Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 40 (3.10.1930)
- Date
- 1930-10-03
- Page
- Seite 525 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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«rein «nrrol ölälter für Ovutfektum und Fuventum. Serlin, 3. Oktober 1-30 IX. Fahrgang * Nr. 40 Einzelnummer L0Pfennig BierteNahrsabonnement 2,5V RM. (suzügl. Bestellgeld). Organ Oes tentralVereiasöeutfeKex^ ötaatsdüryer MdifeNen ölaubens e.V. ^ll^smSins IsitunH äsL^uclsnturns Verlag und Schriftlettung: Berlin 8XV 63, Lindenstr. 13. Amt Dönhoff 8594, 8595. Postscheckkonto: Berlin 904 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel« stube 0, Berlin 8XV 68, Lindenstraße 7, und von Goldschmidt. Rothschild & Co., Berlin XV 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoneen-Expedition Rudolf Moffe, Berlin 8XV100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 &<M, für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mostes Normalzeilenmester Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 «#*#, die 62 mm breite Reklamezeile 3,50 Gegen de« hemmungslosen Radikalismus: Politische Erziehung Von Dr. Müller-Claudius Das unsachlichste, naivste, unlogischste Programm, das je von einer Partei ausgestellt wurde, hat am 14. September gesiegt. Wie konnte es siegen? Wie konnte dieser Sieg der Unsachlichkeit und also des unbekümmert-verantwortungslosen Denkens geschehen? Das staatsfeindlichste Programm, das Programm des erklärten Staatshasses hat gesiegt. Wie k o n n te dieser Staatshaß entstehen? Diese Frage ist notlvendig, wen-n sie die tiefere und peinlichere -in sich schließt: Was haben mit unterlassen, welche Schuld haben wir, daß dieser Sieg geschehen konnte? Wir, die wir auf dem Boden der Verfassung von Weimar stehen und die wir in dieser Verfassung die Umrißzeichnung eines echten deutschen Volksstaates sehen, eine Umrißzeichnung, die wir bemüht waren, mit Leben auszufüllen, in lebendige Gestalt also zu verwandeln. Die ausweichende Antwort: die wirtschaftliche Not -der Zeit, Brotlosigkeit und Unsicherheit des Brotes, die Krisis unserer Wirtschaft als (nicht genügend verstandene) Teilerscheinung der wirtschaftlichen Weltkrisis habe sechseinhalb Millionen deutscher Menschen den: Rechtsradikalismus in die Arme getrieben, kann uns nicht genügen. Wir lvollen nicht in den Fehler verfallen, die Verantwortung auf anonyme Mächte abzuschieben: lvir wollen nicht Verantwortung durch Fatalismus, Selbsterkenntnis durch Schuldsuchen auf der anderen Seite, Aktivität durch Abwarten der besseren Zeiten ersetzen. Die Lage der Stunde ist zu ernst dazu. Vielmehr ist jener ausweichenden Antwort sofort die Gegenfrage zu stellen: Wie konnte Ansehen und Achtung des Staates, das Vertrauen zu seinem gerechten Wollen so sehr verloren gehen, daß der Deutsche in seiner Not ihn nicht anruft, ihm nicht nur resigniert den Nucken kehrt, sondern zu seinen Feinden flüchtet? Wie ist es möglich daß gerade das unsachlichste alter möglichen Programme jedem sachlichen Argument vorgezogen wird? Wie ist es möglich, daß Millionen Deutsche der elementarsten politischen Kultur entfremdet sind und der primitivsten Grundlagen politisch-sachlichen Einsehens schlechthin entbehren? Jedes Analphabetentum, auch das politische, ist nicht das Verschulden der Analphabeten, sondern derjenigen, die sie in der Dumpfheit stecken liehen. Es ist nicht nötig, in die hohe Politik zu gehen, um zu sehen, was versäumt wurde, es ist nicht nötig, an die unseligen Schauspiele Zu erinnern, die die sogenannten „Regierungsbildungen" darstellten, Schauspiele des nackten Parteiegoismus, der Entschlußlosigkeit, der Unfähigkeit, von der parteipolitischen Jnteressen- ' taktik zum synthetischen staatspolitischen Denken und Handeln fortzuschreiten, nicht nötig, an die Tragikomödie der Ideen zur Wahlresorm, die Tragikonwdien der Finanzprogramme zu erinnern. Alles dies ist gewiß am 14. September mit radikalem Protest beantwortet worden. Alles dies hat das Vertrauen zum Staat mit aufgelöst. Aber ein höherer und allgemeinerer Stand politischer Kultur im Volk hätte längst die Einsicht gebracht, daß der absolutistische Mißbrauch des Parlamentarismus nicht in der Verfassung von Weimar begründet ist, sondern im genauen Widerspruch zu ihr steht, daß man also nicht den Sturz, sondern die Anwendung der Verfassung fordern mußte, um gesunde und tatfähige Zustände in der parlamentarischen Arbeit herbeizuführen. Aber die Verfassung ist in weitesten Kreisen nach Wortlaut und Geist unbekannt; sie ist in keiner Weise Volksgut geworden; niemand hat sich bemüht, sie an das öffentliche Bewußtsein heranznbringen, wiewohl dies die unerläßliche Grundlage volksstaatlichen Lebens ist. Vor nur liegt ein verdienstvoller Aufsatz, der (durch Gegenüberstellungen im Wortlaut) nachweist, daß ein erheblicher Teil gerade der sozialen Erneuerungsthesen des nationalsozialistischen Programms nahezu wörtlich der Weimarer Verfassung entlehnt ist. Die Artikel 109, 152, 153, 157, 161, 163 z. B. sind so als staatsethische Grundgesetze weiten Kreisen bekannt geworden und von weiten Kreisen leidenschaftlich bejaht worden — bei Nationalsozialisten, durch nationalsozialistische Propaganda. Sie haben getan, was zwölf Jahve lang Aufgabe der Republik gewesen wäre, und was zwölf Jahre lang die Republik ganz und gar vernachlässigt hat. Das ist symptomatisch. Der Volksstaat ist nur soweit als Volksstaat lebensfähig, als er auf die realpolitische Berantwortungsfährgkei-t, d. h. eben auf die staatsbürgerliche Einsicht in die realpolitische Lage, rechnen kann. Diese Varantwortungsfähigkeit im Volke zu erwecken, zu pflegen, zu hüten ist also eine der elementarsten Aufgaben des Volksstaates. Diese Ausgabe ist von ihm nicht nur unzureichend, sondern überhaupt nicht in Angriff genommen worden. Die Radikalisierung, die naive Staatsfremdheit der Studenten bewies es jahrelang. Daß die Masse gerade der Jungwähler, die auf den Universitäten zu den MHrern des Volkes herangebildet wird, sich zum Nationalsozialisnms bekennt und nationalsozialistisch gewählt hat, bewies es am 14. September. Daß gerade die Menschen, die auf den höheren Schulen zur sachlichen Denkfähigkeit erzogen werden, im politischen Leben der sachlichen Einsicht ganz und gar ermangeln, zeigt, daß hier die Schule nicht das geleistet hat, was sie als volksstaatliche Einrichtung leisten muß. Sie kann es nicht leisten. Man sehe die Lehrpläne der Schulen durch: Erziehung Zur staatsbürgerlichen Verantwortung ist ein unbekannter Begriff; lediglich im Anhang zum Geschichtspensum werden allgemeine, meist nur historisch zuerörternde Dinge zur „staatsbürgerkundlichen Durchdringung" empfohlen. Daß der Staat es — entgegen seinen eigenen, klaren Verordnungen — duldete, daß die Schulen der Republik Pflanzstätten des Nationalsozialismus wurden — das hat ihn in