Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 38 (19.9.1930)
- Date
- 1930-09-19
- Page
- Seite 497 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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min ttura! Serlkn, 1-. September 1930 IX. Fahrsang ♦ Nr. 38 Einzelnummer 2-pfennig Blätter für deutfelitum und Judentum Vierteljahröabonnement , 2,5« RM. (zuzügl. Bestellgeld). Verlag und SchrrfLleLLung: Berlin 8W 68, Lindenstr. 13. stube O, Berlin SW 68, Alleinige Anzeigenannahme: Annoneen-Expedition Rudolf Mosse, Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche Organ des tentralOereiusöeutfekexp' EtaatsdüryerMötfelten ölaudens e.v. Allgemeine Zeifung desDudentums Amt Dönhoff 3594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel* Lindenstraße 7, und von Goldschmidt - Rothschild & Co., Berlin W 8. i, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 31Ji für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Masse» (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 31S., die 62 mm breite Reklamezeile 3,50 31M* Klarheit, Arbeit, Mut! Die Jüdische Xeiegraplien-Agentur, Ita, hat an eine Reihe deutscher Juden die Fragen gestellt, wie sie die Tatsache beurteilen, dass über sechseinhalb Millionen nationalsozialistische Stimmen abgegeben, d. h. 107 nationalsozialistische Abgeordnete gewählt wurden und wie die deutsche Judenheit der Gefahr des Nationalsozialismus entgegenzuwirken gedenke. Der stellvertretende Vorsitzende des Centralvereins Ernst Wallach antwortet: Zu Punkt 1. Die Stimmabgabe ist die Quittung von dreieinhalb Millionen Arbeitslosen und drei Millionen um ihr tägliches Brot besorgen Menschen, die nur in einem radikalen Umsturz eine Möglichkeit für die Rettung ihrer Zukunft sehen. Der Gedanke, daß viele, viele Millionen weder Brot noch Aussicht auf Brot haben und daß dabei jedes Jahr Milliarden ins Ausland fließen, ist für die meisten Menschen unerträglich. Sicherlich ist der Nationalsozialismus alles andere als die letzte Rettung aus diesem Zustande. Das aber sehen die Menschen nicht ein, die in ihrer Verzweiflung glauben, das ganze Gebäude abbrechen zu müssen, obwohl eine Wiederherstellung auf dem gegebenen Fundament zwar schwierig, aber durchaus möglich und hoffnungsvoll ist. Zu Punkt 2. Ich halte die Gefahren für die Juden für außerordentlich groß. Der Boykott, die Einengung der Berufswahl, die Gefahr persönlicher Verfolgungen ist die mittelbare Wirkung des nationalsozialistischen Sieges. Die unmittelbare Wirkung kann unter Umständen noch schlimmer sein. Trotzdem w a r n e i ch v o r V e r z w e i f l u n g! Wenn die deutsche Judenheit fest im vaterländischen Gedanken beharrt und den Kampf unr ihre Ehre noch viel intensiver führt, als sie es bisher getan hat, und somit beispielgebend dem Volke zeigt, daß alle Verleumdungen gegen den jüdischen Volksteil unbegründet sind, so wird die deutsche Judenheit durch dieses ihr Sein und durch ihre Tätigkeit, die sie aus dieser Einstellung ausübt, alle Gefahren meistern. Das größte Unglück wäre, wenn die Pessimisten in unserem Lager, die Lauen und die Halben, den Sieg davontrügen. Der Direktor -es Centralvereins vr. Lu-wig Holländer antwortet: Za Paakt 1. Das Ergebnis der Wahlen beruht auf der tiefsten Verzweiflung, in die viele Millionen deutscher Menschen durch die gesamten politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse Deutschlands und im Irrglauben über die Hoffnungslosigkeit der deutschen Zukunft gekommen sind. Judenfeindliche Beweggründe waren keineswegs von ausschlaggebender Bedeutung; sie traten vielfach stark zurück. Doch darf nicht übersehen werden, daß die langsame Einträufelung judenfeindlicher Gedankengänge trotzdem eine ungeheure Gefahr für die deutschen Juden bedeutet. Wenn nicht alle Vernunft innerhalb der nichtradikalen politischen Parteien aufgeboten wird, ist die Gefahr eines Bürgerkrieges nähergerückt. Eine verlorene Schlacht ist kein verlorener Krieg. Die Erkenntnis von der Gefährlichkeit der nationalsozialistischen Bewegung macht sich nach den Wahlen schon sehr stark auch in Kreisen geltend, die vor dem 14. September dem Nationalsozialismus ein gewisses Wohlwollen entgegengebracht haben. Za Punkt 2. Wenn auch die bisher, insbesondere vom E. V. geleistete jüdische Arbeit gegen die Gefahren des Nationalsozialismus keinerlei sichtbaren Erfolg gezeigt hat, so hat sie gerade in Kreisen, die an sich weltanschaulich dem Nationalsozialismus nicht bejahend, aber auch nicht verneinend gegenüberstanden, besonders stark und richtunggebend gewirkt. Keineswegs sind die Mittel, die gegen den Nationalsozialismus aufgewendet wurden, als verloren zu betrachten. Sie waren nur nicht stark genug, um gegenüber der Ueberschwemmung der deutschen Bevölkerung mit den nationalsozialistischen Parolen heute schon durchzugreifen. Die politischen Parteien haben leider zu einem großen Teile er st in den letzten Wochen die Gefahr des Heran brause ns der natio n also ziali st ischen Welle erkannt und bis zum Wahlkampf die ganze Bewegung lange nicht ernst genug genommen, obwohl von meinen Freunden feit Jahren und immer wieder alles getan wurde, um auf den Ernst der Lage hinzuweisen. Die Richtung der kommenden Arbeit ist hierdurch bestimmt: Mit allen Mitteln der logischen und psychologischen Ueberzeugung ist auf die Unanständigkeit, Unwahrhaftigkeit, Aussichtslosigkeit, Hohlheit und Zwecklosigkeit der nationalsozialistischen Phantastereien hinzuweisen und innerhalb und außerhalb der Parteien tunlichst allen Menschen das Material in die Hand zu geben, damit sie sich über das Unglück, das der Nationalsozialismus für die deutsche Gesamtheit, auch dem Auslande gegenüber, bedeutet, ein Urteil bilden können. Notwendig ist unbedingt die A u f r ü t t e - lung der gleichgültigen Juden, die in ihrer großen Masse keinen inneren Anteil an den Ereignissen nehmen und mit einem Unglück verheißenden Fatalismus glauben, man könne an der Zukunft nichts ändern. Nichts ist falscher und sittlich verwerflicher als eine solche Einstellung. Aus dem Inhalt: Rabbiner Dr. S. Weisse: Sittliche Neugeburt, eine Neujahrsbetrachtung. S. 501 Ernst Lissauer: Legende...S. 502 Walter Fest (Duisburg): Jüdische Grabsteinbilder in Russland.S. 503