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Central-Verein-Zeitung · 1930-09-19 · 38 (19.9.1930) · p. Seite 502

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
38 (19.9.1930)
Date
1930-09-19
Page
Seite 502 (sequence 6)
Language
German
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S02 Legende von Ernst LUauer Bald nachdem die Arche aus festem Boden gelandet war und die Erde sich von der großen Flut befreit hatte, ward Noah durch ein Traumgesicht beglückt. Ein Bogen spannte sich, gewölbt in den Farben des Himmels, des Feuers, des Grases, des Sandes, durch die Schwärze des weiten Schlafes, in der er schlief. Noah, im Traume, freute sich; es war ihm, als empfange er den bunten Bogen zürn Geschenk, und er tastete gleich einem Kinde, längs an ihm. Als am Morgen von Westen, schräg ragend, eine lila Negenwand herantrieb und die Sonne sie mit starkem Scheine überblendete, stand, von der Erde sich austvärts wölbend, mit der obersten Rundung den Himmel beinahe berührend, jenseits sich wieder Zur Erde senkend, der farbige Bogen gewaltig vor seinem Blick, sichtbarlich ausgestiegen aus dem Raum seines Schlafs in den Weltraum. Da wußte Noah tief in sich selbst den Sinn; der Sinn sprach laut in seinem Herzen und war seiner selbst gewiß: der Ewige setzte ein Zeichen, daß fortan Friede sei zwischen ihm und den Menschen und daß er niemals mehr die Erde mit großer Flut heimsuchen werde. Noah aber, der 3itr Zeit jener großen Flut ein rüstiger Mann war und nicht mehr als ein halbes Jahrhundert durchlebt hatte, kam zu hohen Jahren, und es ward ihn: vergönnt, daß er abermals ein halbes Jahrhundert vollendete. Seine Söhne zeugten, und deren Söhne zeugten; die Tiere, die er gerettet hatte, die Löwen und die Gazellen, die Adler und die Meisen, die Schildkröten und die Spinnen, zeugten fort, die Menschen und die Tiere vermehrten sich, und die Erde bedeckte sich wiederum mit wimmelnden Kreaturen und siedelnden Menschen. Den Noah aber erkannten alle als Richter über sich; denn er war es gewesen, dem der Ewige das Leben anvertraut und der es in der schwimmenden Arche aufbewahrt hatte. Verbrechen und Vergehen, Zwist und Zwang, Sünde und Sucht und Saumsal ward vor dem steinernen Hochsitz des Noah ausgebreitet; erst wöchentlich zu zweien oder dreien Malen, dann täglich, dann stündlich, zuletzt unablässig von Sonnenaufgang bis -Untergang erscholl Anklage und ° Wideranklage; Untat und Unheil lagen aufgehäuft zu höchst. Und es war dem Noah, wo er auch wandele, bei Tag und bei Nacht, er setze seinen Fuß aus Wucher und Raub, aus Ehebruch und Hurerei, auf Gewalttat und Lästerung, auf Diebstahl und Mord: dieser hatte das Weib seines Nächsten geraubt, ein Weib klagte, daß ihr Mann sie anderen verhandele und preisgebe. Komar, von Trunkenheit verwirrt, schlug den Merlok nieder; Wihart aber, der Bruder des Erschlagenen, erschlug den Komar und dessen Bruder, Amras, wieder diesen. Es war, als trachteten die Menschen sich auszurotten. Noah saß in der Nacht auf dem steinernen Sessel, der ihm eckig und ungesüg aus roh behauenen Platten unter einer breiKronigen Esche am Strande des Meeres ausgerichtet war. Der über mannshohe, eichenholz schwere Stab, der zu oberst wie das Horn des Widders viermal in sich geringelt und gerundet war — das Zeichen des Richteramtes —, stand, gegen die Rückwand gelehnt; er saß, die schweren, behaarten Hände -um die balkenen Lehnen, die den Stuhl seitlings einfaßten, tatzengleich geklammert, und riß und rüttelte an ihnen, indes er, den hohen Rumpf vorgereckt, unter den wildwachsenen Brauen hinausstierte in die Weite aus Flut und Firmament, die sich nachtleer draußen breitete. Noah sprach, niemand hörte ihn, außer seinem eigenen hörenden Haupt, der Schall kehrte zurück in ihn selbst,, und zugleich griff seine. Stimme über das Meer, als risse sie die große Flut von einst in sich und griff hinaus zum Firmament, als langte sie tief in das Sein des Ewigen, fern an das innerst Unsichtbare: „Tausende sind in den Mastern uutergegangen, und ich mutzte mich von ihrer Not abwenden. Wahrlich, sie wucherten und verleumdeten, sie hurten und mißhandelten, das ist gewiß, sie stahlen und mordeten und suchten einander auszurotten, jedoch als einen Narren hast du mich eingesangen in die Arche, und als ein Narr von einem Richter sitze ich und verstreue den Spruch hierhin und dorthin und urteile über diesen und jenen. Das Recht aber, das ich spreche, ist Unrecht, denn diese, das Geschlecht, das mit meinem Alter lebt, ist sündiger, als das mit meinem Mannestum lebte, sie sind alle schuldig insgesamt, wir find alle insgesamt schuldig." In der Frühe des andern Tages gebot Noah, daß man das Heerhorn erschollen lasse, Boten aussende und zur Gerichtssitzung einlade, und er gebot des weiteren, daß ein jeder Pflug und Herde verlasse, wo er stünde, und sich ohne jeglichen Verzug einfände. Bei Anbruch des dritten Morgens saß Noah auf seinem Stuhle nieder. Alle Menschen waren herbeigekormnen; sie standen, zur Rechten und zur Linken in rundum weitgebogen halbem Kreise aufgestellt. Noah sprach: „Die Flut eurer Schande steigt unablässig und ohne Maß, ich wate nicht, ich schwimme in Verbrechen und Frevel, schon netzt sie mir die untere Lippe, kaum kann ich atmen. Als ein Richter wohne ich über euch, ich setze Gesetz, ich gebiete Gebot, ich rede Recht, aber der Damm zerbricht vor dem Andrang eurer überschwernmenden Untat; ich urteile und schlichte, aber es ist, als säete ich Weizenkörner in eine schwärzliche Flut. Ich spreche das Recht über euch, aber immer bin ich ein allzu milder, ein ungerechter Richter bin ich euch. Ich urteile, daß man drossele und enthaupte, und ich bin ein ungerechter Richter. Ich urteile, daß man fessele und kerkere, und ich bin ein noch ungerechterer Richter. Ich verwarne und verweise, und ich bin der ungerechteste. Ihr steht um mich her weitum in Bersammlung., und eine andere Versammlung steht vor mir auf den Fluten des Meeres, Schatten und Schemen, ein ganzes Volk Schatten und Schemen, mehr denn ihr an Zahl. Sie stehen, die Arme gesenkt, reglos, aber ihre Augen mit grauen Blicken klagen mich an; alle schauen sie aus mich, denn sie alle wurden verurteilt zu sterben, und ich mußte sie dahingeben." Schweigen lastete über den Menschen; als stünden sie nicht unterm Himmel, sondern unter einem ehernen Gewölb, das sie mit ihren Scheiteln trugen. Die Luft war in Stille verwandelt, kein Odem wehte, selbst die Wolken oben hielten inne. Die Menschen sahen zu Boden, die Blicke niedergeschlagen von der Wucht der Rede: „Wenn sie eine schändeten, so schändet ihr zehn! Wenn sie mit einer hurten, so hurt ihr mit zehn! Wenn sie einen schlugen, so schlagt ihr zehn!" Stille — und inmitten der Stille stand die Stimme des Noah allein ausgerichtet, als wenn inmitten der ebenen Flut des Meeres aus einer versprengten Insel die Flammen eines Feuerberges steilaus quellen: „Ich habe das Leben gerettet; wich reut es, daß ich das Leben gerettet habe. Ich bin den Wassern Freund geworden, denn das Unrecht ward zu einer andern Flut." Noah bäumte sich empor von dem Stuhle, er hob den linken Arm und in der Rechten den Richterstab und hielt sie gegen das Meer ausgestreckt, undrief: „Heran, heraus, Fluten des Meeres, ich, Noah, der Bezwinger der Fluten, rufe euch." Er reckte die Arme und den Stab zum Himmel empor: „Herab, hernieder, ihr Fluten, ick> Noah, rufe euch." Er stampfte mit beiden Füßen auf den Erdboden unter sich und schlug mit dem Nichterstab niederwärts an ihn: „Heran, herauf ihr Fluten der Tiefe! Ich, Noah, der Mensch, rufe euch." So stand er Ungetümen Zornes, ungeheuer drohend, und schrie und winkte, und pochte und befahl. Da geschah von der Macht des Menschen Noah ein ungeheures Raunen und Zucken rundum. Die Wasser im Meere rauschten laut aus, obgleich kein Wehen ging. Als ob Wind von allen Seiten bliese, schlugen sie wirr durcheinander und verschlangen sich ineinander. Sie brüllten auf, unruhig wimmelnd wie gefangene Tiere, wenn sie den Fraß wittern, sie bäumten sich wider die Erde längs dem Strand. Und längs dem Firmament raunte ein Rollen, Donner, von allen Seiten, quollen innen im Firmament einher. Ueber die Weite des Himmels dahin splitterte lechzender Niederfall und anhebendes Geräusch, schon erzitterte er von kommendem Ftutsturz. Die Quellen und Brunnen der Erde, die immer redendeu> Huben plötzlich an zu rufen. Die verborgenen Wasser, tief im Boden, gurgelten, murmelten, murrten; ein Wimmeln und Fließen Hub an und klopfte und pochte und atmete auswärts, langhin unter der Flüche der Erde. Da zerbarst die Stille, die über den Menschen ausgespannt lag, zerbarst in aber tausend Schreie, die durch die Lüfte sausten und widereinander Prallten, die Versammlung zerbarst, alle Menschen rannten, liefen', jagten. Die Füße von Männern traten aus Hände und Lenden; Säuglinge, gestürzt aus den Armen der Mütter, wurden zerquetscht von dem wimmelnden Eiken; Greise, niedergestoßen, wehklagten; Männer, rücklings zu Fall gekommen, wehrten sich und rissen andere zu Fall. Ein ungeheures Fliehen brach aus; jedoch, sie wußten nicht, wohin zu fliehen, denn es ruckte unter der Erde, es rauschte im Meere, es bebte im Himmel. Sie klommen in die Wipfel, sie erstiegen die Dächer, und ihre Blicke ängstigten sich gen Himmel. Sie flohen landein, aber ihre Füße wagten den Boden nicht anzurühren und ängstigten sich niederwärts. Sie flehten zum Ewigen empor, und ihre Hände fürchteten sich gen Himmel. Sie knieten vor Noah him aber sie wurden niedergeworfen von der hinstampfenden Flucht. Sie riefen einander zu und schalten und klagten an; jeder zieh den andern schuldige daß er durch das Unmaß des Frevels den Untergangs herniedergezogen habe. Sie warfen sich mit zornigen Reden, sie steinigten sich untereinander, sie hieben und stachen, rangen und würgten. Der Mensch stand auf gegen den Menschen, die Sintflut des Menschen kam über den Menschen. Da löste sich oben am Himmel eine Wolke aus dem starrenden Gewölk, gelbe Schwaden Sonne brachen durch die gelockerte Maste, fielen jenseits aus eine schwärzlich graue Wolkenwand und. zur Rechten ausruhend aus dem Meere, weit hinübergeschwungen in den sieben Farben, zart erhaucht und immer stärker erbrennend, wölbte sich der Regenbogen, daß er zur Linken aus dem festen Lande aufruhte. Noah ließ den Richterstab fallen, er hob seine Hände, schnellte sie auseinander und zerriß die Lust, er schrie empor: „Du, Ewiger, mir hast du den Bogen gesetzt; ich aber zerbreche den Bogen! Und noch einmal errette ich das Leben nicht!" Aber der Regenbogen stand und schimmerte, die Kraft des Noah drang nicht an ihn und rührte nicht an ihn, er erzitterte nicht. Die Wellen sänftigten sich und legten sich, das Rollen und Rauschen im Firmament ward gelinder und verstumnrte, das Pochen in den Tiefen der Erde stockte und verscholl. Da zerbrach Noah den Richtstab in zwei Stücke, denn sein Spruch war nicht angenommen worden; und das Leben ward aufbewahrt. Die Menschen aber, da sie sahem daß der Regenbogen nicht verging und die Wasser sich unter seinem Schein beschwichtigten, stiegen von den Wipfeln und Dächern; die in Kamps Bertnäulten Lösten sich voneinander. Das Geschrei fiel, die Angst sank: Sie umarmten einander und knieten und dankten, dann Huben sie an, die Zertretenen und Erschlagenen zu verbinden oder aber zu begraben.

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