Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 39 (26.9.1930)
- Date
- 1930-09-26
- Page
- Seite 519 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Bülow entschloß sich erst im Jahre 1921, entgegen seiner ursprünglichen Absicht, seine Lebenserinnerungen Zu schreiben, deren erster Band „Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise" soeben im Verlag U kl st e i n erschienen ist. Er bestimmte, daß sie srühestens Zwei Monate nach seinem Tod veröffentlicht werden dürsten und traf alle Vorkehrungen, um eine wortgetreue und vollständig unveränderte Drucklegung des Memoirenwerkes Zu sichern. Als der Fürst am 28. Oktober des vergangenen Jahres in der Villa Malta Zu Nom starb, wurde das sechsfache Siegel, unter dem die „Denkwürdigkeiten" in dreifacher Ausfertigung im Tresor einer Hamburger Bank lagen, gelöst. In dem jetzt vorliegenden ersten Bande des Werkes nimmt die Lebendigkeit der Sprache, die Flüssigkeit des Stils gefangen. Hier gibt ein Staatsmann von umfassendem Wissen, ein Grandseigneur, das FaZit seines Lebens in feingeschliffener, wohldurchdachter Form und mit dem Bemühen, objektiv Zu sein, selbst da, wo er seine eigene Politik gegen Angriffe verteidigen muß. Aber sein Herz lebt auch noch int hohen Alter viel Zu sehr in den Dingen der Vergangenheit, als daß er etwa ein kaltes, nur sachliches Buch schreiben könnte. Das ist es nicht. Es Offenbart sich ein Mann, der Haffen konnte, hassen bis zum Ende, wo er glaubte, Grund für seine Abneigung 31t haben. Er versendet spitze Pfeile in nicht zu geringer Zahl. Sie treffen Personen aller Richtungen. Adolf von Harnack so gut wie den Grafen Monts, Hans Delbrück oder Lieberm a n u von S 0 n n e n b e r g, E b e r t oder Erzberger und vor allem den früheren Kaiser, dessen schwankenden Charakter Bülow zeichnet, wenngleich er versucht, den ehemaligen Herrn menschlich zu rechtfertigen. Bülow hat noch bis zu seinem Tode ständig Korrekturen an dem Manuskript vorgenommen, die Beurteilung einzelner Persönlichkeiten, vor allem die Eberts, hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Zwar hat Bülow den Umsturz im November 1918 bis zu seinem Tode als ein Unglück für Deutschland betrachtet; aber als er später Gelegenheit hatte, mit. den Männern, die damals das Reich aus dem Chaos retteten, in Fühlung zu treten, hat er auch ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen. * Es ist selbstverständlich, daß in Bülows Memoiren zu allen wichtigen Ereignissen und Personen des Vorkriegsdeutschland Stellung genommen wird. Unzählige Charakteristiken, Anekdoten, Berichte, Briefe machen das Buch lebendig. Was in diesen Blättern an erster stelle interessiert, ist die Stellungnahme Bülows zu jüdischen Fragen und seine Berichte über die Ansichten Dritter zu diesem Problem. Bülow war im Grunde ein liberaler Charakter. So war auch seine Stellung zu den einzelnen Religionen durchaus tolerant. Er schreibt: „Die konfessionelle Spaltung ist eine Tatsache, an der sich nicht rütteln läßt. Sie hat in der Vergangenheit so viel Unheil über Deutschland gebracht, daß es verbrecherisch wäre, nicht in jeder Weise auf Versöhnlichkeit unter den Konfessionen, aus ihregmitas •in necesariis' hinzuarbeiten. Bei der Unverträglichkeit unb Starrheit des Deutschen ist das nicht ganz leicht. Während des Weltkrieges wurde im Trocadero in Paris ein großes Fest veranstaltet, bei dem nacheinander der katholische Erzbischof von Paris, ein lutherischer und ein reformierter Geistlicher, ein Rabbiner und ein Jman patriotische Ansprachen hielten. Als das Publikum btcfen Reden Beifall spendete, traten sie alle fünf vor die Rampe. Der Erzbischof in der Mitte hielt mit der Rechten die Hand des Lutheraners, mit der Linken die des Calvinisten. Der letztere hielt den Rabbiner bei der Hand, der Lutheraner den Moslim. Das Publikum erhob sich und stimmte die Marseillaise an, das Sturmlied der Revolution. Die Geistlichen auf der Estrade sangen mit. — In Deutschlaud^hat in der Vergangenheit der konfessionelle Standpunkt nur zu oft den nationalen und patriotischen überwogeu , . ." Ter Reichskanzler Fürst Hohenlohe war in dieser Frage engherziger, eine seiner Lieblingswendungen war nach Bülows Bericht: „daß es drei Mächte gebe, betreu Feindschaft für jeden Politiker unbequem wäre, die Jesuiten, die Freimaurer und die Juden. Das Ideal wäre, sie alle drei für sich zu haben, das sei aber nicht ganz einfach". Bülow bemerkt bagn^ Hohenlohe sei von einem Mißtrauen und einer Abneigung vor allem gegen die Katholiken erfüllt gewesen, wie sie ihm selbst bei eifrigen Protestanten nur sehr selten vorgekommen sei. Von besonderem Interesse ist in diesem Zusammenhang natürlich die Stellung des Kaisers. Auch hierüber weiß Bülow eine amüsante Einzelheit zu berichten: Der Kaiser und der Eemi-Golba In England wurde seinerzeit die Behauptung verbreitet, der wirkliche Vater des H e r - zogs Ernst von Koburg sei ein Jude Simon Meyer gewesen. Allerdings habe tatsächlich mancherlei gegen die Vaterschaft Herzog Ern st I. gesprochen. In Thüringen sei man aber — fügt Bülow spitz hinzu — der Ansicht gewesen, daß es sich nicht um Meyer, sondern im schlimmsten Fall um einen Herrn von Ziegesar handele und das fei nach den Aeußerungen eines thüringischen Prinzen „eine sehr anständige adlige Familie" gewesen — Bülow fährt dann fort: „Ich habe nie etwas müßiger gefunden, als solche Keeberebe de la paternite. Nicht nur weil ein solches Herumschnüfseln widerwärtig ist, sondern auch weil wir vor Gott alle gleich sind . . ._ Das war übrigens auch die Ansicht des Kaisers, der mir einmal eine hübsche Aeußerung seiner Tante, der Prinzessin Henriette von Schleswig-Holstein- ^onderburg-Augustenburg erzählte. ... Als sie einmal wegen ihrer angeblichen Abstammung von Struensee gehänselt wurde, erwiderte sie: ,Jch will lieber von einem gescheuten Arzt abstammen, als von einem vertrottelten König!' Kaiser Wilhelm fand diese Antwort ausgezeichnet . . Der Kanal-Rebell Bei der Ablehnung der sogenannten Kanalvorlage im Sommer 1899 war einer der Führer der konservativen Opposition Gras Li urbar g-Stirn m. Als der Kaiser hiervon erfuhr, telegraphierte er au Bülow: „Die traditionellen Stützen von Thron und Altar, die von jeher vom königlichen Hause verzogen worden sind, haben sich gegen den Herrn gewandt, und das unter Führung des Judenabkömmlings Limburg. Lassen Sie Ihre Preßhunde alle los und schmettern Sie mit Keulenschlägen auf die Partei herunter." B ü l 0 w fährt dann fort: „Graf Limburg-Stirum, der langjährige Führer der Konservativen in Preußen, war der Sohn eines niederländischen Edelmanns aus altem Geschlecht und einer Israelitin. Die von mir schon einmal zitierte, ein wenig derbe Aeußerung des Fürsten Bismarck, daß die Paarung Zwischen einem germanischen Hengst und einer semitischen Stute bisweilen gute Resultate ergäbe, traf auf Graf Stirum zu. Er hatte von väterlicher Seite Ernst, Zähigkeit und Arbeitskraft, von mütterlicher einen scharfen und klaren Verstand geerbt. In den Jahren nach dem Sturz des Fürsten Bismarck, wo sich so viele von ihm abwandten, stand Graf Limburg-Stirum treu zu dem Alten im ^achsenwalde . . . Die Ausfälle des Kaisers gegen seine jüdische Abstammung waren übrigens um so verwunderlicher, als Wilhelm II. in keiner Weise Antisemit war. Generelle Abneigung gegen Juden und Judentum lag seiner Natur und Art gänzlich fern. Er stand auch in persönlich freundschaftlichen Beziehungen zu vielen markanten Israeliten, wie Albert B a l l i n , Emil Rat hch n a u, Eduard A r n h old, Paul von ^chwabach, Robert von Mendel s s 0 h n und manchen anderen trefflichen Männern. Natürlich habe ich mich gehütet, die Weisung hinsichtlich der „Preßhunde" auszuführen, sondern im Gegenteil auf eiue ruhige Behandlung des Kanalstreits in der Presse tunlichst hingewirkt." Wer geglaubt hatte, in den „Denkwürdigkeiten" neue Aufschlüsse über die jetzt wieder eifrig diskutierte Affäre Dreyfus zu finden, sieht sich enttäuscht. Es sei denn, daß mau aus der Tatsache, daß Bülow diese ganze Angelegenheit, die die Welt durch Jahre in Spannung hielt, mif knapp einer Seite abtut, den Schluß zieht, daß er nicht allzugern von dieser s-ache sprach. Jedenfalls vermag er den Vorwurf, daß die deutsche Regierung ohne Preisgabe eigner Interessen imstande gewcsen wäre, die Unschuld Dreyfus' darzutun, nicht zu entkräften. Die entscheidende stelle lautet: „Ich hielt es für eine Pflicht der Menschlichkeit wie der Klugheit, das Los des unglücklichen Treysus nach Möglichkeit zu erleichtern. Dagegen hatte ich keine Veranlassung, Esterhazy zu denunzieren, schon weil eine Negierung, die ihre Agenten oder Spione preisgibt, schwerlich wieder solche findet." Man kann nicht behaupten, daß das Gefühl der Menschlichkeit in diesem Falle bei Bülow sehr weit gegangen wäre, denn man weiß heute, daß es Mittel und Wege gegeben Hütte, Dreyfus zu entlasten, ohne dem deutschen Ansehen oder der deutschen Politik zu schaden. Und nun einige Aeußerungen über bekannte Persönlichkeiten der Vorkriegszeit. Bülow über Liebermann „Ich glaube, daß wenig Dinge Wilhelm II. bei dem gebildeten Teil des deutschen Volkes mehr geschadet haben als seine einseitige, oft blinde, fast immer' unduldsame Stellungnahme zu künstlerischen Fragen. Namentlich der Fall Tschudi unb die kaiserliche B 0 y k 0 ttierung des Malers Lieb e r m a n n hatten viel böses Blut gemacht. Ter Kaiser gab meinem Drängen damals nach, aber er hat mir mein Eintreten für die modernen Maler und Dichter fast noch mehr nachgetragen als meine sonstigen Vorstellungen. Daß ich mich auch bei diesem Anlaß nur von Rücksichten auf das Gemeinwohl leiten Ueß, geht schon daraus hervor, daß ich bei aller Anerkennung für das Talent von Ai a r L i e b e r m a n n und alle Bewunderung für das Genie von Ger h a r t Haupt m n n n .der modernen Richtung in Dichtung und Kunst zwar ohne Voreingenommenheit, aber auch ohne besondere Schwärmerei gegenüberstand . . Ueber Disraeli: „Es liegt etwas darin, daß die stolzeste Aristokratie der Welt die Leitung der Geschäfte des Landes dem Israeliten Disraeli und den Schustersöhneu Chamberlain und Lloyd George anvertraute. Aber auch darin