Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 39 (26.9.1930)
- Date
- 1930-09-26
- Page
- Seite 515 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bindet den Helm fester! Von Ludwig Holländer. In diesen Zaqm allgemeiner Verwirrung und Mutlosigkeit, in dieser Zeit wirtschaftlichen Niederganges und schwerer Besorgnisse gebietet die Pflicht eine Prüfung, wie das Ergebnis der Wahlen zu erklären ist, wie die politische Lage heute aussieht und wie sie sich in Zukunft gestalten wird. Mündliche Aussprachen und zahlreiche schriftliche Mitteilungen aus allen Gegenden unseres Landes, von Juden und von Nichtjuden, zeigen die Größe der Unsicherheit und nötigen durch die Fülle ihrer Widersprüche zur genauen Untersuchung. Nicht Gemütswallungen, so verständlich sie auch sein mögen, dürfen hier entscheidend sein. Mit Pessimismus kommen wir nicht weiter. Lediglich ein auf Erkenntnis der Tatsachen und dem Mut, aus ihr Folgerungen zu ziehen, erwachsender Optimismus kann uns helfen. I. Wie ist die heutige Lage entstanden? Die Revolution des Jahres 1918 hat ein Volk vorgefunden, das zur republikanischen Staatsform noch nicht vorbereitet war. Die Geschichte hat immer gelehrt, daß ein fast absolutistisch regiertes Volk nicht innerhalb weniger Jahre zu einer wirklich republikanischen Ueberzeugung geführt werden kann. Die Republik, insbesondere die parlamentarische Republik, setzt nicht nur den Willen des Volkes, sondern auch ein großes Maß an Wissen und Verständnis bei der Masse voraus. Dieses Verständnis wird, wie uns das Beispiel der französischen Republik lehrt, nicht in wenigen Jahren geboren und gelangt um so schwerer zur Entstehung, wenn wirtschaftliche Schwierigkeiten ungeheuerster Art die Menschen verwirren, wenn Elend und Hunger den Blick trüben. Die Erschütterungen des Geldwesens nach dem Weltkriege, die sich nicht nur auf die Besiegten, sondern auch aus einen Teil der siegreichen Mächte ausdehnten, führte notwendigerweise zur Inflation. Schwere Auflagen, ungeheuere Lasten, vernichteten die vorhandenen Vermögen, und die Folgen davon trafen ebenso den Kapitalisten wie den Arbeiter. Dann kam der Dawes-Plan. Niemand war sich darüber im unklaren, daß er in ungeheuerstem Maße der Wirtschaft das Geld entziehen würde und damit die Arbeitslosigkeit vorbereiten mußte. Die von Deutschland abgetrennten Länder fehlten der deutschen Volkswirtschaft als Absatzgebiete. Die Lage im Osten Deutschlands wurde wirtschaftlich unerträglich. Alle Erwerbsstände litten, besonders ernst gestaltete sich das Schicksal der Landwirtschaft. Immer mehr und mehr verzweifelten die Menschen. Auch in unseren jüdischen Kreisen griff die Verelendung in ungeahntem Umfange um sich. Der jüdische Mittelstand wurde, wie wir oft genug dargelegt haben, zum erheblichsten Teile vernichtet. Ueber die Ursachen wurde sich das Volk in seiner Gesamtheit wenig klar. Man sah das Elend, man erwartete von Regierung und Parlament Abhilfe und man mußte erleben, daß diese Abhilfe nicht kam. Man hoffte von einem Jahr zum anderen und man verzweifelte, als diese Hoffnung sich nicht erfüllte. Diese Stimmung haben die Nationalsozialisten in geschickter Taktik ausgenutzt. Hugenberg hat vor Jahren einmal geäußert, es sei immer eirve Gefahr, wenn die R e d n e r, diese gefährlichste Klasse d e r Mensch e n, mehr in den Vordergrund geschoben würden als die Organisatoren. Dieses Wort ist wahr. Die Nationalsozialisten haben die Redner in den Vordergrund geschoben. Sie haben eigentlich allein aus Rednern bestanden. Und diese Redner haben der deutschen Menschheit eingeredet, daß sie aus ihrem Elend nur durch Ver nichtung der heutigen Republik und der heutigen Wirtschaft gerettet werden könnten. Stehe auf, damit ich mich setze! Das war, was sie zu den Massen sagten. Wer nichts hat und wer nichts ist, den bringt nichts in Gefahr. Allen verhießen sie die Erfüllung gewisser Hoffnungen. Der Industrie wollten sie durch Vernichtung der Gewerkschaften das „Herrentum im eigenen Hause" wiedergeben. Dem Mittelstand suchten sie den Wettbewerb der Großunternehmungen vom Halse zu schaffen. Den Arbeitern versprachen sie eine goldene Zeit, in der durch Zerbrechen der Friedensverträge auf gewaltsamem Wege die Tributlast des deutschen Reiches aufgehoben und so der Reichtum des Gesamtvolkes ebenso wie sein politischer und wirtschaftlicher Einfluß vermehrt wird. Dabei predigten sie Haß gegen das „jüdische" Kapital, gegen die jüdische Religion, gegen die „jüdischen" Menschen. Damit wandten sie sich an die gröbsten Instinkte. Gewissenlos — wie sie waren, logen und verleumdeten sie. Aber auch der Trommelschlag der Lüge hallt lange in den Ohren der Masse nach. Die Redner sprachen von der Niederlage Deutschlands im Kriege und von dem angeblich vorhandenen Niedergang des deutschen Ansehens in der Welt. Sie wußten diese Vorgänge zwar nicht zu erklären, aber eins erreichten sie mit ihren Reden von Krieg und Gewalt doch: die vorhandene Stimmung aus dem gesunden nationalen Empfinden in einen üblen Chauvinismus umzuwandeln. Papst Pius XI. hat in seinem bekannten Sendschreiben vom Dezember 1929 „den ebenso übertriebenen wie falschen Nationalismus als einen Feind des wahren Friedens und der Wohlfahrt" gegeißelt und jede Ausschreitung ebenso gebrandmarkt wie „den Geist der Gewalttätigkeit, der nicht mit dem Geist der Stärke, noch mit der edlen soldatischen Tatkraft in Verteidigung des Vaterlandes und der öffentlichen Ordnung zu verwechseln" sei. Dieser Nationalismus und dieser Geist der Gewalttätigkeit wurden in Deutschland einer Masse als letzter Ausweg angepriesen, welche die politische Entwicklung nicht verstand und an die allmähliche Besserung der Verhältnisse durch Arbeit und kluge Politik nicht mehr glaubte. Solche „gefährlichen Redner" wurden von den politischen Kreisen, die die Rettung Deutschlands durch besonnenere Mittel wünschten, nicht genügend beachtet. Die großen politischen Parteien machten sich über den nationalsozialistischen Mummenschanz lustig, sie überschätzten die Einsicht der großen Masse der Bevölkerung in die politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge. Sie g l a u b t e n nicht an die Möglichkeit einer politischen T r u n k e n h eit und deren Auswirkung. Sie sahen nicht die Gefahr des Wahlrechts der Zwanzigjährigen, das Menschen ohne jegliche Erfahrung das Recht zur Mitbestimmung am Schicksal des Vaterlandes gibt. Es ist nur dann möglich, wenn diese jugendlichen Wähler durch eine Schule gegangen sind, die ihnen ein hohes Maß staatspolitischer Einsicht vermitelt hat. Und dieses Ziel haben unsere Schulen im ganzen gesehen nicht erreicht. So mußten diejenigen, die erkannt hatten, daß die Regierung sowohl des Reiches als auch der Einzelstaaten durch Unterschätzung der „gefährlichen Redner" bei allem guten Willen ihre Pflicht nicht in vollem Maße erfüllt hatten, auf eine außerordentliche Verunehrung der nationalsozialistischen Reichstagsmandate gefaßt sein. Die Demokratie — nicht in einem parteimäßigen, sondern im weitesten Sinne des Wortes — ist im Innern unseres Landes nicht marschiert. Sie hat sich auf Zentralstellen beschränkt, hat es aber nicht verstanden, ihre Werte und Ideale im Volk zu vertiefen. II. Jetzt stehen wir vor der Tatsache, daß die Nationalsozialisten im Reichstag überaus stark vertreten sind. Diese Vertretung bedeutet dann keine Gefahr, wenn sich die maßgebenden und vernünftigen Kreise des Volkes darüber klar sind, daß die Nationalsozialisten nicht eine Besserung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, sondern eine Zerschlagung alles dessen, was das deutsche Volk nach dem unglücklichen Ausgang des Krieges geschaffen hat, erstreben; daß die Partei überhaupt keine Part e i sein will, sondern eine Gruppe der Revolution, die die Gewaltsamkeit ihres Programmes und den unbedingten Willen zum Umsturz immer wieder betont hat. Sicherlich besteht im Augenblick eine unmittelbare Gefahr . für den von den Nationalsozialisten früher und heute stark gepredigten Bürgerkrieg noch nicht. lü_m 'IQ'lS waren 3 4 1Q2Q waren 2338 deutsche Süden heimatlos auf der Landstraße! Steuert dem Elend durch Errichtung der MWen Aktion der deutschen Juden für Erziehung und Arbeit Verlin-Eharlottenburg 2, Kantstraße 158. Das Kuratorium: Rabbiner Or. Vaeck, vr. W. Kleemann, Hugo Neuberg, Georg Tietz, Frau Margarete Tietz, Legationsrat Prof. Dr. Sobernheim, Fritz Wallach, vr. S. Wassermann Beiträge dankend erbeten auf das Postscheckkonto der Aktion der deutschen Juden für Erziehung und Arbeit Berlin 15703 oder auf das Bankkonto beim Bankhaus A. E. Wassermann, Berlin W 8, Wilhelmplatz 7