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Central-Verein-Zeitung · 1930-09-19 · 38 (19.9.1930) · p. Seite 503

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
38 (19.9.1930)
Date
1930-09-19
Page
Seite 503 (sequence 7)
Language
German
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503 i /V Grabsteinbilder in Russland Von Walter Fest (Duisburg) Studien Com jüdischen Friedhof in Slonim von IValter Fest Wohl an keiner Stelle des werten russischen Reiches und der Balkanländer haben sich den deutschen Soldaten während des Weltkrieges die Pforten einer unbekannten Welt so weit geöffnet als an den Kultstätten der dort wohnenden Bevölkerung, die ihre Ursprünglichkeit, ihre oft jahrtausendealten Sitten und Bräuche aus der Väter und Urväter Zeiten kraftvoll in die Gegenwart hinüberretteten. Das galt in erster Linie von den jüdischen Grabstätten, die im Rahmen der russischen, polnischen und anderer Städtebilder Anblicke von unvergeßlicher Eigenart boten. Auf freigewachsener, keiner Einebnung unterworfener Erde reiht Hügel sich an Hügel, im Sommer überwuchert von üppigem Feldblumenschmuck. Wacholderbüsche, hie und da von der Natur in feierliche Phramidenform emporgetrieben, fügen sich dunkel und ernst in den Blütenreichtum ein. Aus dem Boden steigt Stein an Stein, flach bearbeitet und größtenteils oben halbkreisförmig abgerundet, vielfach aber auch im Naturzustand, lediglich auf einer zweckentsprechend ausgewählten Fläche mit erngemeißelten Inschriften versehen. Dazwischen sieht man andere Gräber, über denen sich Mauerwerk erhebt, das, langsam verfallend, vom Vergehen alles Irdischen spricht. Und doch geht von diesen Grabstätten keineswegs n u r ein Hauch der Trauer aus. Ahnen fehlt der vorherrschend dunkle Farbenakkord, wie.er den Ruhestätten der Toten auf deutscher Erde eigen zu sein pflegt; auf ihnen schillert alles im Glanz sprühender Farben. Die Grabsteine sind mit lebhaftem Anstrich versehen, der teils den Untergrund für leuchtende Ornamente, Sinnbilder, Inschriften, Vergoldungen und dergleichen abgibt, teils die gesamte Fläche des Mauerwerks überdeckt. Findet auch selten oder nie eine Erneuerung dieses Anstriches statt, können Wind und Wetter ungehindert ihren zerstörenden Einfluß geltend machen: die Farbe beherrscht dennoch den Gesamteindruck mit zwingender Macht. Bunt und gegensatzreich sitzen die bildlichen Darstellungen des Todes, der Gedankenwelt des jüdischen Geistes und seinen ehrwürdigen religiösen Anschauungen entnommen, in den halbkreisförmigen Feldern des oberen Teiles der Grabsteine. Zn der Regel pflegt der Blick des Andersgläubigen darüber flüchtig hinwegzugleiten: Die hebräischen Schriftlichen vermögen ihm Sinn und Inhalt nicht zu enthüllen, und die Zeichnungen scheinen so nichtssagend, so einfach, in der Richtung zu höherer oder tieferer Bedeutung so wenig entwickelt, daß man zunächst glauben möchte, es lohne nicht, ihnen größere Beachtung zu schenken. Bei näherer Betrachtung aber erkennt man den tiefen Gedankenreichtum, der ihnen innewohnt. Die Motive dieser Todessinnbilder beschränken sich — unter grundsätzlichem Verzicht auf jede Menschen- oder ähnliche figürliche Darstellung — nicht auf den bildlichen Ausdruck des Todesgedankens, der die Elemente aus dem Tier- und Pflanzenreich und den Gegenständen des jüdischen Ritus wählt, sondern sind in vielen Fällen individuell aufgefaßt und nehmen Beruf, Geschlecht und Name des Toten zur Grundlage der Zeichnungen. Hier eröffnen sich künstlerischem Schaffen imb künstlerischer Gestaltung außerordentlich dankbare Aufgaben. Indes läßt sich nicht sagen, daß diese jüdischen Grabsteinsinnbilder — voil wenigen Ausnahmen, die ich kennenlernte, abgesehen — eine künstlerische Note tragen. Ihre Hersteller vereinigen den Entwerfer und Zeichner, den Steinmetz und den Maler in einer Person, und diese Vielseitigkeit ist offenbar die Ursache dafür, daß diese jüdischen Grabsteine im allgemeinen über das Handwerks- oder Kunsthandwerksmüßige nicht hinausragen. So steht hier der Gedanke stets höher als die Form. Am leichtesten verständlich sind die Gedanken der jüdischen Grabsteinbilder dort, wo gebrochene Zweige als Sinnbild des Todes auftreten. Wir kennen dieses Gleichnis allch auf deutscher Erde, allerdings mehr aus der Schriftsprache als aus der Sprache der bildenden Kunst. Hier, auf den ostjüdischen Grabstätten, trifft man es in vielerlei Abwandlungen an: geknickte Blütenzweige, tote Baumzweige, tote Baumstümpfe, aus denen verlorene Zweige mit seltsamen Blättern unb Blüten einsam heraussprießen, Phantasiepflanzen usw. geben die Hauptvorwürfe dieser Art Sinnbilder ab. Siehe in der Zusammenstellung der Sinnbilder Nr. 6, das sich offenbar an die Form der Eiche anlehnt. Nr. 16 und 17 gründen sich auf den gleichen Gedanken der Unterbrechung des Lebens, des aufstrebenden Wuchses, hier durch Phantasiegewächse verkörpert. Nr. 16 erzeugt diese Darstellung durch den in die Zeichnung einbezogenen auffliegenden Vogel. Dieser Vogel veranschaulicht die entfliehende Seele. Auf anderen Grabsteinbildern haben die -eingemeitzelten Vögel noch weitere Bedeutungen: Sieht man neben einem das Bild beherrschenden großen Vogel einen oder mehrere kleinere \ -4 Jedoch Noah begab sich in seine Kammer, er pochte und hämmerte, verfugte und verdichtete sie, wie er einst die Arche verfugt und verdichtet hatte. Darauf, ohne von irgendwem Abschied zu nehmen, verschloß er sie, und ob seine Söhne und Töchter auch unablässig flehten, er öffnete nicht. So hatte der uralte Noah sich abermals von den Menschen abgesondert; er lebte noch vier Tage und vier Stunden. Mager und weißgrauer Haut ruhte er auf dem hölzernen Lager, schlafhaftes Dämmern senkte sich groß auf ihn; es war ihm, daß der haftende Leib sich zerlöste, aber er, der Mensch Noah, lag, der Leib haftete und hielt, die Kammer löste sich aus dem Gefüge der Balken, die Arche schwebte, — Noah, ganz allein, schwamm aus dem Hause, von der Erde empor, in den unermeßlich flutenden Weltraum hinaus. Unterdessen aber saßen seine Söhne und deren Frauen und der Söhne Söhne, und die Enkelssöhne und Urenkel samt den Frauen beieinander in dem Hause Noahs und horchten auf die verpichbe Kammer, aus -der seit vielen Stunden kein Laut drang. Sie sprachen ganz leise und voll Kümmernis, aber ein jüngstes Kind, der Enkel eines Urenkels lag in der Wiege und schrie. Doch sein Großohm Hephta, der kunstfertig zu schneiden »und zu fügen verstand, hatte einen zierlichen Regenbogen geschnitzt und mit den sieben Farben übermalt und legte ihn bent Kinde Abraham in die Händchen.

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