Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 33 (15.8.1930)
- Date
- 1930-08-15
- Page
- Seite 434 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277676-2277709--06196-2287000- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Unsere Leser schreiben: Front gegen Hitler. De im old, im August 1930. An die Schriftleitung der „C. V.-Zeitun g“. .... Die Plattform, von der aus wir die Abwehr betreiben, ist zu klein. Die Gefahren der Hitler-Bewegung drohen viel weiteren Kreisen, viel grösseren Zielen als uns Juden. Die Bewegung hat so sehr den Charakter einer wilden, alle Kultur entehrenden Barbarei angenommen, dass der Ruf der Gesittung Deutschlands auf dem Spiele sieht. Ich kenn nicht zweifeln, dass die Erkenntnis davon und tiefstes Unbehagen an dieser Zügellosigkeit grosse Kreise erfüllt. Ich zweifle nicht, dass eine Zusammenfassung dieser Kräfte weithin aus tiefstem Herzen begrüsst würde. ... Geistige Führer, Wissenschaftler, politische Menschen, £ £ r chli che Führer, gewerkschaftliche, wirtschaftliche und sonstwie geartete Körperschaften werden froh sein, endlich die Aktivität, für eine Front zu sehen und scharenweise zu ihr strömen! Sicher sind heute schon im jenseitigen Lager Kräfte, die ebensogut bei uns sein könnten, wenn sie nur einen Willen gesehen und ein weithin schallendes Wort gehört hätten. Der C.V. könnte, neben seiner bisherigen Tätigkeit, seine besondere Kraft, seine sichere Sachkenntnis innerhalb der grossen Front einsetzen und doch die Schwäche, pro domo sprechen zu müssen, zurückireien lassen. Eine Sammlung der kulturbesonnenen und verfassungstreuen Kräfte ist noch mehr im Interesse der übrigen deutschen Volkskräfte notwendig als in unserem. Diese neue Front dürfe aber nicht nur repräsentativ, sondern müsste s tärksiens aktiv sein. Ich bin überzeugt, £ein Aufruf kann die Unterschriften aller der Menschen von Wert und Ansehen fassen, die die Not des Augenblicks erkennen. Ich glaube, es ist höchste Zeit! Max Heilbrunn. Wo steht der Feind: links oder rechts? Breslau, August 1930. An die Schriftleitung der „C. V.-Zeitun g“. Wo steht der Judenfeind wirklich? Wissen wir Juden es? Wir sind der Prügelknabe der Weltgeschichte, schon Lessing hat es auf die bekannte Formel gebracht. Hier ein neues Beispiel: In der kommunistischen (das ist für mich kein Schimpfwort, sondern es dient nur der Feststellung) Monatsschrift „D i e Links-Kurv e‘\ Nr. 2 dieses Jahres, steht unter „Glossen ‘ eine kleine Abhandlung „Angelegenheit für Neger \ in deren erstem Teil die Lynchjustiz an Negern in USA. gegeisselt wird. Im zweiten Teil heisst es dann, dass das deutsche Vaterland zurzeit kein schwarzes Kolonialvolk hat. So „sind wir auf rein formale Nachahmung des grossen amerikanischen Vorbildes angewiesen, und da sind es die Humanisten vom Kurfürstendamm, die sich besonders hervortun . .. Man k<mn im Ghetto dieser West- Berliner Bourgeoisie, deren Unterbewusstsein eigentlich noch .MMkathreiner? —zur Hälfte öoppelftarker LLLrswsr.zurKäkfteMilch/ Ob heift oöer gekühlt, gleich köstlich/ das Nachgefühl der St o c k s c h l ä g e p r e u s st s ch e r Grenadiere und der Pogrom rufe zaristischer Kosaken beherbergen dürfte, im Auslagenkasten eines mondänen Zahnarztes folgende durch zwei Gebissmodelle anschaulich gemachte Inschrift bewundern: „Gold an den Vor der zähnen ist heute in Amerika eine Angelegenheit für Neger.“ Ich setze voraus, dass die tatsächliche Angabe stimmt. Kein Mensch von Kultur und Geschmack wird eine derartige Anschrift billigen. Aber was hat das mit den Juden zu tun, die (angeblich) am Kurfürstendamm wohnen? Der Verfasser dieses Artikels macht die Phraseologie der „Deutschen Zeitung“ zu seiner eigenen, der Kommunist Arm in Arm mit der landwirischaftlich-deutzchnaiionalen Bourgeoisie. Oder ist für Kommunisten nur die jüdische Bourgeoisie zu bekämpfen, findet er sich mit der nichtjüdischen ab? Wie zerstört muss doch ein welir evolutionär es Gehirn sein, das seine Wollust, vielleicht bloss sein hämisches Vergnügen darin findet, die Juden an die Siockschläge preussischer Grenadiere und die Pogromrufe zaristischer Kosaken zu erinnern. Soll das heissen, düss dieselben Juden sich vielleicht nach dem nächsten Pogrom an die Kugeln der Roten Armee erinnern werden? Werden um nächstens nach den Grenadieren und Kosaken nun die Sowjetleute metzeln und die jüdischen Kleinen, an den Beinen gefasst, mit den Köpfen an die Wand schlagen? Diesmal nicht zur Ehre Gottes, wie sonst, sondern vielleicht zu Ehren des Juden Marx, der gesagt hat: „Religion ist Opium fürs Volk“? — Es ist in Deutschland wohlbekannt, wie stark der Antisemitismus auch noch heute in Russland ist. Die russischen Juden, die nach Deutschland Rommen, trauen sich nur nicht etwas zu erzählen, sonst schlägt man sie im lieben Vater lande toi. Die erwähnte Zeitschrift wird im Auftrag des Bundes der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Deutschlands hcrausgegeben. Sind die Juden Mitglieder? Sie sollten es nicht sein. Ein Jude müsste, und wäre seine kommunistische Ueberzeugung noch so echt und stark, niemals Mitglied eines Bundes sein, der den Judenhass in seinen Reihen duldet. Unter den Namen der Herausgeber stehen Johannes R. Becher und Ludwig Renn, Namen von Klang und Ruf. Verträgt sich der Kommunismus mit der Phraseologie der Radauantisemiten? Wo steht der Judenfeind? Rechts oder links? Die Juden sind der Prügelknabe der Weltgeschichte, jeder reibt sich an ihnen. Es ist auch so unendlich bequem und — nicht Wahr, Herr Johannes R. Becher? — so wirksam bei der „urteilsfähigen“ grossen Masse! Interessant wäre aber doch die Antwort auf die Frage: Ist die kommunistische Partei antisemitisch? Dr. Oskar Gutimann (Breslau). Sorgt für Aufklärung. Frankfurt a. M., Anfang März 1930. An die Schriftleitung der „C. V.-Zeitun g“. Seitens eines jüdischen Freundes werden mir regelmässig Nummern Ihrer geschätzten Zeitung zugesandt, deren Inhalt ich stets mit grösster Aufmerksamkeit und Anteilnahme verfolge. Dabei muss ich immer wieder bedauern, dass das Blatt nicht in die Hände grösserer christlicher Kreise kommt und auch nicht an Zeitungskiosken zu haben ist. Sicherlich würde dies dazu beitragen, dass viele Christen, die Wahres Judentum gar nicht kennen, Gelegenheit hätten, ihre Kenntnisse in dieser Hinsicht zu erweitern. Hiermit aber würden sie wiederum in die Lage versetzt, bei ungerechtfertigten Angriffen auf ihre jüdischen Volksgenossen für diese eihzutreten und sie in. Schutz zu nehmen. Wenn auch bis heute der grösste Teil der deutschen Christen dem Antisemitismus unserer Tage ablehnend gegenübersteht, weil dieser nicht nur der Hauptlehre Jesu widerspricht, sondern bei dem starken Vernichiungswillen der äusseren Feinde unser Volk unweigerlich in den Abgrund führen muss, so glauben doch viele Christen, ihrer Pflicht schon zu genügen, Wenn sie sich in dem vor ihren Augen abspielcnden Kampfe neutral verhalten. Hier müsste m. E. nach der Hebel angesetzt und die wichtige Frage zur Erörterung gestellt werden, wie man am geeignetsten an diese Kreise herankommt, die noch nicht mit dem Gifte des Antisemitismus infiziert wurden. Dazu machte Sanitätsrat Dr. Fritz Baron in der ,,C. V.-Ztg.“ kürzlich einen beachtenswerten Vorschlag, den ich als evangelischer Christ für sehr gut halte. Dr. Baron empfiehlt seinen Glaubensgenossen persönliche Aufklärungsarbeit in den Kreisen christlicher Freunde. Es wird sich zwar nicht jedermann dazu eignen, aber diejenigen, die mit Takt und Menschenkenntnis an die Arbeit herangehen, werden feststellen können, wie empfänglich man auf der anderen Seite für derartige, aus Wahrhaftem Munde kommende Aufklärung sein wird: Ich selbst bin so oft an der Seite mir lieber jüdischer Menschen durch die schöne Gottesweh gestreift, ohne dass von ihrer Seite aus nur einmal der Versuch gemacht worden wäre, religiöse oder den Antisemitismus betreffende Fragen anzuschneiden. War es Zartgefühl, war es mangelnder Bekennermut, der sie daran hinderte? Ich weiss es nicht. Ach, es ist jammerschade, dass die Menschen auf ihrer kurzen Pilgerreise über unseren Planeten viel leichter den Mut finden, sich gegenseitig Grobheiten, ah etwas Liebes zu sagen. Viele bilden sich ein, dass die Zahlung ihres Jahresbeitrages sie von allen weiteren Pflichten entbindet, und überlassen die Hauptarbeit dem kleinen Häuflein der Getreuen, das sich im Kampfe auf reiben muss. Wird dann ein solcher nimmermüder Streiter einmal abberufen, dann ist man sich im Lager der Gleichgültigen und Lauen wohl der Schwere des Verlustes bewusst. Man stellt sich vielleicht euch die bange Frage, Wer in dieser an Idealen so armen Zeit wohl die grosse Lücke ausfüllen könnte. Damit ist aber meist der Füll für sie erledigt. Wenn der Toie noch einmal sprechen könnte, er würde gerade diesem Heer der Teilnahmslosen den berechtigten Vorwurf machen, dass sie als Volksgenossen nicht ihre Pflicht getan hätten. Würde heute ein jüdischer Freund die Frage an mich richten, Welche Vorschläge ich machen könnte, das Band zwischen Judentum und Christentum fester zu gestalten, ich würde ihm antworten: Suchen Sie Ihr Ziel nicht nur in der Abwehr all der Beleidigungen und Kränkungen seitens verhetzter Gegner zu erreichen, sondern trachten Sie ganz besonders danach, denjenigen Teil unseres Volkes für sich zu gewinnen. der sich bis heute aus innerer Ueberzeugung vom Antisemitismus freihielt. Vergessen Sie hierbei nicht, dass gerade diese — nennen wir sie Neutralen — das Reservoir darstellen, aus dem Ihre Gegner den Nachwuchs und ihre Verstärkungen heranholen. Im Weltkriege haben wir den „Kampf um die Neutralen“ verloren, obwohl Recht und Wahrheit auf deutscher Seite gewesen sind. Daraus mag das deutsche Judentum eine Lehre ziehen. Es befindet sich heute in der gleichen Lage wie unser gesamtes Volk während des Krieges, wo die niederträchtigsten Verleumdungen — sie mochten noch so unglaubhaft erscheinen — dennoch bei einem grossen Teil der Neutralen Glauben fanden. Deshalb ist es Pflicht jedes einzelnen, soweit es in seiner Kraft steht, mitzuhelfen an der Aufklärungsarbeit in den Kreisen jener Christen, die des guten Willens sind, mit ihren jüdischen Volksgenossen in Frieden zu leben. Meines Erachtens nach müsste jedes Mitglied des C. V. es sich zur Pflicht machen, die Vereinszeitung