Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 35 (29.8.1930)
- Date
- 1930-08-29
- Page
- Seite 459 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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459 das Opfer -es arbeitslosen öergmannes Und was opferst du? Eine Versammlnng in einer mitteldeutschen Kleinstadt, an gefüllt bis in den entferntesten Winkel von Mitgliedern der jüdischen Gemeinden dieser Stadt und verschiedenen Nachbarorten. Man spricht von dem wirtschaftlichen, dem politischen Druck, unter dem das Leben angesichts des merklichen Ansteigens der Flut des Judenhasses zu einer Last geworden. Alle aber wollen hören, welcher Weg beschritten werden soll und muh, um diese drohende Gefahr zu bannen. Der Referent des Abends erinnert daran, daß der Judenheit auf ihrem Wege durch die graue Wüste der Geschehnisse stets die Feuersäule des gläubigen Optimismus als Wegweiser vorangezogen sei; nur durch diesen Optimismus habe die Judenheit ihre Mission, die Welt vorn Fluche des Haffes zu erlösen, erfüllen können. Heute gelte es, nicht nur den äußeren Feind niederzuringen, sondern auch den inneren, den Pessimismus in den eigenen Reihen. Herzlicher Beifall lohnte dem Redner, der es so sehr gut verstanden habe, zu der Seele der Menschen Zu sprechen. Man wolle sofort an Ort und Stelle zur Tat schreiten. Die ausgelegte Sammlungsliste füllt sich sehr schnell mit einer erheblichen Anzahl von Namen, die Summe der gezeichneten Beträge ergibt im Durchschnitt den Betrag von drei Mark! In der Aussprache sind sich alle darüber einig, daß angesichts der bedrohlichen Lage gerade dieses Ortes und dieses Bezirkes ein erhebliches Mehr an aufklärender Arbeit ge- Die besonders gelagerte Gegenwartsnot des jüdischen Mittel- und Kleinstandes in Handel und Gewerbe ist von verschiedenem Charakter und läßt sich auf verschiedene Ursachen zurückführen. Von dem Fragenkomplex interessiert uns zunächst das wirtschaftliche Moment als eine Angelegenheit ersten Ranges, weil im sozialen Leben der Menschheit die wirtschaftliche Grundlage den Ausgangspunkt und die Seele für das Kulturleben und den Wohlstand eines Volkes bildet. Wie ist nun die Wirts ch a f t l i ch e Lage des deutschen Judentums? Es gibt oberflächliche Beschauer, die zu der Annahme neigen, daß es keine spezifisch jüdische Not gebe. Gewiß, von der allgemeinen Perspektive gesehen, ist die Gegenwartskalamitüt eine nationale sowie internationale, deren Ursachen im Krieg, sowie in den nachkriegszeitlichen politischen und wirtschaftlichen Erschütterungen verwurzelt sind. Wir haben es hier mit einer noch lang sortbestehenden Entwicklung zu tun, welche die widerspruchsvolle hochkapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zum Träger hat und deren Folgen alle Schichten der Bevölkerung erfassen. Betrachten wir aber die Auswirkungen dieser Krisis auf den jüdischen Teil der Bevölkerung von relativem Standpunkt aus, so finden wir, daß das Judentum besonders stark betroffen ist und noch m e h r b e t r o s s e n w e r d e n w i r d. Es kann daher ohne Uebertreibung von einer spezifischen jüdischen Not gesprochen werden. Sie wird durch folgende Tatsachen gekennzeichnet. Ist der wirtschaftliche Niedergang ein allgemeiner, so ist dieser Zustand im jüdischen Lager aus einer Reihe vermehrter Ursachen besonders verschärft. Verschärft durch die n icht zu unterschätzende legale und illegale antisemitische Verhetzung breiter Volksschichten in Stadt und Land, wodurch zahlreiche Juden von ihrer Existenz verdrängt leistet werden müsse. Der Hinweis des Referenten, daß der C. V. zwangläusig Arbeit nur in dem Ausmaße verrichten könne, in dem ihn: die Mittel hierfür zur Verfügung gestellt werden, veranlaßte einen der Versammlungsteilnehmer, ihn zu befragen, ob er denn ausweislich seiner vorgclegten Stempelkarte als erwerbsloser Bergarbeiter mit einer Wochenunterstützung von 33 Mark für eine ganze Familie in der Lage sei — mehr als eine Mark zu zeichnen. Diese Opferbereitschaft des jüdischen Arbeiters beschämte viele der Anwesenden — und sie entschlosien sich, ihre Zeichnung zu erhöhen, der Erwerbslose aber verdreifachte die seine — ans drei Mark — obwohl er bis in den März hinein (ausweislich der vorgelegten Urkunden) auf Arbeit nicht rechnen kann. Dieser jüdische Bergarbeiter hat erkannt, was der Spruch der Väter besagen will: „In deine Hand ist gegeben Segen und Fluch . . Er hat erkannt, daß nur der Heroismus eines wirklichen Opfers das Wort von der Verbundenheit der deutschjüdischen Menschen zur Tat werden läßt, die den Segen für das Ganze in sich birgt. Mehr als Lausend bejubelte und überschwenglich gelobte Reden, mehr als alle Selbstverherrlichung spricht hier die Herzenstat eine Sprache, die verstanden werden m u ß von allen, die nicht wollen, daß der Eigennutz und der Egoismus einzelner der Gesamtheit zum Fluche werden. —n. oder zur Aufgabe gezwungen werden. Es handelt sich hier um Menschen, die sich früher in beachtlicher Stellung befunden haben. Wir denken auch hierbei an das Schicksal jener Landjuden, die in der Großstadt Zuflucht nehmen, wo sie in beständiger Unsicherheit und in peinigendem Gefühl der Ungewißheit über ihre Zukunft ein dahinvegetierendes Leben fristen. Früher oder später werden auch diese Menschen durch den Umschichtungsprozeß mit in die Tiefe gerissen und eine große Zahl von ihnen naturnotwendig proletarisiert werden. Als weiteres Merkmal ist das Vorhandensein einer relativ hohen Zahl jüdischer Arbeitslosen aus allen Zweigen der Wirtschaft, die keine Aussicht haben, in absehbarer Zeit Unterkunft zu finden, zumal die bedauerliche Tatsache zu verzeichnen ist, daß selbst eine große Zahl jüdischer Unternehmer jüdisches Personal nicht mehr ausnehmen. Obige Darlegung genügt, um ein ungefähres Bild von der jüdischen Gegenwartsnot zu gewinnen. Drohend erhebt sich vor uns die Frage, die ihrer zentralen Bedeutung nach wohl die erste Stelle in der jüdischen Gegenwartspolitik beansprucht, inwieweit das deutsche Judentum das Gebot der Stunde erkennt und sich zu eigen macht, um diesen Verelendungsprozeß (der nicht ganz auszuhalten ist), nach Möglichkeit durch rechtzeitiges A u s - fangen und in geeignete Bahnen gelenkt, zu mildern. Die Antwort kann nur lauten: Wie bereits in verschiedenen Großstädten Deutschlands, muß es auch bei uns in Württemberg eine vornehme Aufgabe der jüdischen Wohlfahrtsvereine, Gemeindeverwaltungen und sonstiger Körperschaften und Institutionen sein, durch verstärkte Propaganda in der breiten jüdischen Öffentlichkeit, durch Aufrüttelung des jüdischen Gewissens und Mobilisierung aller Kräfte helfend einzugreifen, mit dem Ziel „A r b e i t s b e s ch a s s u n g s ü r die jüdischen Arbeitslosen!!" Darüber hinaus muß das Wort des weitschallendsten und in dieser Frage sachverständigsten Politikers, des Herrn Adler-Rudel (Berlin) befolgt werden, der in einem beachtenswerten Artikel in der „Zeitschrift für Jüdische Wohlfahrtspflege" ausführt: „Die Allsgabe der jüdischen Gesellschaft ist es, nicht nur die Wege der beruflichen Umschichtung zu ebnen, sondern rechtzeitig durch vernünftige Erziehung und Schuten dafür zu sorgen, daß die Bindungen an das I ud e n t u m a u ch i n e i n e r ko in wenden j ü d i s ch e n A r b e i t e r s ch a f t s e ft verwurzelt s i n d." Aus diesen Ausführungen ergeben sich für den jüdischen Handwerkerverein folgende Konsequenzen: Es ist für den Weitblickenden als eine feststehende Tatsache zu betrachten, daß die Folgen und Nachwehen des jetzigen Chaos noch lange sortbestehen werden. Was kann in diesem Falle Gegebeneres sein als die „Jüdische Selbsthilfe", gestützt und geleitet durch die oben erwähnten Vereine und Jllstitutionen, und nicht zuletzt durch die Mitwirkung eines lebendige n, leistungsfähigen H a n d w e r k e r Vereins? Der jetzt neugegründete Handwerkerverein, dessen Entstehung dem Verein zur Förderung des Handwerks und des Ackerbaues unter den Juden zu danken ist, ist sich seiner Verantwortung und schwierigen Ausgabe, die in den Adler-Rudelschen Ausführungen bereits angedeutet sind, voll bewußt und auch bereit, in treuer Ergebenheit für das Ansehen und Wohl des deutschen Judentums tatkräftig mitzuarbeiten. Wer mit dem Leben, Denken und Fühlen des jüdisch arbeitenden Menschen vertraut ist, der weiß auch, daß trotz bestehender Klassen- und Standesunterschiede er mit dem Wohl und Wehe des Judentums verwachsen ist. Wenn der jüdischen Gemeinschaft Gefahr droht, sind es immer wieder die unteren Schichten, die in die ersten Kampsesreihen für die Erhaltung des Judentums treten. Darüber hinaus fühlt sich der jüdische Handwerker und Arbeiter mit dem deutschen Geistes- und Kulturleben auf das engste verbunden und ist mit Liebe zum deutschen Volk und Vaterland erfüllt. Von diesem starken Witten beseelt, an der eigenen sowie des deutschen Judentums Zukunft tatkräftig mitzuarbeiten, wenden sich die jüdischen Handwerker und Arbeiter an die jüdischen Wohlfahrtsvercine und Institutionen sowie an die gesamte jüdische Bevölkerung mit der herzlichen Bitte um tatkräftige Unterstützung und Förderung ihrer Bestrebungen durch Zuweisung von Arbeit. Damit wird keinesfalls verlangt, daß die nichtjüdische Arbeiterschaft unberücksichtigt gelassen werden sott! Wenn der jüdische Teil der Arbeitsuchenden nur in bescheidenem Matze berücksichtigt würde, würde es schon ausreichen, ihnen die Existenzmöglichkeit zu sichern. Dadurch wird auch zugleich d a s F u n d a m e n t z u r b e r u s l i ch e n U m - f ch i ch t u n g und Heranbildung eines kommenden Handwerker- und A r b e i t e r st a n.d e s gelegt, auf dessen Schultern die moralische und wirtschaftliche Zukunft des deutschen Judentums ruhen kann. Mit theoretischen Floskeln und sanftmütigen Bemitleidungen ist hier nicht geholfen! ... Nur die entscheidende Tat im entscheidenden Moment ist einzig und allein s r n ch t - bringend. . . . Möge dieser Notschrei bei allen rechtdenkenden Menschen Gehör und warmes Verständnis finden. Gustav Silberstein. Bei übermäßiger Schweißabsonderung cn Händen, Füßen und in den Achselhöhlen, sowie Geruchsbelästigung, besonders bewährt Leoform« Creme. Tube 1M. In allen einschl. Gesch. erhältlich. ...-.....-.--.—.------. . Gebt dem jüdischen Handwerk Arbeit! Der Notschrei eines wiirttembergischen Handwerkers