antisemitische Welle. Welche Bedeutung diese Bewegung auch immer gewinnen mag, in Großbritannien dürste sie keinen Fuß fassen. Wir schätzen in unserem Land die treibenden Kräfte der Juden und die Förderung, die sie dem Geistes- und Kunstleben angedeihen lassen. Die kaufmännischen und geistigen Eigenschaften der Juden treten in England deshalb besonders stark in die Erscheinung, weil man sie in keiner Weise beengt. Bei uns ist die Judenfrage durch das völlige Aufgehen der Juden in unser vielgestaltiges öffentliches Leben gelöst worden, und das Volk ist darum um so reicher und glücklicher. Auf dem Kontinent wird man auf die Dauer schon einfehen, daß es keine andere Lösung gibt. Es gibt sympathische und unsympathische Juden, ebenso wie es sympathische undunsympathische Nichtjuden gibt. Verfolgt aber eine Nation die Juden als Gesamtheit, so ist das ein Eingeständnis der Dekadenz und Schwäche."

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