Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 39 (26.9.1930)
- Date
- 1930-09-26
- Page
- Seite 516 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2277379-2277676-2277715--06284-2287094- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Slö trotzdem Herr Goebbels erst vor wenigen Tagen erklärt hat: das Ziel sei, die Republik schachmatt zu setzen, eine Revolution brauche in diesem „Miststaat" nicht erst gemacht zu werden; blieben den Nationalsozialisten die Türen verschlossen und dauerte es zu lange, so würden sie die Türen einschlagen. In diesem. Zusammenhänge hat Herr Goebbels mit einem Pogrom gedroht, wenn etwa die Juden einen nationalsozialistischen Führer totschlagen sollten. Verrückt — aber zugkräftig! Auch Goebbels schwelgt in Uebertreibungen und ist sicher nicht ganz ernst zu nehmen. Aber aus die Masse macht er Eindruck. Und wenn er dann meint, seine Anhänger hätten den Mut, die Republik in ein Chaos zu verwandeln, so müssen wir ihm nach alledem, was in den letzten Jahren geäußert worden ist, wohl glauben. Den M u t werden sicherlich viele von den Verzweifelten, die sich gegen Geld und gute Worte den Sturmtrupps der Partei angeschlossen haben, aufbringen.. Tie K r a s t werden sie sicherlich nicht besitzen. Aber sie werden weiter Hetzen und werden infolgedessen Unrecht und Unglück im Lande zunächst weiter fördern. Allerdings, wo die Bevölkerung die Wege der praktischen Durchführung des angeblichen Programms zu spüren bekommt, sängt sie allmählich an einzusehen, welcher Wust von Unheil notwendigerweise eine Partei ohne ernste Grundsätze, lediglich eingestellt auf Agitation und Vernichtung alles Bestehenden, mit sich bringen muß. Ueberall da, wo die Nationalsozialisten am Ruder sind, macht sich schon bei den letzten Wahlen eine starke Enttäuschung bemerkbar. So zeigte in der Stadt K o b u r g die Entwicklung des Hugenberg-Hitter-Blocks folgendes Bild: Bei der Reichstagswnhl 1928 erhielten: die Deutschnationalen . . 3782 Stimmen die Nationalsozialisten . 3492 Stimmen zusammen 7274 Stimmen. Bei der Reichstagswahl 1930 erzielten die DeutschnatioNalen . . 1310 Stimmen die Nationalsozialisten . 4413 Stimmen Zusammen 5723 Stimmen, so daß beide Parteien zusammen seit 1928 1551 Stimmen abgenommen haben. Aber diese geringfügigen Mißerfolge der Nationalsozialisten dürfen uns nicht darüber täuschen, daß der gegenwärtige Zustand für die Gesamtinteressen des deutschen Volkes ein Unglück bedeutet und insbesondere für die deutschen Juden alles andere als gleichgültig sein kann. III. Darum ist die Frage berechtigt: Was soll werden? Will man antworten, so muß man feststellen, daß die nationalsozialistischen Abgeordneten in der überwiegenden Mehrzahl unbedingt von stärkster Feindschaft gegen die Juden beseelt sind, obwohl Hitler in seiner bekannten Unterredung mit dem amerikanischen Berichterstatter Wiegand Aeußerungen getan hat, die auf eine beginnende innere Wandlung hindeuten könnten. Mit der gleichen Sicherheit aber kann festgestellt werden, daß ein erheblicher Teil, vielleicht der größte, der n a t i o n a l s o z i a l i st i s ch e n Wähler gar nicht d a r an denkt, die j u d e n - feindlichen Wege der Nationalsozialisten m i t z u m a ch e n. Für sie ist die sogenannte Judenfrage völlig nebensächlich. Sie haben mit ihrer Stimme nur eine Gruppe stützen wollen, die wenigstens versprach, ihnen aus dem wirtschaftlichen und politischen Elend herauszuhelfen. In ihrer Verzweiflung haben sie geglaubt, daß — im großen und ganzen gesehen — jedes Neue, woher es auch komme, gut sein müsse. Aber das Neue ist nicht gut. In dieser Beziehung täuscht das Wort von dem gesunden Sinn des Volkes doch viel mehr, als man glauben sollte. Uns, den Centralverein, muh in diesem Augenblick i rn m e r d i e Frage beschäftigen, ob die Arbeit, die er zur Aufklärung der deutschen Bevölkerung und zur Uebe^v Windung des Judenhasses geleistet hat, vergeblich gewesen ist. Auf diese Frage kann unbedingt geantwortet werden: „Nein": I u d e n f e i n d l i ch e Einstellung hat d e m N a t i o n a l s o z i a l i s m u s nicht zum Siege v e r h o l f e n. Gerade in den letzten Wochen vor den Wahlen lieh sich beobachten, daß dieser Punkt in der größten Anzahl der nationalsozialistischen Versammlungen kaum erörtert wurde, ja, daß sogar namentlich leitende Persönlichkeiten dieser Frage absichtlich aus dem Wege gingen. Trotzdem müssen wir darauf gefaßt sein, daß die nationalsozialistischen Abgeordneten im Parlament und in Volksversammlungen schon aus dem Bedürfnis der reinen Agitation heraus auf die Verächtlichmachung und Beschimpfung des Judentums nicht verzichten werden. Gegenwehr tut mehr denn je not. Dabei ist anzumerken: das politische und wirtschaftliche Programm des Ration a l s o z i a l i s m u s zu bekämpfen, kann n i e m a l s Aufgabe des Cent r a l v e r e i n s sein; sich mit ihn: auseinanderzusetzen, ist Sache der politischen Parteien. Aufgabe des C e nt r a l v e r e i n s ist die U e b e r w i n d u n g des Judenhasses. Unsere Mittel waren gut, aber sie waren zu schwach. Wir haben unsere Freunde stets gewarnt und oft genug gesagt: das Hundertfache von dem, was wir eingesetzt haben, mutz unbedingt eingesetzt werden. Unsere Arbeit wird in Zukunft aus diesen Erfahrungen lernen müssen. Sie muß erweitert, vielleicht im einzelnen verändert, vor allem aber in ihrer inneren Kraft gestärkt werden. Das wichtigste ist, daß jeder den Kamps in seinem eigenen Inneren beginnt und die Teilnahmslosigkeit und die Meinung bekämpft, es werde alles von selber besser, oder aber auch, es liege in der notwendigen Entwicklung der Dinge, daß alles schlechter werde. Weder das eine noch das andere ist richtig. Dabei drängt sich uns eine peinliche Bemerkung aus: Es wird jetzt von jüdischnatio- Der 14. September stand im Zeichen ausgesprochener Konjunkturwahlen für die extremradikalen Flügelparteien. Die zwischen den Kommunisten und den Nationalsozialisten stehenden Gruppen haben nahezu alle beträchtliche Verluste erlitten. Nur zwei Parteien machten eine Ausnahme: das Zentrum und die Bayerische Volkspartei. Warum? Zentrum und Bayerische Volkspartei sind W e l t a n s ch a u u n g s P a r t e i e n. Sie stellen der Weltanschauung des Sozialismus — naler Seite betont, die Frage der Ueberwindung der Nationalsozialisten durch die deutschen Juden sei vom Schicksal der Gesamtjudenheit nicht abzutrennen. Es sei zweiselhast, ob die Arbeit überhaupt notwendig, ob sie möglich sei. In jedem Falle könne die Judensrage im „Galuth" nicht gelöst werden. Die Methoden des Kampfes gegen den Nationalsozialismus müßten von Grund aus geändert werden. Obwohl wir gerade in dieser schweren Zeit jede unnütze innerjüdische Auseinandersetzung zu vermeiden wünschen, müssen wir doch hierauf erwidern: Soll damit die alte jüdischnationale Gedankenführung verbunden sein, soll damit gesagt werden, daß wir uns als eine Art nationaler Minderheit in Deutschland fühlen müßten, so müssen wir auf das Hinweisen, was wir schon oft betont Haben: Niemals wird von unserer Grundauffassung über die Zugehörigkeit der deutschen Juden zum deutschen Volke auch nur ein I-Tüpfelchen geändert werden können. Wir sind überzeugt, daß sich diese Auffassung in allen Kreisen des deutschen Judentums durchsetzen wird. Man soll hierbei auf die Sache und nicht auf unklare Begriffe sehen, bei denen sich jeder etwas anderes vorstellt. Neue Wege zum Kampf gegen den Nationalsozialismus zu lernen, wird auch für uns dann leichter sein, wenn wir, nicht mehr wie bisher, die Erfahrung machen müssen, daß in der praktischen Arbeit gegen den Nationalsozialismus von seiten derjenigen Juden, die auf einem anderen innerjüdischen Standpunkte stehen, so gut wie gar nichts geleistet wurde. Betrüblich aber ist es zu sehen, daß in einer schweren Zeit nationaljüdische Schriftsteller durch wenig sachliche Schreibweise eine Einigkeit auch da untergraben, wo sie sachlich möglich und nötig wäre. Heute ist noch nicht zu übersehen, wie die Regierung aussehen wird, die im deutschen Reiche zur Herrschaft gelangt. Voraussagen sind müßig. Kein Mensch kann in die Zukunft sehen. Heute weiß der Reichspräsident ebensowenig wie der letzte Bürger, wie die Dinge sich entwickeln werden. Alle Prophezeiungen sind heute törichtes Gewäsch. Aber eins steht fest: Wir müssen und können uns nach innen kräftigen, dann werden wir allen Gewalten begegnen. Die Helme fester binden, das ist die Losung des Tages! Die Führung ist bereit zur Arbeit, wie sie es immer war. Sie wird stärker sein, wenn die Geführten sie unterstützen und wenn der Wille zur Mitarbeit allgemein wird. möge dieser nun in die parteimäßige Form der K.P.D., der S.P.D. oder der N.S.D.A.P. gekleidet sein — eine andere feste und seit zwei Jahrtausenden auch werbemäßig wirkungsvolle Plattform gegenüber: die Grundsätze des positiven Christentums. Die Bayerische Volkspartei, von deren Standpunkt aus ich zunächst spreche, die in dieser Frage aber mit dem Zentrum durchaus einig geht, erklärt ihren Anhängern und den politisch Schwankenden klar und entschieden: - Du kannst keiner Partei angehören und keiner Partei deine Stimme geben, die in (Fortsetzung der Antworten von Seite 514.) Die Wianslbannngsnarleien - eil Bollwerk gegen den Nationalsozialismus Von Dr. pbil. Dr. oec. Ml. Aiois Hnndbamier, steift. Generalsekretär des Bareriscben (Midien Bauernvereins (Miiosben)