Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 34 (22.8.1930)
- Date
- 1930-08-22
- Page
- Seite 443 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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443 Das Drama von Dolgesheim heute noch ein EinZelfall — aber im „Dritten Reich"..♦? Bericht unseres dorthin entsandten Sonderberichterstatters E. B. Dolgesheim, 18. August 1930. In dem rheinhessischen Bauerndorf Dolgesheim, einem friedlichen Orte bei Worms, in dem bisher stets ungetrübte Harmonie unter den Einwohnern aller Bekenntnisse herrschte, ist seit der Gründung einer nationalsozialistischen Gruppe im Frühjahr dieses Jahres eine Verhetzung und Erregung unter der Bevölkerung entstanden, die in den letzten Wochen zu wilden Ausschreitungen führte. Ein von auswärts zugezogener Verwalter, mit einer Reihe von Vorstrafen belastet, verstand es, persönliche Differenzen und Vereinsgruppierungen, wie sie in jedem Dorf Vorkommen, in das nationalsozialistische Fahrwasser zu leiten und alle Meinungsverschiedenheiten und die Verstimmung, zu der die heutige Wirtschaftslage Veranlassung gibt, zu äußerster Erbitterung und Angriffslust des von ihm gesammelten Vevölkerungsteils zu steigern. Aeltere Leute, die dieses Treiben miß billigten, wurden aus der Straße bedroht, so daß sie flücht e n mußten. Einem republikanisch gesinnten Landwirt wurden Heuhaufen angezündet. Die der Tat überführten Nationalsozialisten sehen der Aburteilung entgegen. Am stärksten konzentrierte sich das Vorgehen der „Hitler-Gruppe" gegen den seit sechsunddreißig Jahren in Dolgesheim ansässigen angesehenen jüdischen Einwohner Nathan Frank, einen ruhigen älteren Mann. Er erregte ihren Haß, weil er wegen seiner Hilfsbereitschaft und seines tadellosen Handels und Wandels sich bei der übrigen Bevölkerung großer Beliebtheit erfreut und in verschiedenen Vereinen Ehrenstellen bekleidet. Seit Monaten konnte er nicht über die Strasze gehen, ohne mit Zurufen, wie „Inda verrecke" und „Nieder mit den Landesverrätern" oder „Nieder mit der Judenthrannei", behelligt zu werden. In den letzten Wochen steigerten sich die Angriffe zu Drohungen, wie „Du mutz doch noch verrecken", körperlichen Anrempelungen gegen seinen Sohn und seine Tochter sowie Steinwürfen gegen sein Haus. Der Terror wurde so stark, datz die Familie Frank stets für Gesundheit und Leben fürchten mutzte und sich gezwungen sah, eine Wohnung in Worms zu mieten. Bis zum Tage des Umzugs aber mutzten Nacht für Nacht ein Dutzend und noch mehr Freunde zum Schutz im Hause mit wachen. In der Nacht vom 9. zum 10. August rotteten sich die Nationalsozialisten wieder einmal zusammen, schlugen die Fensterläden ein, gaben einen Schutz ab und belagerten das Haus, bis am nächsten Tag ein größeres Polizeiaufgebot von auswärts eintraf. Unter dessen Schutze mußte die Familie dann in aller Eile ihre Möbel verladen und fliehen. Die Staatsanwaltschaft hat gegen die Täter ein Verfahren wegen Landfriedensbruches eingeleitet. Die zuständige Behörde hat nach diesen Vorgängen die Ortsgruppe Dolgesheim der NSDAP, aufgelöst, „weil aus ihrem Verhalten hervorgeht, daß ihr Zweck den Strafgesetzen zuwiderläust". den Mangel an Energie der Sachlichkeit zuspricht. Diese Furcht vor der überlegenen deutschen Sachlichkeit ist nicht ein Versagen der Nerven. Sie beruht auf Erfahrung. Zuerst der Erfahrung der Unauflösbarkeit Deutschlands. Sie erschien dem Durchschnittsfranzosen zunächst wie ein Wunder. Dann wandte sich die öffentliche Meinung enttäuscht und grollend gegen Clemenceau, der den Friedensvertrag zu schwach und zu schlecht gemacht hätte. Clemenceau weiß, daß nicht der Vertrag schuld ist, sondern die reale Kraft der deutschen Politik. Er bewundert die Besonnenheit, mit der Deutschland sich „abzufindcn gewußt hat", er sieht die Erfolge der zähen sachlichen Energie unserer Außenpolitik. „Seit acht Jahren verbringen Vriand und Pvincare ihre Zeit damit, sich um den grünen Tisch zu setzen und mit unseren Feinden und unseren Verbündeten von gestern ganze Haufen von kleinen Friedensverträgen zu fabrizieren. Jedesmal, wenn sie sich vom grünen Tisch erheben, merkt man, daß sie nichts erlangt haben, nicht das Schwarze unterm Nagel! Im Gegenteil, sie haben immer etwas aufgegeben: Schiffe, Millionen, ja Milliarden. .... Was Millerand aufgegeben hat, das geht aus keine Kuhhaut!.. Wir, die wir am Chaos der deutschen Gegenwart leiden, die wir leiden am Anblick des verhetzten Deutschland, dessen Parteien, Stände, Glaubensgemeinschaften sich verfemen und bemakeln, wie es nur ferndliche Völker im Kriegsrausch zu tun pflegen, die wir leiden an der Balkanisierung der politischen Sitte in Deutschland, leiden, weil der aufbauen'de, zusammenschließende Geist der Sachlichkeit zumal in unserer innerpolitischen Auseinandersetzung ganz und gar zerrüttet ist, wir lesen in den Gesprächen mit Clemeuceau, die Jean Märtet*) ausgezeichnet hat, mit Erschütterung eine kleine Szene, die symbolisch ist für die geistige Krisis des Heute — aus der der 14. September uns erlösen muß: Märtet steht eines Tages auf dem Tisch bei Clemenceau eine deutsche Broschüre: „Clemenceaus geistiges Vermächtnis." Sie entlockt Märtet ein erstauntes „Ah!" Daraus Llömeneeau, Weißensels und der H SepSember Von Dr. Müller-Claudius Clemenceau konnte nicht genug Deutsch, um deutsche Zeitungen zu lesen. Seine letzten Jahre wären sonst weniger bitter gewesen. .Er wäre ruhiger gestorben. Dieser Deutschenhasser aus tiefster, nationaler Leidenschaft, der „Organisator des Endkampfes" gegen unser Volk, der Mann, der 1871 die „ewige Vergeltung" gelobt hatte, der 47 Jahre aus den Tag der „Abrechnung" wartete, er sank nach dem Lebensaugenblick des Triumphes von Versailles in das zermürbende Bewußtsein zurück, daß er vergeblich gewartet, daß kein Triumph war, was Triumph schien, daß Deutschland auch nach Versailles, nach der Zertrümmerung feines Heeres, nach der Verstümmelung seines geographischen Raumes die große geistige Macht sei, die Frankrerch überlegen bleiben werde. Der „Tiger" ist nicht sentimental gewesen. Er war nicht nervös. Er kannte keine Furchtpsychose. Wenn er fürchtete, hatte er sehr reale Gründe. Es ist eine seelische Uranlage, die er dem deutschen Volkstum wesensmäßig zuspricht und die ihm Bewunderung und Furcht einslößt: der Geist der Sachlichkeit, der für Clemenceau die schärfste und unfehlbarste geistige Waffe aller Politik ist. Deutschland, „nach der Entfernung seiner Dynastien einiger als je", ist ihm das Land der siegenden Intelligenz, der sachlichen Planung und Betrachtung, der fachlichen Kritik und Selbstkritik, das Land des „klaren Blickes", der Genialität des unbeirrbaren Erkennens der Wirklichkeit und ihrer Ordnungen und Mächte, woraus die souveräne Beherrschung und Zusammenfasiung, die zielhaste Lenkung und Verwertung der wirklichen Ordnungen und Mächte, d. h. die große Politik des realen Aufbauerfolges allein beruht — im Gegensatz zu Frankreich, dem er, leidenden Herzens, den Rausch, die nationalistischaffektive Trübung des klaren Blickes, also Clemenceau: „Jadas ist von einem Boche. Er wird mich wohl mächtig heruntermachen. . . Man beachte die charakteristische Situation. Der alte mißtrauische Tiger legt seinen pessimistischen Maßstab an. Ein Deutscher, der über einen Franzosen schreibt — was wird er anderes tun als ihn „heruntermachen"? Es ist zum mindesten das Wahrscheinlichste. Es ist ja Clemenceaus bittere Erfahrung, daß die Durchschnittsmenschen den Affekt Urteile setzen lassen statt der Erkenntnis, daß sie sich dein Rausch des Selbstruhmes oder des Hasses lieber hingeben als der strengen Zucht der objektiven Wahr- M „ÄS? ., : >*>*"•* ‘ heit. Nicht den Gegner sachlich gerecht werden. erkennen und ihm sondern ihn klein machen, nicht die eigenen Schwächen erkennen, *) Deutsch im Verlag E. Rowohlt.