Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 37 (12.9.1930)
- Date
- 1930-09-12
- Page
- Seite 483 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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m M M «IW« Bon Franz Künstler Vorsitzender des Bezüksverbandes Berlin der Sozialdemokratischen Partei Im Kampf um den Reichs lag steht für die Sozialdemokratie im Vordergrund der Kampf gegen die Nationalsozialisten. Ein Wählerfolg der Adolf Hitler, Joses Goebbels und Gregor Straffer würde die in Deutschland vorhandene politische Spannung verschärfen und den Kämpfern mit Dolch und Schlagring neuen Antrieb geben. Arbeitslose, Halbintellektuelle und Ueberläuser aus allen Parteien sowie Teile des Lumpenproletariats der großen Städte haben sich um die Hakenkreuzfahne geschart. Die Nationalsozialistische Partei des Herrn Hitler ist ein Mischmasch von erbittertem Klassenegoismus und in tellektueller Impotenz. Die Nachkriegszeit mit ihrem wirtschaftlichen Niedergang und der daraus folgenden sozialen Umschichtung verschiedener Berufszweige hat den nationalsozialistischen Demagogen nicht unerhebliche Zahlenerfolge gebracht. D e r Antisemitismus ist ein Propaganda» mittel, um politisch völlig ungeschult e M e n s ch e n einzufangen. Trotz des großen Lärms, den die Braunhemden überall entfalten, liegt der Hitler-Bewegung keine neue Idee zugrunde und sie ist darum völlig geistlos. Selbst ein Mann wie der Kapp-Putschist Ehrhardt hat den Gedanken der Synthese zwischen Nationalismus und Sozialismus als eine demagogische Absicht gekennzeichnet, die bezweckt, im politischen Tageskampf billige Erfolge zu erringen. Keine der Parolen der Nationalsozialisten, denen eine gewisse Pfiffigkeit nicht abzusprechen ist, zeigt eine Lösung der umstrittenen Probleme und Fragen unserer Zeit. Die nationalsozialistische Bewegung ist eine politische Inflation serscheinung der Nachkriegszeit und ist aus unseren unwirtlichen Verhältnissen wie das Unkraut aus u n g e p f l e g t e m Ackerboden hervorgeschossen. Mit der Ueberwindung unserer wirtschaftlichen Nöte Das Zentrum tritt für die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung der deutschen Juden ein. Das Zentrum kämpft gegen die nationalsozialistische Gefahr. Nie in seiner Geschichte, seit seinem Bestehen hat das Zentrum Jadenfeindschaft geduldet, es ist immer, in den Landtagen und im Reichstag, in den Kommunen und in der Verwaltung, für die berechtigten jüdischen Forderungen eingetreten. Diesen Gedanken der Toleranz hat das Berliner Zentrum auch bei der Aufstellung der Kandidatenliste Ausdruck gegeben. Es hat Georg Kareskl auf seine Liste gesetzt. Wer durch seine Stimmabgabe die verfassungsmässigen Parteien stärken, den gesunden Fortschritt fördern, die Rechte der deutschen Juden, energisch wahren will, der wähle am 14. September die Liste des Zentrums, die Liste 3 Das Zentrum ist die Partei der Verantwortung. wird neben vielen Sorgen auch die ungeistige und rohe Hitler-Bewegung verschwinden. Die nationalsozialistische Bewegung wird niemals eine Bewegung der Zukunft sein, weil, ganz abgesehen von ihrer politischen Unzulänglichkeit, ihr jeder wissenschaftliche, ja, moralische Boden fehlt. Wie der einzelne Mensch sich politisch nur erfolgreich auswirken kann, wenn er sich eine moralische und sittliche Basis schafft, so können Parteien auf die Dauer sich nur behaupten, wenn sie zugleich darauf bedacht sind, sich kulturell auszuwirken. Die ganze Gefährlichkeit der Nationalsozialisten besteht darin, daß ihre Führer im Grunde Menschenverächter sind. Sie drillen und exerzieren ihre Anhänger auf den politischen Gegner. Physische Kraft und rohe Gewalt sollen in Ermangelung von Können und Wissen den politischen Gegner niederringen. Was sich heute in den S. A. austobt, ist bewußt organisiertes Banditentum. Keine Ideengemeinschaft und politische Ueberzeugung hält diese für unser politisches Leben so unheilvoll wirkenden Menschen Zusammen. Wie die bezahlten Landsknechte Wallensteins, so verkaufen sie gegen Lohn ihre Zeit und Kraft. Gegen diese modernen Landsknechte anzukämpfen und unser politisches Leben in Deutschland von dem Einfluß solcher E l e m e n t e zu reinigen, hat sich die Sozialdemokratie als Ausgabe gestellt. Auf die Dauer werden auch die irreges ährten Arbeiter, Angestellten und Beamten sich nicht einer Führung von ehemaligen Generalen und Exprinzen anvertrauen. Die wirtschaftlichen und sozialen Ansprüche eines Arbeiters sind so unvereinbar mit den Ansprüchen der Herren General Ritter von Epp, General Litzmann, Exprinz August Wilhelm, von Preußen und des Herzogs von Sachsen-Koburg-Gotha, daß schon die wirtschaftlichen und sozialen Gegensätze den Bestand der NSDAP, sehr fragwürdig machen. Die Nationalsozialistische Partei verkörpert die rohe Gewalt. Der bisherige Verlauf des Wahlkampfes hat gezeigt, daß die Nationalsozialisten den politischen Gegner schmähen und vergewaltigen. Solange das politische Rowdytum nicht überwunden ist, wird es i n Deutschland die Pflicht aller denkenden und schaffenden Menschen sein müssen, dagegen anzukämpfen. Alle diejenigen, die willens sind, mit geistige n Waffen zu kämpfen und sich als Lebensaufgabe gesetzt haben, für sozialen Ausgleich und Gerechtigkeit zu streiten, müssen am 14. Sep te mb e r verhindern, daß durch Zersplitterung der Stimmen nationalsozialistische Demagogen Erfolge erringe n. Die Sozialdemokratie wird trotz Beschimpfungen wie „Judenpartei" sich nicht abbringen lassen, allen unterdrückten Menschen zu helfen und zu dienen. Die Sozialdemokratie beurteilt einen Menschen nicht nach Rasse und Religion, sondern nach seinem Benehmen und Betragen den Mitmenschen gegenüber. Keiner darf Wen! Brrrrro Weil, Kandidat drr Deutschen Staatspaetei, sendet nns ein Schreiben, dem wir nachfolgende Ausführungen entnehmen: Schon einmal hat die völkische Bewegung im Jahre 1924 es zuwege gebracht, drei Millionen deutscher Wähler zu bestimmen, antisemitisch zu wählen. Ein jäher Absturz folgte diesem Anstieg. Die wirtschaftliche Notlage Mittelständler! Der Wahrheit die Ehre! Die harte Schule der selbständigen Existenz hat Euch zu denkenden, überlegenden Menschen gemacht Ihr seid die wahre Führer- und Kultur Schicht unseres Volkes! Von allen Seiten tobt ein erbitterter Kampf gegea Eure wirtschaftliche Freiheit! Darum keine Zersplitterung Eurer Kraft, nur Einigkeit gibt Euch Macht u. Einfluss! Eure Führer rufen Euch! Der deutsche Mittelstand lässt seine Führer nicht im Sticht Treue umTreue! Mittelständler, wählt geschlossen mit Frau und Kindern als Eure Standes Vertretung, nur allein die (Wirtschaftspartei) LISTE 7i unseres Volkes, die straffe Organisation der Nationalsozialisten, die für viele so überaus ungewisse Zukunft, lassen es leider befürchten, daß wir in diesem Reichstag mit einer Zahl rein antisemitischer Abgeordneter zu rechnen haben, wie sie kein anderer noch gesehen hat. Hier alle Kräfte zusammenzuraffen, im Interesse des deutschen und jüdischen Ansehens auch nicht eine Stimme verlorengehen zu lassen, die ideellen und materiellen Kräfte der deutschen jüdischen Wähler in einer grotzen Krastanstrengung zu vereinigen, erscheint mir höchste Pflicht. Im Interesse der Zukunft des Vaterlandes, im Interesse der Erhaltung und des Ausbaues der Gleichberechtigung der deutschen Inden, im Interesse unserer Selbstachtung und Würde darf am Wahltage kein Wahlberechtigter fehlen! «Ml MIM< stimm M e.«. Aeberfüllle Versammlungen in der Philharmonie und in der Skadthalle. Redner verschiedener Parteien sprechen über den Nationalsozialismus DieRunögebung in -erphttharmonie Donnerstag erst wurden die Einladungen zu der Kundgebung versandt, die einen Teil der Berliner Mitglieder in die Philharmonie zu Sonnabend abend rief. Ein Zeichen für die Erregtheit der Zeit, für das Erwachtsein sonst zum Teil politisch indifferenter Menschen, daß schon lange vor der angesetzten Zeit der Saal bis aus den letzten Platz gefüllt war. Männer und Frauen, alte und junge, saßen und standen in verhaltener Erwartung. Auch das Podium füllt sich. Rechts vom Vorsitzenden die Redner der verschiedenen Parteien, die die Einladung in der Diskussion zu sprechen, angenommen hatten, links die Redner des Centralvereins, Dr. 'Ludwig Holländer, Rittergutsbesitzer .Sandelowsky (Norgehnen), Rechtsanwalt Dr. Ürias (Hamburg), Polizeipräsident Weiß (Berlin).