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Central-Verein-Zeitung · 1930-08-22 · 34 (22.8.1930) · p. Seite 444

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
34 (22.8.1930)
Date
1930-08-22
Page
Seite 444 (sequence 4)
Language
German
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444 An unsere Ortsgruppen Für Werbeversammlungen und Wahlveranstaltungen haben der Vorsitzende des Centralvereins, Justizrat Dr. Brodnitz, und Direktor Dr. Ludwig Holländer auf einer Grammophonplatte einen Wahlaufruf gesprochen. Die Platte ist zum Preise von M. 2,50 von der Hauptgeschäftsstelle des Centralvereins, Berlin SW 68, Lindenstrasse 13, zu beziehen. sondern sie in Tugend und Recht umdeuten — das ist Volkstümliches Rauschbedürfnis. Als aber Märtet den Alten belehrt, daß sein Pessimismus diesmal falsch vermutet habe — da springt sein psychologisches Interesse an. Er wird erregt. Nicht um seinetwillen, sondern der Deutschen wegen. Hier ist er auf dem Gebiete angekommen, das für ihn das Fundamentalgebiet aller politischen Psychologie ist: dem verhängnisvollen Widerstreit zwischen Rausch und Sachlichkeit. Hier hat er einen konkreten Fall, der seinen Verdacht bestätigt, daß die Sachlichkeit des deutschen Volkstums sich im politischen Leben der Nation auszuwirken beginnt, diese Genialität sachlichen Sehens, in der alle politische Ueberlegenheit wurzelt: „Diese Boches . . . immerhin! Was? Ein tolles Volk! Da ist eine Widmung des Verfassers von Zehn Zeilen. Macht er sich über mich lustig? Nein. ... Es ist einfach ein Mensch ohne Groll. Daher kommt ihre große Ueberlegenheit. Sie verlieren die Nerven n i ch t." Vierzig Jahre früher hat der letzte große Kritiker der Nation, Friedrich Nietzsche, als Grundkraft der Deutschen gerühmt: „männlichere Tugenden, als sonst ein Land Europas aufweisen kann. Viel guten Mut und Achtung vor sich selber, viel Sicherheit in der Gegenseitigkeit der Pflichten, eine angeerbte Mäßigung, welche eher des Stachels als des Hemmschuhs bedarf. Und nie m and verachtet seinen Geg - n e r". Man nehme diesen letzten Satz nicht leicht. Er zeigt erst das konkrete Symptom, an dem sichtbar wird, daß die „männlichen Tugenden" des guten Mutes, der Achtung vor sich selber, der angeerbten Mäßigung nicht Worte, sondern Wirksamkeiten sind, die den beherrschten, zuchthaften, d. h. rauschlosen deutschen Menschen des sachlichen, verstehenden und gerechten Denkens konstituieren. Was ist Wahrheit? Diese Wesensschau des deutschen Menschen — oder die Hysterie der Verhetzung, der Verrohung, der Zerrüttung des politischen Anstandes von heute? Diese scheulose Preisgabe der Sachlichkeit und der allein in ihr gewährleisteten Vornehmheit und Ritterlichkeit, die die radikaliflerten Masten von links und rechts ergreift? Was ist Wahrheit? Diese vier Wochen bis zum 14. September werden die Antwort sein. Der deutsche Mensch wird sich in diesen vier Wochen nicht an der Rauschstärke seiner utopischen Träume, nicht an dem Haßschrei des „Völkischen Beobachters" erweisen, sondern daran, daß er den Willen zur Volksgemeinschaft in verantwortungsbewußtem Herzen trügt und also die destruktiven Kräfte des Hasses, der Verfemung, des Rastentiments mit der ritterlichen Waffe der reinen Sachlichkeit abwehrt. Sachliche Synthese der volkheitlichen Gruppenkräfte zu einer Rechtsgemeinschaft, die niemanden außerhalb des Rechtes läßt -- das ist die nationale Aufgabe, an der sich die nationale Kraft bewähren muß. Nicht die Aufgabe einer Partei, sondern die Aufgabe des Volksstaates, über der keine Partei steht, sondern der alle Parteien dienen müssen, wenn sie überhaupt einen sittlichen und volksbiologischen Sinn haben sollen. „Menschen ohne Groll", „Menschen, die den Gegner nicht verachten" — sie allein tragen Ethos, Energie und Zucht in sich, aus dem Fehdeland einen deutschen Staat des ganzen Volkes zu gestalten. Was ist Wahrheit? In Weißenfels wurde gegen einen Franzosen, Euvelier, verhandelt. Soll er geschützt werden? Etwa in außenpolitischem Interesse? Sollen seine Angreifer geschützt werden? Etwa im Interesse des deutschen Ansehens? Es gibt nur eine Antwort: das Recht soll geschützt werden. Es ist die selbstverständliche Antwort der Anständigkeit und Sachlichkeit. Kein Deutscher sollte eine andere Antwort für möglich halten. Und wenn Menschen dennoch eine andere Antwort haben und zugleich sich als apostolische Missionare einer „deutschen Erneuerung" ausgeben, so widerstrebt es uns, sie mit dem entehrenden Ausdruck „Lügner" zu belegen. Wir sind überzeugt davon, daß das Fieber einer verantwortungslosen Affekthetze zu einem Defekt ihres sachlichen, rechtlichen und ehrenhaften Denkens geführt hat. Wir denken mit Beschämung jenes Oberjustizsekretärs, Angehörigen der Nationalsozialistischen Partei, der in Weißenfels nicht auf der Seite des Rechtes, nicht aus der Seite der Wahrheit stand, sondern Zeugen zur Eidverletzung anstiftete, damit das Recht nicht gefunden werde — nnb der von den Anhängern des dritten Reiches, des Reiches der „reinen Deutschheit", keineswegs mit Entrüstung abgewiesen wurde. Wo i st die Kraft des Volkst u m s? Wo? Mehr als Worte, deren wir müde sind, bekundet dies Symbol der argen Tat von Weißensels, wie tief die Entstaltung des Nechtsdenkens, die Auflösung der nationalen Würde sich eingefressen hat. Es ist erschütternd zu sehen: da wo die Nation auf jeder Gaste im Munde geführt wird, da beginnt die bewußtlose Auslösung der nationalen Würde. Otto von Gierte hat einmal gesagt, im altgermanischen Staatswesen habe der große Gedanke des Rechtsstaates die Bühne der Weltgeschichte betreten. Im nationalsozialistischen Rausch tritt er ab. Er ist aufgelöst in der Bewußtlosigkeit der Haßagitation. Hier ist das absolute Merkmal des Verfalls. Hier ist Zusammenbruch des Ethos. Hier ist nicht „Anfang", sondern Ende des „deutschen Menschen" — wenn nicht die Aktion der Heilung beginnt. Unsere großen und dauernden Weltleistungen der Wissenschaft, Technik und Organisation zeigen, daß nicht die Rauschfiebernden, sondern Nietzsche und Elamenceau recht haben, wenn sie die Energieanlage der Sachlichkeit als Wesensmerkmal des deutschen Volkstums bewundern. Diese Energie muß am 14. September Wille und Stimme werden. Die Gesunderhaltung dieser Energie ist die eugenische und nationale Grundpflicht des Wahren bis zum 14. September. völkische Dämmerung ln Sapern! Man dars jetzt wohl schon das Fazit der Sommersaisoy in den deutschen Badeorten ziehen und dabei die Frage stellen: Wie war das Leben und Treiben in den bayerischen Sommerfrischen, die doch eine Reihe von Jahren darüber zu klagen hatten, daß große Teile ihres bisherigen jüdischen Stammpublikums fortgeölieben waren? Nun, die bayerischen Orte haben sehr schnell umgelernt und eingesehen, daß die politische Verhetzung der schlechteste Heilfaktor in jedem Sinne ist. Sie haben sich säst alle zu einer geistigen Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, deren erste Bedingung lautete: Jede Politik und hetzerische Geste hat unserem Ort fernzubleiben. Aber es ist kein Zufall und kein Wunder, daß gerade der große Anstreichergeselle, das traurige Ideal des jungen Deutschland, das Hauptgewicht seiner verbrecherischen Tätigkeit von Bayern fort nach Norddeutschland verlegt hat. Eine Rundfrage i n b a y e r i s ch e n Kurorten hat recht interessantes Material ergeben: Der Kurdirektor eines der besuchtesten und beliebtesten Erholungsorte Bayerns, ein früherer aktiver Offizier, wacht mit Argusaugen darüber, daß keine politischen Zusammenstöße oder Ausschreitungen in seinem Doppelort passieren, und wenn Veranstaltungen nicht zu vermeiden sind, die die Gefahr eines Zusammenstoßes in sich tragen, verpflichtet er die Leiter zur Jnnehaltung des unbedingten Burgfriedens und hat auch immer Erfolg damit gehabt. Man sieht wohl hier und da erneu Stahlhelmmann, aber Hakenkreuz träger sind selten, und wenn man dann ihrer holden Stimme lauscht, sind es — Sachsen oder Preußen, aber keinesfalls Eingeborene. Sehr interessant nach dieser Richtung war nun die Unterhaltung mit dem Besitzer des wohl elegantesten und berühmtesten Hotels in Bayern, mit Herrn Seethalde vom Axelmannstein in Neichenhall. Dieser, ein weltgewandter, kultivierter, mehr wie ein Aesthet, denn wie ein Hotelbesitzer aussehender, geistig viel interessierter und seingebildeter Europäer, dessen Haus wohl zu 80 Prozent internationales Publikum der besten Kreise beherbergt, erklärte uns, daß die Bayern, ein natürliches, erdgebundenes und bodenständiges Volk, immer gegen jede exzessive politische Betätigung gewesen seien und es auch heute wieder sind; daß sie nur in den chaotischen Nachkriegsjahren, ausgeputscht und „betrunken" gemacht von politischen Konquistatoren aus Norddeutschland, mit geschrien und getobt haben in einem Rausch, der bei ihnen gar nichts Natürliches ist. Ein Agrarvolk, wenigstens im überwiegenden Teil, das auf seiner Scholle sitzt, treu an seinem Gott und seinem Land hängt, primitiv, aber gutartig, dem, entsprechend seiner fromm-katholischen Gesinnung, Verhetzung immer weltenfern gelegen hat und das heute wieder auf dem ruhigen, gefestigten, weltanschaulich und politisch gleich abgeklärten Standpunkt steht, den es — von einigen Ausnahmen abgesehen — immer gehabt und gepflegt hat. So gibt es beispielsweise in dem großen und berühmten Kurort Reichenhall im ganzen zwei unbedeutende Häuser, die sich als „arisch" bezeichnen, und eine Buchhandlung, deren jetziger Besitzer, erst seit kurzem zugezogen, durch Auslagen von rechtsradikalem Schund wahrscheinlich glaubte, sich zu einer Spezialität ausbilden zu können. Der dortige B e r - trauensmann des C. B. hat aber sofort in sehr schneidiger Weise die notwendige Aufklärungsarbeit übernommen. Selbst die 80-Jahr-Feier des dortigen Beteranenvereins, die in einem dreitägigen Fest geräuschvoll vor sich ging, hat keinen Politischen Mißklang ergeben. Hoffen wir, daß in dieser Richtung die anderen Staatsgebiete der deutschen Republik nach Bayern in die Schule gehen und lernen, daß Fremdenverkehr und Hetzpolitik sich niemals miteinander vertragen können und norden. Friz Goetz.

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