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Central-Verein-Zeitung · 1930-10-03 · 40 (3.10.1930) · p. Seite 526

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
40 (3.10.1930)
Date
1930-10-03
Page
Seite 526 (sequence 2)
Language
German
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rr» Ursprung 1835 Lebens-, Aassteaerand Mitarbeiter gesucht. den Augen von Tausenden jungen Menschenkindern Zum ohnmächtigen Popanz gemacht. Wo waren die Menschen, die mit ihrem Herzen für die Republik glühten und ihren Namen in die Waagschale warfen für das Ansehen und die Würde des Staates? Wo waren sie, als es galt, an die grünen Tische der Schulbehörden vorzudringen und dort klarzumachen, daß höchste sittliche und politische Werte nach Entschluß rufen? Der Staat hat die Jugend nicht gewonnen. Er konnte sie nicht gewinnen, weil er weder um sie noch für sie gekämpft hat, sondern kampflos den Einbruch des Nationalsozialismus in den Schulen duldete. Ein paar „aufklärende" Verfügungen sind nur papierne Maskierungen der Entschlußlosigkeit und Tatenlosigkeit. Im „Aufmarsch", der Zeitschrift der nationalsozialistischen Jugendbünde, wird Reform des Geschichtsunterrichts gefordert (Heft 10, September 1930). Mit durchaus berechtigtem Zorn wird dort die Methode der rein geschichtlichen Stoffvermittlung angegriffen, die keine Zeit für die Gegenwart hat. Es wird als beschämend empfunden, daß keine Zeit bleibt zu einem gründlichen Studium der wichtigen neuen Vertrage (Dawes, Ioung, Locarno, Kellogg usw.). Hier spricht durchaus ein gesunder Instinkt des jungen Kritikers, und es wäre sehr zu begrüßen, wenn unsere Schulbehörden sich ein wenig von diesem gesunden Instinkt verschaffen würden. Vernmtlich würde der forsche „Aufmarsch"-K'ritiker gegen den Historismus sehr zum. sachlichen Denken und Erkennen unserer schwierigen außenpolitischen Problematik angeregt worden sein, wenn ihm die Schule jene Dokumente und ihre Motive nahegebracht hätte — und vermutlich würde er ein sachlicher Gegner und nicht Mitglied der nationalsozialistischen Partei sein. Schon während des Krieges hat Eduard Spranger Gegenwartskunde für die Schulen gefordert. Tie Forderung ist von einzelnen, die mit den Elementen politischer Psychologie vertraut sind, imuner wieder erhoben — und in den Schulbureaus immer wieder nicht begriffen worden. Sind die Schulbureaus schuld? Wir sind schuld, wir, die wir wußten, daß wir nicht im Obrigkeitsstaat, sondern im Volksstaat leben, wir sind schuld, weil wir nicht unter den Menschen geworben haben, daß sie das Problem der politischen Erziehung zu einer öffentlichen Angelegenheit machten, zu einer öffentlichen Forderung, der sich die Ministerialzimmer nicht selbstherrlich verschließen konnten. Haben wir am 14. September gelernt, was versäumt wurde und was - nun nicht totgeschwiegen, sondern auf der Stelle in Angriff genommen werden muß? Das steht in exakter Beziehung zum Problem des Antisemitismus. Millionen Deutscher, und unter ihnen Tausende von gediegenster wissenschaftlicher Bildung, haben ein ganz naives Wirtschaftsbild: der Jude ist schuld an aller Not, er ist der Ausbeuter der Nation, weil er der Erfinder des „internationalen Leihkapitals" ist, das der Nation ihre Selbständigkeit nimmt. Er ist der Erfinder des „raffenden Kapitals", das gleichsam zur Kredrtnahme verführt. Durch diese Verführung, verdient er „arbeitslos", durch sie bekommt er Menschen und Nationen in die Hand. Das ist, aus eine Formel ohne Schimpfworte gebracht, das Bild, das der „Wirtschaftstheoretiker" der NSDAP. G. Feder verkündet und das widerstandslos von Millionen Deutschen aufgenommen wird, und das etwa in England vierzehnjährige Schulknaben als wilden Witz empfinden würden. Warum sind die deutschen Menschen widerstandslos? Weil ihnen nicht vermittelt wurde, was jeder englische Junge von vierzehn Jahren hat: eine Anschauung davon, daß die Technisierung und Industrialisierung der Welt zugleich eine. Verbindung der Völker, eine Verflechtung der Industrie und ihrer Absatzmärkte, eine weltwirtschaftliche Zusammenfassung aller nationalen Leistungen bedingt. Die große Technisierung und Rütionalisterung der Welt hat, geschichtlich gesehen, zunr Ausgang die germanische Zone: Deutschland, England, Amerika — ob zürn Segen oder Fluch, zur Beseelung oder Entseelnng der Arbeit, ist noch nicht ausgemacht. Gleichviel, sie ist ein Grundgesetz der Geschichte, das die Erde von der germanischen Zone aus ergriffen und das bewirkt hat, daß alle Völker gleichsam in zwei Räumen leben: einem nationalen und einem übernationalen der Weltwirtschaft, aus dem keine Nation sich nrehr aussondern kann. Aber eben diese Organisation der Weltwirtschaft ist nur möglich vermöge des ungeheuer komplizierten Systems der Kreditwirtschaft und des Bankwesens, das selber feine überstaatlichen Funktionsgesetze erst aus der überstaatlichen Organisation der Technik empfängt. In keinem Land der zivilisierten Erde sind die Gesetze der Weltwirtschaft so wenig bekannt wie in Deutschland. Es ist das krasseste Beispiel politischer Unkultur, daß ihre sachliche Kenntnis hier ersetzt ist durch das Unsachlichste: rassisches Ressentiment. Das ist es, was not tut, wenn der politische Radikalismus überwunden werden soll: die Schule selber nmß' zu einer Pflegestätte politischer Kultur gemacht werden. Zu einer Stätte, in der Wert, Würde und Notwendigkeit sachlichen und gerechten Denkens eingesehen wird. Daß die Unkultur blinden Afsektglaubens der politischen Kultur gerechten, verstehenden und sachlichen Denkens in Deutschland weiche — dazu sind alle Menschen aufzurufen, die die Idee des Volksstaates begriffen haben. Zu dieser schweren und dringendsten Arbeit ist der Staat von den lebendigsten und verantwortungsbewußten Menschen zu nötigen. Von ihnen muß er seine Energie erhalten. Sie dürfen nicht die Stillen im Lande bleiben, die Weisen in der Denkerzelle, sondern sie müssen alle Energie hergeben, damit sie Staatsenergie —< Aufbauenergie deutscher politischer Kultur lverde. Die Sünde des Staates heißt: Passivität. Unsere Aufgabe Heißt: sie in Aktivität verwandeln. Politische Kultur und das Ethos der einen großen Verantwortungsgemeinschaft Volk hängen unlöslich Zusammen. Ohne politische Kultur erwächst nicht das Staatsethos der Volksgemeinschaft, dessen seelische Grundlage die sachliche Verantwortnngsfähigkeit der Staatsbürger ist, d. h. ihre Fähigkeit zu sachlichem, gerechtem, verstehendem Denken. Damit ist gesagt, welche Aufgabe in dieser Zeit entschlossenster Zielsetzung dem C. V. zu fällt. Er wird sich keineswegs damit begnügen dürfen, etwa nur Kritik an der politischen Unkultur und ihren antisemitischen Erscheinungen zu üben. Auch er wird sich nach innen hin aktivieren m üssen: Er ist berufen, dem jüdischen Deutschen sehr viel sinnfälliger als bisher Führer zur politischen Kultur der deutschen Volksgemeinschaft zu sein, und das bedeutet: nicht an den Forderungen des S t a a t s b ü r g e r t u m s sich genügen zu lassen, sondern feine Pflichten als deutscher Volksbürger in sein Bewußtsein zu rücken. Hier ist noch viel zu tun. Vieles überhaupt nicht begonnen. Auch hier wartet Arbeit an nationaler Kultur. Nicht nur Nichtjuden sind aufzuklären, sondern auch viele Inden. Das Problem Staatsbürger — Volksbürger ist nicht nur eine Wortantithese. Es ist ein ernstes, dringendes Problem, das schöpferischer Arbeit bedarf, schöpsorischer Arbeit, die die Politische Kultur des jüdischen Deutschen zu neuen Methoden der Ueberwindung des Antisemitismus aktivieren muß, über die noch zu reden sein wird. Aufklärung der anderen ist immer erst die eine Hälfte der möglichen und notwendigen Aktivierung. Die andere, vom Nein zum Ja schreitende, von der Philipp Halsmann begnadigt Alls Wien wird gemeldet: „Dev österreichische Burrdespvästdent Dr. Miklas hat den wegen Vatermordes zu vier Jahren Kerker verurteilten Studenten Philipp Halsmann begnadigt." Der Kamps um den Beweis von Halsmanns Unschuld beschäftigte unzählige unvoreingenommene Menschen aller Konfessionen in Oesterreich und jenseits von Oesterreichs Grenzen. Den Erfolg dieser lauteren Bemühungen stellt die Begnadigung dar. Widerlegung zur positiven, allen sichtbaren Symbolfetzung vordringende Hälfte der Aktivierung ist in der C. B.-Arbeit ebenso vernachlässigt wie vom Staat in seinem Pflichtenkreis die Erziehung zur politischen Kultur. Ich habe es schmerzlich erlebt. Darum darf und muß ich dies sagen. Ohne Schminke. Denn die Zeit ist ernst. Und die Arbeit muß verzehnfacht werden. Nicht nur auf den alten Wegen. Sondern auf neuen und größeren Wegen.

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