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Central-Verein-Zeitung · 1930-08-22 · 34 (22.8.1930) · p. Seite 447

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
34 (22.8.1930)
Date
1930-08-22
Page
Seite 447 (sequence 7)
Language
German
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447 I Das geht natürlich nicht ah; darf man die Juden loben, so muss man sie auch kritisieren dürfen* ohne gleich als Judenhasser zu gelten! Hier sind wir mitten im Problem drin. Zwar hat sich auch in diesem Punkt gar vieles gebessert; während früher auch nur die Verwendung des Wortes „Jude“ in Verbindung mit der leisesten Kritik die heftigsten Abwehraktionen in der Presse hervorgerufen hat, wird heute z. B. in der „C. V.-Zeitung“, der ausgesprochenen Vertretung der jüdisch-politischen Belange, sehr wohl zwischen wirklicher Hetze und sachgemässer Kritik unterschieden. Die erstere wird als feindliche Aktion verfolgt, die letztere mit den Mitteln der Logik zu widerlegen versucht. Man sollte nicht jeden gelegentlichen Temperamentsausbruch gleich allzu tragisch nehmen. Ueben wir Juden nicht selbst, sobald wir unter uns sind, oftmals sehr scharfe, manchmal bestimmt ungerechte Kritik an uns selbst? Beobachten wir uns einmal selbst: Sobald irgendein Angehöriger einer anderen Menschenkategorie, also z. B. der Angehörige einer anderen Nation, besonders Wenn es sich um Bewohner östlicher Staaten handelt, irgend etwas tut oder unterlässt, was uns typisch und unangenehm zu sein scheint, so verallgemeinern und schimpfen auch wir, ohne dass gerade wissenschaftliche Untersuchungen vorhergehen, ob man nicht zu Unrecht verallgemeinert. Also keine Kanonen gegen Spatzen mobil machen, aber U ngerechiigkeiten und Bosheiten bekämpfen, und daran fehlt es wahrhaftig nicht gegen die Juden. Die U eberempfindlichkeit wirkt nach zwei Richtungen gefährlich und schädlich. Sie macht so manchen gemässigt denkenden Mann zum Judenfeind; wenn man immer dazu gestempelt wird, so wird man es schliesslich, aber, was noch schlimmer: sie schafft uns falsche Freunde. So gibt es genug Nichijuden, die nie das Wort „Jude“ in den Mund nehmen — als gäbe es so etwas gar nicht —, um nicht anzustossen. Wie sie wirklich denken, wissen wir nicht; ich glaube aber nicht, dass es unsere besten Freunde sind. Und schliesslich sind viele Juden geneigt, sich von einem Mann, Wenn er nur betont ah Nichtantisemit auf tritt, mehr bieten zu lassen, ah gut ist. Das Aktivum des angeblichen Nichiantisemitismus gilt dann ah so gross, dass bei noch so vielen Charakter passiven immer noch ein Saldo zugunsten der fraglichen Person bleibt. Diese Betrachtung gilt auch für die Stellung der Juden zur Politik. Man kQnn radikal oder gemässigt denken; man kann links oder rechts stehen; man Hann liberal oder sozialistisch sein, beides in allen möglichen Nuancen. Das wird durch Interessenkreis, Milieu und individuelles Urteil bestimmt. Aber ungesund ist es, wenn man seine Stellungnahme ganz allein von den jüdisch-politischen Interessen b e - einflussen lässt, also sie von der Abneigung oder der Furcht vor dem Antisemitismus abhängig macht. Bekämpfung unserer eigenen U ebernerv osität, Bekämpfung der inneren Schwäche, die aus den Ghetto-Erinnerungen herrührt, das ist ein wichtiger Schritt in der Bekämpfung des Judenhasses. Dr. Julius Thilo. Wahrheit und Gerechtigkeit Stuttgart, im August 1930. An die Sehr iftleiiung der „C. V. - Z e i t u n gl\ In der Zeit unmittelbar vor der Reichstagswahl steigert sich die Verhetzung der breiten Massen gegen den jüdischen Volksgenossen in einer nicht geahnten Wildheit. Selten wurden in den politischen Kämpfen innerhalb einer Nation solche Grade des blinden Hasses erreicht, selten wurde der Sinn unct das Empfinden für das Wahre und Gerechte mit solcher Heftigkeit zersetzt, wie dies heute bei um in Deutschland der Fall ist. Uns deutsche Juden erfasst nicht nur tiefes Weh, Weil uns persönlich von dem Nächsten alles Entsetzliche dieser Welt angedichtet wird, Weil der gewissenlose Versuch gemacht wird, um persönlich selbst die primitivsten Gesinnungswerte abzusprechen, sondern auch deshalb, weil ein nicht unerheblicher. Teil unseres Volkes, indem er das Rechte, das Wahre, die Gerechtigkeit mit Fiissen tritt, sich versündigt gegen das Geistige, absolute Werte blindlings opfernd irrwegigen, wirklichkeitsfremden Gedankengängen. Nichts ist dem wahren Wesen der deutschen Art fremder als Ungründlichkeit. Ungründlichkeit selbst in unwesentlichen Lebensbetätigungen, geschweige denn auf geistigem Gebiet, nichts gegensätzlicher als bewusste Umbiegung des Tatsächlichen, die Sünde gegen die Wahrhaftigkeit. Und fordert die jüdische Ethik nicht auch zu allererst und am allereindringlichsten die Pflege des Wahren, die Wahrheit der Gesinnung, die Wahrheit des Gedankens, die Wahrheit des Wortes? Deshalb sind diese Tage deutscher politischer Orientierung für uns deutsche Juden von besonderer Schwere, aber auch von besonderer Bedeutung. Die Bedrückung, die sie in um hervorrufen, soll um gleichzeitig Mahnung und Ansporn sein, ungeachtet des frevelhaften Treibens verblendeter Leidenschaft unsere ganze Kraft der deutschen Sache mit um so innigerer Hingabe zu widmen und um der Lüge und Verleumdung mit um so flammenderer Verachtung entgegenzustellen. Indem wir dies tun, erfüllen wir gleichzeitig unsere primitivste Pflicht als deutsche Staatsbürger, als deutsche Juden und als getreue Diener des Geistes. Syndikus Dr. Dr. Waitzfelder. Macht der Jugend den Weg frei/ Wür zbur g, im A ugust 1930. An die Sehr iftleiiung der „C. V.-Z eitun g“. Zu dem Aufruf von Ernst Heinrich Seligsohn und Alfred Hirschberg habe ich folgendes zu bemerken: Es ist leider nicht zu verkennen, dass im Temperament der Arbeit des C. V. in Norddeutschland und Süddeutschland ein grosser Unterschied besteht; es ist leider so, dass die nach aussen sichtbare Arbeit des C. V. in Süddeutschland und speziell in Bayern eine minimale ist; in der heutigen Zeit kann es nicht mehr genügen, wenn die Vorstände des C. V. in einzelnen Fällen eine — gewiss sehr notwendige und erfolgreiche — stille Arbeit durch Vorstellung bei Behörden, Beschwerden über etwaige Ausschreitungen von Beamten, Lehrern usw. leisten. Die politische Arbeit des C. V. gehört besonders in Bayern in die Oeffentlichkeit^in grosse Versammlungen, und da wieder besonders auf das Land hinaus. Wer sieht, wie die Nationalsozialisten Sonntag für Sonntag das flache Land in Bayern in unglaublicher Weise verheizen, der wird mir recht geben; dorthin gehört die Aufklärungsarbeit des C. V.! Wir Jungen wollen gerne diese Arbeit leisten, aber es ist leider aus zwei Gründen bisher nicht in dem Maße möglich, wie wir es gerne wünschen: 1. Wir werden von den A eiferen bisher dauernd davon zurückgehalien und an dieser unendlich wichtigen Arbeit gehindert; 2. um fehlt zurzeit jede Möglichkeit, diese Arbeit zu leisten, und leider auch jeder Einfluss, da in den Vorständen des C. V. fast ausschliesslich Angehörige der älteren Generation sitzen, die ihr Teil politischer Arbeit schon geleistet haben, die um Wegbereiter gewesen sind, die unsere volle Dankbarkeit für die bisher geleistete unendliche Arbeit und Mühe Bad Nauheim-Park-Hote Verdienen — die aber doch heute schon etwas müde geworden sind und zum Teil nicht mehr in der Lage sind, an agitatorischer Kraft auch nur einen Teil dessen zu leisten, was die Führer der Nationalsozialisten leisten. Ich will damit Herne unfruchtbare' Kritik üben, sondern nur zeigen, warum die Jugend fehlt. Dann aber noch eines: die Jugend kommt in Norddeutschland ohne Zweifel jetzt zum Worte; sie kümmert sich aber nicht um ihre jungen Freunde in Süddeutschland! Darum: Wenn Ihr Einfluss habt, dann sorgt dafür, dass von der Zentrale aus um Jungen hier in Süddeutschland Arbeit und Einfluss gegeben wird! Wir fühlen die Not des deutschen Juden wie Ihr in Norddeutschland — in Boyern sicher noch viel mehr — auf den Nägeln brennen! Darum: Wenn der C. V. junge Kräfte, unverbrauchtes Temperament, junge Energie und Begeisterung, jugendlichen Opfermut will, so muss er um mit heranlassen! Die Zeit drängt/ Dr. Herbert Nussbaum. Die Vreqsus-Tragö-ie als Wm Im Gloria - Pal a st Zu Berlin lauft seit einigen Tagen Richard Oswalds Dreysus-Film. Es ist hier nicht der Platz, über die künstlerische Seite des Films zu sprechen. Bemerkt sei nur, daß der Film als solcher als künstlerische Leistung kaum zu bewerten ist Es ist eine Chronik in einzelnen Bildern. Aber er packt m e n s ch l i ch ungeheuer, weil der S t o s s von einer dramatischen Starke ist, daß er alle Mängel der Regie überwindet. Den Künstlern, besonders Kortner, Grete Mosheim, Erwin Kaiser, Heinrich George, Albert Bassermann, Oskar Homolka, gebührt die uneingeschränkte Anerkennung, daß sie die menschliche Seite in allen Personen stark zur Geltung bringen. An dieser Stelle ist vor allem die politische W i r k u n g des Films zu beurteilen. Diese ist ungemein groß. Erschüttert die Dreysus-Tragödie schon bei der Lektüre, so wird diese Wirkung im Tonsilm durch das Miterleben der menschlichen Tragödie in Bild und Wort vervielfacht. Die Tatsache, daß eine ganze Familie durch einen Justizirrtum, dessen Wurzeln in religiösen Vorurteilen stecken, Jahre qualvollsten Leidens durchleben muh und der starke Gerechtigkeitssinn der Menschen, die nicht nur für diese Familie, sondern über sie hinaus für die Idee der Wahrheit Leben und Zukunft aufs Spiel setzen und mit heiligem Eifer kämpfen, muß auch auf den kühlsten Zuschauer veredelnd wirken. Es fallen besonders aus dem Munde von C! e m e n c e a u, Zola und L a b o r i Worte, die für die heutige Zeit der Volksverhetzung geprägt zu sein scheinen, und sie wirken in diesem historischen Nahmen viel stärker, als wenn man sie heute in einer parteipolitischen Versammlung vortragen wollte. Hoffen wir, daß der Film Hunderttausende, ja Millionen von Deutschen überzeugen wird, daß Wahrheit und Recht über Haß und Vorurtcil stehen müssen! Dem Tonfilm von Heinz Gold b erg und Dr. Fritz W e n d h a u s e n geht ein gleichfalls tonfilmisch ailsgenommene Rede von Dr. Bruno Weil voraus, die in klarer und vornehmer Weise die geschichtliche Bedeutung dieses durch eine chauvinistische Presse getragenen, aber durch edle Menschlichkeit überwundenen Justizskandals festlegt. Dr. M. E. Weiße Zähne: Chlorodont

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