Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 33 (15.8.1930)
- Date
- 1930-08-15
- Page
- Seite 433 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Nachwort zum Breslauer Stu-ententas Von Referendar Walter Borchardt. Ende Juli tagte in Breslau die Deutsche Studentenschaft — die Dachorganisation der nach dem Wegfall der staatlichen Anerkennung in Preußen gebildeten Rumpfstudentenschaften, der Studentenschaften der übrigen deutschen Länder und Deutschösterreichs. Dieser 18. Studententag gibt Anlaß, sich wieder einmal mit der Entwicklung der Deutschen Studentenschaft (D. St.) zu beschäftigen. Der diesjährige Studententag stand nicht in demselben Maße wie frühere im Zeichen hochschulpolitifcher Auseinandersetzungen. Man wollte wohl die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der D. St. nicht allzu deutlich in die Erscheinung treten lassen. Sind doch nach der Weigerung der preußischen Studentenschaften, ihre Koalition mit den völkischen österreichischen Studentenschaften zu lösen, und dem daraus folgenden Fortfall der staatlichen Anerkennung die Gegensätze zwischen den innerhalb der D. St. kämpfenden Richtungen, der gemäßigten und der radikalen, immer klarer hervorgetreten. Wie der vorige hat auch der diesjährige Studententag eine klare Entscheid u n g der D. St. zwischen der gemüßigten Richtung, die das Eindringen der Parteipolitik in die Studentenschaft bekämpft und die Studentenschaft als die „Zusammenfassung aller Studierenden, geeint durch das gemeinsame Band des Studiums" ansieht, und der radikalen, die die (einseitig rechtsgerichtete) politische Aktivierung, d. h. die Einbeziehung der Studentenschaft in den Politischen Machtkampf erstrebt, nicht gebrach t. Der Vorstand, im Vorjahr gerade gewählt, um die Erwartungen der radikalen Elemente zu erfüllen, hat sich unter dem Druck der Verantwortung bemüht, dem offiziellen Kurs der D.St. eine gemäßigte Richtung zu geben —- einmal wohl in der Erwägung, daß politische Neutralität die erste Voraussetzung für die Wiedererlangung der staatlichen Anerkennung darstellt, aber auch in der Furcht, daß eine klare Entscheidung nach einer Richtung hin die Gefahr einer baldigen Spaltung der D. St. mit sich gebracht hätte. Die hochschulpolitische Diskussion stand unter dem Eindruck eines für die gesamte Entwicklung der Hochichu lverhältn isse hochbedeutsarnen Ereignisses: des neuen, in diesen Blättern wiederholt scharf kritisierten, von der D. St. aber begeistert begrüßten Wiener Studentenrechts. Dieses Studentenrecht ficht bekanntlich Var, daß die ordentlichen Hörer der Universität W i e n, die gleicher Abstammung und Muttersprache sind und -mindestens ein Prozent aller ordentlichen Hörer zählen, Studentennationen bilden. Die deutsche Studentennation wird Deutsche Studentenschaft genannt. Praktisch bedeutet das nichts anderes als eine Sanktionierung des Rassenprinzips, eine Anevkenmmg der völkischen Wiener D. St., deren intransigente Haltung Ursache des ganzere preußischen Verfassungskampfes -gewesen ist. lieber die Auslegung des Begriffes „Abstammung" kann bei der Einstellung der Wiener Studentenschaft kein Zweifel obwalten: übrigens hat nach einer Mitteilung der Zeitschrift „Deutsche Hochschule" der Rektor der Wiener Universität, Graf G l e i s p a ch, auf das -Ersuchen um eine authentische Interpretation die Antwort gegeben: „N u r % x t e t k önne n Mitglieder der D. St. sei n!" Die D. St. stellt nun in den Beschlüssen des Breslauer Studententages die Sachlage so dar, als sei der Mangel der rechtlicher! Anerkennung der österreichischen Studentenschast der einzige Grund für die Verweigerung des Koalitionsrechts der preußischen -mit der österreichischen Studentenschaft gewesen. Sie erbebt deswegen den Einspruch auf Teilnahme an der -akademischen Selbstverwaltung und auf neue staatliche Anerkennung. Dieser Meinung muß entschieden widersprochen werden. Die Voraussetzungen für die Gewährung des Koalitionsrechts sind in der preußischen Verordnung vom September 1927 enthalten, nach der eine 'Koalition nur zulässig ist mit Organisationen, die alle reichs- und auslandsdeutschen Studenten umfassen, wobei 'österreichische Staatsbürger als anslandsdeutsche Studenten gelten, wenn sie sich nicht zu einem fremden Volkstum bekennen. Das wesentlichste Merkmal für das Koalitwnsrecht ist also nicht die rechtliche Anerkennung der österreichischen Studentenschaft, sondern ihre dem preußischen S t u d e n t e n r e ch t e n t - s p r e ch e n d e Zusammensetzung. Eine bedauerliche Folge des Erlasses des Wiener Studentenrechts ist es, daß die am völkischen Prinzip starr festhaltende radikale Richtung dadurch gleichsam eine amtliche Rechtfertigung erhalten hat. In der Entwicklung der D. St. im letzten Jahre zeigt sich deutlich das schnelle Anwachsen der extrem nationalistischen und völkischen Richtung. Keine Wähl zu den Studentenvertretungen, bei der die Nationalsozialisten nicht einen beträchtlichen Prozentsatz an Stimmen gewonnen hätten. Häufig hat sich ihre Stimmenzaht vervielfacht. Einige Wahlergebnisse der letzten Zeit mögen dies verdeutlichen: Bei den studentischen Wahlen in Halle erhielten die Nationalsozialisten 11 (gegen früher vier) von 38 Sitzen, in K önigsberg 15 von 46, in K i e l 7 von 18 (439 Stimmen gegen 190 des Vorjahres), an der Technischen Hochschule Al ü n ch e n 9 (gegen früher 6) von 30 Sitzen und so weiter. Zielbewußt suchen die Nationalsozialisten Korporationen, örtliche Studentenschaften und den Gesamtverband unter ihren Einfluß zu bringen. Haben die Korporationsverbände, aus deren Kosten übrigens das Anwachsen der Nationalsozialisten meist erfolgt, bisher an der Forderung parteipolitischer Neutralität für den Verband als solchen sestgehalten, so mehren sich jetzt in ihren Reihen (76 in der Deutschen B u r s ch e n s ch a f t) die Stimmen, die eine positive politische Parteinähme und Aktivität fordern. Wenn sich die„L andsmann schäfte r- Zeitung" für Herrn Günther und feine Rassenkunde einsetzt und die B u r f ch e n s ch a f t „Bestrebungen zur wissenschastlichen Klärung und Vertiefung der Rassenfrage" begrüßt, wenn nach der Gießener und Jenaer Studentenschaft nunmehr auch der Breslauer Studententag einen Antrag angenommen hat, der dem thüringischen Mini st e r Frick Glückwünsche und besonderen Dank für die Errichtung des Lehrst u h k s für So z i a l a n t hxopologie (lies: Rassenforschung) -ausspricht und die Erx ich tung g lr ich artiger Lehr st ü h 1 c auch an anderen Hochschulen sor - d e r t, so ist der Einfluß der Nationalsozialisten nicht zu verkennen. Für die -allgemein-politische Einstellung der D. St. ist der erneut gefaßte Beschluß, an Verfässungsfeiern nicht teilzunehmen, bezeichnend. Rur wenige Einsichtige wagen auszufprechen, „daß die U e b e r s p i tz u n g des Rassestandpunkts die Schuld mit Auseinanderfallen der D. St. trage" (W i lp e r t im „Deutschen Hochschulführer"), nur.wenige tun etwas dafür, den innerlich längst verspürten Wunsch nach einer s a ch l i ch arbeitenden, st a a t l i ch a n - erkannten Studentenschaft in die Tat umzusetzen. Die großen Korporationsverbände, die den mit der Zugehörigkeit zur D. St. schon lange nicht mehr zu vereinbarenden Grundsatz politischer Neutralität auf ihre Fahne geschrieben haben, haben auch aus den diesjährigen Pfingsttagungeu der D. St. wieder Treue gelobt, teils sicherlich aus Ueberzeugung, zu einem beträchtlichen Teile aber auch, weil sie das Odium fürchten: die „Kampffront" der D. St. durchbrochen zu haben, und deswegen nicht den Akut zur Trennung finden. Mag bei einer solchen Entwicklung die D. St. selbst der Leidtragende sein — denn für die D. St. als Parteiorganisation entfällt natürlich jede Möglichkeit, die staatliche Anerkennung wiedorzuerlangen —, so liegen darin doch für das d e u t s ch e Jude n t u m große Gefahren. Der im Wesen der studentischen Korporation ver- Gesundheiiswasser! Tachinger Yersandstelle, Berlin SW 11, Schöneberger Strasse 16a. Telefon: Lützow 8260/61 wurzelte Konservativismus wird zur Folge haben, daß sie noch lange, nachdem der Nationalsozialismus bei Besserung der politischen und wirtschaftlichen Lage seine Nolle als politische Bewegung ausgespielt haben wird, ihre Mitglieder in nationalsozialistischer Gesinnung. erziehen werden. Diese aber sind die künftigen Lehrer und Geistlichen, Richter und Berwäl- -tungsbeamteu; in ihren Händen also liegt zu einem großen Teil Erziehung und Leitung des deutschen Volkes! Das sicherste Mittel, dem Nationalsozialismus hier entgegenzuwirten, wäre eine Beruhigung der akademischen Verhältnisse, durch die die Möglichkeit sachlicher Zusammenarbeit mit allen verständigungsbereiten Kreisen geschaffen wird. Das verhältnismäßig schlechte Ergebnis, das die Wahlen zu der Allgemeinen Studentischen Arbeitsgemeinschaft an den Bonner Hochschulen für die NaÜonalsozialisten hatten (sie erhielten 5 von 61 ritzen), zeigt, daß der Nationalsozialismus dort nichts zu gewinnen hat, wo die Studentenschaft sich zu s a ch l i ch e r Arbeit zurückfindet. Die Bildung der studentischen Arbeitsgemeinschaft in Boiiii, politischer (akademischer) Arbeitsringe an den Berliner, Kieler, Hannoverschen Hochschulen, die unter strengster Ablehnung aller parteipolitischen Bestrebungen alle Kräfte sammeln und zusammeufasfen wollen, die den Witten haben, für die deutsche Volksgemeinschaft fachliche Arbeit zu leisten, ist ein Anzeichen für die beginnende Selbstbesinnung aller derjenigen Studenten, die sich noch nicht gänzlich von nationalfoziakistischen Phrasen haben betrunken machen lassen. Mj iuu/euf «1 2322688^ 1 7747^447