Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1930-08-29 · 35 (29.8.1930) · p. Seite 461

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
35 (29.8.1930)
Date
1930-08-29
Page
Seite 461 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277676-2277711--06225-2287031
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

4b1 Carl Mftenberg 80 Jahre Anr 28. August hat C a x l F ü t st e nb e r g, fast ein halbes Jahrhundert hindurch Geschäftsinhaber der Berliner Handelsgesellschaft, seit Jahrzehnten einer der führenden Männer der deutschen Wirtschaft, seinen 8 0. Geburtstag gefeiert. Wir veröffentlichen aus diesem Anlaß einige Abschnitte des Kapitels „Carl Fürstenberg" aus dein demnächst (im Welt-Verlag) erscheinenden Buch „Juden in der deutschen Wirtschaft" von Kurt Z i e l e n z i g e r. Der Bau, den Carl Fürstenberg errichtet, steht in der d e u t s ch e n Wirtschaftsgeschichte einzig da. Individualist durch und durch, hält er an seinem Prinzip, allen Gefahren, allen Angriffen zum Trotz, mit einer an Eigensinn gemahnenden Unbeugsamkeit.fast ein halbes. Jahrhundert fest. Die Bank soll den Charakter, den er ihr gegeben hat, unverändert wahren, und hat ihn gewahrt. Fürftenberg ist also absolut konservativ. Er will nicht kopieren, verzichtet aber gern auch auf Nachahmer. So kann man ihn als den letzten der Privatb a n k i e r s von ganz großem Format ansehen, wie auch die Berliner Handelsgesellschaft allein eine Kontokorrentbank größten Umfanges darstellt. Interessant ist das Urteil, das ein großes englisches Finanzblatt, die „Financial Times" in London (im November 1928) über Fürstenberg gefällt hat: ,,Ein großer Bankier, ohne Zweifel der größte, den Deutschland hervorgeb rächt hat. Alle hervorragenden Eigenschaften feiner Rasse sind in Fürstenberg vereint: schnelle Auffassungsgabe und die Fähigkeit, jedem noch so komplizierten Problem aus den Grund zu gehen. Dazu ist er berühmt fiir sein Talent, die schwierigsten Fragen auf ihre Grundsormel zu bringen." Unter Fürstenbergs Leitung wird die Handelsgesellschaft das Kreditinstitut, der deutschen I n d u st r i e. Deren Entwicklung wäre undenkbar ohne das Eingreifen und die Initiative Fürstenbergs. Die Bauten der großen Werke, ihre wachsende Arbeiterzahl, ihre steigenden Produktions- und Absatzziffern geben ein deutliches Spiegelbild des industriellen Aufstiegs. Die Leistung des Finanzmannes aber, der durch die Kreditbeschaffung oft erst diese Entwicklung ermöglicht hat, hält sich selbst bescheiden im Hintergrund. Hier liegt die Bedeutung Carl Fürstenbergs. Dieser jüdische Bankier ist es in vielen Fällen gewesen, der z a h l r e i ch e n U n t e r n e h m u n g e n erst die Wege zu ihrem E m p o r st e i g e n geebnet hat. In der Handelsgesellschaft sammeln sich die Aktienpakete der größten Werke des Kohlenbergbaus, der Eisenindustrie und vieler anderer Wirtschaftszweige an. Fürstenberg hätte die Möglichkeit gehabt, sich zu ihrem Beherrscher auszuschwingen, hätte schon vor dem Kriege Truste aufbauen können. Er kennt diesen Ehrgeiz nicht. Jahrelang bekleidet Fürstenberg d i e nr e i st e n A u f s i ch t s r a t s rn a n d a t e, die ein Mann der deutschen Wirtschaft überhaupt besitzt. Ende 1929 sind es noch fünfzig Aufsichtsratsposten, die er innehat. Aber für ihn ist das Amt eines Aufsichtsratsmitgliedes keine Sinekure. Er führt die Tantieme den Kassen seiner Gesellschaft zu, und verlangt dies auch von seinen Kollegen. Als Aufsichtsratsvorsitzender wird er zum Mitleiter all der Werke, deren Verwaltung er beaufsichtigen soll. Dabei bleibt er stets seinem Prinzip der streng st e n Konz e n t r a t i o n treu. Er will der Handelsgesellschaft den Charakter als Emissionsbank erhalten. Als die anderen Großbanken in immer stärkerem Expansionstrieb das System der Depositenbanken ausbauen, lehnt er diese strikt ab. Ebenso will er auch von einer Fusion mit anderen Banken nichts wissen. Dagegen umgibt er seine Bank mit einem Netz von Trabanten im ganzen Reich. Er macht die Handelsgesellschaft zu der Berliner Bank führender Provinzbanken und sichert sich so draußen im Land seinen Einfluß. Lucien Wolf Der warmherzige Vertreter beürängter Iu-en gestorben Wo bewußte Juden wohnen, werden sie in diesen Tagen um Lucien Wolf in London trauern, der einer der unermüdlichen Sachwalter ihres Rechts war. Zwar hatte er das biblische Alter bereits Überschritten, aber er war noch so tatkräftig, daß man mit feiner Aktivität noch lange rechnete, und daß man gerade in diesem Augenblick, wo in Rumänien eine neue Welle rohester Judenverfolgungen sich erhebt, viel von seinem Eingreifen erwartete. In jungen Jahren bereits gehörte er zu jenen, die an einer Verlebendigung des englischen Judentums wirksam waren, und bis zu seinem Ende arbeitete er als Maler und Führer. Von Beruf Journalist und anerkannter Sachverständiger im Gebiete der äußeren Politik, wurde er gewissermaßen der unerkannte diplomatische Vertreter unterdrückter Juden; die Verfolgungen in Rumänien und Rußland, in Marokko und Persien, die Beschränkung der Einwanderung in Großbritannien und Amerika haben ihn immer wieder auf den Kampfplatz gerufen. Aus welcher Gesinnung heraus er kämpfte, hat der ihm geistesverwandte Dr. Paul Natha n, mit dem er häufig Zusammenarbeitete, in einem Artikel zu seinem 70. Geburtstage gewürdigt („C. V.-Zeitung", 28. Januar 1927). Nach dem Weltkriege gehörte Wolf Lu den Vorkämpfern für die Gewährung von Minderheitsrechten an die Juden in Osteuropa; er vertrat die englische Judenheit in Gens und setzte sich dort besonders für die Regelung der Flüchtlingsfürsorge durch die Organe des Völkerbundes ein. Der Umfang und der Erfolg seiner Zielbewußten Tätigkeit wird, da der vornehme Mann stets darüber schwieg, erst jetzt gewürdigt werden können. Den Zionismus lehnte er ab, arbeitete aber zeitweise mit Z a n g will in der Jto mit. Lucien Wolfs jüdisches Bewußtsein wurzelte in der Vergangenheit, er gehörte zu den ersten Vorkämpfern der Erforschung der Geschichte der Juden in England und war Mitbegründer sowie wiederholter Präsident der Jewish Historical Society of England. Er hat sehr eifrig an dieser Forschungsarbeit teilgenommen. Außer feinem schönen Werk über Menasseh ben Israel hat er seine Studien besonders der Vorgeschichte der Wiederzulassung der Juden in England, der allmählichen Einwanderung von Marranen und ihrer wirtschaftlichen Aktivität gewidmet. Auch sein umfangreiches Werk über die Juden auf den Balearen gehört in diesen Zusammenhang. Von der geschichtlichen Forschung kehrte Lucien Wolf zum Leben zurück, es zog ihn nicht nur zu den Archiven, sondern mehr noch zu den lebendigen Marranen. So wurde er in den letzten Jahren Mittelpunkt der Bestrebungen, welche den wiederentdeckten Marranen in Portugal die von ihnen gewünschte Rückkehr zum Judentum erleichtern wollen. Er ist selbst auf einer Forschungsreise in Portugal gewesen und hat sich nicht nur um die Aufbringung der notwendigen Mittel, sondern auch um die geeigneten Persönlichkeiten zur weiteren Förderung des Werkes warmherzig bemüht. So entsteht durch den unerwarteten Tod Lucien Wolfs an manchen Stellen eine schmerzliche Lücke. Ihm aber bleibt ein dankbares, gesegnetes Andenken bewahrt. ll. Eidogen. Zrauen -er Romantik Zu Margarete Srtsmanrrs gleichnamiger Schrift Mit einer klugen Betrachtung über das Wesen der Romantik leitet Margarete Susmann ihr Buch „Frauen der Romantik" ein. In fünf klaren, abgerundeten Monographien bringt sie uns den Geist der Zeit näher.*) Die „geschichtliche Frau der Romantik" ist Caroline, die Gattin August Wilhelm Schlegels und Schöllings, die Dame „Luzifer", wie Schillers Lotte sie nannte, um in diesem Namen alle nachteiligen Urteile der Zeitgenossen zusammenzufassen. Wir begreifen nach Margarete Susmanns Vorstellung, was Schelling von Caroline sagt: „Sie war ein eigenes, einziges Wesen, man mußte sie ganz oder gar nicht lieben." Bettina Brentano, die Dichterschwester und Lebensgefährtin Achims von Arnim, „hatte von der Romantik gleichsam nichts mehr zu empfangen, sie war als Romantik schon geboren". Ihr Leben wird uns als die Verkörperung einer gottgewollten Phantasie nahegebracht, das im Alltäglichsten und Unscheinbarsten den Reiz der Schönheit entdeckt. Die lebensfernste Gestalt in Margarete Susmanns Buch ist K a r o l i n e von G ü n d e - rode. Bettina, die mit der Günderode in Jugendfreundschaft verbunden war, sagt zwar von der Freundin: „Das Beste, was ich weiß, verdanke ich der Günderode"; dennoch ist dieses abseitige, schwärmerische Leben so wenig zu erfassen wie ihr Freitod. In keiner Persönlichkeit aus dem Kreise der romantischen Frauen ist aber die Geistigkeit und die Verwirrung dcr Zeit stärker zum Ausdruck gekommen als in der Tochter Moses Mendelssohns, Dorothea von Schlegel. Brendel Mendelssohn, wie sie ursprünglich hieß, muß trotz ihrer Schwankungen in allen Fragen des Dogmas und der Religion, trotz ihres Uebertrittes zum Protestantisums und Katholizismus als jüdische Frau erfaßt werden. Dieses Frauenleben will aus dem romantischen Geist der Zeit, aus dem Schicksal, die Tochter eines so außerordentlichen Vaters zu fein, verstanden werden. Margarete Susmann bringt uns das Leben Dorotheas in ergreifender Weise nahe. Dennoch trennen wir uns von ihrer Biographin da, wo sie die Schuld an dem Glaubenswechsel, an der inneren Unsicherheit Brendels, in dem Vater Moses Mendelssohn sucht, „dem das Judentum eine reine Vernunftreligion war, und der gewiß mehr Deutscher als Jude war". Moses Mendelssohn hat seine Ideen von Toleranz und Menschlichkeit in einem wahrhaft jüdischen Lebenswandel nachgelebt, und es ist durchaus nicht „logisch notwendig, daß unter den Enkeln Mendelssohns kein Jude mehr war". Ihr Abfall vom angestammten Glauben dürfte weniger einer inneren Abkehr vom Judentum entsprechen, als eine Konzession an den Zeitgeist gewesen sein. Man glaubte damals nur durch Aufgabe des Judentmns das Aufgehen in den Staat Vollendern zu können. Dorothea, die in jungen Jahren den jüdischen Bankier Beit heiratete, um ihn nach dreizehnjähriger Ehe zu verlassen und dem jungen Schlegel zu folgen, verstand es, einen Kreis von Freunden aus den besten Männern der Nation um sich zu sammeln. Schleiermacher und Fichte waren tägliche Gäste bei Dorothea, und sie verehrten in ihr stets die Tochter des großen Juden Moses Mendelssohn. Die andere problematische Jüdin der deutschen Romantik ist Rahel V a r n h a g e n, Tochter des Bankiers Marcus Lewin in Berlin. *> Margarete Susmann: „Frauen der Romantik". Verlag Eugen Diederichs, Jena 1929. Gegen üblen Mundgeruch, nach Längerer Mundruhe und nach dem Rauchen benutze man zum Desodorieren und Aromatisieren des Atems eine Spülung mit dem herrlich erfrischenden ChlorodonL-Mundwasser. Flasche 1.— Mk.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.