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Central-Verein-Zeitung · 1930-09-19 · 38 (19.9.1930) · p. Seite 501

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
38 (19.9.1930)
Date
1930-09-19
Page
Seite 501 (sequence 5)
Language
German
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Sittliche Neugeburt / Eine Neujahrsbetrachtung Von Rabbiner Dr. G. TO e t t (Berlin) Unser Neujahrsfest führt den Beinamen „Tag der Erinnerung". Mitten im stürmischen Leben weihen wir einen Tag dem Denken und Gedenken, der Einkehr und Selbstbesinnung. Die Geschichte der Menschheit zieht vor unserem geistigen Auge an diesem Tage vorüber, und wir sehen immer wieder, wie oft die Judenheit darin die stolze, aber schmerzvolle Nolle des Wahrheitskämpfers spielen mußte. Ja, wir wissen, daß wir auch heute viel Verkennung und Haß zu ertragen haben, aber das Bewußt- Fein, daß dieser Haß unverdient ist, daß wir unsere Pflicht erfüllt und daß wir unser Teil beigetragen haben zum geistigen, wirtschaftlichen und sittlichen Fortschritt der Menschheit, ist uns Trost in schwerer Stunde. Wir sind und bleiben Optimisten, und wir glauben an den endlichen Sieg der Wahrheit und Gerechtigkeit. Dieses Trostes bedürfen wir deutschen Juden heute mehr als je. Das trübe Bild der Gegenwart stimmt uns ernst, aber es soll uns nicht in unserer Lebensaufgabe beirren, es soll uns nicht am Guten im Menschen verzweifeln lassen. Wir glauben an die Macht der Sittlichkeit, weil dieser Glaube unser Lebenselement ist. Er allein gibt uns Kraft und Zuversicht. Bismarck schmetterte einmal das starke Wort in die Welt hinaus: „Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts auf Erden!" Wir wollen dieses Wort in der reinen Fassung des Psalmisten uns zur Devise machen: „Gott ist mit mir, ich fürchte mich nicht!" Das verstehen wir auch so: wenn wir Göttliches in uns tragen und unserem Berus als Künder der Wahrheit treu bleiben, dann haben wir nichts zu fürchten. Das Neujahrsfest steht unter dem Rufe der Lebenserneuerung, der geistigen und sittlichenNeugeburt des Menschen. In unserer Festesliturgie kehrt dieser Gedanke in wunderbaren Bildern immer wieder. Es ist der Tag der Schicksalswende, an dem der Mensch Zurückblickt auf die Vergangenheit und um Läuterung seines Lebens fleht. Es ist der Tag, an dem alles in der Welt sich erneuert, eine andere, reinere Gestalt annimmt. Es ist der Tag des himmlischen Gerichtes, der Entscheidung über das Schicksal aller Lebenden. Die seelische Neugeburt ist eine alte jüdische Idee, die aus der jüdischen Weltanschauung fließt. Philosophisch gedacht, versteht man unter Neugeburt die ewige Entwicklung des Menschen zum Höheren. Der Mensch ist kein abgeschlossenes Wesen, er ist, wie alles Leben, im ewigen Flusse. Er ändert und erneuert sich mit jedem Tage. Auch das Sittlich- Religiöse will nicht erlernt, es will erlebt sein. Der religiöse Mensch soll, namentlich in den Momenten großer Wendungen, n e u w e r d e n, alles Kranke und Tote ausschalten und neue sittliche Kräfte in sich aufnehmen. Und beruht nicht im Grunde aller Fortschritt, alles Große auf diesem Gedanken? Ist nicht das sittliche Leben ein ewiges Kämpfen und Ueberwinden, um dem göttlichen Berufe des Menschen näher zu kommen? Das geistige Leben fließt ins politische, das individuelle ins gemeinschaftliche, und im Leben des Volkes wiederholt sich das Schicksal des einzelnen im verstärkten Maße. Auch wir haben im deutschen Vaterlande mit dem Schluß des unseligen Krieges eine Lebenserneuerung erfahren. Das Alte ist Zusammengebrochen, und unter Schmerzen ist etwas Neues geboren worden. Aber viele wollen es noch nicht verstehen. Sie jagen dem Schatten des Gestrigen nach, ohne zu begreifen, daß das Alte tot und für immer vorüber ist. Das scheint die tiefere Quelle allen Zwistes innerhalb des deutschen Volkes zu sein. Nach zwölf Jahren schweren Kampfes wollen viele noch nicht erkennen, daß es Aufgabe des fortschreitenden Menschen sein muß, das Lebensfähige zu fördern und zu veredeln, und nicht das Tote zu galvanisieren. Wir Juden müssen geschichtlich denken, weil unsere Wurzeln in der Vergangenheit ruhen. Wir wissen, daß es in der Geschichte noch schwerere Zeiten gegeben hat, daß unsere Väter noch Schlimmeres zu erdulden hatten. Nur aus der wirtschaftlichen Not und der politischen Verwirrung unserer Zeit können wir es verstehen, daß eine Bewegung, die so arm an Ideen und gesunden Idealen ist, die nur Haß und 'Zersetzung kennt, eine so gewaltige Anziehungskraft auf viele Volkselemente besitzt. Nur aus der Geschichte menschlicher Irrungen kann man es begreifen, daß eine Richtung ohne inneren Gehalt einen Teil unserer Jugend begeistert und fanatisiert. Es wirkt beinahe komisch, wenn die Führer dieser Bewegung sich auf die Geschichte berufen. Geschichtlich denken heißt nicht rückschrittlich sein, sondern auf der Linie sich entwickeln, die Natur und Zeit gezeichnet haben. Wer nur Zerstören und vernichten kann, füllt aus dem Rahmen der Geschichte heraus. Sie berufen sich auf die „Natur des Volkes". Aber das heutige deutsche Volk ist nicht germanisch, es ist deutsch. Es muß europäisch und nicht barbarisch, fortschrittlich und nicht reaktionär sein. Es muß vernünftig, gerecht und wahr sein, und es muß Platz haben für alle aufbauenden Kräfte, die aus dem Volke kommen, weil es anders gar nicht bestehen kann. Was wir heute dringend brauchen, das ist die Freimachung der Bahn einer gesunden Entwicklung. Die gewaltsame Unterbrechung der Entfaltung neuen Lebens führt bewußt oder unbewußt zur Katastrophe. Wer heute noch in Deutschland nach Revolution strebt, wer das Werk der Versöhnung und des Ausgleiches stört, erweist dem Vaterlande den denkbar schlechtesten Dienst. Richtungen, die den Haß auf ihre Fahne geschrieben haben, sind wahrlich nicht berufen, dem deutschen Volke Hilfe zu bringen. Daß der Judenhaß die eigentliche Würze, ja die ganze innere Kraft der neuesten Reaktion ausmacht, s bekundet nur ihre Armut. Mündete doch im Laufe der Geschichte alles Unklare und Ungesunde in den Antisemitismus. Wo kein klares Ideal vorhanden ist, da flackert der blinde Fanatismus atavistischer Gefühle auf. Wie wäre es sonst zu verstehen, daß mitten im Europa des zwanzigsten Jahrhunderts eine Bewegung den Judenhaß zum Kern ihrer Politik macht und damit Siege erlangt? Man spricht von der christlich-deutschen Kultur, die im Gegensatz zur jüdischen stehen solle, ohne zu bedenken, daß alle Kultur und alle Religion Veredelung und Versöhnung der Menschheit erstrebt, daß in den Höher: der Ethik alle kleinlichen Differenzen verschwinden. Wie hätte das Judentum die Mutter aller monotheistischen Religionen sein können, wenn sie im Gegensatz zur jüdischen ethischen Kultur ständen? Kann eine Religion, die zuerst den Begriff Menschlichkeit geschaffen, alle Menschen als K i n.d e r Gottes mit gleichen Rechten und gleichen heiligen Pflichten proklamiert hat, etwas Feindliches für die Menschheit enthalten? Und können die Bekenner dieser Religion, die für ihre Ueberzeugung, wie kaum eine andere Gemeinschaft, gekürnpft und gelitten haben, etwas anderes erstreben als die Verb r ü d e - rung der Völker, die Durchdringung aller m i t göttliche rn G e i st e? Wir verzweifeln auch angesichts aller Verkennung und Bedrohung nicht, weil wir glauben, daß das Judentum der Menschheit noch viel zu geben hat, und daß die Nebel der Gegenwart vor der Sonne der reinen Erkenntnis weichen werden. Aber ernst sind die Zeichen der Zeit, und sie mahnen uns, ein wachsames Auge zu halten und die Erscheinungen zu beobachten. Die schweren Zeiten der Vergangenheit fanden meistens unsere Väter einig in der Verteidigung ihrer Ideale, und das war ihre Stärke. Heute begreift man leider noch nicht, welche Gefahr uns droht und wie sehr uns Juden die Einigkeit nottut. Das religiöse Leben ist leider sehr geschwächt, und in einer Zeit wirtschaftlichen Druckes wird der Jndisferentismus immer stärker. Da müssen wir unsere ganze Kraft darauf konzentrieren, das jüdische Leben zu stärken und die jüdischen Herzen mit neuer religiöser Wärme zu erfüllen. Zu dieser für Gegenwart und Zukunft so wichtigen Aufgabe sind wir alle berufen. Gerade am Neujahrstage müssen wir daran denken, welch gewaltigen Einfluß bei uns die Religion auf das Familienleben hatte. An den Feiertagen ergoß sich etwas Harmonisches, Abgeklärtes, eine eigenartige Poesie über das jüdische Heim. Das müssen wir uns zu erhalten suchen, weil in den Gefühlswerten des Judentums auch viel Ethik verankert ist. Im Judentum gab es immer verschiedene Richtungen. Das verhinderte die Stagnation und erhielt das Leben frisch. Durch Kampf, Kritik und Selbstkritik wurde der Fortschritt gefördert. Aber — stets, wo der Kampf zur Verbitterung und Zerfleischung führte, da war es ein Verhängnis für die ganze Judenheit. Der Talmud prägt das bittere Wort, daß der jüdische Staat nur durch Uneinigkeit zugrunde gegangen ist. Das Judentum, das wenig dogmatisch gebunden ist, hat Raum für viele Richtungen, und jede Richtung, soweit sie den geschichtlichen Rahmen nicht verläßt und die Grundlagen nicht erschüttert, hat ihre Berechtigung. Nur darf sie nicht glauben, die allein echte oder allein moderne Richtung im Judentum zu sein. Und sie darf nicht nach Macht streben, denn das Prinzip des Judentums ist das Recht und nicht dieMacht. Wir Juden, die wir so viel durch Intoleranz gelitten haben, haben die besondere Pflicht, tolerant im eigenen Lager zu sein. Im Kampfe der Richtungen — Parteien sollte es im Judentum überhaupt nicht geben — dürfen wir das einheitliche heilige Ideal nicht vergessen. Eine Lebenserneuerung, eine sittliche Neugeburt erstrebt unser hohes Fest, und dieses Ziel ist nur auf dem Boden des Friedens möglich. Die Schofartöne mahnen uns zur Demut, zur sittlichen Einkehr und zum Frieden. Wenn wir die höchste Harmonie in Gott suchen, müssen wir harmonisch in uns und in unserer Gemeinschaft sein. Wir beten am Feste für den Frieden der Völker, wir wissen aber, daß es mit dem Beten allein nicht getan ist. Wir m ü s s e n die A t m o s p h ä r e entgiften und den Geist des wahren Friedens pflegen.

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