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Central-Verein-Zeitung · 1930-09-12 · 37 (12.9.1930) · p. Seite 484

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
37 (12.9.1930)
Date
1930-09-12
Page
Seite 484 (sequence 4)
Language
German
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4S4 In Liefern Lchwei-gerr hört die Versammlung die Begrüßungsansprache des Vorsitzenden des Berliner Landesverbandes, Dr. Glaserseld, an, der den Grundsatz der parteipolitischen Neutralität des Centralvereins als Leitmotiv auch' dieser Kundgebung seststellt. Der Centralverein halte es aber für seine Pflicht, in den Wahlkampf einzugreisen, weil der Nationalsozialismus das deutsche Volk und die deutschen Juden bedrohe. Dann tritt, von Beifallsklatschen begrüßt, der Direktor des Centralvereins, Dr. Ludwig Holländer, an das Rednerpult. In der Judenheit, so führt er aus, herrscht große Depression, weil viele glauben, daß sie an der gegenwärtigen politischen Lage nichts ändern können, selbst wenn sie ihre Wahlpflicht erfüllen. Tatsächlich war seit Jahrhunderten die Gefahr für Körper, Leben und Vermögen der Juden nicht so groß wie jetzt. Auf dem Lande fordert der trockene Pogrom seine Opfer. Auch in den Städten beginnt er sich fühlbar Zu machen. Der unheilvolle Fragebogen bricht vielen stellungsuchenden jüdischen Männern und Frauen mit seiner Frage nach der Religion das Genick. Die große Lebenslüge dieser Tage, die Rassenlüge hat das Denken der Menschen umnebelt. Auch der blutige Pogrom wird von den Nationalsozialisten in Aussicht gestellt und wir haben es nur der Wachsamkeit unserer Exekutivorgane zu danken, daß er noch nicht in die Tat umgesetzt ist. Tiefe Entrüstung Zeigt sich auf allen Gesichtern, als Dr. Holländer einige Proben der drohenden Sprache der Nationalsozialisten verliest. Und die Hörerschaft fühlt sich einig mit ihm, als er sie zur Abwehr gegen diesen Terror Zu gemeinsamem Tatwillen ausrust. Wir Juden, so schließt er unter ungeheurem Beifall der Versammlung, kämpfen für den Grundsatz, daß alle Menschen im Ebenbilde Gottes gleich sind. Wir kämpfen damit gegen die Menschen, die den Bürgerkrieg wollen. Wir liegen als Juden im ersten Schützengraben, weil wir immer die Ersten waren, wenn es galt, für Menschenrecht und Freiheit einzutreten. Auch der zweite Redner, der von den Nationalsozialisten so angefeindete Berliner Polizei- Vizepräsident Dr. Weitz, findet sofort das Ohr der ganzen Versammlung. Er freue sich, so führt er aus, einmal Gelegenheit Zu haben, sich dafür zu revanchieren, daß die Nationalsozialisten, insbesondere Herr Dr. Goebbels, sich Tag für Tag mit seiner Person beschäftigen. Wir Juden sind gewöhnt, meint er, den Menschen nicht nach dem Aeußeren, sondern nach seinem Inneren, nach seinem Charakter zu werten. Ich möchte Herrn Goebbels nicht so schildern, wie ich ihn sehe, sondern ich kann einen langjährigen Mitarbeiter von ihm sprechen lassen, Herrn Mossakowski, der hat ihn fünf Tage hintereinander in seiner Zeitung als abgefeimten Lügner bezeichnet, ohne daß dieser die Klage gegen ihn erhoben hätte. Dr. Weiß berichtete über die nationalsozialistische Miniaturrevolte in der Hedemannstraße, bei der schließlich die bedrängten Schutzstaffeln des Herrn Goebbels die verhaßte Schutzpolizei haben zu Hilfe rufen müssen. Diese Miniaturrevolte habe überhaupt einige pikante Einblicke in die nationalsozialistische Praxis gestattet. So war sie mit Geld zu erledigen, trotzdem doch das Kapital etwas ist, was die Nationalsozialisten.theoretisch aufs äußerste bekämpfen. Auch die' nationalsozialistischen Zeitungen enthalten immerfort Darlehnsgesuche mit hohen Zinsversprechungen. Das gibt uns immerhin die Gewißheit, daß es auch im Dritten Reich Kapital und Zinsen geben wird. Aber was es dann nicht geben wird, ist die Judenfrage. Man will den Juden nicht nur das Geld nehmen, sondern noch ein bißchen mehr, ihr Leben. Weil wir Juden aber das nicht wollen, weil wir unser Leben, unser Staatsbürger- und unser Menschenrecht wahren wollen, deshalb müssen wir uns zur Wehr setzen, deshalb müssen wir wählen-. * Als ein Vertreter o st p r e u ß i s ch e r H e i m a t s s ch o l l e, die von den Juden im Kriege mit ihrem Blute, während der Masurenabstinunung mit ihren Herzen und ihrer Stimme verteidigt wurde, sprach das Haupt- Vorstandsmitglied des C. V. Rittergutsbesitzer Saridelowsty (Rorgehnen) *zu den Berliner Juden, die gesicherter in ihrer wirtschaftlichen Basis und geschützter an Leib und Gut als die ans dem Lande verstreuten Juden Ostpreußens dem Ansturm des Judenhasses gegenüberstehen. Niemand habe geglaubt, daß in Ostpreußen mit seiner in der Heimat so verwurzelten Judenheit jemals Antisemitismus Platz greifen könne. Aber die besondere wirtschaftliche und politische Not habe die Landbevölkerung in eine solche verzweifelte Stimmung gebracht, daß sie die phrasenhaften Reden der Hitler-Leute und die judenseindliche Propaganda des Landvolkführers Hamkens als Rettung sseil ergreifen. Die Juden waren in Ostpreußen die Mittler Zwischen Bauern und Städtern. Jetzt glauben die Bauern, daß die Juden die Besitzer alles Geldes seien und hassen sie und schalten sie aus. Aber nichts könne die tiefe Liebe der ostpreußischen Juden zu ihrer Hermat in ihren Wurzeln zerstören. Und sie hoffen, daß bei einer Besserung der Wirtschaftslage auch die nationalsozialistischen Giftstoffe aus der Landwirtschaft wieder ausgeschieden würden. Der Landesverband Ostpreußen des C. V. habe sein Aufklärungsmaterial über die ganze Provinz verteilt und versuche der nationalsozialistischen Lüge die Macht der Wahrheit entgegenzusetzen. Der Hauptgeschäftsstelle des C. V. in Berlin / danke er namens der ostpreußischen Freunde für ihre wertvolle Unterstützung im Klampfe gegen den Judenhaß. Aus dem Teil Deutschlands, dessen Bevölkerung früher beschränktem Geiste unzugänglich gewesen sei, deren Blick in die Weite geschweift und über das Meer geschaut habe, aus Hamburg, Holstein und Mecklenburg berichtete, das Hauptvorstandsmitglied des C. V. Dr. Nrias (Hamburg). Tiefen Eindruck machten seine Schilderungen von der praktischen Auswirkung judenfeindlichen Boykotts und seine Aufforderung, am 14. September das Abwehrmittel des Stimmzettels besonnen und verantwortungsvoll auszunutzen, fand ebenso dankbaren und stürmischen Beifall wie die in Inhalt und Form gleich vollendete und eindrucksvolle Rede unseres Freundes Sandelowsky. Nach dieser Kundgebung jüdischen Kampswillens gegen nationalsozialistischen Terror begann die Aussprache der Partewertreter. Zunächst verlas Dr. Glaserseld ein Schreiben des Berliner Vorsitzenden der Zentrumspartei, Dr. Krone, der durch Wahlreden am Erscheinen verhindert war, der aber erneut die schon früher vom Reichskanzler Marx gegebene Zusicherung wiederholte, daß die vaterländisch gesinnten Juden im Kampfe gegen den Judenhaß auf die Unterstützung der Kacholiken und der Zentrumspartei rechnen können. Als dann der Vertreter der Sozialdemokratischen Partei, Dr. Otto Friedländer, an das Rednerpult trat, begrüßte ihn stürmischer Beifall, der ihm auch dann noch treu blieb, als er entgegen dem Grundsatz des C. V. in seiner Rede die Grenzen der Neutralität überschritt. Er legte nämlich nicht nur die Stellung seiner Partei zum Nationalsozialismus fest, sondern gab seinerseits eine Kritik der Haltung des Zentrums, der Wirtschastspartei, der Volkspartei und der Staatspartei zu dieser Frage, die nicht eines parteipolitisch-polemischen Charakters entbehrte. Dr. Friedländers Ausführungen, der für seine Partei den offenen Kampf gegen den Nationalsozialismus und gegen den Antisemitismus sesiftelleu konnte, veranlaßte die dann folgenden Vertreter der Parteien zu Erwiderungen. Reichsminister a. D. Raumer erklärte für die Bolkspartei, daß diese den Nationalsozialismus schon deshalb bekämpfe, weil sie scharfe Geguer in der Frage des Privatkapitals seien. Das Zusammenarbeiten der Bolkspartei mit den Nationalsozialisten in der Thüringer Regierung bezeichnete er als eine Notgeburt, die zustande gekommm sei, weil eine Koalition mit der Thüringer Sozialdemokratie nicht möglich gewesen sei. Seine Freunde lehnten aber im Reiche eine Koalition mit den Nationalsozialisten energisch ab. Reichstagsabgeordneter Otto Kolosser verwies auf seinen Aussatz in der „C. V.-Zeitung" vom 5. September und erklärte, der bürgerliche und wirtschastliche Mittelstand werde wie bisher gegen den Nationalsozialismus und dessen gewalttätige Methoden kämpfen. In den .Handwerkerinnungen seien heute wie früher jüdische Mitglieder oft führend tätig und überall herrsche bestes Einvernehmen von Juden und Christen. Die scharfen Angriffe Friedlünders gegen die Staatspartei wurden m ihrer Auswirkung stark fühlbar, als Dr. Bruno Weil, der Kandidat der Staatspartei, das Wort zu seiner Diskussionsrede nahm. Er vermochte aber bald mit seinen Darlegungen, daß es vom jüdischen Standpunkt aus zu begrüßen sei, wenn aus dem nach dem Kriege entstandenen Ringe völkischer Bünde ein so wichtiges Glied wie die BoB-- nationale Reichsvereinigung heransgebrocheu und auf die demokratische Grundlinie herübergewechselt sei, zu überzeugen. Die politische Arbeit der Volksnationalen Vereinigung, die mit dem Jungdo keineswegs identisch sei, denn es herrsche nicht einmal ein Stimmzwang für den Jungdo, beweise, wie energisch diese Partei den Kampf gegen dre Nationalsozialisten aufzunehmen gewillt sei. Er schloß mit einem wuchtigen Wahlappell. Die Versammlung verlief in würdiger Stimmung. ' Sie gab ein Bild davon, daß die Juden entgegen ntfcu judenfeindlichen Äußerungen durchaus keine politische Einheitsfront bilden. Sie bewies die politische Neutralität des C. V., aber sie zeigte auch den starken Willen der jüdischen Bevölkerung Berlins, in dieser Stunde deutscher und jüdischer Not über die Parteischranken hinweg den Kampf gegen den Nationalsozialismus zu führen. vr. M. E. -r- Die Kundgebung in der StaöthaUe Auch der Einladung zur zweiten Groß-Berliner Wahlkundgebung des Centralvereins am Dienstag hatten viele, viele Hunderte Menschen Folge geleistet. Saal und Emporen der Berliner Stadthalle waren von jung und alt, Männern und Frauen, dicht gefüllt. Nach der Begrüßung des Vorsitzenden Dr. Bruno Glaserseld ergriff Direktor Dr. Ludwig Holtat WM

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