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Central-Verein-Zeitung · 1930-09-12 · 37 (12.9.1930) · p. Seite 485

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
37 (12.9.1930)
Date
1930-09-12
Page
Seite 485 (sequence 5)
Language
German
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4SS länbct das Wort zu einem letzten eindringlichen, anfeuernden Appell an die jüdische Wähler- Kt. Es könne bei weitem nicht alles Notwendige rhen, um Existenz und Recht, Ehre und Ansehen unserer Gemeinschaft Zu sichern, wenn man in weiten Kreisen der deutschen Judenheit unseren gerechten Kamps gegen Abneigung, Widerwillen und Vorurteil immer noch als zwecklos und unnötig ansehe. Unsere jüdischen Interessen könnten weder im Rahmen einer großen Partei eine wesentliche Rolle spielen, noch in einer einheitlichen jüdischen Partei vertreten werden. Der Centralverein als parteipolitisch neutrale Organisation e m p f e h l e seinen M i t g l i e d e r n keine bestimmte Partei, nur der Partei könne man seine Stimme geben, die im entscheidenden Augenblick für unsere Gleichberechtigung ein- Lrete und den Nationalsozialismus entschieden bekämpfe. Dr. Bruno Weil legte die grundlegende Unterschiedlichkeit zwischen der heutigen und den früheren antisemitischen Bewegungen dar. Der heutige Judenhaß finde feinen Unterbau in den pseudowissenschaftlichen Gedankengängen der Lehre von der Rassenverschiedenheit. Der Nationalsozialismus bekämpfe alle wertvollen Grundlagen und Errungenschaften des modernen Verfassungsstaates, er rüttele an dem Prinzip der Gleichberechtigung, setze an die Stelle des Humanitätsgedankens die rohe Gewalt und an die Stelle des ewigen Grundsatzes der Gerechtigkeit die Nechtsverwilderumg, die sich schon jetzt gegen das deutsche Judentum nachteilig auszuwirken beginne. Als Vorsitzender der Berliner Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten rechnete Tr. S. London mit den Nationalsozialisten, die da behaupten wollen, die Juden hätten sich in ungenügendem Ausmaß am Kriege beteiligt, ab. Er stellte fest, daß von den heutigen Führern unserer Gegner fast keiner Frontdienst getan habe. Die einprägsamen Worte von Margarete Fried, der Leiterin der Berliner Frauenarbeit des Centralvereins, galten den zahlreich erschienenen Frauen, die sie als Mütter, Staatsbürgerinnen und Jüdinnen zum tatkräftigen Kampfe gegen den Hetzfeldzug namentlich des antisemitischen Deutschen Frauenordens aufforderte. Martin Sobotker, der Vertreter der jüdischen Jugend, hob hervor, daß es neben der allgemeinen deutschen Wirtschaftsnot und der mit dieser unlöslich verknüpften jüdischen Katastrophenstimmung eine b e s o n d e r e j ü d i s ch e I u g e n d n o t gebe. Er feuerte die Jugend an, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, und rief sie zu politischer Betätigung, besonders zur Beteiligung am bevorstehenden Wahlkampf auf. Landgerichtsrat Dr. Joachim S e l i g s o h n unterstrich die Ausführungen der Vorredner über unsere Wahlpflicht, hob nochmals die parteipolitische Neutralität des Centralvereins hervor und erklärte, daß man bei jeder aus dem Boden der Verfassung stehenden Partei, der man seine Stimme geben wolle, Schönheitsfehler in Kauf nehmen müsse. Das dürfe aber niemand dazu verleiten, sich am 14. September seiner Stimme zu enthalten. Alle Redner ernteten den stürmischen Beifall der bis zum letzten Augenblick in gespanntester Aufmerksamkeit ausharrenden Menge. Die Versammlung,' die von Anfang bis zum Ende sichtlich unter dem Eindruck des Ernstes der Stunde stand, nahm einen — abgesehen vem Störungen einiger jugendlicher Schreier — überaus würdigen Verlauf. — th — * Unser Raum ist leider 31t beschränkt, als daß wir über all die vielen Versammlungen und Kundgebungen berichten könnten, die unsere Landesverbünde und Ortsgruppen in den letzten Wochen veranstaltet haben. Nur über die Sreslauer Kundgebung wollen wir nachstehend kurz berichten, da sie von unseren Freunden als die gewaltigste und eindrucksvollste bezeichnet wird, die im deutschen Osten seit Jahren stattgefunden hat. Man schreibt uns: DEUTSCHE VOIKSPMEI EISTE 5 In Breslau fanden atu 21. August zwei vom Centralverein, dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und der Zionistischen Vereinigung gemeinsam veranstaltete, überfüllte Versammlungen statt, in denen Direktor Dr. Ludwig Holländer, Rechtsanwalt Dr. Walter L u x, Dr. Felix H e i m a n n und Dr. Franz Meyer unter stärkstem Beifall der Anwesenden über die Bedeutung der Reichstagswahlen für die deutschen Juden sprachen. Dr. Holländer nahm zu den einzelnen politischen Parteierl Stellung und wies eindringlich darauf hin, daß jede nicht abgegebene Stimme eine Stinlme mehr für die Nationalsozialisten bedeute. Dr. Lux erklärte, man müsse verhindern, daß das Reich nach Thüringer Muster regiert werde, und beschäftigte sich insbesondere mit der Stellung der Deutschen Staatspartei zum Nationalsozialismus und Antisemitismus. Auch in der Parallelversammlung richtete Dr. Holländer einen eindrucksvollen Appell an die zahlreich E r - s ch i e n e n e n. Die „Jüdische Zeitung für Ostdeutschland" widmete den Kundgebungen spaltenlange Berichte, in denen die Bemerkungen Dr. Holländers zur geistigen und seelischen Stellung der Juden in der deutschen Positik und sein Standpunkt, daß die politische Vertretung des deutschen Judentums durch aus dem Judentum ausgetretene und getaufte Juden unmöglich sei, besonders hervorgehoben werden. Ein Wahlkundgebuttg des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten fand am 3. September unetr dem Vorsitz von Dr. S. L 0 n d 0 n in den überfüllten Räumen der Spichernsäle statt. Für die Staatspartei sprach der Landtagsabgeordnete Major Hanfs, der die vollste Anerkennung der bestehenden Staatsform betonte. Rektor Kellerm ann vom Zentrum erklärte, seine Partei werde mit Men Zusammenarbeiten, die willens seien, dein deutschen Volke zu helfen. Landtagsabgeordneter Kuttner umriß die Stellung der SPD. zum Nationalsozialismus. Es genüge keineswegs, daß die Parteien ihre absolut Toleranz gegenüber dem Judentum bekunden, sondern wichtig sei es, daß sie eine Mitarbeit Hitlers eindeutig ablehnten. Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil begründete als Diskussionsredner die Notwendigkeit, daß im Reichstag wenigstens ein bewußter Jude die Interessen des Judentums wahrnehme. Zum Schluß forderte Syndikus Dr. Alfred Wiener alle Anwesenden zu regster Wahlbsteilignng auf. Gegen die Kultursthanöe -es Antisemitismus An den Berliner Lilsaß-Säulen ist in den letzten Tagen nachstehende Erklärung angeschlagen worden, die, von der L i g a s ü r M e n s ch e n - x e ch t e ausgehend, sicher den Beifall aller anständig denkenden Menschen findet. Die „D e u t s ch e Zeit u n g" polemisiert allerdings dagegen und meint, man müsse sich die Nameu der Unterzeichner als Jndensöldlinge merken. Solche Gehässigkeit kann aber unseres Erachtens die Wirkung eines so vornehmen und wahrhaft staatsbürgerlichen Handelns nicht beeinträchtigen. Der Ausruf heißt: A n das de 111 s ch c Volk! Tie schwierige wirtschaftliche Lage wird von unverantwortlichen Elementen dazu^bemcht, eine schamlose antisemitische Hetze zu entfalten, die sich in letzter Zeit so gesteigert hat, daß offen Pogrome angedroht werden. Das Bestreben, eine besondere Schicht des deutschen Volkes für die wirtschaftliche Depression verantwortlich 31t machen, muß von jedem anständigen Vien scheu auf das alterschärsste zurückgewiesen werden. Jedem Staatsbürger bleibt es unbenommen, frei und offen seine Ansichten ausznsprechen, aber die Demagogie, mit der zum Beispiel die nationalsozialistische Presse Tag für Tag arbeitet, ist eine Kulturschande ersten Ranges. Gegen diese Kulturschande erheben die Unterzeichneten ihre Stimme, weil sie nicht mitschuldig werden wollen an der infamen Verunglimpfung der Inden. Sie machen auf die in der Reichsverfassung jedem Staatsbürger gewährleisteten Rechte aufmerksam und fordern die Regierung ans, den angegriffenen Volksteil im Sinne der Reichsversassung zu schützen. An das gesamte deutsche Volk appellieren die Unterzeichneten aber, sich von der kulturwidrigen antisemitischen Hetze abzuwenden. Deutschland ist heute das einzige große Land, wo diese Art von Antisemitismus überhaupt noch Boden hat. Sowohl im bolschewistischen Rußland wie im faschistischen Italien, ganz abgesehen von Frankreich, England oder Amerika, wird jede Gewalttätigkeit gegen Juden auf das entschiedenste abgelehnt. Erst kürzlich hat der italienische Ministerpräsident Mussolini erklärt, daß er den Antisemitismus innerhalb der faschistischen Bewegung weit von sich weise und sich keinesfalls mit der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland identifiziere. Eine mit den schlimmsten Terrormethoden arbeitende Minderheit darf nicht das deutsche Volk unter das Niveau der anderen großen Völker herabdrücken. Darum rufen die Unterzeichneten Männer und Frauen, welche der jüdischen Religionsgemeinschaft nicht angehören, gegen diese K u l t u r s ch a n b e des Antisemitism u s auf. Dr. Georg Gras Arco. Professor Dr. Baumgarten. Gertrud Bäumer, M. d. R. Pfarrer August Bleier. Oberbürgermeister Brauer, Altona. Generalmajor a. D. von Bresler. Arthur Crispin, M. d. R. B. von Deimling, General a. D. Professor Dr. Martin Dibelius. Hans Eder, München, M. d. R. Kaplan Fahsel. Pastor Emil Felde«. Reichsminister a. D. Dr. Gothein. Staatsminister Grimme. Regierungspräsident Dr. Hausmann. Dr. Gerhart Hauptmanu. Geheimrat Professor Dr. Holde. Stadtpfarrer E. Lamparter. Professor Dr. tue. Thomas Mann. Senator Dr. Nöldecke. Bürgermeister Tr. Petersen. Staatsminister a. T. Rönneburg. Reichsminister n. D. Earl Severing. Oberpräsident Siehr. Freiherr von Schoenaich. Professor Levin L. ^chücking. ^Professor Walther Schücking. Professor von ^chnlze-Gaevernitz. Pater Franziskus M. Stratmanu O. P. Domherr Karl Ulitzka. Professor Dr. Beit Valentin Professur Dr. Konrad Ziegler. Landgerichts- Präsident Dr. Hans Zink.

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