Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 37 (12.9.1930)
- Date
- 1930-09-12
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4S2 In letzter Stunde von Lu-wig Holländer i. In dem Ausruf aus der ersten Seite dieser Nummer haben wir bereits aus die Gefahren, die den deutschen Juden von radikal-politischen Parteien drohen, hingewiesen. Trotz aller Drohungen, die die Nationalsozialisten in diesem Wahlkamps ausgestoßen haben, haben sie erklärt, daß ihre volle Aktivität, sei es im Parlament, sei es in außenparlamentarischer Agitation, erst nach dem 14. September einsetzen wird. Wir sagen also nicht zu viel, wenn wir an die Spitze unserer Ausführungen den Satz stellen: man bereitet den Bürgerkrieg vor, man will Gewalt, Blut, Terror. Wir sehen die Gefahr. Und weil wir sie sehen, müssen wir uns rechtzeitig gegen sie rüsten. Die hoch st e Bereitschaft jedes einzelnen Juden m u h erreicht werden. Wie erzielen wir sie? Wir müssen die Anteilnahme jedes deutschenJuden an den Ereignissen erwecken und ihn in der Ueberzeugung stärken, daß der Einfluß, den der Einzelne in seiner Umgebung hat, in vollem Umfange einzusetzen ist. Dieser Einfluß ist größer, als man gemeinhin glaubt. Er muß in der Familie, im Freundeskreise, im Berufsleben ausgenutzt werden. Ueberall müssen wir die Menschen aus die Gefahren aufmerksam zu machen versuchen, vor denen sie jetzt noch häufig ihre Augen schließen in der Selbsttäuschung, daß die Gefahr nicht so groß sein könne, weil sie in ihrem Wirkungskreise nichts von ihr merken. Wer in so verächtlicher Gleichgültigkeit dahinlebt, ist ein Drückeberger. Er verschließt sich seiner Gemeinschaft in einer Stunde der höchsten Not. Gewiß, auch den Nationalsozialisten wird noch Wasser in ihren Wein gegossen werden; glücklicherweise nicht jede Drohung wird durch die Tat bestätigt. Aber je mehr man den Führern die Zügel läßt, desto schwerer werden später die verhetzten Massen im Zaume gehalten werden können. Wir stehen im Kampf und wir werden im Kampfe stehen. Das ist sicher. Diese Tatsache zu erkennen, ist keine Schwarzseherei, wohl aber Klarheit. Und weil wir diese Klarheit gewonnen haben, hielten wir es für unsere Pflicht, unseren Freunden die politische Gefahr vor Augen zu führen. In Zahlreichen Wahlversammlungen, so in Breslau, in Frankfurt, in Dresden, in Nürnberg, in Fürth, in Stuttgart und anderen Orten, haben die Vertreter des Centralvereins zu unseren Mitgliedern gesprochen. Hunderte und Tausende haben die Versammlungsräume gefüllt. Aus ihrer tiefen Erregung schöpfen wir die Zuversicht, daß sie den Ernst der Stunde und die wichtige Entscheidung, die in ihre Hand gelegt ist, erkannt haben. II. Der Centralverein ist überparteilich. Das war sein Gesetz zu jeder Zeit und ist es Tüec nicht wählt, stützt die Judenfeinde! auch bei dieser Wahl geblieben. In jeder Nummer unserer Zeitung haben wir diesen Grundsatz an die Spitze unserer Betrachtungen gestellt. Trotzdem wird er von außen her immer wieder angezweifelt. So tat es der Aufsatz von O s s i e tz k y in der „Weltbühne", auf dessen Schiefheiten Eva Reichmann-Jungmann bereits in der letzten Nummer unserer Zeitung hingewiesen hat. Wir kennen die „Weltbühne" in ihrem fünfundzwanzigjährigen Bestehen als eine treue Mitstreiterin gegen Reaktion und Verhetzung, wenn wir auch ihren Ton und ihren Radikalismus nicht immer gutheißen konnten. Wenn sie uns jetzt in ihrem Aufsatz offenbar falsche Beweggründe unterlegt und unseren deutlichen Standpunkt verschiebt, müssen wir uns so kräftig dagegen zur Wehr setzen, wie es in der letzten Nummer unserer „C. V. - Zeitung" geschehen ist. Jetzt wird in dem Nachbarlager der „Weltbühne", der „Welt am Montag", der gleiche Versuch gemacht, unsere Neutralität anzuzweifeln. In dem Bericht über die große Kundgebung des E. V. in der Philharmonie am Sonnabend der vorigen Woche erklärte der Berichterstatter der „Welt am Montag", daß der C. V. seinen überparteilichen Charakter aufgegeben habe. Der Berichterstatter sieht in den „Bemühungen", Dr. Bruno Weil als einen Kandidaten der Staatspartei in den Reichstag einziehen zu sehen, schon einen Bruch der Neutralität. Eine merkwürdige Logik. Eine Vereinigung, die in ihrer Kundgebung die Vertreter der Volkspartei, der Wirtschaftspartei, der Staatspartei, des Zentrums und der Sozialdemokratischen Partei ausgiebig zu Worte kommen läßt, soll nicht überparteilich sein, weil einer ihrer Führer für eine bestimmte Partei kandidiert! Als unsere Freunde H a'a s und Bernhard für den Reichstag aufgestellt waren, hat niemand daran Anstoß genommen: im Gegenteil, man hat es immer verstanden, daß der C. V. die Kandidatur solcher aufrechten Juden warm unterstützte. Auch diejenigen unserer Freunde, die in politischen Dingen einen anderen Standpunkt einnehmen, haben das stets anerkannt, weil sie einsahen, daß eine durch Religion und Abstammung charakterisierte und zurzeit verfolgte Minderheit es als eine Lebensfrage empfinden muß, im Parlament vertreten zu sein. Wir Juden wollen kein jüdisches „Zentrum". Wir würden niemals irgendeinen unserer Freunde, nur weil er Jude ist, als Reichstagskandidaten in Vorschlag bringen, sondern stets nur Männer oder Frauen, die sich in einer Partei schon als Mitarbeiter bewährt haben. In dem neuen Parlament sind mit Sicherheit schwere judenseindliche Angriffe zu erwarten. Nur ein jüdischer Deutscher wird in der Lage sein, ihnen mit der inneren Kraft entgegenzutreten, die nur aus dem eigenen jüdischen Erleben erwachsen kann. Darum ist es auch nicht gleichgültig, wer dieser Jude ist. Es mußte eine Persönlichkeit sein, für die das Judentum nicht lediglich eine Tatsache der Geburt, sondern eine ständig wache, lebendige Aufgabe darstellt. Diese Voraussetzung erfüllt unser 3m tDienste schönet 3mum erprobt und bewährt ist TEBAS-EOU DE COLOSNE RUSSE durch ihre nerven- und muskelstärkende Wirkung sowie ihren würzigen anhaltenden Dult, Preise: 1,- 1,25 2,- 3,50 6,- EM. Erhältlich in allen guten Gegründet 1869 einschlägigen Geschäften. JERA$-HßU$HMax Sciiwarzlose, Berlin Freund Dr. Bruno Weil. Es bedeutet also keineswegs eine programmatische Stellungnahme für die Staatspartei, wenn wir diese Kandidatur begrüßen. Wir hätten die Kandidatur irgendeines unserer Führer in einer anderen Partei genau in der gleichen Weise begrüßt, wenn uns die Parteien eine solche Möglichkeit gegeben hätten. Nichts wäre so töricht, als etwa die jüdischen Wähler auf eine einzige Partei vereinigen zu wollen. Ihre wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Interessen gehen zu weit auseinander. Und es ist gut so, daß es eine solche Einheitsfront in politischen Fragen nicht gibt und nicht geben kann. Den trüben Quellen, aus denen diese Agriffe gegen den C. V. zum Teil kommen, soll hier nicht nachgegangen werden. Aber es muß ausgesprochen werden, daß derjenige die Wahrheit grob entstellt, der behauptet, daß der Centralverein seine Ueberparteilichkeit irgendwie verletzt habe. Wer das Wohl des deutschen Volkes als Richtlinie anerkennt und den Judenhaß bekämpft, ist unser Freund. III. Wir sehen im Wahlkampf, daß manche die Arbeit und den Einfluß des Centralvereins mindern möchten, weil sie glauben, daß er der einen oder der anderen Partei Menschen und Mittel entzieht. Diese Menschen sind kurzsichtig. Auch sie wollen das Verschwinden des Nationalsozialismus, auch s i e wünschen, der hetzerischen Agitation Einhalt zu tun. Aber sie verkennen vollkommen, daß zur Wahrung von Ehre und Recht der deutschen Juden und damit zur Wahrung des deutschen Ansehens im In- und im Auslande eine Stelle da sein muß, die sich mit aller Kraft gerade diesen Problemen widmet. Wird fie geschwächt oder zerstört, so ko m m t der Vorteil einzig und allein den Nationalsozialisten z u g u t e. Und das will schließlich keiner von diesen Kritikern. IV, Neben diesen Verhandlungen, Beratungen, Besprechungen ging unauffällig und unaufhörlich praktische Arbeit ihren Weg. Das Programm der Arbeit war am Nachmittag der Reichstagsauflösung fertig, die Wahlmaterialien wenige Tage später hergestellt. Nun begann die bis in die kleinsten Orte verästelte Organisation des C. V. zu spielen. Tausende von Rundschreiben, Anregungen, Vorschlägen, Muster von Flugschriften gingen ins Land. Hunderte von Antworten, brieflich, telegraphisch, telephonisch, gingen bei uns ein, und in fast 24stündigen Arbeitstagen wurde die Versendung des Wählmaterials ins Land durchgeführt. Was für Material,' welche Sonderheiten wirkungsvoller Propaganda wir hergestellt haben, soll erst nach dem 14. September gesagt werden. : M5§x H