Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 38 (19.9.1930)
- Date
- 1930-09-19
- Page
- Seite 500 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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500 die politische Struktur kaum wesentlich verändern. Aber trotzdessen müssen die Neuwahlen von den republikanischen Parteien von jetzt an vorbereitet werden. Die Unfruchtbarkeit des Radikalismus muß in allen Phasen seiner parlamentarischen „Betätigung" verfolgt und sestgehalten werden. Die erschütternde Tatsache, daß die repüblikanischen Parteien, abgesehen vom Zentrum, die weiten Kreise der Nichtwähler nicht zu erfassen vermochten, beweist mit hinreichender Deutlichkeit, daß ihre Propagandamethoden überprüft und reformiert werden müssen. Wie kommt man an die Kreise heran, die den alten Parteien fernstehend Die Jugend spricht eine andere Sprache. Die leidenden Menschen von heute interessieren sich nicht für große politische Fragen. Das Hemd der eigenen Not ist ihnen näher als der Rock der allgemeinen vaterländischen Not. Die Parteiapparate müssen verjüngt und die Agitation muß weniger parteimäßig aufgezogen werden. Volksbewegungen sind wichtiger als Parteien. Es ist meine feste Ueberzeugung, In Wiesbaden haben die Nationalsozialisten während der letzten Wochen eine Wahlpropaganda entfaltet, die die Kurstadt in Atem hielt. Den ganzen Tag über verteilten Trupps — meist wahlunfähige Burschen — Flugblätter, die sich in gröbsten Beschimpfungen gegen die Regierung und alle Parteien ergingen. Jeden Morgen klebten frische Niesenplakate an bevorzugten Stellen der Litfaß-Säulen, in denen die Wähler aufgefordert wurden, mit den „Bankrotteuren" in der Regierung „auszumisten". Nachts kontrollierten ihre S.-A.-Abteilungen aus Lastwagen die Stadt und die Vororte daraufhin, ob Plakate und Zettel anderer Parteien angeklebt waren. Wo sie einen politischen Gegner vermuteten oder erkannten, fielen sie rücksichtslos über ihn her, entrissen ihm das Wahlmaterial und verprügelten ohne Anlaß die Andersdenkenden, die natürlich der bewaffneten Uebermacht nicht standhalten konnten. Bei solchen Gelegenheiten wurden auch mehrere jungtz jüdische Kausleute, die sich freiwillig als Helfer bei der Wahlagitation zur Verfügung gestellt haben, angegriffen. Besonders übel wurde dem Wiesbadener Fabrikanten Alfred Herz mitgespielt, der auf dem Heimweg von Mainz nach Wiesbaden bei einem Halt seines Autos von etwa Zwanzig Hitler- Leuten überfallen, mit Schlagringen, Gummiknüppeln und anderen gefährlichen Werkzeugen bearbeitet und erheblich verletzt wurde. Er mußte noch in der Nacht ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und liegt noch jetzt an einer schweren Gehirnerschütterung danieder. Die Polizei hat in derselben Nacht die Verfolgung der Täter ausgenommen und etwa Zehn Nationalsozialisten, die an dem Ueberfall beteiligt waren, in Haft gesetzt. Im Zusammenhang mit mehreren ähnlichen Zusammenstößen der Nationalsozialisten mit politischen Gegnern hat das Polizeipräsidium die Benutzung von Kraftwagen und Motorrädern, insbesondere sogenannten Nennern, zum Transport von nationalsozialistischen Gruppen verboten. Die letzte Wahlwoche brachte für Plauen und das Vogtland unruhige Tage. Während daß sich die Deutsche Staatspartei in Zahlreichen Gebieten nur darum als widerstandsfähig gegen den nationalsozialistischen Ansturm erwies, weil sie in den jungdeutschen Elementen Helfer fand, die in unmittelbarer Berührung mit großen Nichtwähler schichten standen. Daneben ist es aber Aufgabe der Regierenden, die radikale Bewegung mit großem Ernst Zu verfolgen. Es ist ein unhaltbarer Zustand, daß Deutschland der T u m m e l - platz einer Verhetzung i.st, die aller Wahrscheinlichkeit n a ch z u m größten Teile aus nicht deutschen Geldquellen gespeist wird. Wenn man weiß, mit welcher Energie beispielsweise England solchen Gepflogenheiten begegnet, muß man von den deutschen Behörden verlangen, daß auch sie herausbekommen, welche dunklen Mächte Deutschland durch Subsidien an den Radikalismus a u s z u h ö h l e n versuchen. Wir brauchen eine Regierung der festen Hand; sie ist um so unerläßlicher bei einem Wahlrechte, das die Grenzen so weit zieht und die Stimmen so restlos berücksichtigt, wie das bei uns der Fall ist. sich bis dahin der Wahlkampf in verhältnismäßig ruhigen Bahnen bewegt hatte, mm Anfang der Woche der Kommunist Holz ins Vogtland. Am Dienstagabend wollte er in Bad Elster sprechen, wurde aber noch vor Beginn seiner Rede von Plauener Nationalsozialisten vom Podium heruntergeholt und so schwer mißhandelt, daß er bewußtlos nach Falkenstein transportiert werden mußte. Wie die kommunistische und sozialdemokratische Presse behauptet, sollen die erwähnten Nationalsozialisten zur Schutzstaffel 2 gehören, die unter der Leitung des Herrn M utsch - m a n n selbst stehen soll. Infolgedessen ist auch gegen M u t s ch m a n n, der an zweiter Stelle aus der Landesliste der NSDAP, aufgestellt war, in der sozialdemokratischen und kommunistischen Presse der Vorwurf der Anstiftung zum Morde erhoben worden. Hölz erlitt sehr schwere Verletzungen am Kopf. Gleichwohl brachte er es fertig, schon zwei Tage später wieder in Plauen zu sprechen. Zu dieser Versamnllung hatten sich etwa 14 000 Personen auf dem Schützenplatze in .Plauen eingesunden. Die Erregung der Arbeiterschaft infolge des Ueberfalles auf Hölz war dermaßen gestiegen, daß es an den folgenden Tagen zu einer ganzen Anzahl von Schlägereien Zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten kam. Die Nationalsozialisten sahen sich daher genötigt, für einige Tage ihre Abzeichen von ihrer Kleidung verschwinden zu lassen,, um nicht auf der Straße der Wut der erregten Arbeiterschaft ausgesetzt Zu sein- Der Fraktionsführer der nationalsozialistischen Stadtverordnetenfraktion erbat polizeilichen Schutz, so daß ein Doppelposten vor seiner Wohnung aufgezogen wurde. M u t s ch m a n n selbst, der am Donnerstag in einer Wahlversammlung in Neichenbach i. V. sprechen sollte, traute sich nicht aus dem Hause, das ebenfalls polizeilich beschützt wurde, und blieb der Versammlung in Reichenbach fern. U e b e r die Stadt Oelsnitz i. V. und Umgebung w u r d e der Ausnahmezustand verhäng t. Aus allen größeren Städten Sachsens wurden Polizeimannschasten nach Plauen beordert. Dadurch bekamen am Sonnabend vor der Wahl auch die Nationalsozialisten wieder 3m (Dienste schönet (hauest erprobt und bewährt ist TERflS-EÄU DE COLOGKE RUSSE durch ihre nerven- und niusk eistärk ende Wirkung sowie ihren würzigen anhaltenden Duft. Preise: 1,— 1,28 2,- 3,50 6,» EM, Erhältlich in allen guten Gegründet 1869 einschlägigen Geschäften. JERA$-ÜO$“Max Schwarzlose, Berlin Mut. und zeigten sich öffentlich in Uniform und Abzeichen. Die riesigen Versammlungen der Kommunisten und Nationalsozialisten am Sonnabend vor der Wahl verliefen infolge des Polizeischutzes ohne nennenswerte gegenseitige Störungen. Abgesehen von verschiedenen kleineren judenfeindlichen Anpöbeleien hat sich aber eine e r n st e r e antisemitische A u s schreit u n g i n d e r N a ch t z u m 3 1. A u g u st z u - getragen. Zwei Mitglieder der Jüdischen Gemeinde wurden von etwa sechs Personen — Männern und Frauen — unter antisemitischen Schmährufen hinterrücks überfallen und schwer mißhandelt» Der eine erhielt unter anderem anscheinend mit einem Schlagring einen schlag über das rechte Auge, so daß er sich in ärztliche Behandlung begeben mußte. Ein nationalsozialistisches Flugblatt hetzte gegen einen hiesigen jüdischen Arzt mit der Behauptung, daß er in engster Verbindung mit Hölz und den Kommunisten stehe. Diese Behauptung war lediglich Wahlschwiudel. Wir haben schon früher über die besonders schwierige und exponierte Lage der Juden in dem mecklenburgischen Städtchen G n o i e n berichtet. Wie wir erfahren, hat sich der Wahlterror dort in besonders scharfer Form gegen unsere Freunde ausgewirkt. Im Anschluß an eine Wahlversammlung kam es zu schweren Ausschreitungen, in deren Verfolg sich die nationalsozialistische Wut gegen unser Mitglied Alfred Beyer, einen dort seit vielen Jahrzehnten ansässigen Kaufmann, wandte. Ein Trupp von Nationalsozialisten umlagerte sein Haus und zerstörte seinen Laden mit eisernen Gartenstühlen. Lanötagswahl in Sraunßhweig Am 14. September fand in Braunschweig gleichzeitig mit der Reichstagswahl auch die Landtagswahl statt. Die 40 Mandate verteilen sich nach dem Wahlergebnis folgendermaßen: Bürgerliche Einheitsliste . 11 Mandate NSDAP.9 „ Deutsche Staatspartei . . 1 S. P.D.17 Kommunistische Partei . . 2 Das Auffallende an dem Ergebnis ist, daß die Sozialdemokraten, die bisher 24 Mandate hatten, 7 Mandate verloren haben, während die Nationalsozialisten, die bisher, nur mit eine m Abgeordneten int Landtag vertreten waren, ihre Mandatszahl auch hier verneunfacht haben. Iuöenfeinölicher Wahlterror in Mesbaöen, Plauen und Gnoien /7ERAS1 KMUECDtOGA i MISSE h