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Central-Verein-Zeitung · 1930-10-03 · 40 (3.10.1930) · p. Seite 527

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
40 (3.10.1930)
Date
1930-10-03
Page
Seite 527 (sequence 3)
Language
German
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£w Hachmad <m dm Jjcaqec jiusscfiteUimg^m Vm * * * Sonderbericht für die „ C* V. -Zeitung“ Prag, den 28. September. Der französische General Maurice Janin, seinerzeitiger Oberkommandierender der tschechoslowakischen Legionen in Sibirien, verzeichnet in feinen kürzlich nur in tschechischer Sprache erschienenen Memoiren eine interessante Unterhaltung, die er in New Jork im September 1918 mit dem damals in. Amerika weilenden Masaryk hatte. Janin befand sich auf der Reise nach Sibirien, wo er das Kommando über die Legionen übernehmen sollte. Masaryk gab ihn: Verhaltungsmaßregeln mit. „Wiederholen Sie immer und immer wieder unseren Offizieren und Soldaten, daß sie sich vor dem Antisemitismus hüten! In Amerika würde das schlechten Eindruck machen. Unter den Freunden des Präsidenten Wilson und in seiner Umgebung sind Zahlreiche Juden. Antisemitisches Verhalten wäre sehr gefährlich!" Janin mokierte sich leise über diese Ermahnung, aber der alte kluge M a s a r h k wußte genau, was er sagte. Er kannte die Mentalität des tschechischeil Kleinbürgers noch aus der Zeit des Hilsuer-Prozesses. Es entbehrt übrigens nicht einer gewissen Pikanterie, daß der jetzige Oberbürgermeister von P r a g, D r. B a x a, der -durch sein Verlangen nach einem generellen Verbot der deutschen Tonfilme zu den intellektuellen Urhebern der antideutschen und antijüdischen Straßenexzesse in Prag gehört, damals als Advokat der Vertreter der Ritualmordanhäng e r war. Dr. B a x a hat seit den Tagen des Hilsner -Prozesses Karriere gemacht und ist als Vertreter der nationalsozialistischen tschechischen Partei seit Jahren Oberbürgermeister von Prag. Mail muß diese Einleitung vorausschicken, schon um die in Deutschland weit verbreitete Mär von dem Fehlen eines Äntisomitismus bei den Tschechen zu widerlegen. Im alten Oesterreich übertönte nur der Radauantisemitisrnus der Deutschnationalen bei weitem den stets latenten Judenhaß der tschechischen kleinen Leute. Nach der Gründung des tschechoslowakischen Staates verstand es die Weltgewandtheit Masaryks und seines Schülers Benesch, diesen Zug des tschechischen .Volkscharakters zu übertünchen, der Ausländer bekam die judenfeindlichen Aeußerungen der tschechischen Volkspresse, die ihm sprachlich unzugänglich sind, kaum zu Gesicht. Wenn sich aber einmal die Prager Gasse erhob, waren es Zuerst die Juden, die das Wüten der Gasse Zu spüren bekamen. Warum nun dieser tschechische Antisemitismus? Die Antwort ist leicht. In Prag gilt das Wort: „Co zid, to nemec!“, frei übersetzt: „Jeder Jude ist ein Deutscher!" Die tschechische nationalistische Presse, namentlich die kleinen, aber die Gasse am meisten beeinflussenden Abendblätter, gebrauchen, wenn sie von den Deutschen schreiben, nur den Ausdruck „nemoeko - zidovsky“ („Deutsch-jüdisch") als Shnonima, weil es ihnen seit alters her geläufig ist, in jedem Juden auch den Deutschen zu sehen. Die Prager Juden bekannten sich immer Zum überwiegenden Teil zum Deutschtum, die Zahl der tschechisch-bewußten Juden ist gering. Erst nach dem Umsturz vermochte der jüdische Nationalismus in Prag Boden zu fassen, die Mehrheit des Prager Judentums steht aber nach tute vor treu zum Deutschtum, und das will in Prag etwas bedeuten. Deutschtum bekennen, heißt hier für den Juden doppelt leiden, doppelt Opfer bringen: Opfer dem radikalen Deutschtum, Opfer dem radikalen Tschechentum! Manchem wackeren Hitler-Mann würde das Herz in die Hosen fallen, wenn er in Prag, etwa in den vergangenen Tagen, nur durch wenige Worte sein Deutschtum hätte bekennen sollen. Man schaue sich die Verlustliste der letzten Tage an, die nicht den geringster! Anspruch auf Vollständigkeit erhebt: Der Wäschefirma Hermann wurde die Lichtreklame demoliert, in der Melantrichgasse sind die Glasscheiben nnd Firmentafeln der meisten deutschjüdischen Geschäfte demoliert, zerstört wurde das Glasportal der Firma Spitz, das viele tausende Kronen gekostet hat, die Glasfirmentafel des Damenkonfektionsgeschäftes Neu im Werte von 5000 Kronen wurde eingeschlagen, das Schaufenster des Spitzengeschäfts Freund eingeworfen, im Stoffegeschäft Wedeles die Anslagenscheiben und Glasfirmentafeln zerschmettert, im CafH Aschermann in der Langengasie demolierten die Demonstranten sieben Spiegelscheiben im Werte von 50 000 Kronen, im jüdischen Kino „Roxy" wurde alles, was mit Glas verschalt war, kurz und klein geschlagen, die Zentralheizung herausgerissen, ein Klavier zerschlagen, Sesiel und Sitzreihen beschädigt, die Projektionswand unbrauchbar gemacht usw. Die Liste würde zu lang, wollte man alles erheben. Stellenweise irrten sich auch die Demonstranten in der Adresse: so demolierten sie in -der Karlsgasse das Damenkonfektionsgeschäft H a n z, das sie für ein deutsches hielten. Der betrübte Besitzer hat jetzt in die Zerschlagenen Schaufenster eine Tafel mit folgender Inschrift gehängt: „Das tschechische Volk einem tschechischen Geschäftsmann! Einem Sokol! (Turner). Einem tschechoslowakischen Legionär!" Zahllos sind die Demütigungen, denen jüdische Frauen und Mädchen beim Verlassen der gestörten Kinovorstellungen ausgesetzt waren oder beim Verlassen des Neuen Deutschen Theaters: Es war ein beschämendes Spießrutenlaufen: „Schau die Jüdin, wie sie sich fürchtet: Schmutzige Jüdin! Nieder mit den Juden!" Alles nur deshalb, weil man sich als Besucher deutscher Kulturstätten bekannte! Dieses Festhalten am deutschen K u l t u r k r e i s, dieses Bekenntnis der Prager Juden zu m deutschen Volk, das sich gerade bei den letzten Wahlen zur Prager jüdischen Kultusgemeinde zeigte, wo trotz zweifacher Wahl die deutschbewußten Juden die Mehrheit erlangten, können die Tschechen nicht verstehen und verzeihen! Daß in Prag die Zahl der deutschen Wähler nicht ab-, sondern zunimmt, daß die Juden nicht aufhören, deutsch zu wählen, deshalb schlägt inan ihnen die Fenster ein! Sie schicken ihre Kinder in die deutschen Schulen, die inan doch so gern auslassen möchte, deutsche Volks-, Mittel- und Hochschulen sind von ihnen gefüllt, sie stellen die Führer im Handel, im Finanzwesen, in den gelehrten Berufen, in der Journalistik, sie stellen, wenn es darauf ankommt, die Verteidiger der deutschen Kultur Prags vor den Behörden. Der alte Demokrat Professor Dr. K a f k a, der deutsche Abgeordnete Prags, der deutsche sozialdemokratische Minister Dr. Czech, beide haben das Hauptverdienst daran, daß den Demonstrationen endlich ein energisches Ende bereitet wurde. Beide, deutschbewußte Juden! Man schlug im Deutschen Haus, dem Sitz des Prager Kasinovereins, der Zentrale der dentschbewntzten Inden, die Fenster ein, weil man wußte, daß hier die Wurzeln des Prager Deutschtums sind. Zweimal attackierte der Pöbel das Nene Deutsche Theater, das Zentrum des deutschen Theaterlebens in der Tschechoslowakei, zerschlug sämtliche Fenster und Türen der Gassenfronten, um den Haß gegen diese von den Prager Deutschen opferwillig gehaltene Knltnrbastion sinnfällig zu demonstrieren. Es wirkt lächerlich, wenn heute das tschechische Amtsblatt, die „Ceskolovenska Republika“ die antisemitische Hetze dadurch abschwächen will, daß es schreibt, den Juden sei es nicht ärger ergangen als den tschechischen Geschäftsleuten. Mit Emphase schreibt das Blatt: „Die Sorge um die Prager Juden möge man uns überlassen!" Das wagt ein offiziöses Blatt zu schreiben, einen Tag, nachdem Prag mit Extrablättern überschweuunt worden war, die in tschechischer Sprache in Riesenlettern an der Spitze die Aufforderung trugen: „Bis z u m 2 8. Oktober m u ß Prag von der deutsch-jüdischen Schweinerei gereinigt fein! Nieder mit Deutschen u n d Jude n!" Man glaubt ein Blatt der Hakenkreuzler vor sich zu haben, wenn man in der „8traz Ri3e", dem Faschistenblatt, von der „Offensive des internationalen Judentums, der jüdischen Freimaurer" usw. liest. Das tschechische sozialdemokratische „Pravo lidu" berichtet unter dem Titel „Wen schützte die Polizei bei den faschistischen Demonstrationen?" folgende charakteristische Episode, der wir aus eigener Anschauung zahlreiche andere beifügen könnten: „Unser Genosse Alfred P i ck wollte um 9 Uhr abends nach Hause gehen und wandte sich „beim Brückl" an eine Gruppe Polizisten, ob der Weg über den Wenzelsplatz frei sei. Als Antwort stürzten sich zehn Polizisten auf den Genossen Pick und schlugen mit den Fäusten auf ihn ein. Genosse P ick ging zum Polizeikommissariat in die Josefsgasse und meldete, was ihm zugestoßen sei, aber auf Befehl des Polizeikommissars wurde er aus der Wachstube gewiesen. Aus der Rettungsstation konstatierte der Arzt Schläge mit dem Gummiknüppel. Genosse Pick begab sich nun wiederum zur Wachstube in die Josefsgasse, wurde dort aber so empfangen, daß er schleunigst weglaufen mußte, um nicht neuerlich Prügel zu erhalten!" lieber die Volksstimmung nur eine charakteristische Episode, beobachtet in der Straßenbahn: Ein kleines Mädchen fragt die Mama, aus eine Gruppe Gendarmen nnd Polizisten zeigend: „Mama, was machen die Leute da?" Die Mama (mit. gehässigem Tonfall): „Das ist doch klar! Sie schützen Deutsche und Juden!"

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