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Central-Verein-Zeitung · 1930-08-29 · 35 (29.8.1930) · p. Seite 460

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
35 (29.8.1930)
Date
1930-08-29
Page
Seite 460 (sequence 8)
Language
German
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460 Wirkt vorbeugend! Fachinger Yersaadstelle, Berlin SWll, Schöneberger Strasse 16a. Telefon: Liitzow 8260/61. Die Zowjettegierung exportiert hebräische Bücher woher stammen siel Von Fabirrs Schach. Daß die Sowjet-Regierung der jüdischen Religion unfreundlich gegenübersteht, ist leider nichts Neues. Und nun erleben wir das große Wunder, daß der Sowjet hebräische Bücher in Europa und Amerika verbreitet, — wohl um die Größe des Judentums zu verkünden. Ein gewaltiges Rätsel! Woher mögen diese Bücher stammen? Man bedenke: in Rußland durste in den letzten zehn Jahren kein hebräisches Buch gedruckt werden. Es darf kein hebräisches Gebetbuch eingeführt werden. Glicht einmal ein Luach (jüdischer Kalender), und die Leute müssen dort wie im Mittelalter den Kalender geheim abschreiben, um zu wissen, wann Feiertag ist. Und mit einemmal dieser Ueberfluß, daß man ihn zum Exportartikel macht und waggonweise exportiert! Gewiß, die Bücher sind fein säuberlich mit Ursprungszertifikaten versehen. Aber man weiß, wie unter dem heutigen System solche Dokumente entstehen. Im benachbarten Polen, wo man über die Zustande in Rußland gut unterrichtet ist, wird mit aller Bestimmtheit behauptet, daß diese Bücher aus konfiszierten Synagogen und geraubten Privatbibliotheken stammen. Und wer nicht an Wunder glaubt, wüßte in der Tat nicht, wie die Russische Handelsgesellschaft sonst ' zu diesen hebräischen Büchern käme. In Wilna fand daher im Frühjahr eine Rabbinerkonferenz unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Rabbinergreises C h o f e z Chaim statt, in der ein schwerer Jssur (religiöses Verbot) gegen den Kauf und Gebrauch dieser Bücher erlassen wurde, weil „Blut und Tränen an diesen heiligen Büchern kleben". Diese ganze Geschichte wurde aufgerollt durch einen aufsehenerregenden Prozeß in Wien. Das in Wien erscheinende Organ der Aguda „Tie jüdische Presse" warnte aus religiösen und ethischen Gründen vor dem Kauf dieser Bücher. Der Vertreter der Russischen Handelsgesellschaft wollte eine den Tatsachen nicht entsprechende Berichtigung erzwingen, und es kam zu einer Gerichtsverhandlung, in der der Standpunkt des orthodoxen Blattes moralisch vollständig gerechtfertigt wurde. Daß sich überhaupt ein Jude fand, der sich zu solchen Geschäften hergab, ist ebenso traurig wie die Tatsache, daß die jüdischen Kommunisten in Rußland die schlimmsten Eiferer gegen die Religion ihrer Väter find. Es scheint, daß kein Begriff so vielen Deutungen und Mißdeutungen ausgesetzt ist wie die Freiheit. Sogar die gewaltsame Konstruktion der Freiheit, andere unfrei zu machen, ist heute in Rußland, und leider auch in Deutschland, gar nicht so selten. Wir Juden aber, deren Lehre Gerechtigkeit und Geradheit gebietet, müssen eine „Freiheit" äblehnen, die uns das Höchste nimmt, die religiöse Ueberzeugung, die religiöse Betätigung. Das Sowjet-System, das sich über so vieles leicht hinwegsetzt, mag sich auch nüt dem Widerspruch abfinden, daß es das Ausland mit Kulturmitteln beglücken will, die es im eigenen Lande als Gefahr ansieht. Wir aber müssen es energisch ablehnen, Bücher zu kaufen, die unseren Glaubensgenossen geraubt worden sind! Wichtig für Diskusjlronsreöner! Gibt es angeborene Rassenuntersthie-e! Professor vaertings Such über „Die Macht -er Massen" Die differentielle Psychologie stellt sich die Ausgabe, das psychische Verhalten, die Eigenschaften und die geistige Entwicklung einer b e - st i m m t e n Gruppe zu untersuchen. So gibt es etwa eine Psychologie der Frau, des Kindes oder des Negers. Dabei wird angenommen, daß es gewisse angeborene und unveränderliche Unterschiede Zwischen Geschlechtern, Lebensaltern, Völkern, Nassen oder Ständen gebe. So behauptet man auch, daß den Juden besondere Charaktereigenschaften oder Verhaltungsweisen angeboren seien. Durch die bahnbrechenden Untersuchungen des ordentlichen Professors an der Universität Jena, Mathilde V a e r t i n g, wird nun der ganze Grundsatz der bisherigen differentiellen Psychologie in Frage gestellt. V a e r - t i n g zeigt an einem großen, einwandfreien Material, daß Eigenschaften und Unterschiede, die die heutige differentielle Psychologie für angeboren hält, lediglich durch verschiedene Machtlage hervorgerufen sind. Sie weist dann an Hand der Geschichte nach, daß es jeweils herrschende und beherrschte Massen gibt, daß immer ein bestimmtes Geschlecht, Lebensalter, ein bestimmter Stand, bestimmte Völker und Rassen im Besitze der Macht sind. Diese Macht bleibt nicht dauernd in denselben Händen, es gibt einen Herrschaftswechsel; es folgt auf eine Frauenherrschaft eine Männerherrschaft und umgekehrt. Es Zeigt sich nun, daß die Eigenschaften und Verhaltungsweisen der Menschen abhängig sind von dieser Machtkonstellation; dem Beherrschten, mag es sich um ein beherrschtes Volk oder Geschlecht oder um eine beherrschte Rasse handeln, werden bestimmte Eigenschaften als angeboren Zugeschrieben, die in Wirklichkeit nur durch die Machtlage bedingt sind. „Die Eigenschaften, welche wir heute bei den Stünden, Geschlechtern und Lebensaltern als typisch und angeboren ansehen, erweisen sich als Züchtungsprodukte der jeweiligen Machtlage", sagt Professor Vaerting in ihrer „Soziologie und Psychologie der Macht" (Band I: „Die Macht der Massen". Dr. M. Pfeiffer Verlag, Berlin W 15.) weist Vaerting nach, daß die Herrschenden den Beherrschten eine Inferiorität in allen Beziehungen Zuzuschreiben pflegen. Diese angeblich objektiv inferiore Gruppe verliert aber plötzlich diese Charaktereigenschaft, wenn sie zur Macht kommt. Wenn der Adel herrscht, wird er als der allein produktive Typ geschildert, herrscht das Bürgertum, so wird ebenso „objektiv" die Minderwertigkeit des Adels gezeigt. Bei Männerherrschaft gilt die' Frau als feig, während bei Frauenherrschaft die Männlichkeit zum Sinnbild des Schwachen und Feigen wird. Da heute die Frauen und die Juden im wesentlichen machtmäßig die Schwächeren sind, so werden beiden ähnliche und gleiche Eigenschaften zugeschrieben; und ebenso werden auch Proletarier und Neger geschildert, und dies alles n i ch t, weil Frauen. Juden, Neger und Proletarier gemeinsame Eigenschaften haben, sondern weil sie beherrscht werden. Dafür bringt Vaerting eine große Reihe überraschender Beispiele. Zur Illustration sei nur einiges angeführt: „Der Frau schreibt man einen Mangel, an sachlichem Interesse zu, ebenso den Juden. Der Jude soll z. B. nach Dolles keine innere Beziehung zur Bildung haben, kein höheres sachliches Interesse, sondern in der Schule allen Wert auf die Note statt aus die Leistung selbst legen. Letzteres behauptet man genau so von den Mädchen. Ebenso wird Juden und Frauen ein besonders ausgeprägter Ehrgeiz Zugeschrieben, ebenso sollen beide sparsamer und praktischer sein und eine größere Anpassungsfähigkeit besitzen, beider ethische Einstellung soll einem Familienkult günstiger sein als einen: Staat. Auch in den Begabungen für einzelne Schulfächer finden wir große Uebereinstimmung zwischen Mädchen und Juden. So wird bei beiden eine größere sprachliche Begabung angenommen, besondere Literaturkenntnis, keine Begabung für Geometrie und kein Interesse für das Technische, ferner Hang und Begabung für den Schauspielerberuf, mangelhafte Begabung für Turnen." („Macht der Massen", Seite 262.) Eine der Eigenschaften, die den Beherrschten immer abgesprochen wird, ist die geistige Produktivität. So gelten heute Frauen, Proletarier, Neger und Juden als geistig unproduktiv. „Auch Dolles spricht von der Unfähigkeit des Juden Zu wirklich produktiver Leistung in Kunst und Wissenschaft. Diese Ansicht ist heute noch sehr verbreitet, und selbst Spinoza und Heine haben daran kaum etwas Zu ändern vermocht." (Seite 198.) — Auch hier gibt Vaerting einen besonders schönen Beweis dafür, daß derartige Behauptungen nicht den o b j c k - tiven Tatsachen entsprechen: „Der beste Beweis dafür, daß die Produktivität stets gerade den beherrschten Massen abgesprochen wird, liegt aber wohl in dem Umstande, daß wir diese Erscheinung nicht nur bei beherrschten Schichten, Geschlechtern, Lebensaltern und Rassen begegnen, sondern in sehr auffälliger Weise auch bei beherrschten Völkern. Unser eigenes Vaterland bietet dafür sehr illustrative Beispiele. So wurde den Deutschen als Volk die geistige Produktivität zur Zeit der kulturellen französischen Vorherrschaft abgesprochen. Es waren vor allem die herrschenden Franzosen, welche die Deutschen unfähig zu einem originellen schaffen hielten." (Seite 198.) Vaerting führt Literatur aus dem 18. Jahrhundert an, in der behauptet wird, daß „bei den Teutschen ebenso wie bei den Moskowitern der Verstand nur als Ausnahme vorkomme" (Bonhours). „Selbst Friedrich der Große unterlag der Jnferioritätssuggestion seiner Zeit und schätzte den französischen Geist viel höher als den deutschen, den er, man sagt kaum zu viel, verachtete." (Seite 199.) Hier wird also die Produktivität den damals kulturell beherrschten Deutschen abgesprochen, genau so, wie es in gleicher Machtlage bei Frauen oder Juden aeschieht. Den Beherrschten, ganz gleich welcher Art diese Beherrschten sind, wird auch überall eine physische Inferiorität beigelegt. In Zeiten der Frauenherrschaft gilt der Mann als auch physisch inferior. Heute wird von Frauen, Arbeitern und Juden das gleiche behauptet. „Auch den Juden wird eine körperliche Inferiorität beigelegt . . . Hans Günther hebt die kleinere Gestalt der Juden hervor. Es wird den Juden häufig zum Vorwurf gemacht, daß sich so wenig Arbeiter unter ihnen finden. Wenn man wirklich glaubt, daß sie kleiner, schwächer und von ungesundem Körperbau sind, so muß man auch die Berechtigung des Fernhaltens von schweren körperlichen Arbeiten anerkennen." (Seite 271.) Professor Vaerting behauptet natürlich nicht, daß es angeborene Unterschiede überhaupt nicht gibt. Aber die heute angenommenen Unterschiede gehen in der Hauptsache lediglich auf Machtunterschiede zurück. Für eine Liefere Beurteilung des Antisemitismus haben die wegweisenden Untersuchungen und Entdeckungen Vaertings die größte Bedeutung. Dr, S. W. I

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