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Central-Verein-Zeitung · 1930-09-19 · 38 (19.9.1930) · p. Seite 498

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
38 (19.9.1930)
Date
1930-09-19
Page
Seite 498 (sequence 2)
Language
German
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m Der 44. Seviember von Dr. Klfre- Wiener Der gewaltige Erfolg der Nationalsozialisten vom letzten Sonntag ist unbestreitbar. Sie haben ihre Stimmenzahl von den Maiwahlen 1928 fast verachtsacht (von rund 810 000 aus rund 6 400 000), ihre Neichstagsfitze (1928: 12) fast verneunfacht (1930: 107). Sie haben inLandsberg a. d. Warthe Stimmzahlen von 7210 gegen 389 von 1928, in G l e i w i tz 6566 gegen 362, in Dessau 11 776 gegen 703, in M ü l h e i m (Ruhr) 16 000 gegen 461 erreicht. Im Landkreis H albe r st a d t haben sie ihre Stimmen von 311 aus 5099 emporgeschraubt. Aber — und das ist bei diesem Erfolge der wilden Kampspartei gegen den „Marxismus" charakteristisch — wenn man Sozialdemokraten und Kommunisten zusammennimmt, so ist diesen eigentlichen Arbeitergruppen durch den Nationalsozialismus kein wesentlicher Abbruch geschehen. 1928 gewannen diese beiden Parteien über 9 151 059 4- 3 263 354 12 414 413 Stimmen, bei der Wahl 1930 8 572 016 4- 4 587 708 13 159 724 Stimmen. Die Sozialdemokratie hat allerdings 10 Man-' date eingebüßt und einen Mandatszuwachs ’ aus der erhöhten Wahlbeteiligung nicht für sich verbuchen können; dafür haben die Kommunisten den Gewinn von 22 Mandaten eingeheimst. Niemand wird also trotz des nationalsozialistischen Sieges behaupten können, der Nationalsozialismus habe „sein" Kampfziel, die Vernichtung des Marxismus, auch nur im entferntesten erreicht. Woher Haben die Nationalsozialisten sich die Anhänger geholt? Zweifellos aus bürgerlichen und kleinbürgerlichen Kreisen: Kleingewerbetreibende, mittlere Beamte, Angestellte, Studenten, aber auch große Scharen der Jungwähler, und hier wohl auch aus Arbeiter- und Erwerbslosenkreisen, haben sich dem Hakenkreuzbanner zugesellt. Das „Warum" ist zu bekannt, als daß es hier nochmals untersucht werden sollte. Bedrückend und traurig ist der Gedanke, daß mehr als jeder sechste deutsche Wühler nationalsozialistisch gewählt hat. Aber ebenso richtig und wichtig die Erkenntnis, daß kaum der tausendste von ihnen das Hitler- Programm kennt oder gar anerkennt, und ebenso tröstlich die Sicherheit, daß nicht etwa jeder, der jetzt der Hakenkreuzfahne die Ehre gegeben hat, nun gar eingefleischter Judengegner ist oder sein will. Hitler, der schlaue Stratege, weiß sehr wohl, warum er auch diesen Wahlgang wieder mit gedämpftem antisemitischen Trommelklang geführt hat. Vielen seiner Wähler von heute hätten die judenfeindlichen Klobigkeiten der Streicher und Straffer, wenn sie die Versammlungen beherrscht hätten, die Liste 9 gründlich verleidet. Trotzdem: der Erfolg Hitlers, der selbst uns in dieser Größe überrascht hat, steht unverrückbar da und ist als ganzer gesehen nicht wegzudisputieren. Haben wir alles getan, was wir konnten, um diesen Wahlausgang zu verhindern? Betrachten wir nüchtern und sachlich die Arbeit der Zentrale des Vereins, seiner Landesverbände, seiner Ortsgruppen in der Wahlzeit, so müssen wir im allgemeinen sagen: Jeder hat pflichtgemäß im Kampfe gegen die nationalsozialistischen Zügellosigkeiten und Drohungen sein Bestes hergegeben, hat eifrig und heißen Herzens zur Aufklärung beigetragen. Großartige Hingabe, prächtige Leistungen waren zu sehen. Heiliger Ernst im Kampfe für Vaterland und Judentum erhob uns. Opferfreudigkeit wie selten loderte auf. Unsere Mitglieder, unsere Freunde, die deutschen Juden, haben uns nicht im Stiche gelassen. Rührende Zeugnisse der Anhänglichkeit sollen nicht vergessen werden: Da stiftete ein Schüler eine zusammengesparte Mark, die Insassen eines Altersheims scharrten kleine und kleinste Betrüge für unsere Arbeit zusammen, manche Witwe, mancher Schlechtbemittelte legte die letzten Groschen auf den Opfertisch. Hochachtung allen diesen Mitkämpfern! Dank den Tausenden und aber Tausenden, die uns, die ihrer Sache mit bescheidenem, mit ansehnlichem Opfer, je nach ihren Kräften, halsen! Aber die Kritik kann und darf in dieser ernsten Stunde nicht fehlen. Die Arbeit war in vielen Gebieten viel zu sehr auf die Wahlzeit abgestellt. Seit zwei Jahren ziehen die Nationalsozialisten landauf und landab. Eine Versammlung jagt die andere. Keine Tagesfrage entgeht ihrem taktischen Scharfblick. Modernste und rassinierteste Plakattechnik, allerdings mit dem allzu großen Schuß Skrupellosigkeit, lockt die Massen, lockt die Unzufriedenen, aus die sie hauptsächlich spekulieren, wie Scheinwerferlicht die Mücken an. Mit eingesandten Berichten über ihre Veranstaltungen bombardieren sie die Zeitungen besonders an kleineren Orten und erreichen so eine kostenlose Reklame in diesen meist von allen Einwohnern, ohne Unterschied der Parteirichtung, gelesenen Blättern. Haben wir, soweit unsere Interessen in Frage kamen, ihnen nachgeeifert? Haben wir rechtzeitig Aufklärungsliteratur überall verbreitet? Haben wir überall, wo es möglich war, auch Versammlungen abgehalten? Haben wir mit der Presse überall Fühlung genommen? Haben wir uns stets mit zugänglichen Persönlichkeiten aus dem politischen Lager, aus der Beamtenschaft, unter den Geistlichen, den Lehrern über den Ernst der Lage ausgesprochen? Gerechtigkeit gebietet festzustellen, daß die meisten Hauptvorstandsmitglieder, die meisten Landesverbände und Ortsgruppenvorsitzenden ihre nicht immer leichte Pflicht erfüllten. Aber in manchen Gegenden des Reiches ist manches unterblieben, hätte weit, weit mehr geschehen müsien. Die Zentrale, die Landesverbände, die Ortsgruppen werden daher jetzt zu prüfen haben, wo Besserung, wo Personenwechsel eintreten muß. Und nur solche Persönlichkeiten sollten Ehrenstellen im Verein bekleiden, die gewillt sind, z u arbeiten, die ihr Amt gewissenhaft ausüben wollen. Seien wir uns aber trotz berechtigter Kritik im einzelnen klar: Wir allein werden dem Nationalsozialismus nicht beikommen können. Wir können im Kampfe gegen ihn, gegen sein judenfeindliches Wesen, eine wichtige Rolle spielen. Wir haben dafür alle Kraft auch bei dieser Wahl hergegeben, und dieses wichtige Maß voll Arbeit war nicht vergeblich. Aber haben die Parteien, die politischen Ausdrucksformen des deutschen Volkes, den Kampf gegen den Nationalsozialismus rechtzeitig ausgenommen? Guter Wille, redliche Einsicht fehlten nicht, fehlten seit Monaten nicht. Der Weg vom Willen zur Tat aber war unendlich weit. S ta t t eines planmäß |gen großen F e ld z uges g e g en d e n Nntion also z i a t ismus, der feit Jahresfrist und mehr Hütte ein sehen muffen, wenn er Aussicht aus Erfolg haben sollte — wohl hier und da Zurechtweisungen in Versammlungen, Warnungen in den Blättern und manches andere, aber kein umfassendes Ausklärungsprogramm der Parteien, um dieser Bewegung, die alle Parteien, selbst die Hugenbergs nicht ausgenommen, stark angeht und bedroht, wirksam entgegenzutreten. Die Keulenschläge der Parteien in der Wahlzeit wurden so mehr oder weniger zu Lufthieben. Nicht wir, scheint uns, die Parteien vor allem sind im Kampf gegen H i t l e r s ch e Propaganda u n d A g i - tation, denen ein Wirtschaftselend sondergleichen zu Hilfe kam, die Unterlegene n. „A r b e i t e n und n i ch t v e r z w e i f e l n" — wie bitter bewahrheitet sich das bekannte Wort in diesen Tagen. Die Dumpfheit, die augenblicklich noch über dem deutschen Volke lagert, wird schnell schwinden. Alle die, denen das Wohl des Vaterlandes wirklich am Herzen liegt, werden sich kampfbereiter denn je in die Reihen stellen. Der Führer der Deutschen Volkspartei, Dr. Scholz, nennt die Möglichkeit, die Nationalsozialisten an bie Negierung zu lassen, Katastrophenpolitik. Die angesehene, der Bayerischen Volkspartei nahestehende „Augsburger Postzeitung" verlangt, daß „unter keinen Umständen" dem Radikalismus die Zügel der Regierung in die Hand gegeben werden. Glaubt jemand im Ernste, daß die Partei eines W i r t h und M a r x sich mit einem F r i ck und M ü n ch - meyer eintrüchtlich im Reichstag zusammensetzen werden? Oder daß ein Bredt und Drewitz eine Partei freundnachbarlich begrüßen werden, deren sächsisches Organ („Der Frecheitskampf" Nr. 40 vom 16. September) untev mehrspaltiger Uederschrift „Mit der Waffe in der Hand" nachdrücklichst eine Aeußerung der „Hamburger Nachrichten" bekräftigt, 1913 waren 3Ä 1929 waren 2558 Leulscke Juden heimatlos auf der Landstraße! Steuert dem Stend durch Errichtung der MW» Aktion der deutschen Süden für Erziehung und Arbeit Berlin-Eharlottenburg 2, Kantstraße 158. Das Kuratorium: Rabbiner Dr. Baeck, Dr. W. Kleemann, Hugo Neuberg, Georg Tietz, Frau Margarete Tietz Legationsrat Prof. Dr. Sobernheim Fritz Wallach, Dr. S. Wassermann Beiträge dankend erbeten auf das Postscheckkonto der Aktion der deutschen Juden für Erziehung und Arbeit Berlin 15 7 03 oder auf das Bankkonto beim Bankhaus A. E.Wassermann, Berlin \V8, Wilhelmplatz 7

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