Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 36 (5.9.1930)
- Date
- 1930-09-05
- Page
- Seite 471 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277676-2277712--06236-2287043- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
471 Aus dem Wahlkampf Der Aufruhr der Prätorianer S. % gegen ihre Führer 1. Drr Tatbestand Am Freitag, den 29. August, erfährt die Oefsentlichkeit von einer Revolte innerhalb des Gaues Berlin der NSDAP. Sie hört mit Staunen, daß Dr. Goebbels in seinem eigenen Büro von S. A.-Leuten beschimpft wird, daß in den Räumen des Gausturms Berlin Sprechchöre gegen die eigene Führung einstudiert werden, daß in der Hedemannstraße die Internationale gesungen und am Wittenbergplatz der Gaugeschäftsführer Wilke von S. A.-Leuten verprügelt wird. Aber damit nicht genug. Während am gleichen Abend eine nationalsozialistische Wahlkundgebung im Sportpalast stattfindet, hält die meuternde S.A. in Neukölln ihren Generalappell ab und rückt erst gegen 11 Uhr nachts in die Versammlung ein, die bis dahin auf Saalschutz durch auswärtige S.A.-Leute und auf die Polizei angewiesen war. Tags darauf wird das Gaubüro der NSDAP, vom Sturm 31 (Charlottenburg) der Berliner S. A. aus Befehl des Osaf-Ost, Hauptmann a. D. Stenn es, „besetzt"; die Wache haltenden Schutzstafselangchörigen werden halb zu Krüppeln geschlagen, die Räume vandalisch verwüstet. Das Ueberfallkommando muß eingreifen und die meuternden Prätorianer abführen. Hitler eilt daraufhin selbst nach Berlin, hinter den Kulissen finden Verhandlungen auf Verhandlungen statt und schließlich feiert man am Montag abend im Kriegervereinshaus „Versöhnung". Alles ist wieder in Butter. Oder etwa nicht? Ist nicht vielleicht doch ein peinlicher Rest geblieben, sei es auch nur, daß der oberste S.A.-Führer von Pfeffer in die Wüste geschickt wird und daß der Berliner Sturm 5, der den Namen des vergötterten Horst Wessel trägt, aufgelöst werden mußte, weil er fast ausschließlich aus Kommunisten bestand? Wie kam es überhaupt zu diesem plötzlichen Aufstand? 2. Die Gründe Die S. A. war in allen Gauen von der politischen Führung angehimmelt worden. Sie war die „Elite der Bewegung", die „Vorhut des dritten Reiches". Das mußte die Selbsteinschätzung der S. A.-Führer beeinflussen. Und als diese nun sahen, daß kaum einer von ihnen auf den Kandidatenlisten für die Reichstagswahl erschien, als sie sahen, wie zwar die politischen Führer, vor allem die Goebbels, Wilke und M u ch o w, in Berlin herrlich und in Freuden lebten, sich luxuriöse Arbeitszimmer einrichteten, es zu eleganten Automobilen und sonstigen schönen Dingen brachten, während für die S. A. kein Geld da war, während man ihr zumutete, ihre Propagandaspesen selbst zu tragen, da platzte auf einmal die Bombe. Die Berliner nationalsozialistische S. A. meuterte. Als willfähriges Instrument in der Hand ihrer ehrgeizigen Führer, zum eigenen Denken nicht erzogen, dafür aber um so mehr der Kraft ihrer Fäuste vertrauend, erhob sie sich, murrte, demonstrierte und schlug endlich alles kurz und klein. Wir übertreiben wohl kaum, wenn wir in dieser S. A.-Rebellion die schwerste Krise sehen, die die Berliner NSDAP, bisher erlebte, die Absplitterung der Hil leb rand - Gruppe, des H a u e n st e i n - K r e i s e s waren bedeutungslos, und selbst die Trennung von Otto Straffer hat die Berliner NSDAP, nicht so erschüttert wie die jüngsten Ereignisse, wenn auch nicht verkannt werden soll, daß gerade die scharfe Kritik der Strasser- Preffe den Ausbruch der S. A.-Krise zum mindesten beschleunigt hat. Denn einige ideologische Ursachen liegen auch diesem Zersetzungsprozeß Zugrunde. Nicht umsonst wetterte der „Nationale Sozialist" Otto Strasfers gegen das Bonzentum in der NSDAP., nicht umsonst patzten die Kommunisten ihre Phraseologie der nationalsozialistischen Agitation haargenau an. Der ständige Appell an den „proletarischen S. A.- Mann" blieb nicht vergeblich. In den letzten Tagen verteilten opponierende S.A.-Leute Handzettel, die offen für die Wahl der kommunistischen Listen eintraten. Und wenn auch der von Kommunisten stark durchsetzte Horst-Wessel-Sturm sich unter seinem Führer „Marineschmidt" zum „Ganovensturm" des Gaues entwickelt hat und seine Ausscheidung vom Standpunkt der NSDAP, vielleicht nicht das größte Unglück ist, so ist doch bezeichnend, wie gut gerade die kommunistische Presse in den letzten Tagen über die intern- Me deutsche?ra« - bürgerliches „Wahlstimmvieh"? Mit Frauenfragen, insbesondere mit der Stellung der Frau in Beruf und Staat, beschäftigt sich der Nationalsozialismus höchst selten. Im Punkt 21 des von Alfred Rosenb e r g herausgegebenen Programms ist vom Schutz der Mutter als Voraussetzung und Förderung der deutschen Volksgesundheit die Rede, aber das ist auch alles. In der nationalsozialistischen Bewegung tritt die Frau kaum hervor, weibliche Versammlungsrednerinnen sind bisher in verschwindend kleinem Ausmaß ausgetreten. Allenthalben herrscht das männliche Element vor, ja es beherrscht sogar. Man merkt dem Nationalsozialismus überall einen offensichtlichen Patriarchansmus an. Das geht allein schon aus der Tatsache hervor, daß z. B. der Nationalsozialistische Studentenbund, einem Befehl seines obersten Führers gemäß, die Aufnahme von Studentinnen untersagt. Die Frau ist im System des Nationalsozialismus keine gleichberechtigte Staatsbürgerin, sondern nur „Magd und Dienerin". Schrieb doch noch am 26. Juni d. I. die in Nürnberg erscheinende „Flamme": „Die Juden haben uns die Frauen gestohlen durch die Form der Geschlechtsdemokratie. Wir Jungen müssen ausziehen und den Lindwurm töten, damit wir wieder znm Heiligsten kommen, das es ans dieser Wett gibt. Zur Frau, die Magd und Dienerin ist. Weg, Wille und Ziel dazu hcktzt aber: Nationalsozialismnsr" sten Vorgänge im Goebbelsschen Gaubüro orientiert ist. Diese Bewegung ist mehr als eine Söldnerrevolte, die man mit finanziellen Zusicherungell an die Massen und Versprechungen an die Führer besänftigen kann. Wenn Adolf Hitler glaubt, daß ihm dies im Kriegervereinshaus gelungen ist, so werden ihn wohl schon die nächsten Tage eines besseren belehren. Wenige Stunden nach der „Versöhnungsseier" traten über 200 Nationalsozialisten zur Otto Strasser- Gruppe über, und wer heute aufmerksam ins Volk horcht, weiß, daß die Hitler-Bewegung in den nächsten Wochen manchen Verlust wird buchen müssen, wenn das ihrem Wahlerfolg auch wohl keinen erheblichen Abbruch zu tun vermag. Aber schon gärt es in der Stettiner S. V., schon revoltiert man in München und Nürnberg, in Oberschlesien und der Provinz Brandenburg. Kein Mensch kann heute absehen, wann und in welchem Umfang diese Revolte sich fortsetzen wird. Aber eines ist sicher: Das Gesetz der fortschreitenden Radikalisierung gilt für die NSDAP, genau so gut wie für jede andere Bewegung, die revolutionäre Propaganda treibt. Und darum ist der Aufruhr der Prätorianer nur ein Anfang, der seine zwangläufige Fortsetzung in der früheren oder späteren völligen Zersetzung der NSDAP, finden oder mindestens zu einem durchgreifenden Strukturwandel — möglicherweise zu einer noch schärferen Radikalisierung dieser Partei führen wird. W. G. Das hindert aber Hunderttausende von Frauen nicht, die Säle der NSDAP, zu füllen und ihnen ihre Stimmen zu geben, ja für sie deutlich Propaganda zu machen. So erscheint seit kurzer Zeit allwöchentlich eine nattonalsozialistische Frauenzeitung, „Opferdienst der deutschen Frau" benannt, ein Kampsblatt, das vom Deutschen Frauenorden (Ber - I i n) herausgegeben wird. Diese Zeitung enthält im wesentlichen kleine politische Berichte und Notizen, Stimmungsbilder, wiedergegeben von jungen Nationalsozialistinnen, und sucht nicht zuletzt die Frauen in der uns bekannten Art und Weise über die „jüdische Rasse" und ihre, wie man sich auszudrücken pflegt, „Schmutzmoral" „auszuklären". Der „Opserdienst" wird neuerdings auch als Wahlpropagandamittel benutzt; hundert Exemplare dieses Blättchens werden zum Preise von drei Mark abgesetzt — eigentlich, wenn man Inhalt und Niveau betrachtet, viel zu hoch bewertet! „Frauen und Mädel. Wählt Liste 9!" heißt es im „Opferdienst" vom 31. August. „Auch an den Deutschen Frauenorden stellt die Wahl größte Ansprüche. Für die Verwundeten, die der Wahlkampf leider bringen wird, müssen Mittel beschafft werden. Wir appellieren an den Opfersinn unserer Mitglieder. . Statt also für einen vernünftigen, sachlichen, von Roheiten und Gewaltakten befreiten Wahlkampf zu sorgen, rechnen diese Frauen mit Verwundeten — und billigen es! Auf diese Frauen trifft Hitlers Bemerkung über das „bürgerliche Wahlstimmvieh" (Adolf Hitler, „Mein Kampf", München 1930, S. 375) wirklich zu! —th—