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Central-Verein-Zeitung · 1930-08-22 · 34 (22.8.1930) · p. Seite 446

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
34 (22.8.1930)
Date
1930-08-22
Page
Seite 446 (sequence 6)
Language
German
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Unsere Leser schreiben: Staatspartei und Judentum Wir geben nachstehend zwei Zuschriften wieder, die sich mit der Staatspartei befassen. Sie zeigen, wie gross das Interesse und auch die Beunruhigung ist, die durch die Gründung dieser Partei in jüdischen wie in nicht jüdischen Kreisen unserer Leserschaft entstanden ist. Wir betonen ausdrücklich, dass wir mit der Wiedergabe auch der Zuschrift des aus dem Pfarrerstande hervorgegangenen Dr. G ab be von unserem Grundsatz der unbedingten parteipolitischen N e u t r a l i t ä t zugunsten aller P art eien, die den Judenhass bekämpf en, keineswegs abweichen wollen. pie Schriftleitung. Rassische Vorbedingungen Berlin, im August 1930. An die Schrifileitung der „C. V.- Z eitun g“. In dem Artikel Artur Mahrauns über seine Stellung zum Judentum spricht der Verfasser von deutschen Gemeinschaften, die sich nach „rassischen Vorbedingungen* zusammengefunden haben. Wenn sich mit diesen „rassischen Vorbedingungen* überhaupt eine klare Vorstellung verbindet, so soll der Ausdruck doch wohl besagen, dass die Mitglieder dieser deutschen Gemeinschaften der ,,deutschen Rasse“ angehören müssen. Welches ist aber diese deutsche Rasse? Sind es die hochgewachsenen, blonden und blauäugigen Norddeutschen oder die überwiegend brünetten, kleineren und untersetzten Süddeutschen? Wie steht es ,gar mit der deutschen Bevölkerung der Schweiz? Wer die geschichtliche Entwicklung der Ausbreitung des deutschen Sprachstammes überschaut, muss zur Erkenntnis kommen, dass es eine einheitliche deutsche Rasse gar nicht gibt. Die Germanen sollen nach T acitus einst eine solche reine Rasse gewesen sein; inwieweit das zutrifft, kann hier dahingestellt sein. Aber ah die Germanen sich ausbreiteten, stiessen sie westlich der Elbe und südlich der Donau auf keltische Völker und römische Kolonisten, aus deren Vermischung mit den erobernden Germanen das deutsche Volkstum erwuchs. Oestlich der Elbe war das Germanentum nach der Zeit der Völkerwanderung völlig vom Slawentum verdrängt worden. Erst im Laufe des Mittelalters und der Neuzeit ist Ostdeutschland wieder durch Neukolonisation dem Deutschtum zurückgewonnen worden, indem die slawische Unterschicht germanisiert wurde. Aus diesen geschichtlich feststehenden Tatsachen ergibt sich, dass cs nirgends in Deutschland eine reine germanische Rasse mehr geben kann, selbst wenn wir von den späteren Zuwanderungen (französische Hugenotten z. B.) ganz absehen. Was die Nichtgelehrten als „Rasse“ ansehen, ist nur ein Typus, die Ausprägung einer Lebensgemeinschaft, einer einheitlichen Kultur. Welches sind also die rassischen Vorbedingungen Mahrauns? Sollte den Anhängern des Rasseglaubens nicht doch als einzig positive Gegebenheit der Gegensaz zu den Juden vorschweben? Und selbst dieser ist nur sehr bedingt anzuerkennen! Denn die deutschen Juden sind ebensosehr gemischt wie die Deutschen im allgemeinen, und es steckt in ihnen zweifellos auch viel germanisches Blut infolge ihres zweitausendjährigen Aufenthaltes in Deutschland. Warum also die „rassische“ Abschliessung bei dem Jungdo? S. Feist Die „deutschen und christlichen“ Grundlagen Berlin, im August 1930. An die Schriftleitung der „C.VZ ei tu n g“. Wir stehen alle im harten Kampf des Lebens und müssen mit Realitäten rechnen. Aber wir würden gar nicht lebensfähig sein und den Kampf nicht bestehen können, wenn nicht der Sonnenschein der Ideale unserem Leben Licht und Richtung gäbe. Nun ist es ein ganz bestimmtes Ideal, das der europäischen Kulturmenschheit gemeinsam ist oder doch gemeinsam sein sollte, ganz gleich, welcher Volksgemeinschaft, welcher Religion oder „Rasse“ der einzelne angehört. Es ist das Ideal der freien, nur ans eigene Gewissen gebundenen Persönlichkeit, die die Wahrheit um der Wahrheit willen sucht, deshalb bereit ist, jeder neuen Erkenntnis der Wahrheit sich zu beugen, in der Gewissheit, dass nur Wahrheit den Menschen zu sich selbst führt, ihn frei und glücklich macht. Zugleich aber fühlt diese Persönlichkeit sich in opfernder, dienender Liebe eingeordnet in die Volksgemeinschaft und damit in den grossen, einheitlichen Leib der Menschheit. Wie Einatmen und Ausatmen gehören zu dieser Persönlichkeit Selbstbejahung und opfernde Liebe. Je mehr der einzelne sich selbst bejaht und entwickelt, desto mehr ist er fähig, anderen zu dienen, und je mehr er in der Gemeinschaft seines Volkes in den Aufgaben des Tages sich auf opfert, desto mehr bejaht er sein eigenes Wesen und baut sein eigenes Glück* Dieses Ideal fordert allergrösste Rücksichtnahme und Achtung vor persönlicher, individueller Ueberzeugung und Eigenart. Es ist aber anderseits kAner Persönlichkeit ein Wert zuzugestehen, die nicht alle ihr Sein und alle Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft stellt. Wenn nun die Staatspartei alle diejenigen sammeln will, die die Politik, von selbstsüchtigen Interessen befreien und das Wohl des Staates übet das Wohl der Einzelpetsönlichkeii oder einzelner Stände setzen wollen, so muss jeder Idealist, ob er Christ, Jude oder Atheist ist, freudig solchem Ruf folgen, und es ist durchaus natürlich, dass die Demokraten, die stets für das Wohl des ganzen Staates eingetreten sind, sich dieser Partei anschliessen. Aber es ist unbedingt notwendig, dass Klarheit geschaffen wird über das Ideal, das der Siaalspartei vorschwebt damit nicht, bewusst oder unbewusst, hinter nebelhaften Idealen irgendwelche Reaktion gefördert wird. Wir entschiedenen Demokraten dürfen die Vö l k sn at i o - n ale Reichsvereinigung nicht in U nklarheit darüber lassen, in welchem Sinne wir an den gemeinsamen Zielen milarbeiten können und wo die Grenze für die Möglichkeit unserer Mitarbeit liegen würde. Der wichtigste Punkt scheint mir der zu sein, was wir unter den christlichen und deutschen Grundlagen unseres Staatslebens, an denen der jetzige Parteiführer M ahr au n nicht rütteln lassen will, verstehen. Gerade Weil ich überzeugter Christ bin, halte ich es für unsere Pflicht, unsere volle Solidarität mit den jüdischen Staatsbürgern zu betonen, die opferbereit für das Staaiswohl mit uns arbeiten wollen. Von christlicher Grundlage kann nur dann die Rede sein, wenn diese Grundlage nicht dogmatisch verstanden wird, sondern das Christentum als ein Menschentum in dienender, opfernder Liebe auf gefasst wird. Ebenso darf die deutsche Grundlage niemals rassenmässig verstanden werden, sondern im Sinn der deutschen Kultur, an der auch hervorragende Juden stets mitgeschaffen haben und weiter mitschaffen sollen. Jeder Versuch, unsere jüdischen Brüder als nur geduldet oder gar als minderwertig hinzustellen, würde für uns die Möglichkeit der Zusammenarbeit auf heben. Darum £cnr? der Zusammenschluss mit der Jugend des Jungdeutschen Ordens uns niemals entbinden von der Pflicht, unser Hauptaugenmerk zu richten auf wahrhaft demokratische Jugendbildung, die allein in der Erziehung zum Ideal opferbereiten, freien Menschentums und brüderlicher Volksgemeinschaft erreicht Werden fann. Das Evangelium der Menschenbildung, das nicht gebunden ist an „Rasse“ oder Religion, ist allein fähig, Not und Verwirrung von der Menschheit fernzuhalten. Alle jüdischen Staatsbürger, die bisher demokratisch gewählt haben, möchte ich deshalb herzlich bitten, mit uns anderen Demokraten gemeinsam sich der Sache der Siaatspariei anzuschliessen. Wir werden in dieser Partei unsere alten Menschheitsideale vertreten oder wir werden, wenn wir daran gehindert Werden, der Partei gemeinsam den Rücken kehren. Rudolf G ab b e. Seid nicht überempfindlich! Mainz-Kastell, im Juli 1930. An die Schriftleitung der „C. V.- Z ei tun g“. Vor etwa zehn Jahren, bald nach der Revolution, war im „Simplicissimus“ ein Bilderblatt mit allen möglichen deutschen Besonderheiten und Schnurrpfeifereien enthalten, darunter auch ein Mann von „jüdischem Typus“, über dessen Kopf ein Drahtsieb gestülpt war. Das Bild trug ungefähr die Unterschrift: ,,Der Mann, den man auf keinen Fall anrühren darf.“ Dieses Bild, das die häufig mit Recht getadelte jüdische Ueberempfindlichkeit kritisierte, war ein Urteil aus nichtantisemitischen Kreisen! Wir hören recht gern das Lob der Juden und finden nichts dagegen einzuwenden, wenn persönliche gute Erfahrungen zu unseren Gunsten verallgemeinert werden: bei dem leisesten, wenn auch nur bedingten Tadel der Gesamtheit aber wird nicht nur, was ganz in der Ordnung ist, die Berechtigung des erhobenen Vorwurfs sachlich bestritten, sondern es wird oft gar zu schnell über Judenfeindschafi gejammert. CONSTANTIN BRUNNER Hob den Pllichlei der Inden und vnn den Medien des Staates. Broschiert 6 M., gebunden 8 M. GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG, BERLIN Das „Berliner Tageblatt“ schreibt: „Brunner will gehört werden. Er hat nicht umsonst den scharfen, oft dichterisch herrlichen, zuweilen wild testamentarischen Tenor; dies eifervolle Lutherdeutsch schreit ja nach Ohren, nach Menschen .. . Das ist nun eine Predigt, dringender als je. Brunner springt vom Katheder auf die Kanzel, von der Kanzel auf die Markttribüne . . . und je mehr es ihm um die Menschenwürde geht, desto feuriger und desto massloser und lustiger wird er ... seine literarischen Varietekunststücke sind ein göttlicher Spass .... Man soll das Buch lesen, es ist lesens- und bedenkenswert wie wenig andere neue Bücher.“ Leo Hirsch,

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