Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 37 (12.9.1930)
- Date
- 1930-09-12
- Page
- Seite 486 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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486 Wie das Ausland die" steht Aus einem Aussatz der „Neuen Zürcher Zeitung". „Eine Hitlerversammlung in einer süddeutschen Großstadt. Das Bild ist typisch, überall dasselbe. Ein enormer Zustrom von Menschen. Auch von gegnerischer Seite wird die Zahl der Teilnehmer aus 12 000 bis 15 000 geschätzt. Alle Volksschichten sind vertreten. Vorwiegend aber Mittelstand. Auch von draußen, von weither, aus dem ganzen Hinterland sind sie gekonnnen, Anhänger und Neugierige. Eine ganze Wagenburg von Autos und Lastwagen steht draußen. Menschenmauern vor dem überfüllten Saal. Der Name Hitler zieht heute wie kein zweiter. Für viele ist dieser Mann eine Art Messias. Die Regie der Versammlung, die ganze Ausmachung ist tadellos. Im Saal auf einem großen Schild die Worte: „Zerreißt den Uoung-Plan!" Wie das gemacht werden soll und was an die Stelle treten soll, das verrät der nationalsozialistische Führer mit keinem Wort. Er erklärt ausdrücklich, daß er über keine Tagessragen reden werde. Wie wenn der Joung-Plan nicht auch eine, und zwar die wichtigste Tagessrage wäre! Auf einer großen roten Fahne stehen die Worte: „Freiheit und Brot". Auch hier kein Wort zu den einzelnen Dingen. Auch als Hitler von der Not der Landwirtschaft spricht, kein Wort davon, w i e ihr begegnet werden soll, wie z. B. das schwere Problem eines Ausgleichs zwischen agrarischer Schutzzollpolitik und den Interessen einer industriellen Wirtschasts- und Handelspolitik gelöst werden soll. Bekanntlich ist der Nationalsozialismus stark sozialistisch eingestellt. Vergeblich wartet man auf eine Stellungnahme des Redners zur Frage der Privatwirtschaft. Ebensowenig hören wir etwas über seine Stellung zum heutigen Staat, den der Nationalsozialismus bekanntlich von Grund aus zerstören will. Der Redner schweigt sich selbst über den Antisemitismus aus, den seine Partei sonst in der rüdesten Form propagiert. Der denkende, politisch orientierte Mensch ist schwer enttäuscht von der Leere an politischen Gedanken, und zugleich beelendet. Das ist nun der Mann, dem das Volk massenhaft zuläust! Keine ernsthafte, sachliche Erörterung der Probleme, kein Sichauseinandersetzen mit den großen Fragen des Tages. Aber das ist gerade die ganz raffinierte Anpassung an den seelischen Zustand Ungezählter, die nichts mehr von Parteien und Programmpunkten wissen wollen, die das Vertrauen zur Politik verloren haben, die die Probleme nicht mehr durchdenken wollen. Hitler kennt die Psyche dieser Massen. Er sieht ab von jeder Politik im übrigen Sinn. Er stellt sich ganz ein auf diese Menschen, die etwas unbestimmt Neues erhoffen. Er appellierte ausschließlich an das Gefühl. Er erregt die Leidenschaften für irgendein phantastisches Ziel, ohne daß der Großteil seiner Hörer merkt, daß er ihm die Wege dazu völlig verschweigt. Er sagt, es komme nur darauf an, einen Willen zu schaffen. Einen gemeinsamen Willen. Alles andere werde sich dann finden. Darin liegt das Geheimnis seines Erfolges bei der Menge der Unpolitischen. Was er von ihnen will, ist Glaube. Glaube an ihn. Aber darin liegt auch die enorme Gefahr dieses Führers und seiner Bewegung, die zu unterschätzen in einem politisch so wenig erzogenen Volk wie dem deutschen ein sehr schwerer Fehler wäre. Bei dem Großteil unserer süddeutschen Bevölkerung wird diese pöbelhafte Bekämpfung des politischen Gegners, wie sie die Nationalsozialisten verüben, das Gegenteil bewirken. Sie stößt ab und führt zu dem Schluß, daß es um eine Sache, welche den Gegner niederschreit, nicht gut stehe. Nationalsozialistische Jutterkrippenwirtschast Entgegen den pathetischen Erklärungen Hitlers und Goebbels geht dre Revolte, die die Berliner SA. der Nationalsozialistischen Partei verübt hat, immer noch weiter. „Der Nationale Sozialist" ist in der Lage, in seiner Ausgabe vom 9. September ein Flugblatt zu veröffentlichen, daß von opponierenden SA.-Leuten herausgegeben wurde und zurzeit in der Berliner SA. kursiert. In diesem Flugblatt wird zunächst betont, daß die Meinungsverschiedenheiten Zwischen Partei und SA. und in der Partei selbst sich nicht mehr beilegen lassen. Es heißt dann weiter: „Hat es einen Zweck, gegen die Marxisten und bürgerlichen Parteien zu kämpfen, wenn wir in unserer eigenen Partei die übelste Bonzenwirtschaft dulden? Dev Kampf dev zivilen Parteiführer um die Futterkrippe ist in unseren eigenen Reihen geradezu widerlich! Nicht nur in dieser Republik, sondern bei unserer eigenen Parteiführung und bei der SA.-Leitung muß reiner Tisch gemacht werden, denn auch fie verfolgen selbstsüchtige Interessen und verbergen uns ihre wahren Ziele. Hinter der Forderung der Beteiligung der SA. an den Einnahmen verbergen sich die selbstsüchtigen Wünsche des Osas Ost. Entspricht das unserem Programm? Wir, die in den eigenen Reihen 50 Prozent Erwerbslose haben, sollen nach den Wünschen unserer eigennützigen Führer auch diesen Aermsten der Armen, die trotz ihres Elends für die Partei ihr Letztes hergaben, ja, selbst ihr Blut und Leben opferten, das letzte Stück Brot nehmen. Das ist Verrat, wie er teuflischer nicht erdacht werden konnte! Darum hinweg mit den Verrätern!" Dieses vernichtende Urteil über dieNSDAP.- Führung wird heute von alten Ratio- "Wer 6eim Sport und wer ßeim'Wandern Kaiser-Borax-Puder wäfift. Brauefit nur diesen-fceinen andern, "Weil ihn nie mehrWundsein quält. nalsozialisten gefällt, die jahrelang mit Begeisterung für die NSDAP, gearbeitet und gekämpft haben! Skandale innerhalb der vochnmer ASSAV. Der „Dortmunder Generalanzeiger" vom 7. September d. I. meldet, daß der tödlich verunglückte Geschäftsführer der NSDAP., Budgereit (Bochum) gleichzeitig Spitzel der politischen Polizei gewesen sei. So konnte er mit Leichtigkeit genaue Einsicht in die hochverräterischen Pläne der Nationalsozialisten bekommen und diese aufdecken. Er hat der Polizei sehr oft genaue Berichte darüber geliefert. Einen von diesen veröffentlicht der „Dortmunder Generalanzeiger". Budgereit kennzeichnet darin die SA. (Sturmabteilungen) bzw. SS. (Schutzstaffel) als eine rein militärische Organisation, die aufgestellt ist, um im gegebenen Moment in Deutschland eine Revolution zu entfachen und das „Dritte Reich" aufzubauen. Er spricht weiter davon, daß die Nationalsozialisten im Falle eines Bürgerkrieges mit einem fürchterlichen Gemetzel innerhalb der Bevölkerung rechnen und auch davor nicht zurückschrecken. Interessant sind weiter seine Berichte über die sogenannten „Rollkommandos". Diese setzen sich aus wenigen vollkommen zuverlässigen Parteimitgliedern zusammen und haben die besondere Aufgabe, innerhalb der Bevölkerung eine Pogromstimmuug hervorzurufen und den Hatz zu schüren. Man will mit stärkeren Mitteln zum Boykott, besonders gegen jüdische Warenhäuser, ausfordern und beispielsweise in der Weihnachtszeit die Warenhäuser mit Stinkbomben verpesten, um den Geschäftsbetrieb dadurch zu stören. Die Partei selbst lehnt den. Terror zwar offiziell ab, hat aber in jeder Ortsgruppe fünf bis acht Mitglieder, die als ein weiteres „Rollkommando" jüdische oder jüdisch aussehende Personen anpöbeln und verprügeln sollen. Budgereit gibt als Beweis schon vorgekommene Fälle an. Im Kampfe gegen die Hiilerianer keine Zersplitterung Alle Stimmen nur der JjI LISTE 1 Sozialdemokratische Partei Deutschlands 99999908