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Central-Verein-Zeitung · 1930-09-26 · 39 (26.9.1930) · p. Seite 514

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
39 (26.9.1930)
Date
1930-09-26
Page
Seite 514 (sequence 2)
Language
German
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514 Nationalsozialisten. Die rauhbeinigen und blutrünstigen Reden der nationalsozialistischen Agitatoren, die eine nahe, grausame Abrechnung mit dem „inneren undäußeren Feinde" ankündigten, haben sogar im Lause der Zeit die Herren Düst er b er g und Se ld Le vom „Stahlhelm" übertroffen und dadurch den „Stahlhelm" in seiner Anziehungskraft für Putsch-Romantiker entwertet. Diese Seite der nationalsozialistischen Agitation hat auch einen großen Teil der Jugend angezogen. Hier liegt die Aufgabe Zur Abwehr in erster Linie bei den Behörden, bei den Schul- und Polizeiverwaltungen. In unseren' Schulen ist von einer Anwendung des Artikels 148 der Reichsverfasfung, die den Geist des deutschen Volkstums und der Völkerversöhnung lebendig machen und die Empfindungen Andersdenkender nicht verletzen soll, oft sehr wenig zu verspüren, lind die Stellen, die die Machtmittel des Staates repräsentieren und dirigieren, müssen immer mehr erkennen und nach dieser Erkenntnis handeln: Den p o l i' t i sch e n Schichte n unseres Volkes, die G e w a l t a n w e n d n n g nicht nur propagieren, sondern auch selbst üben, imponiert nichts so sehr a l s de r un h e u. gif arrr e Wille und die rücksichtslose Anweisung der Behörden, den G e w a l t nr i t t e l n von Rowdys und P u t s ch i st e n die Gewaltmittel des Staates entg egen zu stellen. Dieses Wählermaterial, das vermutlich auch organisatorisch noch fester zu erfassen sein wird, kann mit denr eigenen Organisationskörper, den S. A.-Abteilungen und anderen Formationen der Partei noch für längere Zeit zum Bestand der Nationalsozialisten gerechnet werden. Anders steht es schon mit den Schichten der Sparer und Hypotheken gläubiger, die 1924 in beiden Wahlgängen deutschnational gewählt haben, 1928 verärgert beiseite standen und am 14. September den Versprechungen der Nationalsozialisten gefolgt sind. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, daß die 107 ihre Agitationsnmhlenrüder für die Sparer auch im Reichstag klappern lassen werden, aber Mehl wird dabei nicht herauskommen, und die Sparer werden zum wiederholten Male die Betrogenen sein. Und erst recht werden die Kreise des gewerblichen und des bäuerlich e n M i t t e l st a n d e s enttäuscht sein, wenn ihnen statt Steuererleichterungen und besseren Absatzmöglichkeiten neue Schwierigkeiten wirtschaftlicher und steuerlicher Art erwachsen. Die Politische Praxis ist nicht nur der sicherste Tod falscher Theorien, sondern auch das unrühmliche Ende demagogischer Versprechungen. Insofern kann man von der kommenden Parlamentstagung einen sehr lehrreichen Anschauungsunterricht über naüonalfozialistische Theorie und Praxis und damit automatisch eine Abkehr eines Teiles ihrer Gefolgschaft erwarten. Aber es wäre ein verhängnisvoller Jrrtirm zu glauben, daß Abwehren und Abwarten identisch seien. Die A b w e h r m u ß aktiv, muß offensiv werden. Die Lügen und die Terrorakte, die sich die Nationalsozialisten in d i e f e in Wahlkampfe geleistet haben, st e l - len all le s bisher D a g e w ese n e in den Schatten. Dagegen anzu,gehen, i m Angriff v o r z u g e h e n , muß Aufgabe aller Parteien und Gruppen sein, denen an einer Entgiftung des politischen Kampfes gelegen ist. Dazu gehört freilich ein größerer Fleiß, eine größere Beweglichkeit und — last not least! — ein größerer K a m P f c s - m u t, als er bisher in den republikanischen Parteien wahrzunehmen war. Seit die Nationalsozialisten durch ihre Beteiligung an der Aktion des Volksbegehrens von Herrn H u g e uberg bündnissahig erklärt worden sind, entfalten sie eine derartige Versammlungs- und Pressepropaganda, daß ihnen das keine Partei in der Menge des Aufwandes bisher nachgemacht hat. Zugegeben, daß darin vieles liegt, was an liebertreibungen jeder jungen Bewegung anhaftet. Aber diese Bewegung ist für unsere Kultur, für unser ganzes öffentliches Leben so bedrohlich, daß man nicht warten sollte, bis sie sich ein ruhiges Bett bürgerlicher Spießerlichteit gegraben. Darum muß Abwehr Angriff sein. Wer die Angriffs Punkte erkennen will, braucht nur die Flugblätter und die Zeitungenaus dem letzten Wahlkampf, zentral zu sammeln und zu studieren . . . Diese Abwehr wird auch nicht vergeblich sein. Man kann nicht leugnen, daß unter den Millionen der nationalsozialistischen Wähler sich Hunderttausende befinden, die ihr Ideal, einen freien, gerechten und sauberen Staat, suchen und um dieses Ideal Bei der schweren wirtschaftlichen Depression aller Stände und Schichten des deutschen Volkes hatte man vor der Wahl angenommen, daß sich die Wählerschaft derjenigen Regierung und den Parteien anschließen würde, welche, wenn auch in harter Arbeit, praktische Wege zur Behebung der Not suchen. Die Wahl von 107 Nationalsozialisten bedeutet die Flucht des Volkes vor der Erkenntnis in die Phrase. Es ist eine ähnliche Erscheinung wie in den Jahren 1922 und 1923, als sich das Volk dem Millionenrausch hingab, um seine Verarmung nicht zu sehen. Man beruft sich auf der äußersten Rechten daraus, daß die Wählerschaft der 107 Nationalsozialisten keineswegs nur politisch stumpfe Menschen sein könnten, sondern, daß sich eine ganze Anzahl sogenannter Intelligenz darunter befinden müsse. Es wird die gleiche Intelligenz sein, die auch in den Krisenjahren des Ruhreinbruchs glaubte, ihr Vermögen vergrößert 31t haben, wenn sie heute 500 statt gestern 400 Millionen Mark für einen Dollar bekam. Wirtschaftliche Intelligenz, das haben die Jahre seit Kriegsanbruch bewiesen, garantiert noch lange nicht politische Erkenntnisfähigkeit. Es verlautet auch, daß die Führer des Nationalsozialismus über ihren Sieg insofern keineswegs begeistert wären, als Leute, die an zweiter und dritter Stelle ausgestellt waren, weil man bestimmt annahm, daß kaum die erste Stelle durchkommen würde, sich heute im Reichstag befinden und man nicht recht weiß, wie mit diesem Haufen unvorgebildeter Menschen Politik treiben. Diese Unsicherheit, der wir nunmehr aus der Rechten begegnen, gibt uns noch die Möglichkeit, das Mirabeausche Wort zu beherzigen „Ceder sans paraitre obeir, voila, dans les temps de faiblesse, quelle doit etre la politique des gouvernements.“ Von den sogenannten bürgerlichen Parteien hat nur das Zentrum einen Gewinn zu verzeichnen. Es ist die einzige Partei, die starke irrationale Werte für sich werben läßt. Neben der allgemeinen Verärgerung und Mißbilligung des heutigen Staates, von welcher der Sieg der radikalen' Rechten Zeugnis gibt, bedeutet die Stimmabgabe zugleich Hinneigung zu, wenn auch nur geahnten Imponderabilien des Gefühls. Die Republik war zu Unrecht stolz darauf, allen äußeren Glanzes wie Orden, Paraden, Uniform usw. entbehren zu können. Ein Staat muß verstehen, auch das Gefühl auzusprechen. Lernen wir von England, Frankreich, Italien! In Deutschland wurde das Wahlrecht unpersönliche Angelegenheit einer anonymen Liste, die Wahl von Staats wegen und von seiten anonymer Geldmächte mechanisiert. Politik ist rmr zur Hälfte eine Sache des Gehirns, zur guten anderen Hälfte eine Sache des Herzens und des Gefühls. Dieser Erkenntnis hat die Republik ermangelt, infolgedessen äußert sich heute die gefühlsmäßige Auflehnung doppelt stark gegen mechanische Staatsführuug. Aus dieser Grund- — zum Teil in sich selbst — ringen und leiden. Diese Schichtenzu gewinnen, ist zwar nicht leicht, aber auch durchaus nicht aussichtslos. Wer um Sauberkeit im öffentlichen Leben kämpft, der bleibt nicht in der Gefolgschaft oder gar in den Kampsreihen einer Partei, deren vornehmstes Kampfmittel die bewußte Lüge, die bewußte persönliche Diffamierung des politischen Gegners ist. Im Kampf gegen die Lügen und Terrormittel der Nationalsozialisten werden diese Schichten wieder sehen lernen und sich saubereren Wahrheitsuchern anschließen, als es eine Gesellschaft von Abenteurern und politisch Gestrauchelten sein kann. erkenntnis heraus ist eine anders geartete Führung der Republik notwendig. Die Kernfrage, das ist eine Binsenweisheit, ist das Arbeitslosenproblem. Mir sind im Wahlkampf mehrfach Debatteredner begegnet, die mir erklärten, sie würden von ihrem Radikalismus in dem Augenblick Massen, in welchem sie wieder Arbeit fänden. Schließlich bedarf es der st a a t s b ü r g e r l i ch e n Aufklärung. Es wird allen, die im Wahlkampf gestanden haben, ausgefallen sein, welch erschreckendes Maß staatsbürgerlicher Unkenntnis in bezug aus Staatshaushalt, Steuersragen, Staatsverfassrmg, Parlamentsarbeit und Außenpolitik sich in den Debatten kundtat. Auf diesem Sumpf der Unkenntnis blüht natürlich am besten die Politik der hemmungslosen Phrase. Was aber auch immer za geschehen hat, das Wichtige ist: es mutz sofort gehandelt werden. In einenr waren die Nationalsozialisten allen Parteien überlegen. Sie haben in der ganzen Zeit zwischen den Wahlen gearbeitet, sich um ihre Anhänger gekümmert und neue geworben, während die anderen Parteien und ihre Anhänger zwischen den beiden Wahlen unsichtbar blieben. Der Staat allein wirddas Problem der Arbeitslosigkeit nicht meistern können. Es wird Ausgabe der staatsbürgerlichen Kreise sein, die in ihrem Nationalgesühl nicht schwächer sind als die Nationalsozialisten, dieses beim Volke zur Geltung zu bringen, und der Kreise, die im Gegensatz zur sozialistischen Einstellung der äußersten Rechten in der Initiative der Privatwirtschaft Hoffnung auf den wirtschaftlichen Wiederaufbau sehen, Kräfte so einzusetzen, daß die breite Masse wieder den Glauben an das Privatkapital bekommt. Allerdings mutz das schleunigst geschehen, noch vor dem Winter. In gleicher Weise muß sofort die Arbeit staatsbürgerlicher Aufklärung im ganzen Reich einsetzen. Dazu bedarf es Menschenkraft und finanzieller Opfer. Falsch ist die Parole aller jener Parteien, die jetzt erklären, wir halten uns bereit, die niedergehende Welle des Nationalsozialismus abzusangen. Zunächst einmal mutz die Gefahvzone überhaucht überwunden werden, und da hat die Arbeit einznsetzen. Die Ueberwindung des Nationalsozialismus geschieht weder dadurch, daß man die Hände in den Schoß legt, die Leute für dumm erklärt und aus bessere Zeiten hofft, um die Erbschaft übernehmen zu können, noch in einem radikal negativ eingestellten Kampf. Wir müssen die Größe aufbringen, in denjenigen, die sich heute dem Nationalsozialismus angeschlossen haben, irregeleitete Volksgenossen zu sehen, die dem Staatsgedanken wieder gewonnen werden können; wenn wir sie suchen zu verstehen und nach Möglichkeit alle Kräfte einsetzeu, um den zum Teil berechtigten Wünschen auf unfern Wegen Bahn zu schassen, dann dienen wir dem Staat und werden die heute radikalen Kräfte dem Reich zurückbringen. (Fortsetzung der Rundfrage Seite 516.) Schnelles Bandeln tut not! Von Rochus Freiherr?on ~ ' . Führer der Front 1929 i >; i ■I 797175

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